Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Ul£ WAHRHEIT |Lord MelAett| Das Palästinawerk hat einen neuen schweren Verlust erlitten. In einer Zeit, da es tatkräftiger Männer besonders bedarf, hat es — in verhältnismäßig kurzer Zeitspanne — nacheinander drei führende Persönlichkeiten verloren, deren Rat und Tat ihm sicher sehr fehlen werden. Den Freunden des Palästinaaufbaues Lord Balfour und Louis Marshall ist nun auch Lord Melchett of Langford (Sir Alfred Mond) in den Tod gefolgt, der im Alter von 62 Jahren am 28. Dezember in London verschieden ist Lord Melchett war bis vor kurzem Vorsitzender des Council der Jewish Agency und der Politischen Kommission der Jewish Agency; er hat diese Ehrenämter beim Erscheinen des englischen Weißbuches, in dem er einen „Akt von Undankbarkeit und Verräterei einer Regierung fast ohnegleichen gegen ein vertrauendes und gequältes Volk" erblickte, niedergelegt. Alfred Mond, wie Lord Melchett ursprünglich hieß, stammte von deutschen Eltern ab. Sein Vater, dar Chemiker Dr. Ludwig Mond, wanderte aus Darmstadt nach England ein, wo er mit dem Deutschen Brunner eine chemische Firma gründete, die sich nach und nach zu imposanten Ausmaßen erweiterte. Alfred Mond widmete sich zuerst der juristischen Laufbahn und übernahm erst später die ausgedehnten Industrieunternehmungen seines Vaters. Im Jahre 1906 wurde er auf das Programm der Liberalen ins Unterhaus gewählt. Von 1916 bis 1921 war er Erster Arbeitenkommissär, dann bis 1922 Wohlf ahrtsmi- «Tster. Mit Lloyd-George trat er im November jenes Jahres zurück. Obwohl er zu den Pührern der Liberalen zählte, schloß er sich im Jahre 1926 der konservativen Partei an. da er Lloyd-Georges Landpolitik und Haltung gegenüber Rußland mißbilligte. Hatte er schon im Jahre 1910 den Adel erhalten, so wurde ihm im Juni 1928 die Pairswürde (MeJchett of Langford) verliehen. Einer der größten Erfolge Lord Melchetts fiel ins Jahr 1927. wo ihm der Zusammenschluß der gesamten chemischen Industrie Engr lands zur „Imperial Chemical Industries Ltd." unter seiner Leitung gelang. Eine Sammlung seiner Reden, die unter dem Titel „Industry and Politics" im gleichen Jahre erschien, vermittelte ein klares Bild seiner Pläne für die Wirtschaft und den Staat. Der Imperial Chemical Trust stellt die Krönung des Lebenswerkes von Lord Melchett dar. Der Trust wurde, in seinem Konzept offenkundig von den Richtlinien der I. G. Farbenindustrie in Deutschland beeinflußt, vor genau vier Jahren durch den Zusammenschluß der vier größten englischen Chemiekonzerne, nämlich Nobel. Brunner-Mond. United Alkali und British Dyestuös Corp., gegründet. Das Grändungskapital betrug 65 Millionen Pfund. In den darauffolgenden Jahren wurde noch eine Reihe anderer Gesefllscbaften erworben. Der Interessenkreis wurde ständig ausgedehnt, im Jahre 1928 wurde auch gemeinsam mit der Chase Securities Corp. eine englisch-amerikanische Finanzgesellschaft gegründet. Der Konzern, dessen Präsident Lord Melchett war, umfaßt neben chemischen Fabriken auch Metall-, Bergbau-. Elektro-,. Kunstseider- und Gummiinteressen, er ist an 70 Gesellschaften beteiligt, davon besitzt er bei vierzig Unternehmungen das ganze Aktienkapital. Er beschäftigt über 40.000 Personen. Der wirtschaftliche Weitblick und die soziale Einstellung Lord Melchetts manifestierten sich insbesondere in seinem seinerzeit in England großes Aufsehen erregenden Vorschlag, fortlaufend Besprechungen zwischen Gewerkschaftsführern und fortschrittlichen Industriellen über wirtschaftliche Tagesfragen zu veranstalten. Dieser originelle und einsichtige Vorschlag erbrachte für England beachtenswerte Ergebnisse bei dem Zusammenwirken von Kapital und Arbeit. Ein Mann, der eine solche Voraussicht besaß, verstand es natürlich auch bei seiner politischen Tätigkeit, die bestehenden Möglichkeiten abzuschätzen und sich danach