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Die Wahrheit · 1930-12-26 · Heft 52 (26.12.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 52 (26.12.1930)
Date
1930-12-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT beinhaltet. In diesem Sinne haben wiederholt deutsche Gerichte entschieden, welche ausdrücklich feststellen, daß die Aufforderung zum Boykott gegen bestimmte Volkskreise wegen ihrer religiösen Ueberzeugung eine sittenwidrige Handlung darstellt. Im gleichen Sinne hat übrigens einmal auch schon der österreichische Oberste Gerichtshof entschieden. Es wäre an der Zeit, daß sich endlich ein Justizminister fände, welcher den Staatsanwälten den Auftrag erteilt, in allen Fällen von Aufforderungen zum Boykott die strafgerichtlichen Schritte einzuleiten, damit wenigstens mit diesem einem Auswüchse des praktischen Antisemitismus ein Ende gemacht werde. Wir Juden sind keine Staatsbürger zweiten Grades und es geht nicht an, die allgemeine Wirtschaftsnot eines Teiles der Bevölkerung noch dadurch zu erhöhen, daß man eine wüste Boykottpropaganda gegen diesen Bevölkerungsteil eröffnet. Wir Juden haben den Anspruch auf den Schutz des Gesetzes, wir fordern diesen Schutz und wir erwarten ihn. ■HWllllWII>liWHliMIIMtl'lMmllMlitMMHW»W»«i»H«IIMlmin Pül UFA-TON-KINO Die Rechnung ohne die Wirtschaft. Die Hochschule für Welthandel hat in der letzten Woche wieder in übler Weise von sich reden gemacht Der Ruhm der Wiener Universität, ein „Studentenrecht" zu besitzen, das bei seiner Kundmachung den Protest aller freiheitlich Denkenden ausgelöst hat, hat Herrn Rektor Beutel nicht ruhen„lassen. Auch er hat für die Welthandelshochschule ein „Studentenrecht'4 erlassen, das die gleiche Vormachtstellung der bekannten hakenkreuzlerischen „DeutschenStudentenschaft" festlegte und die jüdischen Studenten in eine deklassierte Gruppe mit Minderheitsrechten verweisen möchte. Aber Herr Rektor Beut e 1 hatte mit seinem Erlasse so wenig Glück, wie unlängst mit seinen zwei Erlässen, die sich nach der Beilegung des Konfliktes auf der von ihm „geleiteten" Hochschule in fein differenzierender Weise an die jüdische und die deutsche Studentenschaft wandten. Das Handelsministerium hat sich damals infolge des peinlichen Aufsehens, das diese Unterscheidung in allen Wirtschaftskreisen verursacht hatte, veranlaßt gesehen, dem Herrn Rektor aufzutragen, die beiden Ukase zurückzuziehen und durch eine Kundmachung an alle Studierenden zu ersetzen. Und nun hat das für diese Hochschule maßgebende Kuratorium Herrn Rektor Beutel neuerlich desavouiert. Nur wenige Tage war sein famoses „Studenfenrecht" in Kraft. Heute ist es schon suspendiert und die vom Rektor festgesetzten Beiträge für die „Deutsche Stüdentennation" (lies: antisemitische „Deutsche Studentenschaft") darf die Quästur der Hochschule nicht entgegennehmen. Der Einspruch des Kuratoriums wird gerade in jüdischen Kreisen mit lebhafter Genugtuung aufgenommen werden. Das österreichische Judentum wird diesen Männern der Wirtschaft Dank dafür wissen, daß sie es verhindert haben, daß auf der Welthandelshochschule zweierlei Recht herrscht. Erst vor kurzem waren es ebenfalls Wirtschaftskorporationen, die dem unerhörten Treiben der Hakenkreuzler Einhalt geboten, bzw. den Herrn Rektor veranlaßt hatten, gegenüber diesen Radaustudenten doch etwas tatkräftiger aufzutreten, als es sonst seine Art ist. Das Vorstandsmitglied der „Union deutschösterreichischer Juden", Herr Komm.