Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seit* 3 70 Jahre Alliance Israelite Universelle. Die Leistungen der Alliance auf politischem, sozialem und karitativem Gebiet. — Das Schulwerk der Aliiaace. Die Arbeit des letzten Jahres. Im Dezember 1930 hat die A11 i a n c e I s r a e 1 i t e Universelle das 70. Jahr ihres Bestandes vollendet. Sie wurde im Jahre 1860 unter dem Eindruck der Ritualmordagitation in Damaskus und des Falls Mortara, der Entführung und Zwangstaufe eines jüdischen Kindes in Bologna, von 17 jungen Pariser Juden mit dem Ziele begründet, 1. überall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten, 2. denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Stütze zu sein und 3. jede Veröffentlichung zu fördern, die geeignet ist, dieses Resultat zu sichern. Das Organisationskomitee bestand aus dem Rabbiner Aristide Astruc, dem Professor am Pariser Rabbinerseminar Isidor Cahen, dem Bauingenieur Jules Carvallo, dem Advokaten Narcisse Leven, dem Professor Eugene Manuel und dem Kautinann Charles Netter. Im Gründungsaufruf wurde erklärt, daß die Alliance dazu bestimmt sei, „die Ehre des jüdischen Namens zu verteidigen, wann immer sie angegriffen werde; mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Entwicklung nützlichen Handwerks zu fördern und überall, wo es notwendig ist, die auf lange Unterdrückung zurückzuführenden Fehler und die Unwissenheit unter den Juden zu bekämpfen; mit ihrem ganzen moralischen Einfluß für die Emanzipation jener Glaubensgenossen einzutreten, die noch unter dem Druck von Ausnahmsgesetzen stehen und durch geistige und moralische Regeneration die Befreiung der Juden zu beschleunigen und zu sichern." Der erste Präsident der Alliance war der französische Justizminister Adolphe Cremieux. Zahlreiche Nichtjuden, darunter der jüngere Dumas und Jules Simon, förderten tatkräftig die Arbeit der Alliance. Seit dem Jahre 1920 ist der berühmte Orientalist Prof. Sylvain Levi Präsident der Alliance. Die erste Aktion der A. I. U. wurde im Jahre 186'J zugunsten der russischen Juden, die unter der damals in Rußland und Polen herrschenden Hungersnot besonders zu leiden hatten, durchgeführt. Die Alliance erließ einen Aufruf zur Sammlung für einen Unterstützungsfonds zugunsten der Notleidenden. Mit Hilfe dieses Fonds wurde einer Anzahl von Juden die Niederlassung in den inneren Teilen von Rußland, anderen die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, sowie die Errichtung eines Hauptkomitees in Königsberg ermöglicht, das sich unter der Leitung von Rabbiner Dr. Bamberger damit befaßte, Pogrom-Waisen unterzubringen. Nach den russischen Pogromen im Jahre 1881 wurde die Auswanderung der jüdischen Flüchtlinge nach Uebersee organisiert, nach den Pogromen von 1903 und 1905 wurden Sammlungen eingeleitet. Eine großzügige Hilfstätigkeit entfaltete die A. 1. U. in der T ü r k e i, zuerst anläßlich der Feuersbrunst in Konstantinopel im Jahre 1874, dann in der Zeit nach dem russisch-türkischen Krieg im Jahre 1877, nach dem Erdbeben in Chios 1881, während der Hungersnot in Kleinasien 1882 und während des Balkankrieges im Jahre 1912. Wiederholt wurden in Rumänien und während der Ereignisse in Casablanca und Fez 1907 und 1912 auch in Marokko Hilfsaktionen für die dortigen Juden durchgeführt Im Jahre 1866 nahm die A. I. U. ihre Palästina- Arbeit auf. Charles Netter unternahm eine Studienreise nach Palästina, wo damals nur 13.000 Juden lebten. Von