Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 nie WAHRHEIT Daröffantlickungon cUr Union dfeu+scnös+errfcicViscber Juckn Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Klo. 9.464 Es gibt Richter in Oesterreich... Diese betrübliche Feststellung mußten in der vorigen Woche einige antisemitische Herrschaften machen, die glaubten, ihre judenfeindliche Einstellung straflos öffentlich bekunden zu können. Sie vermeinten, die Zeichen der Zeit zu erkennen, haben aber nicht mit dem Gerechtigkeitssinn österreichischer Richter gerechnet. So mußte der nationalsozialistische Gemeinderat Julius W i d e k aus Wiener-Neustadt mit einer Geldstrafe die Ungesetzlichkeit büßen, deren er sich dadurch schuldig gemacht hat, daß er ein Boykott- Flugblatt gegen die Juden, das in Wiener-Neustadt vor Weihnachten verteilt wurde, als Verleger gezeichnet hatte. Herr Widek war mutig, wie viele seiner nationalsozialistischen Vorläufer mutig sind, er behauptete, den Flugzettel nicht gelesen zu haben. Er muß aber mit dessen Inhalt ganz einverstanden sein, denn er lehnte einen Vorschlag des Vertreters der 15 klagenden jüdischen Kaufleute, eine Erklärung abzugeben, daß er sich mit dieser Art des wirtschaftlichen Kampfes nicht identifiziere, entschieden ab. Dieser Mannesstolz fand nicht den entsprechenden Lohn, im Gegenteil, Herr Widek muß noch 50 S zahlen. Er will nun gegen das prinzipiei] wichtige Urteil berufen, das ilin besonders hart in jener Verfügung des weisen Richters traf, daß der Antisemit das Urteil in den Leibblättern der Wiener-Neustädter Christlichsozialen und Deutschnationalen veröffentlichen müsse. Daß ihm geistig so Nahestehende seine Schande öffentlich bescheinigt sehen sollen, das muß Herrn Widek sehr verdrießen. * Herr Widek wird einen anderen antisemitischen Helden lebhaft beneiden, der aus der Gepflogenheit der Gerichtssaalkorrespondenz, die Namen mancher Verurteilter zu verschweigen, Vorteile zieht, die ihm das Weiterblühen seines Antisemitismus im Verborgenen ermöglicht Der Herr hat sich etwas zu renitent benommen, er und seine kongeniale Familie haben ihrer jüdischen Hausbesitzerin wiederholt Schimpfworte wie „Judengesindel", „Judensauwirtschaft" und was derartige Liebenswürdigkeiten noch sind, zugerufen. Der Oberste Gerichtshof, an den die Berufung des zu einer Geldstrafe und zur Wohnungsräumung verurteilten Mieters gelangte, hatte Verständnis dafür, daß es einem Juden unmöglich sei, die antisemitischen Ausfälle im eigenen Hause zu dulden. In der Begründung der Urteilsbestätigung durch den Obersten Gerichtshof wird erklärt, es könne der Hausbesitzerin das Zusammenwohnen mit den antisemitischen Mietern, die sich nicht gescheut haben, die Religion der Hausbesitzerin herabzusetzen, nicht zugemutet werden. Der Herr Antisemit wird bei der Wahl seines nächsten Hausherrn etwas vorsichtiger sein müssen, der Hausherr aber auch .. . * Die Moral aus diesen beiden Geschichten aus Justitias Reich: Wir sind die letzten, die der Ansicht sind, daß man wegen jeder vermeintlichen Kränkung zum Kadi laufen soll. Aber gewisse antisemitische Frechheiten darf und soll man sich als ehrliebender Jude nicht gefallen lassen. Es gibt in Oesterreich Richter und es gibt in Oesterreich eine Vereinigung, deren