Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-01-16 · Heft 3 (16.1.1931) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 3 (16.1.1931)
Date
1931-01-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064456--18218-3083225
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

werden, daß sie die Melodien der Wirtsvölker zu ihren eigenen machten. In den letzten Jahren brachte die jüdische Renaissance neue jüdische Weisen auf den Musikmarkt, die gewiß von jedem jüdischen Musiker mit Freuden begrüßt werden. Wer jüdisch denkt und fühlt, wird bei dem Gedanken, daß jüdische Kinder, insbesondere in Palästina, jüdische Volkslieder in der heiligen Sprache singen sollen, reichlich Genugtuung finden. Wenn wir aber jede Schwärmerei außer acht lassen, müssen wir uns gestehen, daß eine spezifisch jüdische Musik, die die Neuzeit geboren hatte, ein Ding der Unmöglichkeit ist So wie ein Volk über Nacht nicht entstehen kann, so kann auch kein nationaler Gesang über Nacht geschaffen werden. Die nationale Musik konnte (vielleicht?) entstehen, solange die Völker natürlich in einem geschlossenen Gebiet lebten. Heute, wo Musik eine internationale Kunst und Kunstlehre geworden ist, kann keineswegs eine typische Musik geschaffen werden. Die Forschung kennt keine Sentimentalitäten und keine Konzessionen. Einer geschichtlichen Wahrheit müssen wir zum Siege verhelfen, auch wenn sie schmerzt. Vor Jahresfrist stellte die Frauenvereinigung „Wizo" in Prag Bilder jüdischer Künstler aus. Die „Selbstwehr", das offizielle Organ der tschechoslowakischen Zionisten, ließ erste Maler und Kritiker über das Thema „Jüdische Kunst" zu Worte kommen und erfuhr fast unisono, daß es wohl jüdische Maler, Künstler von Weltruf gibt, aber keine spezifisch jüdische Kunst Dr. M. S p a n i er, Magdeburg, konstatierte jüngst daß es berühmte Philosophen zu jeder Zeit gegeben, aber keine „jüdische Philosophie" und meine Wenigkeit beharrt seit nahezu drei Dezennien darauf, daß es jüdische Musiker und Musikgenies zu jeder Zeit gab, aber seit der Diaspora keine „jüdische Musik" gibt, noch geben kann. Oberkantor Armin Wilkowitsch, Eger. Jüdisdkeltkventafel. Wien. Auf seinem Besitz am Semmering ist der emeritierte o.-ö. Professor an der Wiener Universität, Dr. Leo Strisower, einem Schiaganfall erlegen. Er wurde am 2. Oktober 1857 in Brody, Qalizien, geboren. 1881 habilitierte er sich für Völkerrecht an der Wiener Universität und wurde 1900, a.-o. und 1909 ordentlicher Professor für internationales Privatrecht. Nach Erreichung der Altersgrenze zog er sich 1928 vom Lehramt zurück. Er war eine Autorität auf dem Gebiete des internationalen Rechtes und des Völkerrechtes und veröffentlichte grundlegende Arbeiten über diese Gebiete. Prof. Strisower war einer der wenigen Wiener jüdischen Hochschulprofessoren, die bei jeder Gelegenheit sich der gefährdeten Rechte der jüdischen Studenten annehmen: Prag. Am 12. Jänner wurde der bekannte Prager Literarhistoriker Dr. Alfred Rosenbaum 70 Jahre alt. Er ist seit 40 Jahren Hauptmitarbeiter, seit dem 11. Bande Mitherausgeber des Standardwerkes der deutschen Literaturgeschichte, des großen „Goedecke" und zählt zu den engsten Mitarbeitern des bekannten Münchener Germanisten Prof. Munckner und August Sauers. New York. Der jüdische Rechtsanwalt G. Z. Medalie wurde als Nachfolger des Bundesanwalts Tuttle zum Bundesanwalt für den Staat New York vorgeschlagen. Der Vorschlag wird in einigen Tagen dem Senat unterbreitet werden, der gegen Medalies Ernennung keinen Einspruch erheben dürfte. R.-A. Medalie, der im 47. Lebensjahre steht, ist gebürtiger New-Yorker und betätigt sich intensiv auf jüdisch-sozialem Gebiet. Er ist auch Mitglied des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses. London. Der jüdische Chemiker Dr. Herbert Lev inst ein aus Manchester wurde für seine großen Verdienste auf dem Gebiete der Farbstoffchemie durch Verleihung der Medaille der Gesellschaft für chemische Industrie, eine der höchsten Auszeichnungen für wissenschaftliche Leistung in England, geehrt. Rom. Die italienische Regierung hat dem Oberrabbiner von Venedig Professor Ottolenghi den hohen Orden „Commendatore della Corona d'Italia" verliehen. Prof. Ottolenghi ist eine