Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WAURHEIl Aus dem Wiener Kultusvorstand. Dienstag, den 23. v. M., fand unter dem Vorsitze des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Der Präsident eröffnete die Sitzung mit warmen Nachrufen für die beiden jüngst verstorbenen Gemeindefunktionäre Rabbiner Dr. A. Abel es und Oberkantor I. S c h 1 e i f e r. Ferner gedachte er mit tief empfundenen Worten der Verluste, die drei Kultusvorsteher durch den Tod naher Angehöriger erlitten haben. Herr Prokurist Richard Bettelheim beklagt den Tod seines Bruders Komni-Rat Eduard Bettelheim, Herr Kultusvorsteher Gustav Moritz hat auf tragische Weise einen Bruder verloren und schließlich ist in Krakau der Führer des dortigen orthodoxen Judentums, Herr Ignaz Bauminger, ein Vater des Herrn Kultusvorstehers Viktor Bauminger, gestorben. Die Nachrufe des Präsidenten für alle diese Männer wurden von der Versammlung stehend angehört. Dem von Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb vorgelegten Einlaufe und Präsidialbericht ist unter anderem zu entnehmen, daß das Ehepaar Josef und Fanny Lemberger zum dauernden Gedächtnisse des verewigten Oberrabbiners Dr. Chajes für den Seitenstetten-Tennpel einen weißen, seinen Namen tragenden Thoramantei und für dieselbe Andachtsstätte zum Andenken an die beiderseitigen Eltern zwei blaue Thoramäntelchen gespendet hat. Im Einlaufe befand sich ferner ein überaus herzliches Dankschreiben Philipp Halsmanns für die ihm seitens des Gefangenenseelsorgers Prof. Doktor Kupfer zuteil gewordenen Obsorge. Anläßlich Chanuka wurden von der Schulinspektion aus einem vom Kultusvorstande bewilligten Kredit kleine Beiträge den Lehrkräften zur Verfügung gestellt, die es ihnen ermöglichten, an 79 öffentlichen Schulen Chanukaf eiern zu veranstalten. Weiters wurden an elf Gemeindebibelschulen Chanukafeste abgehalten, so daß im Ganzen an 90 Schulen die Kinder mit der Feier des Cbanukafestes vertraut gemacht wurden. Dazu kamen noch zwei besondere Chanukafestgottesdienste für die Jugend, und zwar der im Leopoldstädter, an dem weit mehr als 1000 Kinder und der im XX. Bezirk, an dem etwa 800 Kinder in Begleitung zahlreicher Eltern teilnahmen. Diese Feste wurden überall in der traditionellen Form mit dem Anzünden der Chanukalichter und dem Absingen des „Moaus zur" durch die Kinder gefeiert. Ueberau erhielten die Kinder kleine Geschenke, die zum Teil auch von jüdischen Elternvereinen oder von Privaten über persönliche Anregung der Inspektion beigestellt wurden. Durch die von der Kultusgemeinde und zahlreichen Vereinen in ihren Bibelschulen veranstalteten Canukafeiem dürfte der größte Teil der im schulpflichtigen Alter stehenden jüdischen Schuljugend an den Festen beteiligt gewesen sein. Das Präsidium der Israel. Kultusgemeinde Wien wurde durch Herrn Vertreter Wolf Pappenheim sowie durch ein vom Berliner Schechita-Büro Sonntag, den 9. November d. J. eingelangtes Telegramm davon in Kenntnis gesetzt daß in Berlin am 10.. 11. und 12 d. M. die Vorführung einer neuen Niad-erlege- Maschine stattfinde, die in London konstruiert wurde. Durch diese Maschine soll die gegenwärtig geübte Methode des „Werfens der Rinder" für den Schächtakt eine wesentliche Besserung erfahren. Die Angelegenheit ist für die jüdischen Gemeinden von größter Wichtigkeit und es hat sich deshalb das Präsidium nach Einvernehmen mit dem Rabbinate und dem Obmanne der Kultus-Kommission entschlossen, ein© Delegation zu den Probevorführungen zu entsenden und an den Magistrat der Stadt Wien heranzutreten, damit auch ein Delegierter dieser Behörde an der Reise und der Probevorführung teilnehme. Seitens des Herrn Bürgermeisters wurde der Direktor des Veterinäramtes Dr. Moser beauftragt, der Einladung der Kultusgemeinde Folge zu leisten, während das Präsidium den Amtsdirektor. Reg.