diesen hatten nur 15 Prozent manuelle Berufe, in der Landwirtschaft gab es überhaupt keine Juden. Auf Vorschlag Charles Netters wurde im Jahre 1869 die-Ackerbauschule in Mikweh Israel begründet Damit begann, lange vor dem politischen Zionismus, die Entwicklung einer jüdischen Landwirtschaft in Palästina. Bei der Friedenskonferenz in Versail- 1 es und bei den Tagungen des Völkerbundes in Genf hat die A. I. U. gemeinsam mit anderen jüdischen Organisationen, vor allem mit dem Joint Foreign Committee des Jewish Board of Deputies und der Anglo Jewish Association für die Sicherung von Minderheitsrechten für die Juden der östlichen Länder gearbeitet Der jüdischen Kolonisation in der Sowjetunion hat die A. I. U. großes Interesse entgegengebracht Auf ihre Veranlassung unternahm der *or einigen Monaten verstorbene Professor Waldemar Haff kine eine Studienreise nach Sowjetrußland. Auch der Präsident der Alliance, Professor Sylvain Levi, der vor einigen Jahren als Gast der Sowjetregierung an der 200-Jahrfeier der Leningrader Akademie der Wissenschaften teilnahm, hat Untersuchungen über die Lage der Juden unter der Sowjetherrschaft angestellt und seine Beobachtungen in einem Berichte an das Zentralkomitee der A. I. U. verarbeitet. Praktische Arbeit zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Sowjetrußland kat jedoch die A. I. U. nicht geleistet . Sie beschränkt sich darauf, die Arbeit der Jewish Colonisation Association auf diesem Gebiete zu fördern. Die größten Erfolge hat die Alliance auf dem Gebiete des Erziehungswesens erzielt. Vor allem im Orient wurde ein ausgebreitetes Schulnetz geschaffen, das den rückständigen Teilen der Judenheit die Errungenschaften moderner Zivilisation vermittelt „Für die Juden des Orients ist die Alliance Vormund und Beschützerin", erklärte der ehemalige amerikanische Botschafter in der Türkei Oskar St raus; „ich habe zahlreiche junge Juden, die ihre Ausbildung in Alliance- Schulen genossen haben, kennengelernt Ohne diese Schulbildung wären sie auf der niedrigen Kulturstufe der großen Mehrheit ihrer Brüder stehen geblieben, so aber sind sie wertvolle Führer ihrer Glaubensgenossen geworden." Die Alliance unterhält Schulen in Marokko, Tunis, Algier, Persien, Tripolis, Mesopotamien, Palästina, Syrien, Rhodos,1 Griechenland und Bulgarien. Ferner bestehen xwei orientalische Normalschulen (für Knaben und Mädchen) in Paris und Versailles. Die Fachschulen in Jerusalem und die Ackerbauschule in Mikweh Israel haben 150 Schüler. Die Gesamtzahl aller Schüler der Alliance-Schulen übersteigt 40.000. Ueber die Tätigkeit der Alliance im letzten Jahre gibt der der letzten Jahreskonierenz des Zentralkomitees unterbreitete Rechenschaftsbericht Aufschluß. Einleitend nimmt dieser Bericht zum Weißbuch der englischen Regierung über ihre künftige Palästina-Politik Stellung. Es wird konstatiert, daß durch mehr als zehn Jahre hindurch die verschiedenen Regierungen in Großbritannien, und insbesondere die Arbeiterregierung, den Anschein erweckt haben, daß sie die zionistischen Aspirationen ermutigen und die zionistischen Hoffnungen begünstigen. Die Politik des Weißbuches entspreche nicht der Tradition Englands, das im allgemeinen in seinen Anschauungen und Prinzipien große Kontinuität zeigt Die neue Palästina-Politik unterbreche einen Versuch, der noch keine Resultate ergeben konnte. Sie komme daher entweder zu früh oder zu spät Sodann wird im Bericht nachstehende Betrachtung an