Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Veröffentfidjungen der Union beutsdßösterreidjisdjer Juden. Der Vizepräsident der „Union deutschösterreichischer Juden", Herr Hofrat Ing. Josef Löwy, wurde Montag, den 5. d. M., einer schweren Operation unterzogen. Sein Befinden gibt leider 7.u Besorgnissen Anlaß. * Die von einem Wiener Montagblatte gebrachte Mitteilung, daß die „Union d e u t s c h ö s t e rreichischer Juden" deputativ bei der Polizei wegen Verlegung der Filmvorführung „Im Westen nichts Neues" aus der Leopoldstadt vorgesprochen hätte, entspricht nicht den Tatsachen. Eine solche Vorsprache hat vielmehr nie stattgefunden. I Prof. Dr. Theodor Nöldeke. | Vor kurzem starb Prof. Dr. Theodor Nöldeke im hohen Alter von 94 Jahren. Der Name dieses hervorragenden Gelehrten ist den österreichischen Juden vor allem aus dem berühmten Ehrenbeleidigungsprozeß bekannt, den vor fast einem halben Jahrhundert Prof. Dr. August Rohling gegen den unvergeßlichen Apologeten des Judentums, Rabbiner Dr. .1. S. Bloch, anstrengte. Rabbi Bloch harte bekanntlich in der „Wiener Morgenpost" öffentlich erklärt, daß Rohling mit seinem Anbot, vor Gericht zu beeiden, daß die Juden Christenblut zu Religionszwecken gebrauchen, sich zu einem Meineid angeboten habe. Rohling glaubte sich seiner Sache sicher und brachte gegen Dr. Bloch die Klage beim Wiener Landesgericht ein. Dieses Gericht wandte sich an fünf hervorragende christliche Orientalisten mit der Anfrage, ob sie bereit seien, ein Gutachten zu dieser Sache abzugeben. Nur Nöldeke erklärte sich kurz und bündig zur Uebernahme dieser Arbeit bereit. Neben ihm fungierte dann auch Professor: August Wünsche, der bekannte Dresdener Orientalist, als Sachverständiger in dem sensationellen Prozeß, der die Aufmerksamkeit der höchsten Kreise erregte; sogar der Vatikan verlangte von seiner Wiener Vertretung laufende Berichte. Nöldeke hatte nicht weniger als vierhundert hebräische Textstellen zu übersetzen und aufzuklären. Er, der nicht gerade als Freund der Juden galt, unterzog sich seiner Arbeit mit größter Gewissenhaftigkeit und gab ein Gutachten ab, das für Rohling wahrhaft vernichtend war. Da Nöldekes Unbefangenheit niemand anfechten konnte, mußte Rohling knapp vor der Verhandlung seine Ehrenbeleidigungsklage zurückziehen. Das Judentum verdankt also Nöldeke einen wichtigen Sieg der Gerechtigkeit über einen seiner ärgsten Widersacher; es wird sein Andenken stets in hohen Ehren zu halten wissen. * In diesem Zusammenhange sei vermerkt daß in einer Wiener Tageszeitung vor kurzem ein ausführliches Gespräch unseres Mitarbeiters Chaim Bloch mit dem derzeit in Salzburg lebenden hochbetagten Prof. August Rohling erschienen ist. Den Mitgliedern der „U n i o n" waren Details dieses interessanten Interviews bereits seit längerer Zeit bekannt. Rabbiner Josef Babad. Dienstag, den 6. d. M., um halb 12 Uhr mittags, fand im Sitzungssaale der Kultusgemeinde die Vorstellung und Amtseinführung des als Mitglied des Rabbinatskollegiums (Rosch Beth-Din) berufenen Herrn Rabbiner Josef Babad statt Rabbiner Babad war schon bei seiner Ankunft in Wien Gegenstand . herzlicher Begrüßung. Der feierlichen Amtseinführung wohnten der gesamte Kultusvorstand, viele Gemeinderabbiner, die meisten Obmänner der Bezirkskommissionen, Vertreter der Bethausvorstände und