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Die Wahrheit · 1931-01-09 · Heft 2 (9.1.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 2 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Es ist tatsächlich ein Gebot der Stunde, das in Palästina geschaffene Werk zu erhalten und, wenn tunlich, zu vergrößern. In dieser Forderung werden sich die Nichtzionisten mit den Zionisten einig sein, vorausgesetzt, daß die letzteren aus ihren bisherigen schweren Fehlern lernen wollen. Es muß die Möglichkeit geboten werden, das jüdische Werk in Palästina, das große Opfer, auch an Blut gekostet hat, zu kräftigen. Diese Möglichkeit wird nur dann gegeben sein, wenn man von der schädlichen Radikalpolitik Abstand nimmt und zu jenen Methoden reiner Kolonisation zurückkehrt, die lange schon vor dem Auftreten des politischen Zionismus im Heiligen Lande von jüdischen Institutionen gepflegt wurden. Auf dieser Grundlage, die bei keinem der beteiligten Faktoren früher Anstoß erregte und auch nicht Anstoß erregen kann, muß weiter gearbeitet, auf dieser Basis muß das einmal geschaffene Werk erhalten werden. Es geht nicht an, daß als eine der ersten Maßnahmen auf dem Wege der jetzt plötzlich notwendig gewordenen finanziellen Einschränkung der Jewish Agency die Auflösung des Gewerbe- und Gesundheits- Departements dieser Institution proklamiert wird. Eine solche Maßnahme zeigt nur den Mangel an Einsicht bei dien maßgebenden zionistischen Politikern, die nicht erkennen, daß wichtiger als ihre ganze zionistische Politik die Förderung des Gewerbes und die Hebung der Gesundheit im jüdischen Palästina ist. Will man ein Departement, das diesen Zwecken dient, auflassen, so beweist man damit, daß man nicht den neuen Weg, den Grusenberg weist und auf dem ihn auch die Nichtzionisten folgen können, gehen will, den Weg, der zur Erhaltung des bestehenden Werkes in Palästina führen würde. Daß eine solche unglaubliche Maßnahme überhaupt ei wogen werden kann, während man bishier nicht hörte, daß die horrenden Kosten der verschiedenen politischen zionistischen Instanzen herabgmindert werden sollen, zeigt uns wieder einmal, daß die zionistischen Politiker unbelehrbar sind. Ueberhaupt kann man konstatieren, daß in letzter Zeit 5m Zionismus ein gewisser Zug zum Radikalismus die Vorherrschaft gewinnt Es mag dies psychologisch verständlich sein. Die Erbitterung gegen dias „perfide Albion" führt zu einer Mißstimmung im zionistischen Lager, die sich dort in sehr scharfen Aeußerungen und Erklärungen Luft macht. Wenn es überhaupt möglich ist, daß die englischen Zionisten, also die Zionisten des Landes, das Hort und Schutz des jüdischen Palästina sein soll, auf ihrer erwähnten Jahresversammlung eine Resolution beschlossen, in der sie sich „dem in der ganzen Welt gegen das Weißbuch erhobenen Protest rückhaltlos anschließen", so gibt eine solche energische Sprache zu denken. Wenn dort schon Radikalismus sich breitmacht, wie erst in jenem Lager, das seit jeher den Radikalismus auf seine Fahne geschrieben hat? Protestieren die englischen Zionisten gegen England, so protestieren die französischen Revisionisten gegen „alle diejenigen, die für die katastrophale Situation im Zionismus verantwortlich sind", besonders natürlich gegen Weizmann, Englands bisherigen Freund. Die Pariser Stürmer und Dränger erklären sogar, sie würden sich genötigt sehen, ihre Verbindung mit der zionistischen Organisation zu lösen, falls nicht der nächste Zionistenkongreß diese „schädlichen Elemente" von der Wiederwahl in die Exekutive ausschließen und den Judenstaat als Endziel des Zionismus deklarieren würde. Den Gipfelpunkt an radikaler Tatkraft liaben wohl die r u m ä n i s c h e n Z i o n i s t e n erklommen. In diesem Lande, einem Brandherd