Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette ö DIE WAHRHEIT VonWodie xu Wocftc Das Testament Laden Wolfs. Soeben wurde der Inhalt des Testaments Luden Wolfs der Oeffentlichkeit bekanntgegeben. Lucien Wolf kat ein Vermögen von 4000 Pfund hinterlassen, von dem ein Viertel seiner Witwe, der Rest seinen Kindern zufallt Seine wertvolle jüdische Biblithek und und diverse Aufzeichnungen, darunter das Tagebuch ober seine anläßlich der Friedenskonferenz im Jahre 1919 mit verschiedenen Staaten geführten Verbandlungen zum Zwecke der Durchsetzung von Mmderbeitsrechten für die Juden, hat Lucien Wolf der Jüdischen Historischen Gesellschaft in England, deren Präsident er war, die gesamten auf die Jewish Colomsatiou Association (JCA) und das Joint Foreign Comitee Betas habenden Dokumente und Korrespondenzen diesen beiden Organisationen hinterlassen. Das Budget der Pester israelitischen Gemeinde. Der vom Leiter der Fraanzatteilung der Pester israelitischen Kiiltasgemeinde, Börsenrat Andor Nagy, soeben vorgelegte Budgetvoranschlag für 1931 sieht eine Summe von 4,6 Millionen Pengö (zirka 5 Millionen Schilling) vor. 1,3 Millionen sind für jüdische Institutionen, über 1 Million für Unterrichtszwecke, 200.000 Pengö für direkte Wohltätigkeit angesetzt Verbot 4er Bildung von Status-qao-Gemelndea in Ungarn. Das ungarische Judentum äst bekanntlich in zweierlei <Jemeinden und Gemeindeverbänden organisiert: aeologe und orthodoxe. Seit einigen Jahren ist eine Bewegung im Gange, sogenannte Status-quo-Gemeinden zu gründen. Vor einiger Zeit wurde im Kultusministerium ein Gesuch um Genehmigung der Gründung einer israelitischen Status-auo-Glaubensgemeinde in Budapest eingereicht Nun ist an den hauptstädtsichen Magistrat der Bescheid des Kultusministers herapgelangt der die Genehmigung verweigert In oer Motivierung des ministeriellen Bescheides ist folgendes zu lesen: Da die Pester israelitische Kongreßgemeinde und die Budapester israelitische orthodoxe Gemeinde durch den Unterhalt gemeinnütziger Institutionen, darunter hauptsächlich ausgezeichnet eingerichteter Schulen und Wohltätigkeitsanstalten eine segensreiche und patriotische Sendung erfüllen, und es mithin nicht bloß ein konfessionelles, sondern auch ein kommunales and sogar Landesinteresse ist daß diese Glaubensgemeinden nicht durch Absonderungsbestrebungen in ihrer Leistungsfähigkeit und Entwicklung gehemmt werden, mache ich mir den Vorschlag des Verwaltungsausschusses zu eigen, der die Abweisung des Gesuches um Gründung einer israelitischen Status-quo-Gemeinde beantragt Die Gewissensfreiheit und die freie Religtonsfibung wünsche ich nicht im mindesten einzuengen, doch stelle ich einerseits fest daß die auf dem Gebiete der Hauptstadt bereits bestehenden Institutionen und Gotteshäuser der Glaubensgemeinden zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse aller Schattierungen Gelegenheit bieten, anderseits aber es nicht als Hemmung der freien Religionsübung betrachtet werden kann, wenn einer kleinen Gruppe nicht die Möglichkeit geboten wird, überflüssigerweise eine neue Religionsgemeinde ins Leben zu rufen und dadurch den Portbestand bereits bestehender Religionsgemeinden im Konkurrenzwege zu gefährden. Furchtbares Unglück in einem jüdischen Ritualbade. In dem Städtchen Horodenka an der galizischbukowinischen Grenze ereignete sich am 1. Januar im dortigen Ritualbade eine Kesselexplosion, die verhängnisvolle Folgen hatte. Von den im Bade anwesenden 25 jüdischen Frauen wuren 8 teils auf der Stelle getötet teils starben sie noch am gleichen Tage an den Folgen der erlittenen furchtbaren Verletzungen, die übrigen 17 Frauen haben zum Teil sehr schwere Verletzungen davongetragen, dürften aber alle mit dem Leben davonkommen. Das Ereignis hat in Horodenka und Umgebung tiefe Trauer hervorgerufen. Juden in der Budapester Stadtvertretung. Bei den kürzlich stattgefundenen hauptstädtischen