Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Grosdben Die Wahrheit n mit den Veröffentlichungen der Union deutschöstenreichischer Juden' and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Ktdtnsgemeinde Wien M Erscheint jeden Freitag RedaktiorTund Administrat'on: Wien II.,,Heinesuaße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI1. Jahrgang Wien, 9. Jänner 1931 Nummer 2 Neue Wege zionistischer Politik. Wir veröffentlichen im nachstehenden einen uns von befreundeter Seite zugehenden Artikel, ohne mit allen seinen Ausführungen im Detail einverstanden zu sein. D. Red. Der Zionismus befindet sich in einer schweren Krise. Die Ereignisse der letzten Monate haben seine Situation nicht nur nicht verbessert, sondern eher verschlechtert. Die Verhandlungen mit der englischen Regierung haben einen sehr schleppenden Gang genommen, wurden wiederholt vertagt und auch jetzt noch steht ihr Ergebnis nicht fest. Wohl ist vor kurzem die Nachricht aufgetaucht, daß die verhandelnden Parteien auf dem' Wege zu einem Kompromiß sind, diese — im übrigen bisher unbestätigte — Meldung ist aber mit größter Vorsicht aufzunehmen. Denn zu groß sind d&e Schwierigkeiten, die es zu überbrücken gilt. Auf der kürzlich stattgehabten 31. Jahresversammlung der englischen Zionisten hat das Mitglied der zionistischen Weltexekutive Prof. S. Brodetskyin einem großangelegten politischen Referat die Schwierigkeiten auseinandergesetzt, die sich bei den Londoner Vierhandlungen ergeben haben. Das zionistische Aktionskomitee hat, wie Prof, Brodetsky ausführte, in seiner letzten Sitzung eine Reihe von Grundsätzen für die Führung der Verhandlungen mit der englischen Regierung aufgestellt, namentlich den Grundsatz, daß das Weißbuch nicht die Basis für diese Verhandlungen bilden dürfe. Dieser Grundsatz darf aber nicht so verstanden werden, daß das Weißbuch bei den Verhandlungen überhaupt nicht erwähnt werden dürfe, sondern er bedeutet vielmehr folgendes: Die Zionisten dürfen sich nicht mit einer Erklärung zufrieden geben, daß diese oder jene Stelle des Weißbuches verbesserungsbedürftig sei, Ütenn eine Zustimmung zu Verbesserungen des Weißbuches würde eine Annahme des Weißbuches schlechthin bedeuten. Die Zionisten verhandeln auch nicht über Gegenstände, die im Weißbuch enthalten sind, sondern über die Politik der Errichtung eines jüdischen Nationalheims in ihrem vollen Ausmaße. Daß auf dieser Basis eine Verhandlung mit dem gewitzigten englischen Partner schwer möglich ist, ist einleuchtend. Daß sich daraus Differenzen ergeben, wird niemand wundernehmen. Während Weizmann immer wieder erklärt, über die Einzelheiten der Verhandlungen vorläufig noch nichts Genaues mitteilen zu können, erklärt sein neuester Gegenpart, der Vorsitzende des Jerusalemer Waad Leumi, Ing. Pinchas Ruthenberg, der bekanntlich wiederholt ersucht wurde, nach London zu den Verhandlungen zu kommen, er lehne jede Verantwortung für diese Verhandlungen ab und wolle an ihnen auch nicht teilnehmen. So entsteht unter den prominentesten Führern der zionistischen Weltorganisation,, dem derzeitigen Leiter der jüdischnationalen Geschicke und seinem präsumtiven Nachfolger, ein neuer Konflikt, gerade zu einer Zeit, da die Zionisten zum XVII. Zionistenkongreß rüsten, vielleicht einem der wichtigsten in der ganzen Geschichte moderner zionistischer Politik. Die Situation im Zionismus ist also eine sehr kritische. Daß in einer solchen Zeit sich Menschen finden, däe Auswege aus dem entstandenen Dilemma zu zeigen versprechen, ist selbstverständlich. Neben „Besserwissern" im zionistischen Lager, die in Wirklichkeit den blau-weißen Karren nur noch mehr verfahren würden, hört man nicht selten aus den jüdischen Kreisen, die die Vorgänge im Zionismus mit Aufmerksamkeit und Teilnahme verfolgen, eine vernünftige Stimme, die zu Mäßigung und Einsicht rät. Eine solche Stimme ließ sich vor kurzem in Warschau vernehmen, also gerade an einem Orte, wo zionistische Radikalpolitik sonst zu Hause, ist. Man kennt in der ganzen jüdischen Welt den Namen Oskar Osipowitsch Grusenberg. Man weiß, daß dieser ehemalige Petersburger Advokat seinerzeit in den größten Ritualmordprozessen des zaristischen Rußlands eine überaus mutige Verteidiger- und Anklagerolle gespielt hat. Nach Ausbruch der bolschewistischen Revolution hat er sich in Riga als Rechtsanwalt niedergelassen. Das lettländische Judentum wählte Grusenberg in den Rat der erweiterten JewishAgency, seit welchem