Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 den Gesetzen des Denkens beschäftigt, dem Allgemeingültigkeit zuzuerkennen ist; die Erkenntnistheorie, die die Grenzen unseres Erkennens und Wissens festsetzt- Alle menschliche Erkenntnis besteht aus Erfahrung und Vernunfteinsicht (Empirie und Spekulation). Den Mittelpunkt der Erfahrungswissenschaften bildet die Psychologie, die Lehre vom Seelenleben. Es erhebt sich die Frage nach dem Wesen der Seele, den Bewußtseinsvorgängen, dem Zusammenhang von Seele und Leib usw. Die Metaphysik, die sich auf das erstreckt, was jenseits der Erscheinungswelt liegt Die Ethik, die die Richtschnur unserese sittlichen Handelns bildet. Wir betonen hierbei ausdrücklich, daß wir die Ethik von herzlicher religiöser Beimischung losgelöst wissen wollen. Schließlich die Aesthetik, sie bedeutete zuerst die Lehre von der Sinneserkenntnis, den Wahrnehmungen, später ist sie die Lehre vom Schönen, ist sie Kunstwissenschaft. Wenn auch von jüdischer Kunst die Rede ist, so sei auch hier hervorgehoben, daß jede tendenziöse Färbung dem Begriff Aesthetik fernliegt. Das, was als a n g e n e h m und schön anzusprechen ist, begegnet ja bekanntlich den widersprechendsten Urteilen nach dem alten Wort: de gustibus non est disputandum. Hieraus resultiert auch das oft in die Erscheinung tretende Martyrium unserer Dichter und Künstler. Dies nur nebenbei. Wir kehren zu unserem Ausgangspunkt zurück. Es gibt jüdische Philosophen, aber keine jüdische Philosophie. Wir denken nur an die a 11 g emeine Philosophie und nicht an Religionsphilosophie. Vergegenwärtigen wir uns jüdische Philosophen, die in unserer Zeit gewirkt haben und noch wirken. Professor Moritz Lazarus, gest. 1903, Fortbildner des Herbartschen Denksystems und Begründer der Völkerpsychologie, sicherlich ein begeisterter Jude, schrieb ein großes Werk über das Leben der Seele; vertiefen wir uns in das Werk, so finden wir darin absolut nichts spezifisch Jüdisches. Von seinen Schriften, die dem Judentum gewidmet sind, sehen wir ab. Gehen wir zu Professor' Hermann Cohen, gest. 1918, über. Dieser Gelehrte, Begründer der Marburger Phiiosopheoschule und des Neukantianismus, ein geradezu fanatischer Jude, hat sein epochales Lehrgebäude in seinem „System der Philosophie" niedergelegt. Es zerfällt in folgende.Teile: 1. die Logik der reinen Erkenntnis, 2. Ethik des reinen Willens, 3. Aesthetik des reinen Gefühls. Schon die adjektivische Bestimmung „r e i n" läßt die Loslösung von allem Konfessionellen usw. erkennen. Es genügt der Hinweis auf dieses Meisterwerk. Professor Walter Kinkel, Gießen, schreibt in seinem Werke: „Hermann Cohen" (Verlag von Strecker u. Schröder, Stuttgart 1924) Seite 96: „Cohens Philosophie ist in ihrem Ursprung Idealismus und so kann denn nicht ein Begriff, sondern eine Idee ihre Definition zur Bestimmung bringen: eben die Idee der Menschheit. Es ist ferner das Kuiturbewußtsein der Menscheit, welches in der Philosophie sich selbst Rechenschaft geben soll." Schließlich wollen wir auf zwei noch jetzt lebende berühmte Philosophen jüdischer Abstammung hinweisen, die allerdings dem Judentum gegenüber eine unseres Wissens völlig indifferente Stellung einnehmen: Professor H u s s e r 1 in Freiburg i. B., der durch seine „Logischen Untersuchungen" bahnbrechend gewirkt hat, und Professor Bergson in Paris, den der unlängst verstorbene Professor Ludwig Stein als die bedeutendste philosophische Erscheinung Frankreichs nach Descartes bezeichnet hat. Er begründete eine neue Metaphysik, die — zeitgemäß — biologisch fundiert ist. Man spricht von Bergson's Intuitionismus, einer auf