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Die Wahrheit · 1931-01-16 · Heft 3 (16.1.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 3 (16.1.1931)
Date
1931-01-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite o von Anstalten .empfehlen wir, diese Fragen zum Gegenstand von "Beratungen der beteiligten Gemeinden und Organisationen mit der Zentralwohlfahrtsstelle zu machen .... 3. Wir wenden uns mit Nachdruck gegen die Beschaffung von Mitteln durch Wohltätigkeitsfeste und sonstige festliche Veranstaltungen. Aus ideellen, aber auch aus materiellen Gründen müssen solche Veranstaltungen abgelehnt werden; sie widersprechen dem Geiste jeder jüdischen und jeder neuzeitlichen Wohlfahrtspflege, sie bringen in den wenigsten Fällen einen nennenswerten Ertrag, in allen Fällen aber schwächen sie den Geist echter Opferbereitschaft 4. Im Hinblick auf die große allgemeine Not bitten wir Sie — unbeschadet Ihrer Arbeit im eigenen jüdischen Kreise —. das Zusammenwirken mit den anderen Verbänden der freien Wohlfahrtspflege aller Richtungen zu verstärken .... 5. Im Vordergrunde unserer eigenen Arbeit müssen im gegenwärtigen Zeitpunkte stehen: a) die sozialpolitischen Aufgaben, b) alle Aufgaben der Jugendwohlfahrt. c) die Erhaltung unserer gesundheitsfürsorgerischen Einrichtungen, d) die Sorge für die Arbeit üi den Kleingemeinden. Zu a): Die Zentralwohlfahrtsstelle und die mit ihr verbundene Hauptstelle für Wanderffirsorge und Arbeitsnachweise haben ihre Kräfte gegenwärtig in erster Reihe zu richten auf den Ausbau und die Errichtung von Darlehenskassen, auf die Verbesserung der Wanderfürsorge, auf die Verstärkung des Arbeitsnachweiswesens und auf die Errichtung der Arbeiterkolonie. Die Wandernden, deren Zahl sich durch die Wirtschaftskrise und deren Begleitumstände beträchtlich vermehrt hat. verlangen eine verstärkte Fürsorge. Es ist zu erwarten, daß die Wanderarbeitsstätte, die erste jüdische Anstalt dieser Art in Deutschland, in Kürze errichtet sein wird; die notwendigen Mittel sind zum großen Teil gesichert. Die Erweiterung der bestehenden, die Errichtung neuer Arbeitsnachweise dort, wo sich eine Notwendigkeit ergibt, ist ein dringendes Gebot. Es muß — so schwierig es auch immer sein mag — immer wieder erneut der Versuch unternommen werden, arbeitslose Menschen in den Wirtschaftsprozeß einzureihen. Zu b): Die allgemeine Notwendigkeit der Aufrechterhaltung, ja Verstärkung der Leistungen besteht vor aHern für alle Aufgaben der Jugendfürsorge. Jugendpflege und Förderung der Jugendbewegung. In einer Zeit erhöhter Gefährdung der Jugend kommt jeder vorbeugenden Jugendarbeit, und zwar für alle Altersstufen, erhöhte Bedeutung zu. Nachdrücklich sei gerade in diesem Zusammenhang hingewiesen auf die Wichtigkeit von Jugendheimen und. wo solche nicht möglich sind, auf die Notwendigkeit der Bereitstellung geeigneter Räume für die Jugendlichen, sowie auf das Erfordernis der Förderung aller Bestrebungen zur Beschäftigung der erwerbslosen und dadurch doppplt gefährdeten Jugendlichen. Zu c): In der Gesundheitsfürsorge darf — gerade in der gegenwärtigen Notzeit — die allgemeine Hilfeleistung und insbesondere der Tuberkulosenfürsorge keinesfalls eingeschränkt werden." Das Rundschreiben schließt mit den Worten: „Der gegenwärtige Augenblick stellt unserer Gesamtarbeit außerordentliche Aufgaben. Nur durch einmütige Zusammenarbeit aller Beteiligten, nur durch Verstärkung aller Bemühungen können