Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen » Erscheint jeden Freitag BRillM^ Reoantion ui>d Administrator»: Wien U.. Heimsuaßr 13 mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien tt < ^K->. ■ ,:; s&z&ty TtUphor, K 46-L-16 XLVI1. Jaftrgang Wien, 16. Jänner 1931 Nummer 3 Rundum denRemarque-Film Von Dr. Ernst Feldsberg. Nie wieder Krieg — das war wohl die Ueberzeugung aller Menschen, die die Greuel des Weltkrieges miterlebt haben. N i e wieder Krieg sollte für alle Zukunft das Losungswort aller Kulturmenschen sein. Nie wieder Krieg sollte die Forderung aller Wirtschaftskreise sein, die den Niedergang und den Zusammenbruch einer Wirtschaft selbst miterleben mußten. NiewiederKrieg muß aber auch die Parole der Jugend sein, die nicht selbst die Kriegsgreuel gesehen, sondern nur aus der Ferne deren grausames Echo gehört hat. Allen Menschen muß die Forderung nach dem Pazifismus, der Ruf „Nie wieder Krieg" in Fleisch und Blut übergehen. Wie kann man aber den Menschen, die die Kriegsgreuel, die rasende Furie der Vernichtung nicht selbst sahen, das Unglück des Krieges besser vor Augen führen, als wenn man sie im Geist all das miterleben läßt, was so viele Menschen miterleben mußten? Es ist notwendig, daß durch die Darstellung der Kriegsgreuel dem Pazifismus und der Friedensidee ein Weg gebahnt werde, den alle Menschen beschreiten müssen. Remarque hat in seinem Werk „Im Westen nichts Neues" versucht, den Krieg in einer Weise darzustellen, daß sein Werk trotz des von reaktionärer Seite geführten Kampfes heute als Friedenswerk das Gemeingut der Kulturwelt geworden ist. Wieviele gibt es aber, die dieses Werk bisher nicht gelesen haben, wie viele gibt es, die dieses Werk nicht lesen wollen. Auch ihnen muß der Geist dieses Werkes vermittelt werden, und dies geschieht wohl am besten in der Weise, wenn man es verfilmt und in der kurzen Spanne Zeit von zwei Stunden den Inhalt dieses Werkes vor den Augen der Menschen abrollen läßt. Dieses Kulturwerk, dieses Friedenswerk darzustellen, wurde in Oesterreich verboten! Das Verbot erfolgte nicht vielleicht aus dem Grunde, weil wir Oesterreicher die notwendigen Konsequenzen aus dem Kriege nicht ziehen wollten; dieses Verbot erfolgte nicht aus dem Grunde, weil wir die Notwendigkeit des Pazifismus nicht erkennen, sondern das Verbot erfolgte, weil unverantwortliche Elemente es nicht dulden wollen, daß Frieden in diesem Lande herrscht und daß die Friedensidee zum Gemeingut aller Menschen werde. Wer Gelegenheit hatte, die Tumulte um das Schwedenkino zu sehen, in dem dieser Film aufgeführt wurde, der mußte erkennen, daß es sich hier nicht um eine Kundgebung der Wiener Bevölkerung, nicht einmal eines Bruchteiles dieser Bevölkerung handelte, sondern um die Gewalt- und Radaupolitik eines kleinen Kreises von Menschen, die gerade dadurch, daß man ihnen nachgibt, in ihren Ideen gefördert und gestärkt werden. Es ist eine traurige Tatsache, daß es in unserem Staate möglich ist, durch Radaupolitik auf der Straße Behörden zu zwingen, Verfügungen zu treffen, die nichts anderes bedeuten als eine Kapitulation vor der Straße. Man muß aber, wenn man in Oesterreich lebt und die Verhältnisse kennt, zur Ueberzeugung kommen, daß es sich in dem Kampf gegen den Remarque-Film nicht einmal darum gehandelt hat, den Film zu bekämpfen, sondern daß ganz andere Beweggründe zu diesen unliebsamen Ereignissen geführt haben. Der Nationalismus hat in Oesterreich kein Betätigungsfeld. Die alte österreichisch - ungarische Monarchie ist zerfallen, die Nationalitäten sind getrennt und es gibt in Oesterreich nur Deutsche. Welchen Idealen soll nun eine nationale Bewegung dienen? Es muß also künstlich etwas geschaffen werden, für das die Anhänger der Partei gewillt sind, einzustehen. Wenn man in Erwägung zieht, daß die schwere Wirtschaftskrise den besten Dünger für ein so obskures Arbeitsfeld bietet, dann wird man begreifen, daß es sehr leicht ist, zum Kampf für oder gegen wen immer aufzureizen, wenn man dadurch nur den ohnehin überreizten Gemütern der Menschen Gelegenheit bietet, sich austoben zu können. Es ist daher nur zu verständlich, daß der Kampf gegen den Remarque-Film auch zur Judenfrage wurde. Es ist bekannt, daß das Werk Remarques gar nichts mit dem Judentum zu tun hat, und doch waren die Krawalle, die sich vor dem Schwedenkino abspielten, nichts anderes als antisemitische Kundgebungen. Man muß