Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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tungstendenzen" gegen sie an. So werden sie Verwahrloste, Verbrecher, Prostituierte, Hysteriker, pathologische Lügner, Zwangsbehaftete. Auch Revolutionäre gehören zu diesen Deserteuren der Gemeinschaftspflicht Die Einfügung in das Staatsgesetz ist ihnen mißlungen, darum negierten sie es und mit ihm den Staatsverband, der solche Gesetze erließ. Die Schule Adlers hat es sich seinerzeit zur Aufgabe gemacht, Gesinnung und Tat der deutschen wie der russischen Revolutionsführer mit biographischen Angaben aus diesen Bedrückungsaktionen und deren reaktiven Entwertungstendenzen abzuleiten. Wir haben nicht zu entscheiden, ob der beabsichtigte Nachweis gelungen ist, desgleichen haben wr kein Werturteil über die Adlersche Lehre selbst abzugeben. Wichtig ist für uns hier nur der Hinweis auf die k o nservative Grundströmung der I ndividualpsychologie; Indem der Revolutionär den sozial Entgleisten zugestellt wird, ist über ihn die sittliche Verurteilung ausgesprochen; indem die Herkunft seiner Mentalität und Handlungsweise den pathologischen Ausartungen des Neurotikers artgemäß gleichgesetzt wird, rangiert er unter den Patienten, die man von ihren Leiden befreien soll. Dies aber hat, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, im Vorbeugungsverfahren zu geschehen: Durch Erziehung und, wo notwendig, durch soziale Abänderungen. Der älteste Antisemit hat für immer seine Augen geschlossen. Im Alter von 94 Jahren ist in Salzburg der frühere Theologieprofessor der Prager Universität, Kanonikus Dr. August R o ii- 1 i n g, dahingeschieden. Die Welt von heute kannte den Namen des einst so gefeierten antisemitischen Vorkämpfers Alt-Oesterreichs nur mehr vom Hörensagen. Vor mehr als einem halben Jahrhundert aber, als der moderne Judenhaß in Oesterreich aufblühte, stand August Rohling im Mittelpunkte eines Kampfes, der jahrelang tobte und — wie ein Menschenalter später die Dreyfus- Affäre — die Welt in Atem gehalten hat. Ende 1870 erschien in Münster unter dem Titel „Der Talmudiu de" eine Schrift, die angeblich Auszüge aus dem Talmud sowie der späteren rabbinischen Literatur enthielt und von Haß und Verfolgungssucht strotzte. Der Verfasser, Professor Dr. August Rohling, der den Ruf eines hoffnungsreichen Talents genoß, hatte diese Auszüge nicht den Urtexten entnommen, sondern sie dem Buche „Entdecktes Judentum" von Eisenmenger, einem judenfeindlichen Gelehrten des 17. Jahrhunderts, entlehnt Rohling Feuilleton Die Kinder, die viermal Eltern haben! Der „Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger israelitischer Waisen in Wien" begeht in diesem Monat das 70jährige Oründungsiubiläum. Zu diesem Anlasse übersendet uns Heinrich York-Steiner folgenden Aufsatz: Ein weiter Saal voll iröhlicher Kinder. Leuchtende Augen, schelmisches Mienenspiel, gespanntes Aufhorchen. Die Knaben sind an der Reihe, sie steigen gewichtig aufs Podium, ihre Künstlerschaft zu bekunden. Was in ängstlichen Stunden geübt und geprobt wurde, soll sich heute bewähren: Singen, Klavier- und Geigenspiel, sowie feierlicher Vortrag von Gedichten. Einer der Jüngsten rezitiert hebräische Verse.--Da staunen die Mädchen und schauen voll Bewunderung. Die Knaben fühlen sich, ihre Gesichter glänzen in reiner Freude und sie blicken voll Genugtuung in die Zuhörerschaft Nun aber kommen die Mädchen an die Reihe, die heute zu Gaste sind. Sie sammeln sich in einer Ecke, dicht aneinander gehuschelt wie die Schwälbchen, die das Fliegen lernen, zwitschern, flattern und hüpfen aus Podium. Dann gellt die Komödie los: Ein drolliges Spiel, halb Märchen, halb jüdische Legende. — Behüte der Himmel, daß alle der Bühne verfallen, die hier so fein und zierlich Komödie spielen! Zum Schluß applaudieren die Jungens in ritterlicher Begeisterung und auch die Erwachsenen bezeugen Freude und Zufriedenheit Das war um Chanuka, da die Lichtiein brannten Und doch, warum finden wir so viele Revolutionäre unter den Juden und so ersichtliche zahlreiche Sympathien der Juden mit revolutionären Vorgängen? Nun, das ist einfach genug erklärbar aus dem alten Teil-Motiv: „Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden .. Wo sich Reste der Ghettobehandlung in die Gegenwart hinübergerettet haben und durch eine