Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 52 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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LIilllBI'l I ■■IWIIIIItl» lll'H II »lllilillllll IM Hill» IUI Wim i « DIE WAHRHEIT Seit« 4 Die englischen Unterhändler versprachen baldigste Antwort und — die „Verständigungskonferenz" wurde vertagt. Die Antwort der englischen Regierung ist inzwischen der jewish Agency zugekommen, ohne daß diese es bisher der Mühe wert gefunden hätte, dieses wichtige Dokument der interessierten jüdischen Oeffentlichkeit. bekannt zü geben. Dafür aber hat sich in der Vorwoche in London ein wichtiges Ereignis vollzogen: die „Verständigungskonferenz" ist neuerlich zusammengetreten und — wieder auseinander gegangen. Die Besprechungen sind, wie der nichtssagende amtliche Londoner Bericht zu sagen weiß, angeblich noch nicht beendet und werden Anfang Jänner wieder aufgenommen. Mit einem Wort: die Konferenz steht heute, nach zwei Monaten emsiger Beratung, noch immer dort, wo sie am Anfang gestanden: vor dem entschiedenen Festhalten der englischen Regierung an ihrer im Weißbuch neuerdings festgelegten Palästinapolitik. Daß die britische Regierung von dieser Linie nicht abweichen will, beweist ihre Verschleppungstaktik, der die Zionisten gefügig folgen. Die Zionisten müssen aber eigentlich froh sein, daß durch die neuerliche Vertagung der Konferenz ihnen Gelegenheit geboten ist, Ordnung: in ihren eigenen Reihen zu machen. Dort geht es nämlich derzeit drunter und drüber. Die Verwirrung hat sogar die Leitung selbst ergriffen. Mau sollte zwar annehmen, daß die Führung heute mehr denn je darauf bedacht sein müßte, das Heft ordentlich in der Hand zu behalten. Vorkommnisse der letzten Zeit beweisen aber, daß dem nicht so ist, daß sich sogar in der Politischen Kommission, die zur Berätung Dr. Weizmanns bei den Verhandlungen mit der englischen Regierung eingesetzt wurde, weitgehende Differenzen ergeben haben. Das Organ der zionistischen Vereinigung für Deutschland, die Berliner „Jüdische Rundschau", veröffentlichte darüber letzthin einen sensationellen Artikel, der zwar vor allem eingefleischten Zionisten nahegehen wird, der aber aüch unsere Leser interessieren dürfte, weil er die merkwürdigen Vorgänge in dieser wichtigen Kommission in ein scharfes Licht setzt. Iii dem Aufsatze heißt es u. a.: . „Nach ffrscheinen des letzten Palästina- Weißbuches der englischen Regierung hat das Zionistische Aktions-Komitee beschlossen, daß die Verhandlungen, die auf Initiative der englischen Regierung zwischen der Jewish Agency und der Regierung stattfinden sollen, von dem in Demission befindlichen Präsidenten Doktor Weizmann weiter geführt werden sollen. Zu seiner Beratung, und gewissermaßen zu seiner Kontrolle, setzte das Aktions-Komitee eine Politische Kommission ein, die aus fünf Mitgliedern bestellen sollte, von denen die Zionistische Organisation Amerikas und der Waad Leumi je einen Vertreter entsenden sollten. In der schwierigen Situation und angesichts der inneren Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung schien es richtig, die Verantwortung für diese wichtigen, vielleicht entscheidenden Verhandlungen auf möglichst breite Schultern zu verteilen. Mitte November hieß es, daß die amerikanischen Zionisten Prof. Frankfurter und der Waad Leumi seinen Vorsitzenden Ruthenberg nach London entsandt haben, um die ihnen vorbehaltenen Plätze im Politischen Komitee zu besetzen. Bis heute aber sind diese Herren in London nicht eingetroffen, und man erfährt mit Erstaunen aus Pressemeldungen, daß z. B. der Waad Leumi sich in Jerusalem mit der Antwort der englischen Regierung an die Jewish Agency befaßt hat und seinen Präsidenten Ruthenberg nochmals beauftragte, nach London zu fahren, um eine übermäßige Nachgiebigkeit der Jewish Agency zu verhüten. Ruthenberg aber weigert sich zu fahren. Wie es diesbezüglich in Amerika steht, ist der