Anschauung beruhenden Erkenntnis. Beide Philosophen zählen zu den schöpferischen Geistern unserer Zeit Wir wiederholen unsere These: es gibt keine jüdische Plülosophie in dar von uns angedeuteten Auffassung. guiiiiiiiiiiuiiiiuiuuiuiiiniH m VORNEHME FAMILIENPENSION H m vormais Dr. GRÜNBERG | 1AM SEMMERINGl Ü HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) lj Mäßige Preise (Zimmer s mit Pension von S12. — m auftv.) / Kaffeehaus und g Tanzgelegenbeit im m Hause / Besitzer:^ ECKSTEIN / Telephon: g Semmering Nr. 11 fließendes Warn-nnd Kaltjj wasser in Jedem Zimmer Das Weltstudentenwerk In Genf. Das Weltstudentenwerkin Genf hat für den 13. bis 18. April 1931 nach Nyon bei Genf eine zweite Konferenz zum StudiumderjüdischenFrage einberufen. Das Thema lautet: „Die Stellung der Juden im Leben der Völker". An die nichtjüdischen Gruppen wendet sich das Weltstudentenwerk mit der folgenden Fragestellung: In euerem Lande existiert eine jüdische Minderheit, die in eurer besonderen Welt, nämlich der der Universität, verhältnismäßig stark vertreten ist. Sie lebt in vielen Fällen bereits seit Jahrzehnten unter euch. In Anbetracht der gegenwärtigen Auswanderungs-Schwierigkeiten ist kaum anzunehmen, selbst wenn auf beiden Seiten der Wunsch bestünde, daß sich die Zahl der jüdischen Studenten in Zukunft wesentlich vermindert. Aber viele unter euch fühlen, daß ihre Anwesenheit große Schwierigkeiten für euch verursacht Laßt uns diese Schwierigkeiten ins Auge fassen, um festzustelen, welcher Art sie sind und warum sie bestehen; und laßt uns dann weiter versuchen, Mittel und Wege zu finden, die geeignet wären, diese Schwierigkeiten zu beseitigen, ohne irgend einer Seite ungerecht zu werden. Es existiert nun einmal eine jüdische Minderheit in eurem Lande. Welchen Platz in der Gemeinschaft .soll sie einnehmen? Die Fragestellung an die jüdischen Gruppen lautet: Die letzten Jahre haben unter euch das Anwachsen einer großen Bewegung nationaler Regeneration, des Zionismus, bewiesen. Was bedeutet das für die große Mehrheit unter euch, die immer noch in der Diaspora leben? Die Geschichte hat euch einen besonderen Platz in der europäischen Gesellschaft angewiesen. Obwohl geographisch weit zerstreut, seid ihr professionell doch sehr konzentriert. Diese Konzentration und die besonderen Vorteile, die euch daraus zu erwachsen scheinen, haben den modernen Antisemitismus wesentlich gefördert Aberist es notwendig, daß ständig Konflikte zwischen euch und der Majorität bestehen? Ist es nicht möglich, einer Entwicklung der Dinge zuzuarbeiten, die euch Gerechtigkeit angedeihen läßt und anderseits die Befürchtungen der Majorität zerstreut? Auf dieser Basis hat das Weltstudentenwerk kompetente Redner eingeladen, auf der Tagung, die eine Zusammenkunft von Professoren und Studenten darstellt, über die folgenden Themen zu sprechen: „Die Bedeutung der Hochschule im nationalen Leben!"; „Das jüdische Volk in selbständiger Existenz"; „Die historischen Grundlagen der gegenwärtigen Stellung des jüdischen Studenten"; „Die Stellung der Juden ini modernen Leben" (Dieser Gegenstand wird in drei Abteilungen, und zwar vom mm%mimuim RESIDENZ COLUMBIA Seldmarenlahrih sireng y&z Eisen&nonigsber.Wien II., flaldgasse 5 Selchwaren und Restauration Vorzüglicher Mittag- und Abendtisch zu bürgerlichen Preisen II.. ProfersfraOe 33 (Neben dem Carltheater) „MANNA" FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN IL, TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40*6-14 GARANTIERT UNUNTERBROCHENE M BRENNDAUER 30 STUNDEN fi iiilllli ■fflnuil politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Standpunkt