des Antisemitismus, fanden es die Zionisten für richtig, die Bildung der neuen zionistischen Landesexekutive den radikalen Zionisten zu überlassen. Die Radikalen haben nämlich dort Oberwasser, wie eine Resolution beweist, in der gegen die Politik der zionistischen Exekutiv© in London Protest erhoben und der kommende Zionistenkongreß aufgefordert wird, gegen Weizmanns Politik Stellung zu nehmen. Weiters wird die Aufnahme nationaler''Landespolitik in das Programm der zionistischen Organisation Rumäniens verlangt. Damit begegnen wir einer Forderung, die auch hierzulande „rühmlich" bekannt ist. Die Aufstellimg dieser Forderung geradfe im jetzigen Zeitpunkte beweist, daß hier nur ein Ablenkungsmanöver vorgenommen wird Die Erfolge in Palästina, die den leichtgläubisjen Massen versprochen wurden, sind ausgeblieben, nun will man ihnen eine inner jüdische Errungenschaft vorspiegeln, die aber gleich nichtig-sein wird, wie das zionistische Experiment in Palästina. Das rumänische Beispiel dürfte sicherlich Nachahmer finden. Wir nehmen es als gar nicht unwahrscheinlich an, daß auch die österreichischen Zionisten unter diesen Nachahmern sein werden. Wenn man so die Wiener zionistischen Blätter in der letzten Zeit verfolgt, so merkt man immer mehr, daß auch hierzulande der Mitteilungen des Sekretariats der „Union deutschösterreichischer Juden" _IX., Berggasse 4. — Tel. A 19-2-77. Parteienverkehr: Montag bis Freitag von 10 bis 11 vorm. und 4 bis 5 Uhr nachm. Sonntag von 9 bis 11 vorm. Die Rechtshilfe- und Beratungsstelle der „Union" für Unbemittelte amtiert jeden Montag von ¥>6 bis 7 Uhr nachm. Unentgeltliche Stellenvermittlung: Anmeldungen täglich während des Parteienverkeüres. Das Sekretariat der „Union" bittet die verehrlichen Mitglieder, es von freiwerdenden Stellen brieflich oder telephonisch zu verständigen. Radikalismus an Kraft gewinnt. Noch versteckt er sich unter dem Mantel der Erbitterung gegen England und (bei Stricker) gegen Weizmann. Aber wie lange wird es dauern, daß auch hier das Täuschungsmanöver mit der zionistischen Lamlespolitik inszeniert wird, daß auch hier die Massen irregeführt werden auf einen Weg, der kein „neuer Weg" im Sinne Grusenbergs ist. Die Nichtzionisten befinden sich momentan vor schicksalsschweren Entscheidungen. Sie haben sich, soweit sie Sympatlüen und Verständnis für ein jüdisches Kolonisationswerk in Palästina empfanden, vor zwei Jahren mit den Zionisten vereinigt, um in der Jewish Agency an diesem Werke mitzuarbeiten. Die Nichtzionisten haben damals in den meisten Fällen bekundet, daß sie nur bei einem unpolitischen und rein kolonisatorischen Aufbau in Palästina mittun. Nun aber führt allem Anschein nach der Weg des Zionismus zu einer radikalpolitischen Umstellung. Auf dem bevorstehenden Zionistenkongreß dürfte diese Umstellung augenscheinlich zum Ausdrucke kommen. Werden die Nichtzionisten da auch mitmachen können? Werden sie sich von zionistischen Radikalinskis ins Schlepptau nehmen lassen? Die Entscheidung ist schwer, aber sie muß . getroffen werden zum Wohle des Judentums, dem Radikalismus — in welcher Form immier — bisher stets nur geschadet hat. R. D. Kleider sofort Zahlung später Herrennnd Damenkleider nach MaB nnd fertig nur erstklassige Stoffe, bis 12 Monate Kredit Klelderhaus Werler, Wien Xfl., Ottahrlnoerstr. IT Tel. A21-501 Feuilleton Im 4. Kriegsjahr. Es war im vierten Kriegsjahre, da saß in B e r n ein bescheidener Schriftsteller über einem Briefe. Was verlangte man von ihm? Er sollte es fertig bringen, in dieser verbitterten Zeit mitten in einem Kriege, in dem Tag um Tag etwa 10.000 kostbare Menschenleben geopfert wurden, einen preußischen Re s er veoffi zie r bei der amerikanischen Gesandtschaft einzuführen! Wahnwitz! Einen