einzustellen. Diesen Weitblick bekundete er auch bei seiner Einstellung zur Palästinafrage. Er, der ein warmer Förderer des jüdischen Palästinas seit jeher gewesen, entschloß sich,,nach dem Erscheinen des englischen Weißbuches, als, wie er sagte, das jüdische Volk um den Glauben beraubt wurde, „einen Hafen unter der ausgebreiteten britischen Flagge und dem Ehrenwort britischer Staatsmänner gefunden zu haben", gleich Weizmann und Warburg zu der Niederlegung seiner Ehrenämter. Er hielt es nicht mehr für nutzbringend, die Amtsführung der Jewish Agency fortzusetzen. Zu viele Fehler waren geschehen, über die er sich mit aller Offenheit aussprach. Nun steht das Plenum der Jewish Agency und ihre wichtigste Kommission ohne dem bewährten Führer da. Es ist fraglich, ob sich dieser schwere Verlust ersetzen lassen wird. VORNEHME FAMILIENPENSION g vormals Dr. GRÜNBERG ■ IAH SEMMERINGI i HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) fj Mäßige Preise (Zimmers mit Pension von S12.— äufw.) / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im Hause / Besitzer: ^ECKSTEIN / Telephon: M ■ Semmering Nr. 11 §= I Fließendes War»- und Kaltg 'wasser in Jedem Zimmer uä - ^^^C^'y^ WiäSrlrm ^SJKäteg IflgStlft •■>'^^»\m^M Die Fährer der amerikanischen Jadenheit. Von G. B u b 1 i k, New York. „Die deutschen Juden in Amerika dürften spätestens in einem Vierteljahrhundert an der Spitze der jüdischen Tätigkeit in diesem Lande stehen..." Diese Worte sagte vor 22 Jahren der verstorbene Richter Mai er Sulz berger aus Philadelphia zu mir in seinem Amtszimmer im Common Please Court, wo wir des öfteren gemeinsam jüdische Zeitfragen diskutierten... Er sagte diese Worte mit feurigem Eifer, mit Ueberzeugung, und sah dabei aus wie ein alter General, der gegen junge Revolutionäre zu Felde zieht. Die Zeit war stürmisch und in gewissem Sinn revolutionär im jüdischen Leben Amerikas. Die östlichen Juden in Amerika waren schon damals zahlenmäßig sehr stark und nicht mehr willens, sich von unseren deutschen Brüdern „von der Fifm Avenue", wie man sie zu nennen pflegte, führen zu lassen. Sie, die osteuropäischen Juden, fingen an, festen amerikanischen Boden unter sich zu fühlen und waren bestrebt, die Führerschaft in jüdischen Dingen selbst zu übernehmen, was sie folgendermaßen begründeten: Wir sind die Majorität; ihr, deutsche Brüder, seid im Vergleich zu uns ein Häuflein. Hier in Amerika ist demokratischer Boden, hier herrschen die Massen und nicht die Klassen. Der Majorität gebührt das Wort, ihr gehört die Herrschaft. So begründete das East-side-Judentum New Yorks seinen Standpunkt. Aber wie alle Neuerer auf eine passende Gelegenheit für den Heraustritt an die Oeffentlichkeit warten, so pflegte auch das New Yorker Judentum es zu tun. Die Gelegenheit kam. Als Polizeikommissar Bingham von New York die Juden öffentlich beleidigte, forderte das gesamte amerikanische Ost-Judentum seinen Rücktritt. Die deutschen Juden von New York .warnten vor diesem Schritt. Die Spaltung war jetzt klar, scharf und eindeutig. Das führende Element, die deutschen Juden, stand wie ein Mann gegen Proteste, Demonstrationen und Forderungen, die die Abdankung verlangen sollten; die neuen, eingewanderten Elemente, die Volksmassen, waren für einen starken Angriff. Aus diesem Vorfall entstand der Zwiespalt mit den deutschen Juden, ein Zwiespalt, zu dem man sich seit langem vorbereitet hatte. Die osteuropäischen Juden verwarfen den Rat und die Warnung der deutschen Juden, ihrer Führer. Nach mnwmmKni\ RESIDENZ COLUMBIA „HANNA" FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN M— Ta BOD STRASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 GARANTIERT UNUNTERBROCHENE BRENNDAUER 30 STUNDEN SeldiwarenloDriM streng tos Elsen Andnigsber.Wlen IL, noldffasse 5 Selchwaren und Restauration Vorzüglicher Mittag- und Abendtisch zu bürger liehen