Aufgabe es ist, ihr Recht suchenden Juden beizustehen. Die „Union deutschösterreichischer Juden" wird miiiiiiaiffliiiinmiiiiii mm%mumi\ jedem Juden, dessen Recht durch Judenfeinde geschmälert wurde, Rat und Tat zuteil werden lassen; man rufe sie an und wird in der Berggasse 4 williges Gehör finden. Mitteilungen des Sekretariats der „Union deutschösterreichischer Juden" DL, Berggasse 4. — Tel. A 19-2-77. Parteienverkehr: Montag bis Freitag von 10 bis 11 vorm. und 4 bis 5 Uhr nachm. Sonntag von 9 bis 11 vorm. Die Rechtshilfe- und Beratungsstelle der „Union" für Unbemittelte amtiert jeden Montag von Y26 bis 7 Uhr nachm. Unentgeltliche Stellenvermittlung: Anmeldungen täglich während des Parteienverkehres. Offene Stellen: Praktikant für Damenkleidersalon, Platzvertreter für Bijouterie-Großhandlung, der in der Branche schon tätig war, Lehrjunge (oder Mädchen) für Bijouterie-Großhandlung. Offerte zu richten an das Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4. Das Sekretariat der „Union" bittet die verehrlichen Mitglieder, es von freiwerdenden Stellen brieflich oder telephonisch zu verständigen. Veranstaltungskalender der „Union". Montag, den 19. Jänner, 7 Uhr abends, Klublokal des'Cafe National, IL, Taborstraße 18. Sitzung des Vergnügungskomitees. Dienstag, den 20. Jänner, V28 Uhr abends, Klubsaal des Cafe City, IX., Berggasse. Mitgliederversammlung der Bezirks-Organisation IX. Mittwoch, den 21. Jänner, Y2S Uhr abends, Klubsaal des Ingenieur- und Architektenvereines. Dr. phU. et rer. pol. Franz Josef Weiß: „Die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in Oesterreich". Donnerstag, den 22. Jänner, 8 Uhr abends, Klubsaal des Grand Cafe Central, IL, Taborstraße 8. Vortragsabend der Bezirks- Organisation IL Dr. Ernst Feldsberg: „Rund um Remarque". Rejmisenfam HciTfi^dci^aiiifii werden für Besuch guter Privaikund«chaft Offerle unter, an die Adm. d. Bl. RESIDENZ COLUMBIA MANNA" FaBR. CHFMi«CHER PRÄPARATE WIK« II.. TABORSTRASSE 32 TELEPHON R 40-6-14 GARANTIERT UNUNTERBROCHENE M BRENNDAUER 30 STUNDEN M SeldiwarenfabrlK streng Efsendnönfgsuer.Wlen II., Haldgasse 5 Selchwaren und Restauration Vorzüglicher Mittag- und Abendtisch zu bürgerlichen Preisen II.. PrafersfraOe 33 (Neben dem Carltheater) Gibt es eine jüdische Musik? Es dürfte nicht viel zu drei Dezennien fehlen, seitdem der Wiener Oberkantor kais. Rat Josef Singer s. A. in der „Wahrheit" einen Aufsatz in mehreren Fortsetzungen über den „Steiger", d. h. spezifisch jüdische Melodien, die bei verschiedenen Tempelgesängen in gleichen Tonintervallen stets wiederkehren, veröffentlichte. Als die markantesten Steiger bezeichnete der genannte Autor: Jischtabach (Sabbat- und Dreifeiertags-Schacharit) und Maarowith (Dreifeiertagsabende). In Fachkreisen stritt man sich weidlich über diese Theorie. Allein Singers Wort fiel tief in die Waagschale. Der Schreiber dieses, der just aus der Opernschule Franz Joseph Loewenstamms in Wien getreten war, um eine Kantorstelle in einer mährischen Kehilla anzutreten, wagte sich in die geistige Arena mit folgenden Gegenargumenten: So gerne ich — als jüdischer Kantor — der jüdischen Musik eine eigene Prägung zuerkennen möchte, muß ich leider bekennen, daß vom musikgeschichtlichcn