-Rat Alexius Salz er, hatte im Gremium der Wiener Kaufmannschaft eine energische Aktion eingeleitet, die von Erfolg begleitet war. Die Handelswelt kann es sich eben — gerade in der jetzigen prekären Situation — nicht gefallen lassen, daß junge Menscheu, die einst der Wirtschaft dienen sollen, Hetzpolitik betreiben. Daß man den Leiter einer Hochschule, der zur Wahrung der Rechte aller Studierenden berufen ist, erst nachdrücklich an seine Pflichten erinnern muß, das ist ein Zustand, der auf die Dauer unhaltbar ist. Herr Rektor Beutel wird sich zu einer objektiveren Auffassung seiner Befugnisse bequemen müssen, sonst wird das gerade in den letzten Tagen in Wirtschaftskreisen wiederholt gestellte Verlangen nach seinem Abgang als durchaus gerechtfertigt erscheinen. Und wie der oberste Lehrer dieser Hoch- Wl«n IL, TabentriBt 8 Tftlvphöa R 41-2-41 Der Saisonschlager Die blonde Nachtigall mit ELSE ELSTER in der Hauptrolle Beginn der Vorstellungen: 7.6, </tg and 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr schule noch sehr viel wird lernen müssen, so weiden es auch jene Juden tun müssen, die grauen jüdischnationalen Theorien bisher zugänglich sind. In der Praxis kommt alles anders, als es die Theorie so wunderschön ausmalt. Das lehrt uns gerade die Geschichte vom „Studentenrecht". In diesem „Studentenrechte" werden die Juden als eigene Nation „anerkannt", ebenso aber auch ihnen die Zugehörigkeit zur „deutschen Studentenschaft" . abgesprochen. Was nützt uns nun die liebenswürdigste Feststellung eigener nationaler Belange, wenn gleichzeitig die „deutsche Studentennation" bevorrechtet wird. Ein strammer Jüdischnationaler aber kann gegen diese Vorzugsstellung der „deutschen Studentennation" nichts einzuwenden haben; wir sind ja das Gast- und jene das Wirtsvolk. So begegnen sich am Ende Deutschnationale und Jüdischnationalein trauter Uebereinstimmung, den Schaden hätte das österreichische Judentum, wenn es nicht glücklicherweise noch berufene Vertreter seiner wahren Interessen hätte. Wieder vertagt... Es gibt Dinge in, der Politik, über die man nur mit den Mitteln allerfeinster Regierungskunst hinwegkommen kann. Zu diesen Mitteln gehört seit jeher die Bildung eines Ausschusses, eines Komitees (oder wie dieses Forum sonst heißen mag), in dem sich die beteiligten Faktoren zu gemeinsamer „Arbeit" zusammensetzen. Wenn diese „Arbeit" schon gar nicht mehr weiterkommen kann, dann — vertagt man die Konferenz. - Wir Oesterreicher kennen dieses lustige Schauspiel aus so manchen Konferenzen, die unsere zahlreichen Regierungen in den letzten Jahren einberufen haben. Daß in England, dem klassischen Lände der Diplomatie, diese Regierungskunst besonders hoch entwickelt ist, wird uns nicht Wunder nehmen. Immer wieder hören wir aus London von Konferenzen, auf denen große Reden geschwungen werden, ohne daß in den meisten Fällen ein namhaftes Ergebnis dieser Konferenzen bekannt werden würde. Das neueste Objekt dieser glänzenden Regierungskunst ist die Palästinafrage, die bekanntlich seit beinahe zwei Monaten eine „Verständigungskonferenz" zwischen den Vertretern der Jewish Agency und der englischen Regierung beschäftigt. In der ersten Sitzung dieser Konferenz hat Weizmann eine geharnischte Rede gegen die britische Palästinapolitik losgelassen. Feuilleton Sir Alfred Isaacs. Vom armen jüdischen Schnetderlehrting zum Generalgouverneur von Australien. Der vor kurzem vom englischen König zum Qeneralgouverneur von Australien ernannte S i r Alfred Isaac Isaacs entstammt einer armen jüdischen Schneiderfamilie und war auch selber Jahre hindurch in der ärmlichen Werkstätte seines Vaters tätig. Was ihn jedoch nicht hindern sollte, später einmal, nach Jahren arger Not und großer Entbehrungen, eine glänzende Karriere im australischen Staatsdienst zu durchlaufen: Auf Empfehlung des australischen