feindlichen Offizier! Um was ging es? Die amerikanische Regierung hatte es abgelehnt Hilf sgel d er für die litauischen Juden nach Europa zu überweisen, so daß sie zu langsamem Verhungern verurteilt waren. An einem der nächsten Tage kam der Reserveoffizier. Er war ein Kampfgenosse für Judentum und Judenheit, ein weitbekannter Künstler. Das Komitee des Ostens, eine jüdische Hiifsvereinigung, nützte alle ihre Verbindungen in der Welt um Brot für die litauischen Juden zu schaffen. So war man auch an den Freund in Bern gekommen, der nun den schweren Weg antreten mußte. Langsam wanderte der hinaus in das Heim der Amerikaner. Die bescheidene Gesandtschaft der großen Republik im kleinen Schweizerstaate hatte während der Kriegszeit internationale Bedeutung erlangt war der Kristallisationspunkt politischen Geschehens für ganz Mitteleuropa geworden. Dann stand der Schriftsteller bittend vor dem jungen Diplomaten, der fast aufschrie, als er das Begehren gehört hatte. „Es grenzt an Wahnsinn! Sie wagen es, einen preußischen Offizier hierher zu bringen, zu-uns, die wir in einen Krieg auf Tod und Leben mit diesen Herrschaften verwickelt sind? Wie kann ich, wie darf ich!" Nun hieß es die Nerven steifen. Der Schriftsteller schilderte das Elend, das er im Geiste sah: wehrlose Greise, Frauen, Säuglinge... „Gestern waren sie als Russen noch Eure Bundesgenossen, heute gelten sie als Feinde, weil die Deutschen Litauen erobert haben." „Ja", sagte der Diplomat. „Die Deutschen sollen sie füttern." „Die haben ja selbst nichts zu essen." „Dann sollen sie unsertwegen alle verhungern." Da fuhr der Scliriftsteller auf. „Nein rtein, das darf nicht geschehen. Es darf nicht heißen, daß durch Euer Land, auf sein Geheiß, Tausende und Abertausende Von gequälten, verfolgten Menschen verhungert sind, zerrieben in der Kriegsmaschine, die ihnen seit fast vier Jahren Gesundheit, Leben, Besitz und Nahrung zerstört." Es war gut, daß der Bittende nur ein Amateurdiplomat war, einer von Bend hätte nicht mit tränenerstickter Stimme gesprochen, nicht vor Aufregung gezittert. Die Ergriffenheit des Sprechers teilte sich dem Diplomaten mit. Der junge Amerikaner beruhigte ihn. Kr werde sich die Sache überlegen, wolle aber vorher alle Rinzelheiten über diesen seltsamen feindlichen Offizier erfahren, denn vor allem müsse er schweigen, wie immer die Angelegenheit ende. Ja, er kannte den Mann ganz genau, ein Berliner Künstler, Maler und Radierer, fem kultivierter Mensch, dabei treuer und sehr frommer Jude, demnach ein Charakter.--- Der Künstleroffizier kam einige Tage später in die amerikanische Gesandtschaft, wurde empfangen und freundlich angehört. Aber wie war es mit dem Geld, mit den nahrungsspendenden Dollars? Da mußte der junge Amerikaner sondieren und der elektrische Draht spielte. Es wirkte bei der französischen Gesandtschaft ein jüdischer Pressechef, der die stille Duldung seiner Macht durchsetzte, so daß der preußische Reserveoffizier als glücklicher Sieger zu den hungernden Juden nach Litauen fahren konnte. * Da es aber Leser geben mag, denen diese Episode unwahrscheinlich vorkommt, seien die Namen genannt: Der Brief kam vom Komiteedes O s t e n s in Berlin, unterschrieben von Dr. Adolf Friedemann, der amerikanische Diplomat war Mr. D u 11 e s, einer der Fähigsten aus dem Nachwuchs amerikanischer Diplomaten. Der französische Pressechef hieß H a g e n i n, der vor dem Kriege in Berlin tätig gewesen war, im Frieden wieder dahin versetzt wurde, wo er wahrhaft tief betrauert viel zu jung gestorben ist, der Maler und Radierer ist Hermann Struck. Der Amateurdiplomaf aber war der den Lesern dieses Blattes nicht ganz unbekannte ' rl e i n r i c h Y 0 r k - S t e i ri e r.

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