Wahlen sind auf den Listen der bürgerlichen Parteien Juden in ansehnlicher Zahl in das Stadtparlament gewählt worden, unter ihnen die Vorkämpfer des ungarischen Judentums: Dr. Brody, Dr. Fabian, Dr. Eugen Gal, Dr. Marzeil Hajdu. Paul Sandor und zum erstenmal auch Dr. Johann Vazsonyi, der Sohn Wilhelm V a z s o n y i s, des ebe- . maligen jüdischen Justizministers. Bisher ist die Neuwahl , von 17 jüdischen Stadtverordneten festgestellt ihre Zahl dürfte sich aber noch erhöben. Unter den Sozialdemokraten sind ebenfalls mehrere Juden zu finden. Sowohl in der Regierungspartei als auch bei der Opposition befinden sich Juden. Das Ghetto von Tunis verschwindet Der Stadtrat; von Tunis hat beschlossen, die alte Judenstadt von Tunis ,41 a r a h", die durch zahlreiche aus dem . Mittelalter stammende Synagogen berühmt ist, vollständig demolieren und an ihrer"Stelle ein ' modernes Stadtviertel errichten zu lassen. OarJangtiaCdlesusw. Ji8Wjfirü3in Rabbinereinhlhnuig im Brigittenauer Tempel. Ein .Vierteljahr ist vergangen, seitdem Rabbiner Dr. Abeles einer schweren Krankheit erlegen ist. Eine so zahlenstarke und glaubenseifrige Gemeinde konnte nicht lange ohne Seelenhirten gelassen werden. Die Wahl fiel auf einen jungen, sehr begabten Rabbiner, Dr. Benjamin Murmelstein, einen Zögling der Wiener theolog. Lehranstalt, einen Lieblingsschüler des Rektors Hofrat Schwarz, des Professors Dr. K r a u ß und ganz besonders des tiefgründigen gelehrten Prof. Doktor Aptowitzer, in dessen Studien er stark eingeweiht ist Die Wahl war einstimmig. Vorigen Freitag abends — der Tempel war ganz besetzt — hielt nach dem schön vorgetragenen Gebet des Oberkantors Lauderer der von allen verehrte Obmann des Tempelvereines, Josef K o h n, eine Ansprache an den jungen Rabbiner. Er erinnerte die Anwesenden an das verheißungsvolle Programm, das Dr. Murmelstein schon vor dem engeren Vorstande entfaltet hat „Studium, Gebet und Pflege der Wohltätigkeit", das sollen die drei Grundprinzipien seiner Zukunftstätigkeit sein. Hierauf bestieg der junge geistige Führer dieser schönen Gemeinde die Kanzel und hielt seine Einweihungsrede, die in sinnbildlicher Art sein Programm enthielt. „Ich knüpfe an Moses Stab an", sagte er in seiner weiteren Ausführung, „der einem Lehrer in Israel die erhabene Gewißheit gibt, daß er den richtigen Weg gegangen ist. Der Stab stammt noch von Adam und ist Symbol der allgemeinen Menschheit, da das Judentum auch reines Menschentum ist Der Stab kann auch gefährlich werden, wie er auch Moses selbst zum Verhängnis werden konnte. Er erinnert die ganze Generation der jüdischen Jugend an den sittlichen Inhalt, an den ewig bleibenden Wert des Judentums." In geradezu meisterhafter Weise wandte Dr. Murmelstein ein Bild des Midrasch an: „Als die Israeliten durch das Meer zogen, gab es Platz in Menge, für alle 12 Stämme." Ein Rabbiner muß alle Parteien im Judentum auf das gemeinsame Ziel des Judentums hinweisen. Gerührt und stark bewegt lauschte die große Menge den Worten des jungen Rabbiners, von dessen Idealismus sie alle so viel erhoffen. Zum 70. Geburtstag des Oberkantors Josef Rendi in ^' Zagreb. *; . " Von Oberkantor Isidor L ö w i t Am 20. d. M. feiert in geistiger und körperlicher Rüstigkeit Herr Oberkantor Josef Rendi seinen 70. Geburtstag. Josef Rendi, der im Jahre 1861 in Waag- Neustadtl geboren wurde, ward ursprünglich von seinem Vater zum Rabbiner-Beruf bestimmt Ausgerüstet mit ungewöhnlicher allgemeiner Bildung und talmudischem Wissen, bezog er die Rabbinerschule in Preßburg, wo er nach 5jährigem Studium den Morenu-Ttitel erhielt. Oberkantor Rendi, welcher damals schon über sehr schöne Stimmittel verfügte, kam zum Oberkantor Prof. Moritz Friedmann nach Budapest der ihn für das Kantorenfach außerordentlich prädestiniert fand und ihn veranlaßte, Kantor zu werden. Nach gesangtechnischen Studien beim Prof. Scheu in Wien und an dem von Prof. Friedmann