Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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aelte t DIE WABRHEil auch der Hauptschlager, mit dem die Revisionisten gegen die geplante Verschiebung des Kongreßtermines Stellung nehmen. Sie drohen mit allen möglichen Gewaltmitteln, wenn ihr Wunsch, daß endlich reiner Tisch gemacht werde, nicht dadurch berücksichtigt wird, daß es beim angegebenen Kongreßtermin bleibt. Werden sich die derzeitigen zionistischen Führer durch diese Drohungen einschüchtern lassen? Sie wissen sehr gut, warum sie für eine Verschiebung des Kongreßtermines sind. Zu viel steht für sie auf dem Spiel, oder eigentlich zu wenig, zu wenig Geld. Und wenn dieser Bankrott in nackten Ziffern auf dem Karlsbader Kongreß bekannt wird, dann ist es mit ihrer Macht zu Ende. Da verhandeln sie lieber hinter .geschlossenen Türen darüber, ob man nicht diese Türen für längere Zeit geschlossen halten soll, damit die jüdische Oeffentlichkeit nicht allzu viel von dem Judenstaatskrach erfährt. Spectator. Die jüdische Not sitioneile Zipnisten nun <iie Schuld auf die „Unwissenheit der Neulinge" schieben wollen. Was nützt aber alle Kenntnis von den Gründen, die Kassen sind nun einmal leer, so leer, daß die Exekutive der Jewish Agency im Hinblick auf die außerordentlich schwierige Finanzlage die Palästina-Aemter angewiesen hat, die weitere Verteilung von Arbeitereinwanderungszertifikaten einzustellen. Es wird somit ein großer Teil der anfangs November von der britischen Regierung ausgegebenen 1500 Arbeiterzertifikate vorläufig nicht ausgenutzt werden. Die Ausgabe von Zertifikaten soll erst wieder aufgenommen werden, bis genügende Mittel zur Verfügung stehen, um die Einwanderer sofort nach ihrer Ankunft mit Arbeit versorgen zu können. Man stelle sich die Situation einmal vor! Im Herbst vorigen Jahres erregte die Verfügung Englands, wonach die Einwanderung nach Palästina zeitweilig gesperrt wurde, einen gewaltigen zionistischen Proteststurm. Und nun, da die Einwanderung wieder gestattet ist, kann die protestierende Jewish Agency die ihr bewilligten Zertifikate gar nicht ausnützen, weil sie — kein Geld hat. Eine größere politische Blamage hat es wohl seit langer Zeit nicht mehr gegeben. Es ist nicht Schadenfreude, die uns zu dieser Feststellung veranlaßt, wir fühlen mit den Armen, die vor den Toren Palästinas diese Tore versperrt finden, weil ihren Führern die goldenen Schlüssel zur Oeffnung der verschlossenen Pforten fehlen. Nun hat Ratlosigkeit die Verantwortlichen ergriffen. Am 15. d. M. hat in London eine außerordentliche Tagung des zionistischen Aktions-Comitees begonnen, deren Ausgang man in zionistischen Kreisen mit größter Spannung entgegenblickt. In geschlossener Sitzung — also wieder Geheimdiplomatie — wird sich das Aktions- Gomitee außer mit der kritischen Finanzlage auch mit der Frage einer Verschiebung des Kongresses zu befassen haben. Alle möglichen und unmöglichen Gründe werden von Seiten derer um Weizmann für diese Verschiebung ins Treffen geführt. Die Verhandlungen mit der englischen Regierung, die in der Vorwoche wieder aufgenommen wurden, werden, so sagen sie, bis Ende Februar kein günstiges Resultat bringen. Die heiß ersehnten Amerikaner werden zu dieser Zeit in Karlsbad nicht stark genug vertreten sein. Eine Tagung mitten in der Saison würde die Sammlungen für Palästina ungünstig beeinflussen, deren Ergebnis ohnehin sehr dürftig ist. Alle diese Argumente waren den zionistischen Führern ja schon bekannt, als sie vor einem Monat den Kongreßtermin festsetzten, weil die innere Situation im Zionismus eine Klärung dringend erforderlich machte. Das ist Feuilleton Ein Jade stirbt. Zum Tode Lord Meichetts. Versuch einer Deutung. Ein Jude stirbt. Ueber den Nekrologen steht kein jüdischer Name, keiner aus dem Wurzelwerk seines Stammes. Er stirbt, und mit ihm stirbt sein Judesein. Was bleibt, ist. ein fremder Titel. Der wird sich vererben, aber wer mag wissen, wie lange die Erben noch Juden sind. Ein Mann