-Rat Fuchsgelb und den Schächter M. Geller entsandte. Es wurde ferner von der „Agudah Israel" , deren Schlachthauskontrollor Grünhut der Expedition angeschlossen. Der Probevorführung in Berlin wohnten Delegierte der großen jüdischen Gemeinden fast ganz Deutschlands, ferner Vertreter der Reichsregiening, des Preussischen Gesundheitsminästeriums, des Kultus, und des Arbeitsministeriums, der Landes¬ und der Stadtverwaltung, der Universität und der Tierärztlichen Fakultät, die Direktoren der Schlachthäuser und ähnliche Delegationen der sächsischen Regierung bei. Schon aus dieser Teilnahme ist ersichtlich, welche Wichtigkeit der Angelegenheit beibemessen wird. Der Apparat erwies sich als; sehr sinnreich, jedoch primitiv konstruiert und bedarf noch gewisser technischer Ergänzungen, die jedoch für den Techniker keinerlei Problem bedeuten. In dieser Richtung werden nun die Bemühungen fortgesetzt und es wird abzuwarten sein, bis die Konstruktion .eine in allen Belangen vollkommen entsprechende Ausarbeitung erfahren haben wird. Die Kultusgemeinde wird die weiteren Schritte und Veranlassungen, welche in dieser Angelegenheit von der „Reichszentrale für Schächtangelegenheiten in Berlin" getroffen werden, mit Aufmerksamkeit verfolgen und seinerzeit dem Kultusvorstande konkrete; Anträge stellen. Seit der letzten Plenarsitzung hatte das Präsidium der Kultusgemeinde wiederholt Veranlassung, an den obersten Regierungsstellen zu intervenieren. Am 30. Oktober d. J. hat das Präsidium in Angelegenheit der in Ministerreden zutage getretenen Angriffe und Beleidigungen der Judenschaft an den obersten Regierungsstellen vorgesprochen und es ist das Ergebnis dieses Einschreitens durch die diesfällige amtliche Verlautbarung der Bundesregierung bekannt. Am Tage der Plenarsitzung hat das Präsidium den Herrn Vizekanzler Dr. Schober besucht und neuerlich dessen Interessenahme für die Angelegenheit des von der Kultusgemeinde angestrebten Bundesbeitrages erbeten. Das Präsidium berichtet schließlich, daß es entsprechend der ihm vom Plenum erteilten Vollmacht den Dienstvertrag und die Instruktion für den neubestellten Rosch Bethdin, Rabbiner Josef Babad, ausgefertigt hat und die Annahmeerklärung des genannten Herrn Rabbiners bereits vorliegt. Gemäß einem Antrag des Finanzreferenten, Herrn Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, wurde einstimmig ein dreimonatiges Budgetprovisorium pro 1931 bewilligt. Reg.-Rat Dr. Oppenheim begründete seinen Antrag damit, daß vor Kenntnisnahme aller Ergebnisziffern des Verwaltungsjahres 1930 es schwer möglich sei, ein haltbares Budget aufzustellen. Da sich in diesem Jahre UFA-TON-KINO Wien iL, Taboritradi 8 Telephon R 41-2-41 Emil Jannings im großen Ufa-Tonfilm Der Liebling Beginn der Vorstellungen: 7,6, 7«8 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr die Verhältnisse besonders verschlechtert haben, da sogar die große Sorge besteht, daß in diesem Jahre ein größeres Defizit als präliminiert, aufscheinenwird, ist es besonders notwendig, alle Ziffern des Verwaltungsjahres 1930 zu überprüfen und erst dann an die Aufstellung eines Budgets pro 1931 zu schreiten. Er gab die Versicherung, daß die erbetene Frist von drei Monaten bestimmt nicht überschritten werde. Wie im Leitartikel unserer heutigen Nummer ausgeführt, entfesselte der Antrag des Leiters des Steueramtes der Gemeinde, Herrn Hofrat Goldmann, auf Einführung des vereinfachten Steuerverfahrens eine lebhafte Debatte. Hof rat Goldmann begründete seinen Antrag mit der Anführung verschiedener Vorteile, die das vereinfachte Steuerverfahren dem Steueramte, das durch diese Methode Zeit für andere wichtige Arbeiten gewinne, biete. Der der unionistischen Majorität angehörende Finanzreferent Reg.-Rat Dr. H. 0 p p e n h e i m ließ sich bei der Ablehnung des Vorschlages des Steueramtes im wesentlichen von folgender Erwägung leiten. Für das Steuerjahr 1928 war die vereinfachte Steuervorschreibung beschlossen worden. Mit Rücksicht auf das vorhandene große Defizit wurde im Jahre 1929 bekanntlich ein Zuschlag von 20 Prozent des Steuerbetrages vorgeschrieben. Für das Jahr 1930 wurde nun vielfach bei der Bemessung einfach der im Jahre 1929 eingehobene (erhöhte) Steuerbetrag wieder angesetzt. Der Vorgang geht also bis auf das Jahr 1928 zurück; die seit dieser Zeit eingetretene Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse bedinge eine neuerliche genaue Bemessung. Das Steueramt ist bei seinem Vorschlage sicherlich davon ausgegangen, die Steuereinnahmen der Kultusgemeinde zu stabilisieren, es ist aber notwendig, einer etwa entstehenden Miß- Geuitleton Wie die „ Wilnaer Truppe" entstand. Aus einem Gespräch mit Alex Stein. Der Gedanke zur Schaffung eines jüdischen Kunsttheaters bestand schon lange Zeit vor dem Weltkrieg. Der erste, der diesen Gedanken in die Tat umsetzte, war der