der repräsentativsten Persönlichkeiten des italienischen Judentums und hat eine Reihe grundlegender jüdisch-wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht Wahrheiten vom?age Oer Kampf um den Arierparagraphen. Ein heißer Kampf ist entbrannt. Er geht um den Arierparagraphen, der nach den Wünschen einiger Nationalisten die Statuten der neuen Schober-Partei zieren soll. Bekanntlich ist vor kurzem die Gründung einer solchen Partei vorgenommen worden, der nach den Zeitungsmeldungen bisher vor allem jene Wirtschaftskreise angehören, die schon bei den letzten Nationalratswahlen den Schober-Block wirksam unterstützt haben. Aus politischen Lagern hat die Partei bis nun noch keinen besonderen Sukkurs erhalten. Die Deutschnationalen, deren Gefolgschaft wegen der engen Verbindung, die seit den Wahlen zwischen ihnen und Schober besteht, am ehesten zu erwarten wäre, wollen nicht mittun, weil in dem Statut der neuen Partei der — Arierparagraph fehlt. Ohne ihn hat für sie das politische Leben keinen Wert. Die Gesinnungsstärke dieser teutschen Recken ist wirklich zu bewundern. Um so verwunderlicher ist die Mitteilung einer Wiener Tageszeitung, daß in die Reihen der neuen Partei der Nationalsozialist österreichischer Richtung, Herr Schulz, Eingang gefunden hat. Wenn diese Meldung auf Richtigkeit beruhen sollte, so muß man sich wirklich fragen, ob die Schulz-Partei in der kurzen Zeit der „Wirksamkeit" ihres parlamentarischen Vertreters Prodinger so viel politischen Verstand gewonnen hat, daß sie sich von den Großdeutschen beschämen läßt. Denn es stellt eine Blamage dar, wenn Schulz hinter den Deutschnationalen in antisemitischen Belangen zurücksteht. Wenn man sich erinnert, was Schulz und die Seinen bei dem Wiener Zionistenkongreß aufführten, wenn man daran denkt, wie Prodinger in seinem Salzburger antisemitischen „Volksruf" die Juden schmäht und beleidigt, dann ist die Einkehr etwas unglaublich, um so unglaublicher, als die gemäßigten Deutschnationalen solche Einsicht nicht bekunden wollen. Sie halten frisch, fromm, frei am Arierparagraphen fest. Prachtvolle echte Perserteppiche durchwegs selten günstige Gelegenheitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlaf, und Herrenzimmer werden zu ganz auOerordemlich billigen Preises abgegeben. Besichtigung ohne jeden Kaufzwang im WIEDNER MÖBELHEIM INN. JULIUS GOTZL Haidetager. beeil. SachT.a.ScMtraeister IV..SCHLEIFMÜ MLGASSE1« TELEPHON B 24-1-62 Herrenonfl Dainiir Nur Ia-Qualitäten nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt. IEIDER-UN10N £WlENVlKasernens.6 TeL B20213 GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL Lmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmtm—mmmmm—^mmmmmmmmm^ WIEN IX., BfiRQOASSB NR. 19 FILIALE! XVIII.» WAHMNaiRSTRASSS 9t Tdepboa Nr. A 17-349 aa* A 18-9-34 liatarant für Hallanatartea Abteilungenfür Koscherfleisch mt«i> Aufsteht «hrar. Rabbinate» dar!•«•. Kultu«gani«ia<f« Vt«n. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Abrechnung mit den Nazis. Der Vorsitzende der Zentrumspartei Prälat Dr. Kaas hielt auf der Kasseler Tagung der Reichsparteibeamten des Zentrums eine Rede, in der er mit den Nationalsozialisten scharf abrechnete. Wenn einmal, sagteer, das Dritte Reich „ausbrechen" sollte, dann werde das deutsche Volk erleben, wie die Nationalsozialisten arbeiten. Der beste Dienst, den die Nazis dem deutschen Volke erweisen könnten, wäre der, sich endgültig von der Politik zurückzuziehen. Wenn uns nicht, fuhr Prälat Dr. Kaas fort, die Verantwortung abhielte, dann würden wir aus pädagogischen Gründen den Nationalsozialisten Platz machen, damit das deutsche Volk ihre blutige Ignoranz erkennt. Aber das Experiment erscheint uns zu gewagt, denn ich glaube nicht, daß es nachher noch etwas zu retten geben würde. Im Reichstag, der durch die Nationalsozialisten schon fast zur Kaschemme geworden ist, hat man vergeblich darauf gewartet, daß die Radikalen Möglichkeiten zur Durchführung der von ihnen empfohlenen Methoden angeben würden. Nichts haben sie gesagt, sondern nur geschrien undlamentiert und sich selbst mit heroischen Redensarten gefeiert. Es ist eine Erfahrung aus dem Weltkriege, daß die Etappe sich immer heroischer benommen hat als