Zeitpunkt er, der Nichtzionist, wiederholt das Wort zu zionistischen und Palästina-Fragen ergreift. Grusenberg weilte vor kurzem in Warschau und äußerte sich einem dortigen Pressevertreter gegenüber folgendermaßen über die gegenwärtige Lage im Zionismus: „Die alten Wege zionistischer Arbeit haben sieb als nicht mehr gangbar erwiesen. Gegenwärtig ist nicht mit einem Erfolg im Kampfe gegen England zu rechnen. Man könnte zwar noch einen letzten Versuch machen und die Leitung der Bewegung dem talentierten und hingebungsvollen Führer des Revisionismus Wladimir Jabotinsky übergeben. Ich glaube aber nicht, daß dies die gewünschten Resultate zeitigen würde. Die einzige Aenderung wäre die, daß statt des lyrischen Tenors Weizmanns der tiefe Baß Jabotinskys zur englischen Regierung sprechen würde. Positive Ergebnisse aber sind von einer solchen Aenderung der Sthnmlage nicht zu erwarten. Man kamt England für seine neue Taktik in bezug auf Palästina vielleicht gar nicht verantwortlich machen. Die Wahl dieser Taktik ist nicht von dem guten oder bösen Willen Englands abhängig, sondern wird durch die Verhältnisse zwangsläufig herbeigeführt. England muß trachten, seinen Kolonialbesitz zu erhalten. Aegypten hat sich bereits unabhängig gemacht, Indien trachtet darnach, sich vom britischen Imperium loszulösen, und andere Gebiete werden möglicherweise diesem Beispiel folgen. Dadurch steht England vor der Gefahr, ein kleines und unbedeutendes Reich zu werden. Es war von zionistischer Seite ein politischer Fehler, daß nicht von Anfang an ein Maximalprogramm aufgestellt wurde. Es hätte die Forderung nach entern Judenstaat, nicht aber bloß nach einem Nationalheim aufgestellt werden müssen. Seinerzeit hätte man mit dieser Forderung durchdringen können. Jetzt ist die passende Zeit, solche Forderungen zu erheben, vorüber. Damit will ich nicht sagen, daß ich an den Erfolg unserer Sache nicht glaube; sie wird zum Erfolg geführt werden, aber auf einem anderen Weg. Obwohl der Gedanke der „Vereinigten Staaten von Europa" heute schon zur Verwirklichung reif ist, ist vorläufig nur von wirtschaftlicher Vereinigung die Rede. Aber auch die politische Vereinigung wird kommen, denn ohne sie ist die wirtschaftliche nicht möglich. Ich glaube, daß es etwa 25 Jahre , nach der Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa zu einer Vereinigung der Kulturstaaten im Nahen Osten kommen wird. Im Rahmen dieser Vereinigung wird es auch uns möglich sein, ein freies, unabhängiges Gemeinwesen zu erhalten. Die dringendste Gegenwartsaitfgabe des Zionismus ist es, den Jischuw in Palästina zu vergrößern und zu kräftigen. Wir müssen ihn gegen alle Angriffe wappnen, die in der nächsten Zeit gegen ihn gerichtet werden könnten. Wir müssen unsere Jugend zu verstärktem Widerstand befähigen." Grusenbergs Aeußerungen zeigen den richtigen Blick für die begangenen Fehler. Es mag tatsächlich so sein, daß die ursprüngliche Nichtaufstellung eines Maximalprogramms den Engländern die Möglichkeit der Ablehnung einer erst zu einem späteren Zeitpunkte erhobenen Forderung nach dem „Judenstaat" gab. Es ist aber unwahrscheinlich, daß England einer solchen Forderung überhaupt jemals zugestimmt hätte, denn es mußte wissen, daß es dadurch in Konflikt mit den für seine Orientpolitik wichtigen Arabern kommen würde. Wie immer aber die politische Genesis des „Judenstaats" oder „Nationalheims" liegen mag, GrusenbeTg hat sicherlich recht, wenn er sagt, daß man England für seine neue Taktik in bezug auf Palästina vielleicht gar nicht verantwortlich machen kann. Diese neue Taktik Englands ist eben gar keine neue Taktik, sie ist die alte geblieben, immer das zu tun, was England nützt, und bei diesem Utilitätsstandpunkt auf niemanden Rücksicht zu nehmen, am wenigsten auf — die Juden. Grusenbergs politische Konzeption der Vereinigung der Kulturstaaten im Namen Osten, die etwa 25 Jahre nach der Errichtung der „Vereinigten Staaten von Europa" erfolgen soll, mag etwas utopistisch sein, gleich utopistisch und schön wie der Paneuropagedanke überhaupt. Ob im Rahmen dieser Vereinigung der östlichen Kulturstaaten es auch, wie Grusenberg meint, möglich sein wird, ein freies, unabhängiges jüdisches Gemeinwesen zu erhalten, darüber zu diskutieren, ist gegenwärtig wohl allzu müßig. Dagegen trifft Grusenberg mit seiner .Schlußfolgerung den Nagel auf den Kopf, mit jener Forderung, die er als „dringendste Gepenwartsaufgabe des Zionismus" bezeichnet.