Preisen II.. Praferstraße 35 (Neben dem Carltheater) einer Versammlung in Clinton Hall in New York gingen' die Ostjuden mit scharfen Worten gegen die deutschen Juden vor. Die Massen hatten Erfolg. Der Police Commissioner mußte gehen. Nun begannen die Ostjuden die New Yorker „Kehilla" zu gründen, im Gegensatz zu dem „American Jewish Committee", welches als Zelle der Aristokratie der deutschen Juden betrachtet wurde. In jener Zeit, als der Kampf zwischen deutsch-jüdischer Führerschaft und osteuropäischen Massen entbrannt war, richtete Richter Sulzberger, einer der prominentesten deutschen Juden, obige Worte an mich. Jetzt habe ich mich wieder dieses Ausspruchs erinnert, als ich mich bei einer hochwichtigen Versammlung für einen großen jüdischen Zweck befand. Ich blickte mich um, und siehe: die Führer waren wieder deutsche Juden, wie in den guten, alten Jahren. Es fehlen nicht mehr viele Jahre zu den fündundzwanzig Jahren, die Richter Sulzberger als die notwendige Zeit aufstellte, innerhalb derer die deutschen Juden die Führerschaft erlangen müßten. Es gab so gar kein Anzeichen, daß diese Führerrolle ihnen zufallen sollte — im Gegenteil. In der letzten Zeit ist nach Ueberwindung besonderer Schwierigkeiten ihre Führerschaft stärker und ihr Einfluß mächtiger geworden. Man kann ihr noch weitere 25 Jahre voraussagen. Und wenn Richter Sulzberger gelebt hätte, hätte er daran eine große Freude gehabt. Wenn die deutschen Juden in Amerika die -Führer der amerikanischen Judenheit sind, so kommt das nicht daher, weil sie jemanden unterdrücken oder weil die Ostjuden hilflos sind, sondern weil die jüdischen Massen diese Führerschaft suchen und begehren. Frisch eingewanderte Massen gibt es nicht mehr. Die vor fünfzig Jahren eingewanderten Schichten gehören heute schon zu den Alteingesessenen. Die East Side ist nicht mehr die East Side in früherem Sinne. Die „East-Sider" selbst haben schon viele Wohnungen inmitten aristokratischer Wohnviertel, so daß sie selbst auf die East Side ganz anders herabblicken wie ehedem. Ein großer Teil der Volksmassen ist schon heute auch aristokratisiert, und ihre Anschauungen unterscheiden sich vielfach von der der altjiddischen „Heimischkeit". Die neue Generation, die aus den High Schools und Colleges hervorgegangen ist, hat sich entfernt von der stürmenden Atmosphäre früherer Zeiten. Der Unterschied zwischen Juden, die aus Deutschland, und denen, die aus Osteuropa stammen, ist in bezug auf Sitten, Haltung usw. ganz gewiß nicht mehr so groß wie vormals. Es gibt heute absolut keinen Unterschied mehr zwischen Juden, die von Wilna, Berdischew, Krakau und .lassy kommen, und denen von Breslau, Hamburg und Berlin. Die deutschen Juden sind nicht mehr so zurückgezogen, sie halten sich nicht mehr unverantwortlich für das, was andere Teile des amerikanischen Judentums tun, sie fühlen sich nicht mehr in der Rolle älterer Brüder, die darauf zu achten haben, was die jüngeren Brüder tun und wie sie sich aufführen. Alle Anlässe, die zu Reibungen und Unzufriedenheiten führten, sind verschwunden. Wenn die amerikanische Judenheit heute die deutschen Juden als Führer betrachtet, so sieht sie das als eine interessante Feststellung im jüdischen Leben an und als nicht mehr... Früher war ein großer Unterschied zwischen den von deutschen Juden und den von Ostjuden geführten Anstalten. Es gab gesonderte Geschäftsführung, besonders natürlich auch in Finanzangelegenheiten. Auch hierin hat sich alles grundlegend geändert. In vielen Städten befinden sich heute Verbände, die beide Seiten vereinigen. An der Spitze stehen meist deutsche Juden, wie z. B. in Wohltätigkeitsanstalten, Erziehungsinstitutionen usw. Auf diese Weise üben die deutschen Juden natürlich einen großen Einfluß auf die Oeffentlichkeit aus. Die größte politische Angelegenheit für die jüdische Welt war die Schaffung des jüdik )