Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-12-26 · Heft 52 (26.12.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 52 (26.12.1930)
Date
1930-12-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064196--18189-3083194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Verbindung zu stellen, ihnen auch nur ein Almosen zu reichen. Jeder Fremde — so auch ich — wird von den Unglücklichen mißtrauisch betrachtet In jedem Unbekannten fürchten sie einen Kundschafter der Sowjets, sehen sie einen Häscher. Ich hatte große Mühe, ihr Vertrauen zu erwerben, und auch dann hatte ich nur unter den allergrößten Vorsichtsmaßnahmen Zutritt zu ihnen. Ich besuchte am Freitag abends den Rabbiner, dessen Tochter unter fremdem Namen in einer Fabrik arbeitet Er sagte mir: „Nur diesem Betrug habe ich das Stückchen Weißbrot zu danken, das am Sabbath auf den Tisch kommt." Man sprach nur im Flüsterton, in hebräischer Sprache, um vor Lauschern sicher zu sein. Meiner Bitte, mich im Hotel zu besuchen, wurde niemals und von niemandem Folge geleistet Ein solcher Besuch hätte die schwersten Folgen nach sich ziehen können. Es ist Tatsache, daß angesehene Persönlichkeiten, die ins Ausland berufen worden waren und für die eine ausländische Intervention einsetzte, dies bitter büßen mußten: sie wurden kurzerhand zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt Ich sprach in M. mit dem hervorragenden jüdischen Gelehrten B., der Jahrzehnte vorbildlich in seiner Heimatsgemeinde gewirkt hatte. Während unseres Gespräches wurde er verhaftet, well eine Aeußerung vor ihm, daß er Rußland verlassen wolle, bekanntgeworden war. Nach Wien zurückgekehrt, lese ich in der Presse, daß dieser Mann für das Verbrechen, Rußland verlassen zu wollen, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist. 1 Ganz Rußland macht den Eindruck eines einzigen, düsteren, grauenhaften Gefängnisses. Auf den großen Chausseen begegnete ich ganzen Trupps von Gefangenen, die in die „Solofki". die Konzentrationslager der Gefangenen, abgeführt wurden, zur Strafe für religiöse Verbrechen (worunter Ausübung religiöser Funktionen fallen) und Verbrechen gegen die bestehende Wirtschaftsordnung. Ich ging neben einem alten, bettierhaft aussehenden Greis an einem wunderbaren großen Hause vorbei Der Alte, ein ehemaliger Patrizier der Stadt flüsterte mir zu, daß dies Haus einst sein Eigentum gewesen sei, in dem er mit Kindern und Enkeln gewohnt habe. Jetzt sei es ihm enteignet worden, er habe für die ganze Familie zwei feuchte Zimmer zugewiesen bekommen. Aber das sei noch ein Glücksfall, es gebe Tausende von Fällen, in denen die Behörden nicht so rücksichtsvoll gewesen seien, einen Ersatz zuzuweisen.....Mir sind Familien begegnet, wo Vater, Mutter, Kinder, jedes gesondert Nacht für Nacht ein Dach über dem Kopfe suchen---- Aber genau so tieftragisch wie das Schicksal des Einzelnen, ist auch das Schicksal der Gemeinden. Sie sehen alle mit Riesenschritten unaufhaltsam dem Verfall entgegen. Es ist in Rußland der Synagogenbesuch nicht offiziell verboten; aber alle jene, die in der Synagoge gesehen werden, sind von vornherein gezeichnet, sie sind ständig in Gefahr. Freiheit und Stellung zu riskieren. Es findet sich auch heute kaum einer, der das Amt eines Gemeinde- oder Synagogenvorstehers übernehmen will. Ich hatte in M. folgendes Erlebnis: nach dem Sabbathgottesdienst wurde mitgeteilt, daß der kürzlich gewählte Gemeindevorstand sein Amt niedergelegt habe und sich niemand finde, um die Nachfolge zu übernehmen. Nach dem Gesetz müssen aber mindestens drei Gemeindevorsteher der Regierung namhaft gemacht werden. Ein angesehener alter Mann bestieg das Podium und bat flehentlich, mit Tränen in den Augen, daß sich noch zwei Leute freiwillig melden mögen, um mit ihm gemeinsam das Amt zu übernehmen, sonst würde entweder die Schließung der Synagoge verfügt oder ein Regierungskommissär eingesetzt Dann wird eine Abstimmung unter der jüdischen Bevölkerung veranlaßt ob die Andachtsstätte notwendig oder überflüssig ist. und der ausgeübte Druck sorgt dafür, daß diese Abstimmung so ausfällt wie die Behörden es wollen. In der Synagoge fiel mir ein Mann im Arbeitskleid auf. Auf meine Frage erklärte er mir, daß er diese Vorsichtsmaßregel gebrauche, um seinen Arbeitsgenossen nicht aufzufallen. Im übrigen bat er