Premierministers ScuIIin wurde nun Sir Alfred Isaacs, der zuletzt die Stelle eines Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes in Australien bekleidete, zum Generalgouverneur von Australien ernannt. Sir Alfred Isaacs ist der Sohn eines jüdischen Schneiders, der vor vielen Jahren, noch unverheiratet aus Rußland nach Australien auswanderte, um sich dort eine Existenz zu gründen. Nachdem er am Schneiderhändwerk kein Gefallen finden konnte, wurde der spätere Generalgouverneur Australiens Laufbursche in einem Modewarenhaus, dann Piivatiehrer und zuletzt Zeitungsreporter. Als ihm auch die letztgenannten Berufe nicht behagten. vervollkommnete sich der iunge Isaacs in den entsprechenden Lehrgegenständen, um sich nach bestandenem Examen mit Feuereifer dem Rechtsstudium zu widmen. Mit siebenunddreißig Jahren wurde Sir Alfred Isaac Isaacs, der nebst dem Rechsstudium auch fleißig dem Sprachenstudium oblag, Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung von Victoria, fünf Jahre später sfciivertretender Premierminister von Victoria und Mitglied der Nationalversammlung. Der Nationalversammlung von 1897 kommt um so größere Bedeutung zu, als sie die Verfassung des australischen Staates schuf, und Sir Alfred Isaac Isaacs, der heute als die größte Autorität Australiens in verfassungsrechtlichen Fragen gilt, wurde somit zum Mitautor der australischen Verfassung. Vom neuernannten Generalgouverneur Australiens wird rühmliehst hervorgehoben, daß er ein vorbildlich patriarchalisch-jüdisches Familienleben führt, ein treuer Anhänger des jüdischen Glaubens und der jüdischen Gebräuche ist und sich seiner Verwandten, von denen mancher ein Handwerk ausübt, wärmstens annimmt Sir Alfred Isaacs, der eine hohe Bildung besitzt, beherrscht außer der englischen, deutschen, französischen, spanischen, italienischen und griechischen Sprache auch das Hebräische gründlich. Mit Vorliebe widmet er sich in Mußestunden dem Studium des Talmuds und der jüdischen Literatur des Mittelalters, namentiieh jenem Zweig, der sich mit Rechtsfragen befaßt, den rabbinischen Responsen usw. Sir Alfred Isaacs erscheint oft "und gern, von einem oder mehreren Enkelkindern begleitet im Tempel zum Gottesdienst, wird gewöhnlich mit der Vorlesung eines Abschnittes aus der Thora geehrt wobei er namhafte Beträge für humane Zwecke spendet. Es ist sehr bemerkenswert, daß die Ernennung Sir Alfred Isaac Isaacs zum Generalgouverneur von Australien unter ganz besonderen Umständen vor sich ging; denn es geschah jetzt zum erstenmal in der Geschichte Großbritanniens, daß kein Engländer, wie es bisher Brauch war, sondern ein australischer Bürger mit der höchsten Stelle des Dominions betraut wurde. Seit \ielen Monaten wurde sowohl in Australien als auch in England . ein heftiger Meinungskampf ausgefochten, ob eine entsprechende verfassungsrechtliche Aenderung zuzulassen wäre, damit ein Australier der höchste Repräsentant der englischen Regierung in diesem Dominion werden solle. Für diese Stelle ward bereits seit langem Sir Alfred Isaacs ausersehen; wenn sich trotzdem seine Ernennung infolge der eben erwähnten Hindernisse verzögerte, spielten hierbei, wie die jüdische Presse einstimmig hervorhebt, Erwägungen konfessioneller Art gar keine Rolle, da gleich, nachdem auf der vor kurzem geschlossenen Reichskonferenz den Dominions die Befugnis zu verfassungsrechtlichen Aenderungen erteilt worden war, der oberste Richter Australiens, der in kümmerlichen Verhältnissen aufgewachsene und erzogene jüdische Schneiderlehrling aus der Familie Isaacs zum Generalgouverneur Australiens ernannt wurde.

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