sie erfüllt werden." Dieser Appell, an unsere deutschen Glaubensbrüder gerichtet, gilt auch für uns. Wahlen in die jüdische Nationalversammlung Palästinas. Nach Ablehnung der von den Sephardim und den Revisionisten eingebrachten Verschiebungsanträge durch den Waad Leumi haben Montag, den 5. Jänner die Wahlen zur jüdischen Nationalversammlung in Palästina (Assefath Haniwcharim) stattgefunden. Es ist dies die von der palästinensischen Regierung anerkannte Vertretung der Juden, welcher insbesondere ein gewisses Besteuerungsrecht zusteht. Die Geschäfte der Versammlung werden durch einen engeren Rat, den WaadLeumi, besorgt, an dessen Spitze bisher der bekannte Zionistenführer Ing. P. Ruthenberg stand. Die Wahlen haben nachstehendes Ergebnis gebracht: Arbeiterpartei 31, Revisionisten 16, Sephardim 6, Misrachi 5, Allgemeine Zionisten 4, Yemeniten 3, Linke Poale Zion 3 und Frauenpartei 2 Mandate. Die „Proletarische Liste" (K o m m unisten), deren Wahlpropaganda unter scharfer polizeilicher Kontrolle stand, konnte kein Mandat erlangen. Die Arbeiterpartei hat von den insgesamt abgegebenen 48.124 Stimmen 22.336, also 46 Prozent, auf sich vereinigt und zieht als stärkste Partei in die neue Nationalversammlung ein. Bei den Wahlen im Jahre 1925 entfielen auf die Arbeiterliste 43 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die zweitstärkste Partei in der neuen Nationalversammlung, die Revisionisten, haben den stärksten Stimmenzuwachs gegenüber 1925 zu verzeichnen. Während sie 1925 nur 7 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten haben, sind diesmal 20 Prozent aller Stimmen auf die Jabotinsky-Liste entfallen. Diese Stimmengewinne der oppositionellen Parteien gehen auf Kosten der Allgemeinen Zionisten (Ussischkin-Liste), deren Wahlniederlage in Palästina recht bezeichnend ist. Sie zeigt, daß auch im Heiligen Lande die gegenwärtige politische Situation im Zionsmus sich auswirkt, die im zionistischen Lager nur auf das Schuldkonto Weizmanns gesetzt wird, hinter dem die Allgemeinen Zionisten stehen. Ihre Niederlage ist also auch eine Niederlage Weizmanns. Die Wahlbeteiligung betrug im Durchschnitt 60 Prozent, in Jerusalem, wo' insgesamt 9376 Stimmen abgegeben wurden, nur 55 Prozent; stärker war die Wahlbeteiligung in Tel Aviv, wo von 22.000 Wahlberechtigten 17.162 zur Wahl gingen. In Haifa übten von den etwa 10.000 Wahlberechtigten 6773 ihr Wahlrecht aus. Die Agudathlsrael, deren Mitglieder von dem im palästinensischen jüdischen Gemeindegesetz vorgesehenen Recht, jüdische Sondergemeinden zu bilden, Gebrauch gemacht und sich der Knesseth Israel nicht angeschlossen haben, boykottierte die Wahl. Sie hatte Plakate anschlagen lassen, in denen die orthodoxe jüdische Bevölkerung neuerlich an das von der Agudah erlassene Verbot, an der Wahl teilzunehmen, erinnert wurde. Auch die sephardischen Rabbiner forderten in Plakaten die orthodoxen orientalischen Juden auf, der Wahlfernzubleiben, da Wahlbeteiligung im Hinblick darauf, daß auch die Frauen Wahlrecht besitzen, als sündhaft anzusehen sei. Bemerkenswerterweise hat der sephardische Oberrabbiner Jacob Meir diesen Aufruf nicht mitunterzeichnet. Seine Leidenschaft entzündet sich darum in einer. Sphäre, in der Religiöses und Soziales in einer eigentümlichen Verbindung zugleich wirkend enthalten sind. Es liegt ein unüberwindbares rtemmnis vor ihm, in radikaler Weise der Forderung seines sozialen Gewissens zu folgen. Er, Führer des englischen