moderne Praxis, Pogrom genannt, ergänzt werden, wo von nichts anderem mehr Beseitigung solcher Mißstände zu erwarten ist als von der Revolution, da wird eine selbstverständliche Sympathie der jüdischen Landeszugehörigen mit der Revolution entstehen, und viele Juden werden darunter sein, die sich an der Vorbereitung und Durchführung der Revolution beteiligen. In entsprechender Abschwächung werden ähnliche Verhältnisse in Ländern aufkommen, die zwar verfassungstextlich Gleichberechtigung gewähren, diese aber tatsächlich vorenthalten. Zuguterletzt tritt dann freilich erfahrungsgemäß die konservative Grundeinstellung selbst bei diesen Juden wieder in Erscheinung: Sie sind es, die sich hervorragend daran beteiligen, die Revolution zum Abschluß zu bringen, weil der Gedanke der Revolution in Permanenz für sie ein Hirngespinst von pathologischer Ausartung ist. Dr. Arnold Bumann. bezeichnete seine Schrift als Ergebnis eigener „Forschungsarbeit". Sein „Verdienst" bestand in Wirklichkeit nur darin, daß er den Auszügen eine volkstümliche Fassung gegeben hat. Außerdem hat er jene Stellen, die Eisenmenger richtig erläuterte, willkürlich falsch in judenfeindlichem Sinne gedeutet Sah man das Eisenmengersche Buch bis dahin nur in der Hand des Fachgelehrten, der die Zitate auf ihre Echtheit prüfen konnte, so wurde Rohlings Schrift ein Volksbuch, das auch die ungebüdeten Massen lesen konnten. Das Büchlein fand reißenden Absatz und hatte bis zum Jahre 1880 zehn Auflagen zu verzeichnen. So war der Boden vorbereitet, auf dem der Judenhaß gleich einem wuchernden Giftkraut in der katholischen Welt und weit darüber hinaus emporwucherte. Nun traten zwei christliche Gelehrte, Kirchenrat Professor Dr. Franz Delitzsch und Professor Dr. H. L. Strack, hervorragende Orientalisten, Rohling entgegen. In Schriften und Aufsätzen nahmen sie gegen Rohling Stellung und wiesen auf seine unrichtigen Auslegungen hin; die „Wissenschaftlichkeit" des „Talmudjuden" wurde bis auf den Grund erschüttert. Diesen Angriffen und die Erzählung von des Makkabi Heldentaten die Herzen für das Wundersame empfänglich macht Und noch ein Abend haftet mir im Gedächtnis: Tische und Bänke in langen, langen Reihen. Die Legende vom Auszug Israels aus Aegypten rollt ab. Ein kleiner Knabe, der jüngste seines Geschlechtes, fragt ganz naiv nach der Bedeutung der Feier. Warum an diesem Abend nur ungesäuertes Brot gereicht werde und warum wir bittere Kräuter verzehren? Seit Jahrtausenden dieselben Fragen, dieselben Antworten: Weil der Pharao unseren Voreltern das Leben verbittert hat. Ist es recht die harmlosen Gemüter dieser Kinderschar, die das Hundert übersteigt durch antiquierte Bitterkeit zu trüben? Im Laufe des Abends erhalten wir die Begründung in der wenig beruhigenden Versicherung, daß in jedem Geschlecht irgend ein Pharao aufgestanden ist die Juden zu vernichten. Wir Erwachsenen schauen ernst und betroffen, die Kinderschar ist wenig berührt Sie weiß nichts vom Kampf ums Dasein, nichts von der Enge, in die uns stets erneuerte Gegnerschaft drängen will. Knaben und Mädchen fühlen sich wohl und geborgen im Schutze vierfacher Elternschaft Wie das kam, daß so zahlreiche Eltern sich zu ihnen fanden? Eigentlich recht traurig: Vater oder Mutter waren abberufen worden, manchem Kinde fehlen auch beide Eltern. Da hat denn jüdische Solidarität Elternstelle übernommen, edle Menschlichkeit Schicksal gespielt Der stattliche Mann, der die Geschichte vom Auszug Israels aus Aegypten liest und sinngemäß übersetzt wird „Vater" genannt die flinke Frau, die heute etwa 130 Kindern liebevoll das Festmahl rüstet ist die „Mutter", ein zweites Elternpaar. Die dritte Elternreihe vertritt ein Herr, der am Tische der Erwachsenen vorsitzt Wackere Männer und edle Frauen haben einst dieses Haus, das stolz im Gartenvorort Heiligenstadt in der Probusgasse emporragt und das Heim der Mädchen in der nahen Ruthgasse geschaffen. . folgten scharfe Entgegnungen seitens Rohlings. Aber er blieb in seiner literarischen Fehde aHein; überall hatten sich Stimmen gegen ihn hörbar gemacht. Der Kampf nahm jedoch bald eine politische Wendung. Das ganze klerikale Oesterreich stellte sich hinter Rohling. Er wurde „der Entdecker des Judentums", der „Märtyrer" der katholischen Welt, das Protektionskind bei Hof und Adel. Im Jahre 1883 veröffentlichte