ein zahlreiches Publikum bei Präsident Prof. Dr. A. Pick begrüßte den von Rabbiner Dr. A. Feuchtwan« in den Sitzungssaal geleiteten neuen Rosch Beth-Din mit herzlichen Worten und gab der Freude der Gemeinde Ausdruck, daß diese für ihr Rabbinatskollegium in Rabbiner Babad einen Mann gewonnen habe, dem ein so guter Ruf vorausgehe und dessen großes Wissen und besondere Charakterstärke man in weitesten Kreisen rühme. Rabbiner Babads Persönlichkeit wächst und wird zu einer eindrucksvollen, interessanten Erscheinung in dem Augenblicke, in dem er zu sprechen beginnt und seine tiefen Gedanken in seinem gewählten Deutsch zu Worten formt. Er zieht sofort seine Zuhörer in seinen Bann. Die Inhaltstiefe und die Formvollendung seiner Rede erregten Bewunderung und Sensation. Es gab nur eine Stimme der Anerkennung und des Dankes iür jene Männer, die im Bewußtsein ihrer hehren Pflicht diese vortreffliche Wahl getroffen haben. Rabbiner Babad führte in seiner Rede, der die Anwesenden mit großer Spannung folgten, ungefähr folgendes aus: „Ich bin dem Rufe der ehrwürdigen Wiener Kultusgemeinde mit großer Freude und höchster Genugtuung, aber auch bangen Herzens und mit tiefster Sorge gefolgt. Mit Freude und Genugtuung, weil mir dadurch Gelegenheit geboten wurde, in einer Gemeinde zu wirken, in der ein so reges jüdisches Leben pulsiert und in der so viele hervorragende Leuchten des Judentums gewirkt haben. Aber es entstand auch in mir die bange Frage, ob ich das Vertrauen, das mir dadurch entgegengebracht wird, daß mir ein so hohes Amt in dieser Gemeinde verliehen wurde, auch rechtfertigen werde. Ich erblicke jedoch in dem Rufe, der gerade an mich ergangen ist, eine Fügung Gottes, der mir hoffentlich auch die erforderliche geistige und physische Kraft für mein Amt geben wird." Nachdem Rabbiner Babad dem Präsidium und Kultusvorstand den herzlichsten Dank für die Berufung ausgesprochen, entwickelte er sein P r ogramm, das er wie folgt skizzierte: Das Judentum ist nicht nur gleich den anderen Religionen eine Seins- Lehre, sondern vorzüglich eine Soll- Lehre, das alle Erscheinungen des Lebens in seinen mannigfaltigsten Formen erfaßt. Ein Gesamtprogramm zu geben, ist daher nicht gut möglich. Rabbiner Babad streifte denn auch nur verschiedene Details aus dem großen Aufgabenkreis, der ihm überantwortet ist. Er bekannte sich als Anhänger des gesetzestreuen Judentums und führte als wesentlichen Teil der Aufgaben des Rabbinatskollegiums an, daß die gesetzestreuen Juden wissen müssen, daß Ritus und Kasclirus in sicheren- Händen geborgen seien und daß ihre diesbezüglichen Wünsche stets mit dem nötigen Nachdruck verteidigt werden würden. Auch auf sozialem und ethischem Gebiete habe der Rabbiner so manches zu leisten, er habe wiederholt Gelegenheit auf das private, insbesondere das Familienleben Einfluß zu üben, und von seinem Takt hängt oft Gück oder Unglück einer Familie ab. Er kann so mithelfen, daß das alte Ideal echt jüdischen Familienlebens erhalten bleibt Eine wichtige Aufgabe ist die Verbreitung jüdischen Wissens und der erzieherische Einfluß auf die Jugend. Rabbiner Babad bezeichnete es als überaus notwendig, daß die Gemeinde den Thorajüngern, den Rabbinern der nächsten Zukunft, beratend und ermunternd zur Seite stehe. Nachdem Rabbiner Babad so in großen Umrissen sein Programm enwickelt