stirbt, jüdischen Stammes, deutschen Geblütes, englischer Würde. Es bleibt das Bild eines ünwjederholbaren Schicksals. Von Alfred Moritz Mond ist ein weiter Weg zu dem Lord Melchett of Langford; es ist ein kurzer Weg zurück von dem englischen Lord zu dem Juden. Der erste umfaßt die Spanne von zwei Generationen, der zweite, den Augenblick, in dem das Gewissen erwacht. Zwei Generationen Arbeit sind .nötwendig, um zu Ansehen, Macht, Reichtum zu kommen; ein einziger Augenblick entscheidet, ob man', aus der Höhe einer sozialen Position herabsteigt in die Tiefen des Menschentums, ein Augenblick entscheidet ob: das menschliche Die Wirtschaftskrise schreitet weiter fort, ihr Ende ist gegenwärtig nicht abzusehen, zumal die Stagnation nicht eine auf Oesterreich beschränkte ist, sondern fast alle Länder des europäischen und nun auch amerikanischen Kontinents ergriffen hat. Besonders kritisch ist die Situation in D e u t s c hr land, und wie in unserem Lande sind auch im Reiche die Juden sehr schwer durch die Wirtschaftsnot, betroffen. In der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung" stellt Günther Stein eine längere Betrachtung über die Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit unter den deutschen Juden an. Aus den Schlußsätzen des Artikels, die hier wiedergegeben seien, geht die ganze Tragik der momentanen Lage der Glaubensbrüder im Reiche hervor; man wird hier eine Situation geschildert sehen, die unserer leider nur zu ähnlich ist. „Das Schicksal der deutschen Juden", schreibt Günther Stein, „ist ein trauriges, ein sehr trauriges. Sie haben nicht nur mit den anderen Teilen des deutschen Volkes die großen Schwierigkeiten der Zukunft zu tragen, sondern ihr Anteil an Not und Sorge wird offenbar sehr viel größer werden, als es dem zahlenmäßigen Gewicht der jüdischen Gruppe in der deutschen Volksgemeinschaft entspricht Wir stellten fest daß die Juden als eine hauptsächlich im Mittelstand verankerte Volksschicht von der gegenwärtigen Krise ganz besonders stark betroffen wurden. Da dieser Mittelstand aber auch weiterhin das hauptsächliche Angriffsziel weiterer Krisen sein wird, so bedarf es. weder seherischer Begabung noch-besonderer Skepsis; um vorauszusehen, daß aus-rein wirtschaftefrukturdlen Gründen das Judentum in seiner wirtschaftlichen Existenz weit mehr gefährdet ist als andere Völksteile. Zum Wirtschaftlichen aber kommt das Psychologische hinzu. Lange Wirtschaftskrisen bei kurzen und ungenügenden Aufwärtsbewegungen der Konjunktur, Systemkrisen, aus denen sich nicht leicht ein Ausweg zeigen läßt, soziale und außenpolitische Spannungen — alles dies ist der ideale Nährboden für den Antisemitismus. Ünd es wird nicht einmal der Errichtung des „Dritten Reiches" bedürfen, um den latenten wie den. akuten Antisemitismus zu einer immer größeren wirtschaftiiehen Gefahr für das Judentum zu machen. Schon heute ist in manchen Wirtschaftszweigen, wie zum Beispiel im Sein wesentlich ist oder nur Wirtschaft und Politik. Es scheint uns jüdisches Schicksal zu sein, einen solchen Augenblick zu erleben. Es scheint uns das Erwachen des Gewissens in der gewissenlosen Dynamik der Zeit und der Wirtschaft das Erlebnis des tragenden Ethos, die elementare Notwendigkeit sich moralischer Forderung zu unterwerfen, — es scheint uns, daß diese Geöffnetheit und Erschütterung des einzelnen, die ihm die verpflichtende Verbundenheit mit seiner Gemeinschaft zeigt daß die treibenden Urkräfte solchen Menschentums aus jüdischem Wesen geboren sind. Auf dem Schicksalsweg des Lord Melchett sind in seltener Plastik diese Formelemente, des jüdischen Schicksals ausgebüdet. Dieser Weg ist wert, nachgegangen zu werden. Lord Melchett war so wenig Lord, wie es je ein Jude hat sein können. Es ist von tiefer Symbolik, daß das Judentum keine Titel kennt; die jüdische Hierarchie bestimmt sich nicht nach Rang und Geltung, sondern nach der Tiefe der Verbundenheit zum Göttlichen, nach der Klarheit der Erkenntnis, nach dem Wirken guter Taten. Trotz seines Judeseins