Oeffentlichkeit nicht bekannt, obwohl immer wieder die englische Tagespresse zu melden weiß, daß die amerikanischen Zionisten gehört zu werden fordern und daß darum die Verhandlungen sich hinziehen. Dr. Weizmann hat zwar diese Gerüchte dementiert, aber eine verantwortungsbewußte zionistische Oeffentlichkeit muß viel mehr durch dieses eigentümliche Schauspiel der Divergenz im eigenen Lager als durch die englische Haltung irritiert werden. Der Waad Leumi ist eine konstitutionelle Körperschaft und darf daher nicht die Kleider sofort Zählung später Herrennnd Oamenkleider nach Mas und fertig nur erstklassige Stotfe, bis >2 Monate Kredit Kleiderhaus Werler, Wien XVI., Ottahrlnfiersfr. Ii Tel. A21-501 billige Rolle des außenstehenden Kritikers spielen, wenn man ihm die verantwortliche Mitwirkung anbietet. Dr. Weizmann ist im Zustande der Demission. Er kann nicht ohne das volle Votum der Politischen Kommisston handeln, und es wäre besser für ihn, falls diese Kommission sich infolge des Verhaltens in Jerusalem und New York als aktionsunfähig erweist, ihr die volle Verantwortung für die Wetterführung der Verhandlung und für die tntsehciduug zu überlassen." Es ist was faul — in der zionistischen Weltorganisation. Spectator. Das physische und geistige Elend unter den Juden Rußlands. Vor kurzein fand in der Wiener Kultusgemeinde die Sitzung eines großen Komitees statt, das sich die Linderung der unsäglichen unter russischen Juden herrschenden Not zur Aufgabe gestellt hat Herr David Lemberger, Juwelier in Wien, erstattete ein ausführliches Referat über seine Eindrücke in Sowjetrußland, das so packend und anschaulich gehalten war, daß wir es unseren Lesern in folgendem vollinhaltlich wiedergeben. Es ist nicht meine Absicht, heute über die allgemeine wirtschaftliche Lage oder das Programm der Sowjetregierung zu berichten, da ja die Weltpresse darüber genügende Informationen gibt. Ueber jene Zustände und unerhörten Leiden will ich sprechen, die bisher scheinbar aus Furcht vor unabsehbaren Folgen totgeschwiegen wurden. Auch die Presse geht mit Schweigen darüber hinweg, um unseren so furchtbar betroffenen Brüdern nicht zu schaden. Nur soweit es als Rahmen für die Schilderung der empfangenen Eindrücke erforderlich ist, will ich kurz die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse streifen. Ich möchte vorweg nehmen, daß während der ganzen Dauer meines Aufenthaltes der Gedanke auf mir lastete, daß im Zeitalter der höchsten technischen Errungenschaften, im Zeitalter, in dem innerhalb von Stunden Ozeane überquert werden, es unfaßbar ist, daß wir in Mitteleuropa so wenig davon wissen, was in einem Land, das mit modernen Verkehrsmitteln in wenigen Stunden zu erreichen ist. vor sich gellt. Wir erschauern heute noch, wenn wir an die Blutopfer der spanischen Inquisition vor vielen Jahrhunderten denken, wir verlebendigen uns die Schrecken eines dreißigjährigen Krieges, wir wissen .genau Bescheid um die Opfer der französischen Revoultion vor so und so viel Jahren, aber wir wissen nicht, daß jetzt, in dem Augenblick, in dem wir leben und atmen, tausende von Menschen unsäglich leiden und zugrttndegehen. Die Sowjetmacht ist ein Götze, vor dem jedes innerhalb der russischen Grenzen wohnende Lebewesen auf die Knie gezwungen wird. Es ist ein Regime der Knechtschaft: nicht nur jede private Handlung, sondern jeder Gedanke wird vorgeschrieben und kontrolliert. Nach dem Grundsatz: „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns" wird jeder, der nicht einer sowjetistischen Organisation angehört und alles von ihr Anbefohlene mitmacht, als Konterrevolutionär betrachtet und mit den härtesten Maßnahmen zu vernichten gesucht. Uin nur einige Streiflichter zu bringen, kein Mediziner oder Jurist wird zu seinem Berufe zugelassen, wenn er nicht vorher einen Kurs in „Leninismus" mit Erfolg durchgemacht hat. Jede Korrespondenz wird von den Agenten der G. P. U. zensuriert und wenn