Gesichtspunkte dies unmöglich erscheint. Die im salomonischen Tempel zu Jerusalem mit musikinstrumentaler Begleitung exekutierten Gesänge sind unmittelbar nach der Verbannung der Juden aus dem Heiligen Lande der Vergessenheit anheim gefallen. Schon der Psalmvers.: Wie wollen wir den Sang des Herrn auf fremdem Boden üben?, bestärkt uns in der Annahme, daß jene Gesänge keine Fortsetzung fanden. Eine Notenschrift, mittels welcher es möglich gewesen wäre, die Weisen festzuhalten, bestand damals bekanntlich nicht, also blieben uns wohl die Texte (Psalmen, Stufengesänge) erhalten, nicht aber die hierzu komponierten Melodien. Zum Kapitel: Musik im Altertum, finden wir in Meyers Konversationslexikon folgendes vermerkt: Der historischen Forschung auf dem Gebiete der Musik steht ein Umstand hindernd im Wege, nämlich das gänzliche Fehlen von Monumenten dieser Kunst aus Zeiten, welche für die anderen Künste uns solche in reicher Menge Übermacht haben. So sind wir für ganze Kulturepochen nur auf mehr oder weniger phantastische und mit Mythen durchsetzte Berichte und auf die Darstellung der Theorie der Musik beschränkt, oder z. B. bei den Aegyptern gar nur auf bildliche Darstellungen. Weiter heißt es: Auch bei der Musik der Juden kann man aus den gelegentlichen Angaben der Berichte des Alten Testamentes eine hohe Meinung gewinnen. Aber hier wie dort fehlt es gänzlich auch an den geringsten Ueberbleibseln alter Musik selbst. Es ist dies eben in der Natur dieser Kunst begründet, in deren Darstellungsmaterial die flüchtigen Töne sind, von welcher noch ein Isidor v. Sevilla (7. Jahrhundert n. Ch.) sagte, daß sie nur durch das Gedächtnis bewahrt werden können etc. Es bleibt uns kein anderer Schluß übrig, als daß die jüdischen Exilanten bei der sukzessiven Kreierung ihrer veränderten Liturgie nach den Melodien der Wirtsvölker griffen. Freilich bevorzugten sie die Moll- Weisen, in welchen ihr Weltschmerz mehr Tonmalereien zu fördern vermochte. Daß die Juden sich ihrer Umwelt auch in der Musik, Kunst und Wissenschaft (Philosophie) anzupassen suchten, ist vielfach erwiesen. Von der griechischen bis zur Kultur der Neuzeit strebten die Juden, mit dem Zeitgeiste Schritt zu halten, und verschmähten niemals, das Erhabene zu ihrem Gemeingute zu erheben. Die Tonarten des Orients dürften die Juden in Mazedonien, wo sie jahrhundertelang friedlich gelebt, gelernt haben. Die Bärentreiber Mazedoniens, die in früheren Jahren nach den österreichischen Städten kamen, sangen ihr Lied zur Handpauke im — Jlschtabachsteiger. Anton Rubinstein (wiewohl bekanntlich jüdischer Abstammung), reiste nach Yemen, bevor er seine Intervalle zum „Asra", die jedem jüdisch eingestellten Musiker Tempelgesang dünken, angewendet hatte. Die russischen Kantoren (bislang die anerkanntesten), singen zu den hohen Feiertagen „Walachisch" und „Klebanisch" usw. Sie fürchteten nicht verschrien zu ^BmmmmmBmmtmmmam H VORNEHME FAMILIENPENSION S vormais Dr. GRÜNBERG sAM SEMMERING t» HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) Mäßige Preise (Zimmer mit Pension von S 12.- aufw.) / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im Hause / Besitzer: ECKSTEIN / Telephon: Semmering Nr. 1 ■ Fließen i es Wa'M-undKaltwa ser In Jedem Zimmer