geleiteten Kantoren-Seminar in Budapest hatte er sich derartige Kenntnisse erworben, daß er schon nach kurzer Zeit in den Landeshauptstädten Troppau und Graz als Kantor wirkte, wo er sich in den Musikfächern vervollkommnete und Gelegenheit fand, auf allen Gebieten sich einen höheren Grad von Bildung zu erwerben. Im Jahre 1895 wurde Rendi einstimmig zum Oberkantor der Kultus*emeinde Zagreb gewählt wo er über drei Dezennien in hervorragender Weise wirkte und vor wenigen Jahren in den selbst erbetenen Ruhestand trat — Der Jubilar zählt zu den hervorragendsten Vertretern unseres Faches. Seine hohe Auffassung der Bedeutung des „Scheliach Zibbur" drückte sich in seiner Persönlichkeit aus. Oberkantor Rendi, ein Zeitgenosse Sulzers und Qoldsteins, war in' seinem Vortrag ein Aesthetiker ersten Ranges. Sowohl seine Qesangkunst als auch sein chasonisches Können perhorreszierte alles im Gottesdienst was der Aesthetik und Würde entgegenstand. Alle übermäßigen Schnörkeleien und Koloratur-Läufe vermied er um der Aesthetik willen. Der Jubilar, der in seiner Gemeinde sich einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut wurde zum Vorbild unseres Standes. Oberkantor Rendi war vielfach literarisch tätig. Seine umfassende Bildung und sein Humor, sowie sein Fühlen für das Amt und die Kollegenschaft kamen hier besonders zum Ausdruck. Josef Rendi erwarb sich speziell um die KoIIegenschaft Jugoslawiens außerordentliche, unvergängliche Verdienste. Er war der erste Präsident des dort gegründeten Kantoren-Vereines, er kämpfte für die soziale Stellung der Kollegenschaft führte aber noch einen größeren Kampf im Innern zur Hebung des Bildungsniveaus des Kantorenstandes. Wollten wir die großzugige- Tätigkeit auf allen fachlichen Gebieten des Jubilars aufzählen und besprechen, würde es den Rahmen eines Geburtstagsgrußes weit überschreiten. So : wollen wir denn nur der Freude Ausdruck geben, daß es uns gegönnt ist diesen hervorragenden Fachkollegen zu seinem 70. Geburtstage auf das Herzlichste zu beglückwünschen, mit der Bitte zum Allmächtigen, daß es ihm beschieden sei, in Gesundheit und Qeistesfrische mi wohlverdienten Ruhestand zu leben „ad meo weesrinr schonoh". Raflioond Grammophone Radio, neueste Typ^n, auch Umbau und Tausch aller Apparate. Schallpfalfen hervorragendster Kü»sller und neuester Schlager, auchTausch. Zahlungserlelditerung. Ridii««its„EtraoitA"l, Osmifllkinei bsstei H, Tel. R 24-4-H 275 Jahre jüdische Einwanderung nach Amerika. Anläßlich der 275. Jahrfeier der ersten Niederlassung von Juden in den Vereinigten Staaten wurde in der historischen Fancinl Hall zu Boston, die eine bedeutende Rolle im Beginn der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung gespielt hat und daher als die „Wiege der amerikanischen Freiheit" bezeichnet wird, ein Meeting abgehalten, an dem viele tausende von Juden Bostons teilnahmen. Ansprachen hielten der Präsident der Columbia-Universität und Direktor der Carnegie-Stiftung Dr. Nicholas JVlurray Butler, der Präsident der Bostoner Universität Dr. Daniel Margh, der berühmte Historiker der Harvard- Universität Professor Bushnell Hart der Bürgermeister von Boston Curley, der Obmann des von dem Bundesrat der amerikanischen Kirchen eingesetzten Komitees für jüdisch-christliche Verständigung Rev. S. Parkes Cadinan, der jüdische Kommandant der Vereinigung ehemaliger amerikanischer Kriegsteilnehmer Paul Wo 1 man u. a. m. Das jüdische Mitglied des Repräsentantenhauses Bloom gab eine historische Darstellung der Anfänge jüdischer Ansiedlung in den Vereinigten Staaten. Im Jahre 1655 wurde vom Gouverneur Peters Stuyvesant 23 Juden die Erlaubnis erteilt sich in der holländischen Kolonie Ne*-Amsterdam — aus der. später New York hervorging — unter der Voraussetzung niederzulassen, „daß ihre Armen nicht der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen, sondern von den eigenen Volksgenossen unterstützt