die jüngste politische Entwicklung in Deutschland geknüpft: Wir können nicht stillschweigend die drohende Gefahr übergehen, die der Wahlsieg der Hitler-Partei die Juden Deutschlands und rückwirkend iür die Juden derDeutschland benachbarten Länder darstellt. Es wäre unklug, sich heute schon über die Folgen dieser Umstellung der deutschen Wählerschaft zu äußern; es scheint jedoch, daß die Mittelparteien, die diese Schilderhebung des Antisemitismus zunächst mit Erstaunen und später mit Sorge erfüllt hat sich der für das gesamte Reich heraufbeschworenen Gefahr bewußt sind und sich aufraffen, um ihr vereint zu begegnen. Die gesamte Judenheit erschauderte über diese Rückkehr zu Plünderung und Barbarei; sie vertraut jedoch darauf, daß die Weisheit der deutschen Regierung für die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Wahrung der Rechte, die die Verfassung allen Bürgern gewährleistet, Sorge tragen wird. Zur Arbeit der Alliance in der Berichtsperiode übergehend erwähnt der Bericht die materielle Förderung des Londoner Hilfskomitees für die u k r a i n isehen Juden, das im Hinblick auf die Hungersnot in der Ukraine im Herbst 1929 gegründet wurde, durch die Alliance und gibt sodann eine Darstellung der palästinensischen Unruhen im August 1929 und der Hilfsmaßnahmen, die zur Linderung der durch diese Ereignisse in Palästina entstandenen Not erforderlich wurden. Es wurde einerseits dem in London unter dem Vorsitz von Lord M e 1 c h e 11 gebildeten Hilfskomitee ein großer Teil der von der Alliance zugunsten der Opfer der palästinensischen Unruhen gesammelten Gelder zur Verfügung gestellt, anderseits den Kleinkaufleuten und Handwerkern, die unter dem arabischen Boykott zu leiden hatten, kleine Darlehen gewährt, um ihnen das Durchhalten in einer kritischen Periode zu ermöglichen. Zum Zwecke der Förderung jüdisch-wissenschaftlicher und kultureller Bestrebungen in Polen wurden dem Jiddisch-Wissenschaftlichen Institut in Wilna und <Jem unter der Leitung des Oberrabbiners Dr. S c h o r r behenden Institut für jüdische Wissenschaft in Warschau hohe Subventionen gewährt. Ohne in den Sprachenkarr.pf der Juden Polens eingreifen zu wollen, hat die Alliance eine Reihe von Schulen, insbesondere den Warschauer „Schul-Kult" und die Rubenstein-Schule in vVilna gefördert Dem englischen Konsul in Aden wurde die Summe von 1U0 Pfund für die in tiefstem Elend lebenden y e m e n i t i s c h e n Juden zur Verfügung gestellt Schon im Jahre 1910 hat die Alliance den Lehrer M. Y. S e m a c h nach dem Yemen entsendet, um die dortigen \ erhältnisse zu studieren. Herr Semach erstattete damals einen Bericht, in dem die Gründung einer Schule in der von 2700 Juden bewohnten Hauptstadt Sanaan vorgeschlagen wurde. Die Errichtung der Schule scheiterte a.'i der Ungunst der politischen Verhältnisse und der feindseligen Haltung des Imams Yahia, der damals absolutistischer Herrscher im Yemen war. In Frankreicli selbst hat der ununterbrochene Zustrom zahlreicher Ostjuden, die sich vor allem nach Paris wenden, die Gründung einer Reihe von Instituten notwendig gemacht, mit deren Hilfe die Einordnung dieser Einwanderer in ihr neues Milieu erleichtert und beschleunigt werden soll. Die Alliance hat den „Foyer Francais", das Komitee zum Schutze der russischen Auswanderer und das Stellenvermittlungsbüro unterstützt sowie eine Reihe von Abendkursen eingerichtet Besonderes Augenmerk wurde auch im vergangenen Jahre dem Schulwerk