aus, durch Referate und Korreferate von beiden Seiten behandelt werden). Der Umfang der Tagung wurde zahlenmäßig beschränkt, um eine gründlichere Diskussion der einzelnen Fragen zu ermöglichen; die beiden Gruppen werden in gleicher Stärke vertreten sein. Gemäß den Gepflogenheiten des Weltstudentenwerkes und der ersten Tagung über die jüdische Frage werden auf dieser Konferenz keine Resolutionen gefaßt und keine Abstimmungen durchgeführt werden. Die Adresse des Studentenwerkes ist: 13 Rue Calvin, Genf. * Der Antisemitismus in den Hochschulen Europas. Das Weltstudentenwerk in Genf veröffentlicht eine Mitteilung, die unter anderem besagt: „Die antisemitische Welle, die im Winter 1929 über Mittel- und Osteuropa zusammenschlug, steht in frischer Erinnerung. In Wien, Budapest, Bukarest, Kischineff, Krakau, Prag und Berlin fanden wilde antisemitische Kundgebungen statt. Ereignisse der letzten Zeit beweisen, daß diese Welle wahrscheinlich selbst heute noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Jüdische Professoren wurden angegriffen, jüdische Studenten aus den Vorlesungsräumen vertrieben und vielfach bis in die Straßen verfolgt. Es genügt nicht, daß weite Kreise sich darin einig sind, diese Ausschreitungen zu verurteilen, notwendig sind positive Maßnahmen, die . dazu angetan sind, bessere Beziehungen zwischen jüdischen Studenten und ihren Bildungsgefährten innerhalb der Hochschule zu schaffen. Der Antisemitismus an den Universitäten ist ein Problem, an dem nicht nur die jüdischen Studenten' leiden. Die Universitäten selbst werden davon schwer betroffen, und die gedeihliche Entwicklung geistigen Lebens innerhalb der akademische;! Gemeinschaftist dadurch gefährdet. Was not tut, ist eine ruhige Prüfung der tatsächlich bestehenden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Schwierigkeiten, die in der Struktur und der Stellung der jüdischen Bevölkerung begründet sind, eine leidenschaftslose Klärung der geschichtlichen Ursachen, die zum modernen Antisemitismus geführt haben. Seit dem Gründungsjahr 1920 hat das Weltstudentenwerkmit den hauptsächlichen christlichen, jüdischen und neutralen Studeritenorganisationen in unparteiischer Weise zusammengearbeitet ohne sich mit der Frage des Antisemitismus im besonderer, zu beschäftigen. Erst 1928 entschloß es sich angesichts der stetig wachsenden Spannung und der danus entstehenden Gefährdung der Hochschule selbst, eine Zusammenkunft zwischen jüdischen und Christ-, liehen Studenten zu organisieren- Die erste Konfcr renz fand 1929 in Bierville (Frankreich) statt Die Zusammenkunft ermöglichte es jüdischen und nichtjüdischen Studenten von Mittel- und Osteuropa, wie auch aus dem ruhigeren Westen, zum ersten Male, in einer Atmosphäre völliger Freiheit und Offenheit sich über ihre Gegensätze auszusprechen. Die Arbeit mußte auch auf persönliche Beziehungen aufgebaut werdea Durch persönliche Besuche wurden Beziehungen in Deutschland, Oesterreich, Ungarn, der Tschechoslowakei, in Polen und Rumänien angeknüpft. In all diesen Ländern, wie auch in Westeuropa wurden Professoren und besondere Sachverständige zur Mitarbeit herangezogen. Das Weltstudtentemwerk mußte sich auch mit der Lage der zahlreichen jüdischen Emigrantenstudenten in Frankreich befassen, deren wirtschaftliche Existienz überaus unsicher ist und die sich, vielfach in schwerer Not befinden. Es begründete in Paris einen kleinen Ausschuß unter dem Vorsitz von Professor Ouälid von dter Sorbonne, dessen Ziel Hilfeleistung in. den ernstesten Fällen der Not ist Die Mitteilung schließt: „Um seiner Aufgabe gerecht werden zu können, bedarf das Weltstuden-