jüdische Dramatiker Perez Hirschbein. Er gründete im Jahre 1909 in Odessa ein jüdisches Theater, das sich ein literarisches nannte. Aber schon nach zweijähriger Existenz ging dieses Theaterunternehmen zugrunde. Allein dieser Mißerfolg hinderte nicht," daß die Idee eines jüdischen Kunsttheaters auch weiter lebendig blieb, ja sogar immer weitere Kreise für sich gewann. Wilna und Warschau — diese zwei alten Judenzentren mit starker jüdischer und geistiger Tradition — waren die Stätten, in denen diese Idee besonders gepflegt wurde. Idealisten, die sich für die Schaffung eines jüdischen dramatischen Kunsttheaters begeisterten und sich der Verwirklichung dieses Zieles mit größter Hingabe widmeten, bildeten sogenannte dramatische Zirkel und Kreise, in denen sie diese ihre Idee praktisch zu verwirklichen suchten. Aber während des Weltkrieges verbot man auch diese Art jüdischen Theaters, wie man überhaupt den Gebrauch der jiddischen Sprache ihr Aehnlichkeit zur deutschen Sprache wegen untersagte. Durch dieses Verbot wurde das ganze jiddische Theater gleich in seinen ersten Anfängen vernichtet. Erst mit der deutschen Okkupation öffnete sich den Juden in Wilna wieder der Weg zu einer freieren kulturellen Entwicklung, und so wurden auch die künstlerischen Bestrebungen von der deutschen Besatzung gefördert. Um diese Zeit faßte nun eine Gruppe junger russisch-jüdischer Schauspieler, von der russischen Bühne kommend, den Beschluß, nunmehr die wieder lebendig gewordene Idee zur Schaffung eines jüdischen Künstlertheaters zu verwirklichen. So entstand die fast legendäre „Wilnaer Truppe". Für diese junge Theatertruppe, deren Künstler von reinstem Idealismus beseelt waren, brach aber erst jetzt eine schwere Zeit an. Draußen tobte der Kampf. Im Hinterland aber, in der Stadt Wilna lebte die Bevölkerung auch unter der deutschen Besatzung in arger Not und hatte für Theater wahrlich nicht viel übrig. Nur ein ganz kleiner Teil aus der Intelligenz nahm sich in dieser Zeit jener jungen Künstler an, förderte sie, soweit es ging. Aber interessanterweise erstand der jungen Truppe von einer ganz unerwarteten Seite her Hilfe. Indirekt erfuhr sie eine Förderung durch die deutsche Besatzungsarmee. Viele ihrer Mitglieder nämlich, die hier in diesem für sie gänzlich fremden Milieu das ostjüdische Leben kennen lernten, begannen sich auch für das jüdische Kunsttheater zu interessieren und wurden zu seinen ständigen Besuchern. Zu diesen gehörten Herbert Eulenberg, Arnold Zweig u. a. Das künstlerische Prinzip, auf dem das junge Ensemble seine Arbeit aufbauen wollte, war, die Stanislawskische Tradition vom Moskauer Künstlertheater fortzuführen und zu pflegen. Und nach kaum zweijährigem Bestand hatte sich die unter so sonderbaren und schwierigen Bedingungen zustande gekommene Theatertruppe, welche das alte jüdische Theater revolutionierte, zu einem ganz bedeutenden künstlerischen Faktor in der europäischen Kunst entwickelt. Das Ensemble entfaltete immer neue Kräfte, sein Repertoire erweiterte sich immer mehr. Es durchschritt in der kurzen Spanne Zeit seines Bestehens künstlerisch verschiedene Entwicklungsphasen. Vom Naturalismus-Realismus („Schwer zu sein ein Jud", „Der Dorfsjing") über den Mystizismus und Symbolismus („Der Dybuk", „Tag und Nacht") bis zum Expressionismuß („Der Sänger seiner Trauer"). An die Aufführung des ersten Anskischen Stückes „Der Dybuk" durch die „Wilnaer" knüpfen sich die verschiedensten Legenden. Auch darüber weiß Alex Stein Interessantes zu erzählen. Anski hatte seinen „Dybuk" ursprünglich für Stanislawski geschrieben, aber der Dichter starb, ehe sein Stück uraufgeführt wurde. Bei seinem Tod nun legten die jungen jüdischen Künstler der „Wilnaer Truppe" den Eid ab, sein Stück, den „Dybuk", das seinen Schöpfer unsterblich und die Truppe weltberühmt machen sollte, dreißig Tage nach seinem Tod aufzuführen. Und diese ihre Aufführung sowie die ihr folgende von „Tag und Nacht" gestalteten sich zu einem von ihnen kaum vorausgeahnten Welterfolg. ■' In Wien haben wir die „Wilnaer Truppe" zum erstenmal bei ihrem Gastspiel in der Roland- Bühne vor acht Jahren gesehen und in ihr ein auch nach westeuropäischen Begriffen hochstehendes jüdisches Kunsttheater kennen gelernt. Es ging dieser jungen Truppe, deren Repertoire ganz abweichend vom landläufigen war und deren Spielweise