werden würden." Diesen Kontrakt erklärte Bloom, haben die Juden getreulich erfüllt Das jüdische Wohltätigkeitssystem in Amerika ist beispielgebend für die Wohlfahrtsarbeit der übrigen Konfessionen geworden. Der Sinn der amerikanischen Juden für Wohltätigkeit und Philanthropie ist in der ganzen Welt anerkannt. London. Der Direktor des Royal College of Art, der berühmte Maler William Rothen stein, ist der einzige Jude Englands, der anläßlich des diesjährigen Neujahrsfestes in den Ritterstand erhoben wurde. Sir William Rothenstein, der vor 59 Jahren in Bradford geboren wurde, ist einer der Führer der modernen englischen Kunstbewegung. Schon vor Erreichung des 20. Lebensjahres hatte er in der Welt der Kunst einen guten Namen. Unter seinen Werken sind zahlreiche Porträts hervorragender Vertreter der bildenden Kunst und der Literatur zu nennen. Die meisten der dargestellten Persönlichkeiten gehören zu seinem Freundeskreis oder waren früher mit ihm befreundet U. a. bat er Josef Israels. Rabindranath Tagore, zu dessen-Popularisierung im Abendland er in hohem Maße beigetragen hat Max Beerbohm, Oscar Wilde, Paul Verlaine. Toulouse-Lautrec und die Brüder Concourt gemalt Jahrelang war er mit dem Studium jüdischer Typen in Whitechapel beschäftigt Von seinen Gemälden mit jüdischen Motiven sind das der National Gallery of British Arts einverleibte Bild „Ostjuden beim Gebet" sowie „Talmudauslegung" und „Trauernde Juden" zu erwähnen. Gemälde von Rothenstein sind außer in der National Gallery of Arts im Britischen Museum, im Metropolitan Museum in New York, im Musee de Luxembourg in Paris, in der National Gallery in Melbourne, im britischen Reichskriegsmuseum und in der National Gallery in Johannesburg zu finden. Der Gründer der Alliance-Schulen im Orient gestorben. Im Alter von 83 Jahren verstarb inNew York der Gründer der Alliance-Schulen im Orient Nissim Behar. Behar war aus Jerusalem gebürtig und hat nach Absolvierung der Normalschule der AHiance in Paris seine weitere Ausbildung an der Jeschiwah in Jerusalem und der Camondo-Schule in Konstantinopel genossen. Vor 30 Jahren kam er im Auftrag der Alliance Israelite Universelle nach den Vereinigten Staaten, um dort an der Regelung der Paßfragen für jüdische Einwanderer aus Rußland mitzuarbeiten. Er betätigte sich in zahlreichen Organisationen und war der Gründer und geschäftsführende Direktor der nationalen freiheitlichen Einwanderungsliga. Er war der Vater des Gedankens eines Verbandes der jüdischen Organisationen und hat die Gründung der Jewish Big Brothers Association angeregt Rabbi Katzenellenbogen gestorben. Am 30. v. M. ist in Leningrad der Oberrabbiner Rabbi David Tewel Katzenellenbogen im Alter von 81 Jahren gestorben. Er war einer der bedeutendsten Talmudisten und angesehensten Rabbiner unserer Zeit Er entstammte einer bekannten rabbinischen Familie und war der achtundzwanzigste in der langen ununterbrochenen Reihe der Rabbiner; die auf den Hohen Reb Low (Mahalal), den berühmten Prager Rabbiner zurückgehen. Rabbi David Tewel zeichnete sich schon in seiner Jugend durch weitreichende talmudische Kenntnisse aus und wurde bereits mit 20 Jahren zum Rabbiner in Wirbaien (Gouvernement Suwalki, Litauen) berufen. Von da wurde er später nach der Gouvernement-Stadt Suwalk berufen, die immer ein Sitz der talmudischen Kapazitäten gewesen ist Im Jahre 1907 wurde er als Oberrabbiner nach Petersburg berufen. In allen Gemeinden, in denen er amtierte, erwarb er sich große Liebe und Achtung. Dank seiner hohen menschlichen Qualitäten genoß er sogar in den zaristischen Regierungskreisen größte Hochachtung. Auf Grund seiner Fürsprache und Autorität wurde seinerzeit das zaristische Schächtverbot'in Finnland aufgehoben. Während des Weltkrieges stand er. an der Spitze des Komitees zur Versorgung der jüdischen Soldaten im russischen Heere mit Mazzoth und Koscher-Produkten. Das religiöse Leben der Peters-