hatte, das allgemeine Zustimmung fand, beschäfte er sich im letzten Teil seiner gediegenen Rede in interessanter Weise mit dem Problem „Masse oder Individuum". Er kam zu dieser Fragestellung, die er mit vielen biblischen und talmudischen Zitaten behandelte, indem er von dem Gedanken ausging, ob die Wirksamkeit eines Rabbiners von der Gemeinde abhänge oder ob der Rabbiner die Gemeinde beeinflussen müsse. Seine interessanten Ausführungen zu diesem Thema gipfelten in der Anführung des Gebotes: „Liebet Wahrheit und Frieden!" Das, vollendete Rabbiner Babad seine mit großem Beifall aufgenommene Rede, gehört vor allem zum Programm des Rabbiners. Dann wird er Vertrauen einflößen und Vertrauen gewinnen können. Er bat die Gemeinde und ihre Mandatare um ihre Unterstützung und erflehte schließlich den Segen Gottes für die altehnvürdige Wiener Kultusgemeinde. Präsident Prof. Dr. Alois Pick dankte Rabbiner Babad für seine gehaltvollen Ausführungen, in denen er eine so ideale Auffassung von den Pflichten des Rabbiners bekundet habe, und schloß hierauf die eindrucksvolle Versammlung. Ins Das jüdische Hau»! Blatt! VonWodie zu Woche Marranen gründen eine Jeschiwah in Oporto. Auf Einladung eines in Amsterdam zu dem Zwecke, den portugiesischen Marranen die Rückkehr zum Judentum zu erleichtern, gebildeten Komitees hat sich Rabbiner Baruch Ben Jacob aus Saloniki nach Oporto begeben, um die dortigen Marranen mit jüdischer Lehre und jüdischen Gebräuchen vertraut, zu machen. In einem an einen Freund in Saloniki gerichteten Brief schreibt Rabbi Ben Jacob: In OportOr der bedeutendsten Stadt im nördlichen Teile von Portugal ist jetzt, zum ersten Male seit der vor mehr als 400 Jahren erfolgten gewaltsamen Bekehrung der portugiesischen Juden zum Christentum, eine Synagoge im Bau. Es gibt dort eine kleine jüdische Gemeinde von sieben jüdischen Familien aus Polen und 12 Marranen- Familien. Besonders hoffnungsvoll für die Entwicklung der Rücktrittsbewegung unter den Marranen muß die vor kurzem erfolgte Gründung einer Jeschiwah in Oporto stimmen, die unter dem Namen „Rosch Pinah" von sieben marranischen Rabbinatskandidaten ins Leben gerufen wurde. Die Hörer dieser Jeschiwah, die aus von zahlreichen Marranen bevölkerten nordportugiesischen Dörfern stammen, werden nach Vollendung ihrer Studien in ihre Heimatsorte zurückkehren, um die jüdische Lehre unter den Marranen, die zum Judentum zurückzukehren beabsichtigen, zu verbreiten. Aus der jüdischen Zeitungswelt. Zürich, 2. Jänner (J. T. A.). Am 4. Jänner 1901 kam die erste Nummer des ersten Jahrganges des „Israelitischen Wochenblattes für die Schweiz" heraus; die Zeitung trat somit Anfang: Jänner 1931 in den 30. Jahrgang. Die ersten Herausgeber des Blattes waren Rabbiner Dr. L i 11 m a n n und Dr. phil. David S t r a u s s. Die Zeitung wurde dann lange Zeit von Herrn Weinbaum redigiert. Nach dessen Ableben übernahm Herr Dr. Erich Marx die Redaktion. Aus Anlaß des Jubiläums erscheint Nr. 1 des Jahrgangs 1931 des „Israelitischen Wochenblattes für die Schweiz" in festlichem Gewände. In dem einleitenden Aufsatz heißt es u. a.: „Die Zeitung hat aus kleinen Anfängen heraus sich stetig fortentwickelt Wie bescheiden sieht der erste Jahrgang aus. Ein kleines Häuflein jüdischer Seelen in der Schweiz war es damals, heute gewiß schon über die 20.000. Unsere