ein solcher nach dem Ausland gerichteter Brief auch nur ein Wort der Unzufriedenheit über das bestehende Regime enthält, so sind dem Absender mehrere Jahre Deportation nach Sibirien sicher. Daraus erklärt es sich, daß keinerlei Nachrichten über all das namenlose Leid, das unsere Brüder zu ertragen haben, bis zu uns durchdringen. Nach dem sogenannten fünfjährigen Wirtschaitsplan werden Lebensmittel, Rohprodukte, die verschiedensten Materialien usw. nach dem Ausland exportiert, während für die Bevölkerung des Inlandes alles rationiert ist. Brot, Mehl, Schreibpapier, sogar Bindfaden, alles wird auf Karten ausgegeben und man steht in endlos langen Reihen, um oft mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Die Lage der Deklassierten. Das Obengesagte gilt für alle Bürger Sowjet- Rußlands. Unausdenkbar verzweiflungsvoll ist erst die Lage der Deklassierten. Deklassierte Bürger sind alle jene, die keine Arbeiter gewesen sind, gewesene Kaufleute und in erster Linie jene, die ehemals im Ritualdienst, welcher Konfession immer, standen, also Rabbiner, Geistliche, Kantoren, Lehrer. Schächter usw. Die Kaufleute hatten unter dem Regime Lenin die Bewilligung für eine gewisse privatrechtliche Wirtschaft erhalten. In der Aera Stalin wurden vom „Nep" (Neue Oekcnomisclic Partei) diese Dekrete aufgehoben und ihre Inhaber zu Bürgern zweiter Klasse erklärt. Die Deklassierten sind last vogclfrei, haben nicht die primitivsten Bürgerrechte, kein Wahlrecht, kein Anrecht auf die spärliche, von Staats wegen festgesetzte Brotration. Offiziell gibt es kein Ausnahmegesetz für die Juden, aber da diese sich zu 80 Prozent aus den oben genannten Schichten rekrutieren, wird die jüdische Bevölkerung am härtesten von diesen Bestimmungen der Sowjetmacht betroffen. Auf Vorstellungen, wie sich die Behörde die Lcbensfristung dieser Rechtlosen denke, bekommt man keine Antwort. Besonders rohe Beamte antworten auf die flehentlichen Bitten der Verhungernden: ..Ihr habt früher genug gelebt." Wenn Sie nun an mich die Frage richten: „Wie leben diese Unglücklichen doch?", so ist die Entgegnung darauf: Man verkauft das letzte Hab und Gut, um im Schleichhandel Schwarzbrot wie einen kostbaren Leckerbissen um Wucherpreise zu erringen, oder man hat das Glück, einen dem Kommunismus verschriebenen Verwandten zu besitzen, der einem hie und da etwas zukommen läßt. Ich möchte aus der langen Reihe meiner Erlebnisse einige herausgreifen: Ich habe einige junge Menschen kennengelernt. Söhne und Töchter angesehener Gelehrter, die sich die Füße wundgelaufen hatten, um Arbeit in einer Fabrik zu bekommen. Ueberall wurden sie abgewiesen, weil ihre Väter Rabbiner sind. Einem jungen Mädchen war es durch besondere Protektion eines entfernten Verwandten, der einer kommunistischen Organisation angehört, gelungen, eine ganz niedere Arbeit zugewiesen zu bekommen; doch es mußte sich schriftlich verpflichten, die Familie nicht zu besuchen, ihr an keinem dritten Orte zu begegnen, sowie Uberhaupt alle Beziehungen zum Elternhaus abzubrechen. Das junge Mädchen unterzeichnete unter dem Zwang des Hungers diese Bedingungen, wohnt nicht im Elternhaus und läßt der Familie unter schwersten Gefahren, die die Verletzung einer solchen Verpflichtung nach sich zieht, den größten Teil ihrer kärglichen Ration zukommen. Ich kenne drei Fälle, in welchen die Kinder in fremde Orte fortgezogen sind, dort ihre Namen änderten, iede Beziehung zum Elternhaus verleugneten, nur um Arbeit, um Brot zu bekommen. Die vielen Tausende, die keine Arbeit haben, sind buchstäblich auf die Mildtätigkeit ihrer Brüder angewiesen, die wenigstens im Genuß der staatlichen Rationen und Arbeitslöhne stehen. Aber groß ist diese Hilfe nicht, man fürchtet allzusehr, mit Deklassierten in Seit vielen Jahren das anerkannt beste 3 Jahrzeitlicht iw^-notM Man achte auf die ges. gesell. Marke „Hyglen. KönlgsllcM" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33-1-87