aus allen diesen Kundgebungen die Lehre ziehen, daß es hier um einen systematischen Kampf geht, der so wie in Deutschland gegen Juden geführt wird. Das Verbot des Remarque- Films muß alle Juden zum Nachdenken veranlaßt haben. Wenn es möglich ist, daß einige erhitzte Elemente bei der Polizei es durchsetzen können, daß dieselbe auch gegen ihren .eigenen Willen den Forderungen dieser Leute nachgibt, dann wird zu erwägen sein, ob nicht den Forderungen solcher Menschen auch bei anderen uns Juden wirklich wichtigen Anlässen nachgegeben werden wird. Man darf nicht übersehen, daß auch versucht wurde, Stimmung gegen das im Burgtheater zur Aufführung gelangte Stück „Haus Rothschild" zu machen, und man darf nicht übersehen, daß in öffentlichen Blättern mitgeteilt wurde, die nationalsozialistische Partei werde nichts gegen das Stück unternehmen, weil sie festgestellt habe, daß es einerseits keine Verherrlichung des Judentums und anderseits keine Verunglimpfung des Deutschtums wäre. Es wäre also vielleicht schon notwendig, als oberste Zensurbehörde dieses Staates nicht die vom Gesetze geschaffenen Institutionen, sondern eine politische Partei zu betrachten! Ernste Erwägungen sind es, die jeden Juden, wie immer er auch zum Judentum eingestellt sein möge, zwingen müssen, die Frage zu prüfen, ob es weiter angeht, als Jude allen diesen Ereignissen indolent gegenüberzustehen. Ich glaube — und das ist wohl die Ueberzeugung aller, auch derjenigen, die sonst vom Judentum nichts wissen wollen, — daß Gefahr besteht, daß der deutsche Boykott zum österreichischen Boykott werde. Wenn auch heute gerade den Juden in prominenten wirtschaftlichen Stellungen durch Wirtschaftsboykott u. dgl. keine Gefahr zu drohen scheint, so ist damit doch für diese Juden die Gefahr nicht beseitigt, weil ihre Kinder einst vergebens werden gegen die Ausschließungstaktik der antisemitischen Elemente anzustürmen versuchen. Es gibt heute keine Möglichkeit, sich der in Wien latenten jüdischen Frage zu entziehen und es müssen alle Juden endlich sich aufraffen und bekennen, daß sie Juden sind. Dieses Bekenntnis muß vor allem darin bestehen, mitzuarbeiten und mitzukämpfen an der Erhaltung der blutig erkämpften Gleichberechtigung und mitzuwirken in dem schweren Kampfe zur wirklichen Eroberung des durch das Gesetz gewährleisteten gleichen Rechtes alier Juden. Wenn die Aufführung des Remarque-Films „Im Westen nichts Neues" unsere Wiener Judenschaft aufgerüttelt hat, auf der Wacht zu sein zur Erhaltung ihrer Rechte, dann ist dieser Film nicht umsonst auch nur zwei Tage in Wien aufgeführt worden. Kein Geld in den Kassen... Zu der schweren politischen Krise, die den Zionismus in der letzten Zeit erschüttert, ist nun auch ein völliger finanzieller Zusammenbruch hinzugekommen. Die Hoffnungen, die mau in die Erweiterung der Jewish Agency setzte, haben sich in materieller Hinsicht nicht verwirklicht. Nicht aus Verschulden der nichtzionistischen Partner, sondern aus Gründen, die außerhalb des ehrlichen Willens dieser Kreise zur Mitarbeit am Palästinawerk liegen..Die Weltwirtschaftskrise hat natürlich auch die ehedem recht Kapitalskräftigen erfaßt, die zu helfen gesonnen waren und auch der jüdischen Not steuerten, wo immer sie auftrat. So hielten es insbesondere die amerikanischen Juden, die in den Jahren nach dem Weltkriege Grandioses zur Linderung jüdischen Elends in allen Teilen der Welt leisteten. An diese Glaubensbrüder dachten auch vor allem die Zionisten, als sie die Agency erweiterten. Aber Amerika ist selbst bedeutend ärmer, die Anforderungen, die an den Edelmut seiner Juden gestellt werden, sind wesentlich größer geworden, und unter diesem Zwiespalt hatte neben anderen jüdischen Welthilfsaktionen auch der Palästina- Aufbau zu leiden. Bedenkt man noch, daß knapp nach der Erweiterung der Agency die Palästina-Unruhen schwere Notopfer erforderten, so hat man ungefähr die Gründe zusammengestellt, die zur Verschlechterung der zionistischen Finanzlage geführt haben. Sie war ja nie eine gute, eine gewisse Generosität bei der Bemessung verschiedener zionistischer, insbesondere politischer Posten hat zu einer gewaltigen Steigerung der Ausgabenseite des zionistischen Budgets heigetragen, der auf der Einnahmenseite nur recht geringe Eingänge ans den diversen nationalen Fonds gegenüberstanden. Die Ursachen des finanziellen Zusammenbruches sind also reche klar, wenn auch oppo-