der Alliance zugewendet Der Delegierte der A. I. U. in Marokko, M. Semach, hat die Alliance-Schulen in Syrien, Palästina, Mesopotamien und Persien inspiziert und in seinem Bericht dem Zentralkomitee eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet. In Syrien erfreut sich das Schulwerk der Alliance der Förderung des Hochkommisariats, in Palästina läßt die Mandatsregierung der Alliance völlig freie Hand beim Ausbau ihres Schulnetzes, das von der Regierung ebenso subventioniert wird wie die übrigen Schulen des Landes. In Persien trägt die jüdische Bevölkerung selbst in steigendem Maße zu den Kosten des Schulbetriebes bei. In Marokko wurden in bisher fast unzugänglichen Gegenden neue Schulen errichtet die alten Schulen zum Kroßen Teil in neuen, geräumigen Lokalen untergebracht Demnächst wird mit dem Bau eines großen Schulhauses in Mogador begonnen werden. Aehnliche Projekte für Rabat Saffi und Seffrou werden gegenwärtig studiert. In Erwägung gezogen ist ferner die Errichtung einergroßenSchule inHaifa, deren Baukosten zu tragen, sich der aus Smyrna gebürtige und gegenwärtig in New York ansässige Förderer der Alliance Jacques V a 1 e n s i bereit erklärt hat Für Damaskus m.Kt £'n Ba"Pr°iekt vor, zu dessen Durchführung Sir Elly Kadoorie einen großen Beitrag geleistet hat. Ein ebenfalls der Freigebigkeit Kadoories zu verdankender prachtiger Schulbau in Mosul steht vor der Vollendung. Sir Elly Kadoorie, der vor einiger Zeit für die Alliance-Schule in Teheran ein großes schönes Heim gestiftet hat beabsichtigt, seine Fürsorge auch auf andere Alliance-Schulen in Persien auszudehnen. Gibt es eine jüdische Philosophie? Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Diese Frage bildete Gegenstand einer Kontroverse auf dem unlängst in Oxford stattgefundenen Internationalen Philosophenkongreß. Professor Gebhardt, der bekannte Spinozaforscher, verneinte sie; Professor Roback war entgegengesetzter Ansicht. Wir schließen uns Professor Gebhardt an. Was versteht man unter Philosophie? Die Definition dieses Begriffs ist höchst unsicher; es ist dies darin begründet, weil die Philosophie in fortlaufender Entwicklung sich befindet, in stetem Werden erscheint und nichts Fertiges, Vollendetes in sich birgt Eher kann man die grundlegenden Momente ihres Wesens feststellen. Während die Philosophie früher als Magd der Theologie (ancilla theologiae) galt, wird sie heute als Königin der Wissenschaften betrachtet. In der Tat krönt sie alle Einzelwissenschaften, jede Kunst und jede Technik, sie durchflutet das ganze Menschenleben und beherrscht das Denken. Fühlen und Wollen jedes einzelnen Menschen und verhilft ihm zu einer Weh- und Lebensanschauung — bewußt und unbewußt — auch ohne Kenntnis der philosophischen Terminologie, die größtenteils der mittelalterlichen Denkart der Scholastik, entstammt Die moderne Philosophie fordert als unentbehrliche Voraussetzung allqs Strebens nach Wahrheit Abwendung von allen subjektiven Meinungen und engherzigen Voreingenommenheiten; nur dann dringen wir in den Wesenskern der Philosophie, wenn wir lediglich das Allgemeinmenschliche ins Auge fassen. In althergebrachter, von scholastischer Denkart zeugender Weise subsumiert man unter den Begriff Philosophie: die Logik, die sich mit Wen*«?« Seit vielen Jahren das anerkannt beste 3 Jahrzeitlicht tahmcmi Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hygien. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33-1-S1