mich, nicht mit ihm zusammen über die Straße zu gehen, da jeder, der Beziehungen oder auch nur eine Unterhaltung mit Ausländern pflegt verdächtigt wird. Erschütternder noch als das physische und geistige Elend dieser Unglücklichen ist ihre seelische Not. Sie fühlen sich vergessen und abgeschlossen von aller Welt. Die russische Regierung öffnet kein Ventil, mit aller Macht werden die Unglücklichen im Lande zurückgehalten und sie dürfen ihre Not nicht einmal hinausschreien — sie sind Gefangene im Innern Rußlands. Ich bin vielen Menschen, unter ihnen geistig sehr hochstehenden, begegnet, die mir sagten, daß es ihr höchster Wunsch und einzige Sehnsucht sei, den kommenden Tag nicht zu erleben. Würden diese Menschen nicht von religiösen Bindungen gehalten, wären sie nicht so fest verankert in ihrem Glauben und ihrer Tradition, so würde jeder Tag Massenselbstmorde ohne Ende und Grenzen sehen— In Ch. sagte mir eine Frau, Mutter von zehn Kindern: „Die einzige Hoffnung, die uns aufrecht hält ist der Glaube, daß mit Gottes Hilfe unsere Brüder im Ausland Berge versetzen und Mauern durchbrechen werden, um uns zu helfen, wenn sie unser Leid erfahren." Wie können wir heiienV Daß wir helfen, mit allen Mitteln und sofort helfen müssen, steht außer Frage. Nur über das Wie müssen wir uns Klarheit schaffen. Unsere Brüder im Auslande waren auch bisher nicht müßig. Die großen jüdischen Hilfsorganisationen, vornehmlich in Amerika, haben in großzügigen Aktionen Millionen aufgebracht, um dem namenlosen Elend zu steuern. Aber da sie offiziell also in Verbindung mit den Sowjetbehörden vorgingen, mußten sie natürlich ihre Hilfsaktionen deren Kontrolle unterstellen. Und so kamen diese Aktionen wiederum nur den Klassierten „zugute", wenn man so sagen darf, die Deklassierten hatten keinen Teil daran. Wie das Ergebnis des edlen Wollens unserer Brüder in Amerika war — ihre Hilfstätigkeit ist unter dem Namen „Krimkolonisation*' und „Bira-Bidzankolonisation" bekannt — dafür ist folgendes bezeichnend: . Wenn man in Rußland einen Fluch aussprechen will, so sagt nian nicht „Geh zum Teufel" oder „Fahre in die Hölle", sondern man sagt: „Gehe in die Krim". Ich fasse alle meine erschütternden Erlebnisse und Erfahrungen, alle die ergreifenden Bitten, die an mich gerichtet wurden, dahin zusammen, daß nur durch Uebersendung von Lebensmitteln die Not zu lindern ist. Glücklicherweise ist es jetzt erlaubt, ein Lebensmittelpaket pro Kopf und Monat zu empfangen, während früher lediglich die Einfuhr eines Paketes pro Kopf und Jahr (!) gestattet war. Wenn man bedenkt, daß heute in Rußland drei Millionen Juden, also ein Fünftel der gegenwärtigen Gesamtjudenheit wohnen, so dürfen wir überzeugt sein, daß alle unsere Brüder nicht nur geben, sondern opfern werden. Und jedes Lebensmittelpaket, das den Verschmachtenden gesandt wird, ist mehr als materielle Hilfe, mehr als Errettung von Hungersnot, es ist ein Zeichen der Verbundenheit mit unserer Gesamtheit — und diese doppelte Hilfe für Körper und Seele wird die Lebenskraft unserer Ii r ii d e r s t ä r k e n. Im Sinne des Referates des Herrn David Lemberger wurde von dem Komitee für Rußlandhilfe der Beschluß gefaßt, an die russischen Glau- LederhandschuMabrik Josef Tjasßnger 1., Rotenturmstraße 23 Telephon II 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 bensbrüder Lebensmittelpakete zu senden, deren Preis S 10.— beträgt. Dieser Betrag macht es sicherlich vielen edel denkenden Wiener Juden möglich, sich an dieser Aktion zu beteiligen. Wie in allen Kulturstaaten haben sich auch in Oesterreich hervorragende Männer aller Bekenntnisse zusammengetan, um dem namenlosen Elend der russischen Juden zu steuern. An den Wiener Juden liegt es, dem warmen Appell dieser Männer Folge zu leisten. Die Redaktion unseres Blattes ist bereit, Spenden an das Komitee weiterzuleiten. Eine neue Jüdische Geschichte/'*) Besprochen von Chaim Bloch. Joachim Prinz leitete früher die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" in Breslau, bekanntlich Verfechterin eines sehr scharfen nationalistischen Standpunktes. Vor einigen Jahren gab ei seine Stelle als Redakteur des genannten Blattes auf, ging nach der Reichshauptstadt und folgte bald dem Rufe der Berliner Jüdischen Gemeinde, die Stelle eines Rabbiners an der Synagoge Le- _ VORNEHME FAMILIEN PENSION H vomais Dr. GRÜNBERG IAM SEMMERING M HOCHSTMSSI 43 (BEI HOTEL PANHANG I Mäßige Preise (Zimmer! mit Pension von S 12i— ■ aufw.) / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im 1 Hause / Besitzer: ECKSTEIN / Telephon: Semmering Nr. 11 Fließendes War»-und Kaltwasser In Jedem Zimmer ' *^^^mi|lmi»^ :^T" -' ■■nt^v .