Gemeinden sind groß geworden. Das ..israelitische Wochenblatt" war immer bestrebt, den Austausch aller geistigen, sozialen, idealen Interessen des jüdischen Gesamtlebens zu vermitteln, hat die Brücke geschlagen, die uns mit der ganzen jüdischen Welt in stetem Connex hält und dabei viel auch für das jüdische Leben der Schweiz aus den befruchtenden Anregungen des Auslandes beigetragen. — Die Festuummer enthält noch einen Begrüßungsartikel von Grand Rabbin S. Balitzer, Genf, eine Chronik 1901/1931 von Alfred Braunschweig, „30 Jahre .grünes Blättle'" von J. Messinger, „Die jüdischen Stammgemeinden in der Schweiz" von Dr. Augusta Weldler-Steinberg, „Jüdische Stammgemeinden an der süddeutschen Grenze" von Dr. S. Heilbronn-Gailingen u. v. a. * New York, 2. Jänner (J. T. A.). Im Alter von 48 Jahren verstarb in New York der Herausgeber der „J e w i s h Tribüne" und Vorsitzende der Executive der „Associated Press Industries of America" David N. Mosesson. In einem Beileidstelegramm rühmt Präsident Hoover die Leistungen des Verstorbenen im Dienste der jüdischen Kultur und seinen Kampf für die Verwirklichung hoher ethischer Ideale: Weitere Beileidskundgebungen waren vom Vizegouverneur des Staates New York, Herbert H. Lehman, FeHx M. Warburg, dem Obersten Richter des Appellationsgerichtshofes Benjamin N. Cardoza, dem Herausgeber der „New York Times" Adolf S. Ochs, Rabbi Dr. Stephen S. Wise, Nathan Straus, dem früheren Gouverneur- Alfred E. Smith, Carl Laemmle u. v. a. eingelangt — David Mosesson begann seine journalistische Laufbahn nach Vollendung seiner juristischen Studien an der Universität Oregon im Jahre 1902. Nach dem Tode seines Vaters, Rabbi Nehemiah Mosesson, wurde er im Jahre 1926 Herausgeber der „Jewish Tribüne" und begründete die „Associated Press Industries of America". Auszeichnung. Der Bundespräsident hat der Arztenswitwe Frau Regine Kris den Titel eines Bundesstaatlichen Fürsorge.rates verliehen. Frau. Dr. Kris ist Vizepräsidentin des Vereines „Kurfürr sorg e", in welcher Eigenschaft sie sich hervorragende Verdienste zum Wohle armer jüdischer Kurbedürftiger erworben hat. Generalkonsul Dr. Paul Hohenau wurde von der französischen Regierung durch die Verleihung des Offizierskreuzes der Merite Agricole ausgezeichnet. Die von ihm herausgegebene Revue „Das neue Europa" hat sich in den letzten Jahren um die friedliche Ausgestaltung der Agrarpolitik mit Erfolg bemüht. Trauung. Am 25. v. M. fand im festlich beleuchteten Tempel in der Pazmanitengasse die Trauung des Herrn Siegfried Diamant aus Wolkersdorf mit Frl. Irma Kohn, Tochter des Herrn.Adolf Kohn, Kultusbeamter aus Mödling. statt Zur Feier hatten sich außer den zahlreichen Verwandten in Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde Mödling die Herren Kultuspräsident David Rosenfeld, Kultuspräsident-Stellvertreter Smetana und Stössler, sowie einige Kultusräte, in Vertretung der Chewra-Kadischa Herr Komm.-Rat Karl Klein, für den israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein Mödling Frau Präsidentin Dr. Schweiger eingefunden. Die Trauung vollzog Rabbiner Dr. A. Schweiger aus Mödling. Er schilderte in meisterhafter Weise den Lebenslauf des Bräutigams, der in unendlicher Liebe an seinen teuren Eltern hing und nach deren Tod die Vaterstelle bei seinen jüngeren Geschwistern ausübte.