Rohling eine neue Schrift, „Meine Antworten an die R a b b i n e r", in die er auch einen Abschnitt über das „Blutritual der Juden" hineinfügte. Rohling zog eine Stelle aus dem Buche Sohar, eine andere aus dem Buche „Halikutim" von dem Kabbalisten Chajim Vital heran, in welchen vom Blutgebrauch der Juden die Rede sein soll. Abermals erhoben christliche Theologen ihre Stimmen gegen Rohling. Sogar Paul de L a g a r d e, Verfasser der „Deutschen Schriften", erklärte sich bereit, vor Gericht eidlich zu erklären, daß „das Judentum niemals Menschenblut für religiöse Zwecke verlangt hat". Gerade damals schwebte der traurig-berühmte Ritualmordprozeß in Tisza-Eszlar. Rohling erklärte sich bereit, vor Gericht zu beeiden, daß die Juden Christenblut zu Religionszwecken gebrauchen. Dr. J. S. Bloch, der unvergeßliche Apologet des Judentums, erklärte hierauf in der „Wiener Morgenpost", daß sich Rohling zu einem Meineid angeboten habe, und forderte ihn zu einer Klage wegen Verleumdung heraus. Rohling, seiner Sache sicher, beeilte sich, die Klage gegen Dr. Bloch beim Wiener Landesgericht einzubringen. Bloch, damals Mitglied des Abgeordnetenhauses, setzte es selbst durch, daß seine Immunität aufgehoben wurde. Der Prozeß begann und erregte riesiges Interesse. Die höchsten Kreise wendete» dem Prozeß große Aufmerksamkeit zu und der Vatikan verlangte von seiner Wiener Vertretung über den Stand des Prozesses laufende Berichte. Das Gericht bestimmte Theodor N ö 1 d e k e und August Wünsche, christliche Kenner des Judentums, zu Sachverständigen. Die beiden Gelehrten wurden vereidigt und mußten nahezu vierhundert in Frage stehende Texte übersetzen und erläutern. Ihr Gutachten war für Rohling vernichtend, seine „Auszüge" wurden als Fälschungen und Entstellungen erklärt. Rohling zog daher, ehe es zu einer Verhandlung kam, seine Anklage zurück. Dieser Schritt hatte zur Folge, daß sich seine irregeführten Anhänger von ihm abwendeten, Kaiser Franz Joseph hielt ihn nicht mehr für würdig, eine Professur zu bekleiden, Rohling mußte zunächst einen Urlaub antreten und später aufdieLehrkanzel ganz verzichten. Rom entzog ihm das Recht, seine kirchliche Würde auszuüben, und hat seine Schriften auf den Index der römischen Kirche ge- Manche dieser Namen wären verweht und in unserer raschlebigen Zeit bald vergessen, aber hier werden sie bleiben. Denn sie hatten Anteil an hundertfacher Kindesliebe — und die Liebe dauert ewig. Sie meinten einst für lange Dauer vorgesorgt zu haben, als jedoch der verwüstende Krieg kam, da fielen die Menschen wie Gras im Winde, das Geld wurde sterbenskrank und die blanke Not leckte auch an dieser Feste der Menschenliebe. — Da erstand eine neue Stütze für die dritte Elternreihe in einer Vereinigung wahrhaft wohltätiger Männer, deren Vertreter Vaterfreude für seine Ehrenstelle mitbrachte, — der alle Feste seiner großen Kinderschar mitfeiert, — ihre Sorgen und Freuden teilt Denke ich all der Feste, die ich inmitten dieser Kinder feierte, dann wird mein Herz weit und stolz, und Genugtuung geleitet mich weit in ferne Lande über die wackere Elternschaft die meinen kleinen Freunden geworden ist Wir kennen den Spruch: Gott hat gegeben, Gott hat genommen, aber wir müssen es wissen, daß der Gott der nahm, auch gegeben hat. Dreimal Eltern hat er den Waisen beschert Und muß man erinnern, daß der liebe Gott, der Beschützer der Witwen, der Vater aller Waisen ist? Jawohl, er ist der oberste Kurator dieser Fürsorge, der Vater aller Vaterlosen, denen vierfach Eltern erstanden sind. Wir gedenken so selten des Herrn aller Welten; der liebe Gott ist ein wenig außer Mode. Aber die Möglichkeit für meine kleinen Freunde einzutreten, denen ich so viele Stunden reiner Freude verdanke, ergibt sich zur Zeit da ich vor den Toren Jerusalems lebe. Und hier leuchtet noch die Herrlichkeit Jehovas, des alten Baumeisters aller Welten. Wenn die-Sonne die Berge von Maob übersteigt dann fällt ihre Glorie auf einen Hügel, den ein stolzer Bau ziert, zum Teile fertig und schon eine Zierde des neuen Jerusalem. Das Diskin-Waisenhaus. Die Welt ist groß und Juden aus allen Weltteilen haben beigetragen; wir aber im kleinen Oesterreich, wir »••■■■■■HMtwanHt>MMM*mM»n<iiM«>Ma>iMMMiMHnMiBM a niniiiminiuiniHiiiiininiMiiiiiiiMiiiiiiiiininiifiiii Der Nestor des Antisemitismus gestorben.