Chemietrusts, Wirtschaftspotitiker und Minister, konservativ bis auf die Knochen (auch als er noch der liberalen Partei angehörte), festgelegt als bewährter Kämpfer gegen alle sozialistischen Tendenzen, — er kann seine Lebensarbeit nicht verleugnen und selbst Sozialist werden. Er kann nicht das tun, was noch sein Vaiter getan hat, der den Arbeitern seiner Werke Kfeinaktien und Gewinnbeteiligung einräumte und für sie Siedlungen baute. Mond fühlt, daß dies nur ein Palliativ wäre, ein unzureichender Notbehelf, nicht zureichend für die Größe seiner inneren Not. So bleibt er starr in seiner sozialen Haltung, Kapitalist von Geblüt und unerschütterlicher Gesinnung, bis endlich eine Bewegung diese Starrheit löst, in deren Reihen er, ohne sein Werk zu verleugnen, endlich die Möglichkeit findet, sozial zu sein. Der Zufall einer politischen Konstellation gab ihm diese Gelegenheit einer Erlösung aus seinem inneren Konflikt Das Unrecht, das er empfand, das Unrecht, mächtig und reich zu sein inmitten darbender und ohnmächtiger Völker, mitten im Krieg, i* „Haus Rothschild Hanns SaBmann ließ seinem „Metternich" einen zweiten Teil folgen, keinen besseren, wie von vornherein festgestellt sei. Hatte Saßmann in seinem ersten historischen Drama den Sieg Metternichs über Napoleon gezeigt, so bringt er in seinem kürzlich im Burgtheater uraufgeiührten Schauspiel die Kapitulation Metternichs vor der Geldmacht auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Hatte er sich im „Metternich" mit einigen jüdischen Episoden begnügt, so stehen im „Haus Rothschild" fünf Juden und eine jüdische Mutter im Mittelpunkt der Handlung. Die Hakenkreuzler hatten sich wegen dieser „Verjudung" zuerst aufgeregt aber nach der Lektüre des Stückes den schon vorbereiteten Sturm abgeblasen. Es stellt ja keine Verherrlichung des Judentums dar. Die literarische Welt hat nach der Premiere feststellen können, daß auch der künstlerische Wert des Stückes kein allzu großer ist. Damit im siebenten Bild auf den Tisch des allmächtigen Metternich geschlagen wird, muß man sich nicht unbedingt acht Bilder lang mehr oder weniger langweilen. Auf diese Möglichkeit wird man billig verzichten können. Auch das Wiener Judentum hätte auf diese Beschäftigung mit semer Geschichte gerne verzichtet Wer hat also noch Freude an diesem Schauspiel? Der Besucher des Burgtheaters, der — von der Handlung absehend — den Genuß einer Aufführung erhielt die sich würdig der Wiedergabe klassischer Werke auf dieser Bühne anreihte. Unrtser der ausgezeichneten Regie von Franz Herterich wurde von jedem einzelnen gespielt, wie eben nur hn Burgtheater gespielt werden kann. glaubte er als englischer Minister wieder gutmachen zu können. Der Zufall gab ihm Gelegenheit sich nicht bewußt werden zu müssen, daß eigentlich soziales Unrecht in weitestem Sinne gemeint war, wenn er von dem Unrecht sprach, das die Welt den Juden zugefügt hat, daß es der Ruf seines eigenen Gewissens war, mit dem er das Gewissen Englands aufrief, dies Unrecht an den Juden wieder gutzumachen, daß er seine eigene Mission meinte, wenn er von der historischen Mission Englands sprach. Das sind, so will uns scheinen, die seelischen Zusammenhänge, die es erklärlich machen, daß Melchett ein Führer des Zionismus wurde. Es war für ihn der Ausweg, der ihm in seinem Gewissenskonflikt allein möglich war. Es ist nicht das Mißlingen der Assimilation (sie ist nicht mißlungen), es sind nicht die Hep-hep-Rufe