ist Alfred Mond Lord geworden! Diese Wandlung zeigt deutlich nicht nur die Möglichkert sondern die vollendete Tatsache der für Melchett geglückten Assimilation: Glück und Ver¬ Bankwesen, den Juden ein wirtschaftlicher Aufstieg größeren Ausmaßes fast unmöglich gemacht und in mancher Bank, an deren Spitze heute noch ein großer jüdischer Name steht wird für die Zeit .dieser Generation wohl nie wieder ein Jude über den Depositenkassenvorsteher hinaus, wenn überhaupt auch nur annähernd so weit vordringen. Aehnlich ist es in allen Wirtschaftszweigen, in denen die Konzentration stark fortgeschritten ist Man denke nur an die chemische Industrie, die J. G. Farben zum Beispiel. Und es gibt heute schon Tausende und Abertausende, die das Schicksal der Arbeitslosigkeit noch nicht ereilt hätte, wären sie nicht Juden. Das Judentum steht vor einer immer weiteren Proletarisierung — und es wird sich dieser Tatsache bewußt werden müssen, wenn es sein Gewicht im öffentlichen Leben richtig einsetzen will!" * * * Die deutschen Juden lassen sich aber von der Not der Zeit nicht unterkriegen, sie arbeiten .da-, gegen mit Maßnahmen, deren Anwendung auch bei uns in Oesterreich recht opportun wäre. Auf unsere speziellen Verhältnisse eingeschränkt, wäre z. B. die Berücksichtigung so mancher jener Vorschläge erwägenswert welche der Vorsitzende der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Herr Rabbiner Dr. B a e c k, in einem Rundschreiben an die der Zentralwohlfahrtssteüe angeschlossenen Gemeinden und Organisationen gemach hat: „Der andauernde wirtschaftliche Notstand stellt die jüdische Wohlfahrtspflege überall vor große, schwere Aufgaben und gefährdet zugleich ihren so dringend notwendigen weiteren Ausbau. Angesichts dieser Lage arschednt es geboten, auf die für unsere Arbelt maßgebenden Tatsachen hinzuweisen: 1. Für die Gesamtheit der jüdischen Wohlfahrtspflnge muß gelten: Nicht Abbau, sondern Verstärkung aller Leistungen. Die Sachverständigen des Reiches, der Länder und der Gemeinden wie der freien Wohlfahrtspflege stimmen darin überein. daß die von den besten Fachkräften geleistete Arbeit in allen Gebieten dar Fürsorge zugleich die zweckmäßigste und sparsamste ist. Dies bedeutet, bei voller Würdigung des Wertes der ehrenamtlichen Arbeit, daß nirgends die ausgebildete, hauptberufliche wohlfahrtspflegerische Kraft entbehrt werden kann. 2. Im gegenwärtigen Zeitpunkt besteht die erhöhte Notwendigkeit zu genauester Durchordnung der Arbeit Jedes auch nur teilweise Leerstehen von Anstalten und Heimen muß zur Prüfung Anlaß geben, ob die Möglichkeit einer Vereinigung und dadurch sparsamerer und besserer Arbeit besteht. Auch vor jeder Neueinrichtung pflichtung zugleich, Erringen äußerer Fülle und die Gefahr inneren Verlustes. Die seltsame Wechselwirkung zwischen dieser äußeren Fülle und dem inneren Mangel, ihr Zusammenbestand in einem gefährlichen und gefährdeten Gleichgewicht: das ist eines der spezifischen Kennzeichen nicht nur des jüdischen Charakters, sondern auch des jüdischen Schicksals. Alle Anwürfe gegen das Judentum gehen von dem Mißverständnis über diese seelische Artung des Juden aus: seine Fähigkeit des Eningens äußerer Güter wird ihm zum Vorwurf gemacht, und es wird dabei übersehen, daß keiner so tief an dem Mangel an Innerlichkeit leidet wie der Jude selbst. Es wird übersehen, daß aus solchem Leiden zugleich der Quell der Leidenschaft religiösen Erlebens und auch die Leidenschaft des Mitleids entspringt, die für den Juden und seine Haltung zur Welt so sehr eigentümlich sind. Das sind, in Andeutung, die schon überpsychologischen Hintergründe, auf denen die Rückkehr des Lord Melchett zum Judentum sich vollzog.' In seinem Fall gab es keine Möglichkeit einer Rückkehr ins Religiöse; sein Fall spielt rricht im Osten, sondern im Westen Europas. Die Inbrunst seiner Zerrissenheit mußte eine rationale Zensur passieren, an der er kraft Bildungsgang und Miheu not-, wendig festhalten muß. Mond konnte weder Revolutionär noch Sektierer werden.