^«iipl^P i:fEll|ttli i ■■^mmm££ vetzowstraße zu übernehmen, — irre ich nicht, geschah dies zu einer Zeit, da die Zionisten die Mehrheit im Vorstande schon errungen hatten. Dieser Tempel ist heute der meist besuchte Berlins. Klar, ohne Rhetorik, durchzittert von innerer Glut, spricht Prinz zu seiner Gemeinde und seine Anhänger horchen gespannt dem Künder neuer Ewigkeitsgedanken. Prinz ist heute in Berlin und im ganzen Reiche als eigengeprägte Persönlichkeit bekannt. Er hat es in glänzender Weise verstanden, einen neuen Kreis zu gewinnen, dem, merkwürdig genug, auch Menschen angehören, die innerlich in heftigem Widerspruch zu seiner Auffassung stehen. Vor kurzem weilte in Wien ein hervorragender Führer der deutschen Juden. Wir sprachen über verschiedene, das Judentum betreffende Dinge. Dabei kaum auch die Rede auf Rabbiner Dr. Prinz. Mein Gegenüber, ein entschiedener Gegner der jüdischnationalen Bewegung, sprach von Prinz mit größter Bewunderung, erzäldte, daß er zu seinen Predigten den größten Zulauf habe, und verglich *) Joachim Prinz. Jüdische Geschichte, mit 15 Illustrationen, Berlin 1930. Verlag für Kulturpoli- I i k. Preis in Ganzleinwand RM 10.—. yiiiiji».; I JÄlHMZÜDTUCIHlf ■ RESIDENZ COLUMBIA ■ m GARANTIERT UNUNTERBROCHENE m M BRENNDAUER 30 STUNDEN fH K „MANNA1* FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE m H WIEN TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 Ü IlBillllllS« ihn mit dem katholischen Priester Helmuth Fahsel, der gleichfalls in Deutschland wegen seiner Redegewalt und seinen neuen religiösen Gedanken eine bedeutende RoJle spielt. Diese Tatsache dürfte den Verlag für Kulturpolitik auch bestimmt haben, Dr. Prinz mit der Abfassung des vorliegenden modernen jüdischen Geschichtswerkes zu betrauen. Nun liegt es vor mir, in einem überaus prachtvollen äußeren Gewände, etwa 280 Seiten stark. Ich muß sagen: ein glänzendes Büch! Das gewaltige Spiegelbild des Lebens eines Volkes seit dreieinhalb Jahrtausenden bis in die jüngsten Tage entsteht vor uns. Eine „Jüdische Geschichte", geschrieben, dichterisch durchleuchtet für „Menschen, denen daran gelegen ist, etwas von der Spannung, von der Dynamik, von dem Drama dieser seltsamen Gemeinschaft zu verspüren." Es ist erstaunlich, mit welcher Sicherheit und Geschicklichkeit der Verfasser die Hauptgrundzüge der Geschichte in dieser Knappheit des Raumes herausarbeitet. Er beginnt mit den Gestalten der Antike, die die Grundlagen der europäischen Kultur mitgeschafit haben, und kommt von Mose, dem ersten Führer der Juden, über das Traditionsjudentum seit E s r a, dem er einen etwa siebzig Seiten langen Abschnitt widmet, zu der Zeitwende „Ghettodämmerung". Von einer geradezu unerhörten Gewalt und Wucht der Sprache ist Prinz' Stil. Eine kleine Auslese aus dem glänzenden, jedem verständlichen Werke möge hier folgen: „Für Mose ist dieses Volk nicht das Sklavenvolk gewesen. Er hat gefühlt und hat gewußt: dieses ganze Aegypten, das ist nicht die wirkliche Zeit dieses Volkes. Diese Sklaven, das sind nicht die wirklichen und wahrhaftigen Menschen dieses Volkes. Sondern hinter jedem zerquälten Antlitz eines solchen hebräischen Sklaven leuchtete ihm das wunderbar klare und edle Gesicht Abrahams, des Vaters dieses Volkes . . . Für Moses war das Wirklichkeit. Wahrheit. Für ihn war das verpflichtend und noch mehr. In ihm tauchte blitzschnell der Gedanke auf: Das hier sind Sklaven, aber es ist edles Menschenmaterial. Diese Menschen sind Nachkommen des Abraham, des Isaak und des Jakob, der drei Gotteskämpfer. Das kann kein Zufall sein. Das muß irgendwo geblieben sein. Es gibt, so denkt es in Moses, es gibt einen Genius dieses Volkes. Einer von ihnen hat einen Bund mit Gott geschlossen. Dieser Genius wirkt. Er muß sich auswirken, selbst in den Versklavten. Und so glaubt er an dieses Volk. So glaubt er fest, daß dieses Volk nur ein Ziel haben kann: Sinai. Gottes Volkschaft. Gottesgefolgschaft."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.