eines Antisemitismus (die er nicht erlebt hat), es ist keine nationale Not (die er nicht kannte, Engländer von Bekenntnis und Haltung) — es ist die Erschütterung seines jüdischen Gewissens. Der Ethos des Judentums trägt auch ihn, die soziale Forderung des Judentums steht, auch vor ihm: er beugt sich der Forderurig, er beugt sich dem Ethos, er stirbt als Jude, auch wenn er als Engländer gelebt hat. Mauritius Kahn. Jüdische Wirtschaftsnot in Holland. Der überwiegende Teil der Juden Hollands leidet schwer unter der herrschenden Wirtschaftskrise. Die jüdischen Gemeinden und Wobifahrtsgesellschaften haben sich daher veranlaßt gesehen, besondere Notstandsmaßnahmen zu treffen. Einigermaßen gesichert ist bloß die Lage der öffentlichen Angestellten und der Beamten der jüdischen Gemeinden. Nur 1 Prozent der Juden sind öffentlich angestellt obwohl die Juden in Holland 2 Prozent, in der Stadt Amsterdam sogar 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Das Einkommen der Angehörigen der freien Brufe, wie der Aerzte, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Berufe, in denen die Juden stark vertreten sind, ist beträchtlich gesunken. Besonders schwer ist durch die Wirtschaftkrise der holländische Handel betroffen, in dem der überwiegende Teil der Juden Hollands tätig ist Der Hausierhandel in Amsterdam ist, abgesehen von dem Lumpenhausierhandel, einem völlig jüdischen Berufszweig, zu 31.6 Prozent in jüdischen Händen. Unter den Angehörigen dieser Berufszweige herrscht vielfach die bitterste Not Der fortschreitenden Verelendung tritt einigermaßen die von A. B. Davids begründete Gewerbeschule entgegen, die, obwohl keine konfessionelle Schule, hauptsächlich von jüdischen Kindern besucht wird. Hier werden jüdische Kinder aus jenen Schichten, aus denen sich hauptsächlich der Hausier- und Straßenhandel rekrutiert in produktiven Berufen ausgebildet Die Diamantenindustrie, ein früher rein jüdischer Berufszweig, ist heute nur noch zur Hälfte in jüdischen Händen. Die Arbeitslosigkeit in diesem Beruf ist außerordentlich groß. Es gibt derzeit etwa 2000 arbeitslose jüdische Diamantenschleifer. Vor kurzem wurde in Amsterdam eine Beratung der Vertreter sozial-philantropischer Gesellschaften abgehalten, die im Hinblick auf den beginnenden Winter Notaktionen einleiten wollen. Es wurde gemeinsam mit dem jüdischen Frauenrat eine Kleiderkammer gegründet die Bedürftige mit Kleidern und Wäsche versorgen sott. Die Wohltätigkeitsvereine in Amsterdam, im Haag, in Rotterdam und in anderen Städten, werden, ebenso wie die Armenräte, ihre Tätigkeit verstärken. So werden z. B. in Amsterdam allein durch den holländischen jüdischen Armenrat etwa 1000 Familien Unterstützungen erhalten, an 600 Familien werden zu Pessach unentgeltlich Mazzoth verteilt werden. Auch die Stadtgemeinde Asmterdam hat eine großzügige Notstandsaktion eingeleitet Neben Geldunterstützungen und Kleiderverteilung werden auch städtische Ausspeisungen durchgeführt werden, wobei auf die jüdische Bevölkerung durch Sonderbereitung ritueller Speisen Rücksicht genommen werden wird. Die wirtschaftlichen Aussichten in Holland in der nächsten Zukunft werden in Holland selbst äußerst ungünstig beurteilt Besonders der Diamantenindustrie hat erst vor kurzem Senator Henri Polak, der Präsident des allgemeinen holländischen Diamantenarbeiterverbandes, eine düstere Prognose gestellt .3. >g-jaa

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