die armen Kerle, die vorn im Dreck lagen. Auf den Zwischenruf eines Nationalsozialisten antwortete Dr. Kaas: „Wir sind im Verlangen bescheidener, obwohl wir selbst mehr Wert auf den Schädel i n h a 11 legen als Sie auf die Schädel f o r m." Rumänien macht Ordnung ... Der Präsident der antisemitischen Liga „Erzengel Michaer, Corneliu Zelea Codreanu, wurde in Focsani von Agenten der politischen Polizei verhaftet. Codreanu hat vor einigen Jahren in Jassy den Präfekten Manciu, der jüdische Studenten gegen täüiche Angriffe seitens ihrer antisemitischen Kollegen schützte, ermordet, er wurde dann vom Jassyer Schwurgericht freigesprochen und wird seither von der antisemitischen Studentenschaft als ihr Held und Idol verehrt. Er war der Arrangeur fast aller Gewalttaten der antisemitischen Studenten in den letzten Jahren, unter anderen auch der ungeheuerlichen Ausschreitungen in Großwardein und Klausenburg, die mit der Zerstörung der Synagogen und zahlreicher jüdischer Geschäfte endete. Seine Verhaftung in Focsani hat im ganzen Lande um so mehr Aufsehen erregt, als sich die Behörden bisher an die Person Codreanus nicht heranwagten. Drohendes Schächtverbot in Bremen. Das Stadtparlament von Bremen, die gesetzgebende Körperschaft des Staates Bremen, bereitet ein Schächtverbot vor. Ein nationalsozialistischer Abgeordneter hatte angefragt, wann es nun endlich eingeführt würde, und zur Verwunderung aller hat der sozialdemokratische Sachreferent hierauf erwidert, daß bald ein Bericht der Deputation erscheinen wird, der die A u f h e b u n g d e s Schächtens empfiehlt Da auch die nichtantisemitische sozialdemokratische Partei anscheinend für das Schächtverbot stimmen wird und in diesem Parlament zur Zeit die antisemitischen Hitlerianer und Deutschnationalen die stärkste Gruppe sind, ist zu befürchten, daß die Vorlage zum Schächtverbot angenommen wird. Dies wirkt auf weiteste Kreise um so befremdlicher, als von einem Schächtverbot ja nicht allein die lokale jüdische Gemeinde, sondern vor allem auch die Versorgung der Schiffe des Norddeutschen Lloyd mit Rosche r- Fleisch, also das reisende jüdische Publikum Amerikas, sehr schwer betroffen sein würde. Es ist wohl im höchsten Grade verwunderlich, daß eine auf den Fremdenverkehr angewiesene Hafenstadt wie Bremen sich durch völkische Hetzer dazu verleiten läßt, ein wichtiges Reisepublikum von der Berührung mit ihr auszuschalten. Die Jüdische Immigration nach Frankreich gefährdet Die französische Regierung bereitet neue Verordnungen über Einwanderung, Niederlassung und Arbeitsberechtigung in Frankreich vor, durch die fast alle Juden, die innerhalb der letzten fünf Jahre in Frankreich eingewandert sind, schwer betroffen werden würden. Die Einführung der neuen Bestimmungen, die im Hinblick auf die im Laufe des Monats Dezember auf das Dreifache gestiegene Arbeitslosenziffer notwendig ei scheinen, ist auf das Drängen der Radikalen Partei, die im allgemeinen den Ausländern freundlich gegenübersteht zurückzuführen. Nach den neuen Verordnungen sollen Ausländer, die weniger als 5 Jahre in Frankreich ansässig sind, keine Arbeitserlaubnis erhalten, Ausländern, die im Besitz einer Arbeitserlaubnis sind, soll der Uebergang zu einem neuen Beruf nicht erlaubt werden, die Grenzen Frankreichs sollen für alle Ausländer mit Ausnahme von Touristen gesperrt, ausländische Personen, die nicht im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung sind oder eine solche auf illegalem Weg erlangt haben, ausgewiesen werden. Sollten diese Verordnungen in Kraft treten, so würde hierdurch nicht nur jede weitere jüdische Einwanderung nach Frankreich, wohin in letzter Zeit wöchentlich etwa tausend Juden aus Polen gekommen sind, unterbunden werden, sondern es wäre auch ein großer Teil der ausländischen Juden in Frankreich gezwungen, das Land wieder zu verlassen. LEBENS VERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PBftlll WIEN. 1. BEZIRK. RIEMEROASSE 2 Verafcbertugsbestaait per Mitte «910......... . 2450 Millionen Sclullinf Prämienand Zia;eaeianaamen im labre 1929......125 » , Gatantlemittel per Ende 1929 300 . . Aamainngen u die Vertickerten hü Janie 1929 ...... 30'/, »

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.