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Die Wahrheit · 1930-12-26 · Heft 52 (26.12.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 52 (26.12.1930)
Date
1930-12-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tÜcmrhci i » Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden' und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien t* Redaktion und Administrator: Wien II.. Heintstrafie 13 - Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien, 26. Dezember 1930 Nummer 52 Antisemitischer Wirtschaftsboykott. Die nationalsozialistischen Führer betätigen sich eifrig als Importeure aus Deutschland. Das ist kein Wunder, da sie ja auf reichsdeutschem Boden ihre politische Ausbildung genossen haben. Ihr gesamtes Rüstzeug ist reichsdeutscher Provenienz. Ihr Phrasenschwall stammt aus dem Lehrbuch Adolfs des Großen. Die Erfolge ihrer Gesinnungsgenossen im Reiche anläßlich der letzten Reichstagswahlen machen ihre Kämme schwellen und sie versuchen, wenn auch unser österreichischer Boden nicht die gleich günstigen Vorbedingungen wie der nachbarliche reichsdeutsche bietet, ihre Kampfesmethoden in die österreichischen Lande zu verpflanzen. Wohl glauben sie noch nicht die Zeit gekommen, in der sie zu offener Gewalt überzugehen wagen könnten, doch halten sie ihren bübischen Mäusekrieg gegen ihnen unerwünschte Filme und den Wirtschaftskampf gegen jüdische Kaufleute als bereits derzeit erlaubte Einfuhrartikel. Keine ihrer Daseinsäußerungen gewährt tieferen Einblick in die Geistesverfassung der Nationalsozialisten als das Auftreten gegen den Remarque-Füm. In einer Zeitepoche, in der die Menschheit aller Zonen unter den entsetzlichen Nachwirkungen des grausamsten aller Kriege noch zu leiden hat, in einer Zeit, in der die Kulturmenschen des ganzen Erdballs das Mittel des Krieges als ein kulturschänderisches Verbrechen erkennen und bezeichnen, in einer Zeit, in der selbst die Diplomatie aller Kulturnationen nach neuen Wegen sucht, um die Rüstungen zu beschränken und die Streitigkeiten zwischen den Völkern, wo immer nur möglich, schiedsgerichtlich auszutragen, in dieser Zeit der Friedenssehnsucht war Remarques „Im Westen nichts Neues" eine kulturelle Großtat und bedeutet die Verfilmung dieses Buches das geeignetste Mittel, um den Abscheu vor Krieg und Gewalt in die breifesten Schichten aller Nationen zu tragen. Wäre diesen deutschen Nationalsozialisten deutsche Wahrheitsliebe und Offenheit zu eigen, so müßten sie in ihrer Stellungnahme gegen diesen Film die friedensfördernde Tendenz desselben verurteilen und erklären, daß die Ziele und Bestrebungen der Förderer und Anhänger des „dritten deutschen Kaiserreiches von Hitlers Gnaden" nur von einer zu gewalttätigem Chauvinismus und gedankenlosem Draufgängertum aufgepeitschten Jugend erreicht werden können. In ihrer Heuchelei schrecken sie selbst davor nicht zurück, das Andenken ihrer in den Kriegsjahren gemarterten und gefallenen Stammesgenossen zu verunglimpfen, indem sie sich in ihrem verwerflichen Kampfe gegen alle „Friedensduselei" hinter die Ehre gefallener Brüder verschanzen. Mit ihrem kriegerischen Chauvinismus werden die Herren Nationalsozialisten bei unserer österreichischen Bevölkerung hoffentlich nicht viel Glück haben. Anders aber mit einem zweiten Importartikel, den sie jetzt zur Zeit des Weihnachtsgeschäftes in Oesterreich einzubürgern versuchen : Dem wirtschaftlichen Boykott gegen die .Inden. Denn hier, auf diesem Gebiete, finden sie enien gut gepflügten Boden für das Aufgehen ihrer Hassens-Saat. In dieser Beziehung finden sie Freunde, Helfer und Mitläufer bei den Christlichsozialen und den Großdeutschen, die ihnen gute Vorarbeit geleistet haben und die, wo es sich um praktischen Antisemitismus handelt, sich nicht leicht den Rang werden streitig machen lassen. Allerdings ist es ein Gebot der Gerechtigkeit anzuerkennen, daß wenigstens, was Wien betrifft, das Hauptorgan der christlichsozialen Partei in den letzten Jahren in seiner Schreibweise und seiner politischen Taktik eine begrüßenswerte Milderung hat eintreten lassen. Und es mag in diesem Zusammenhange auch vermerkt werden, daß ein Radauantisemit vom Kaliber eines Dr. Jerzabek derzeit nicht zu den Mandataren der christlichen Bevölkerung Oesterreichs zählt. Um so bedauerlicher ist es, feststellen zu müssen, daß zur Abwechslung von" klerikal-katholischer Seite antisemitische Propaganda betrieben wird. Ein Zufall spielte uns die Nummer 21 des für die Jugend bestimmten „Kleinen Kirchenblattes" (eine Beilage des allwöchentlich erscheinenden und in gut christlichen Kreisen stark verbreiteten „Wiener Kirchenblattes") in die Hand. Da veröffentlicht ein Pater H. Kahlenberger eine Artikelserie über die „Geschichte der Heiligen Kirche" und schreibt in der 48. Fortsetzung, die den Titel „Der verhaßte Jude" führt und als gut gemeintes Mittel zur Lösung der „Judenfrage'4 die jugendlichen Leser aneifert, die Juden zu guten Christen zu bekehren, damit „sie ihr verstocktes jüdisches Wesen, ihre Gier nach irdischem Besitz aufgeben", unter anderem über die „verhaßten Juden" folgende menschenfreundlichen Sätze: „Die Juden sind auf der Erde verstreut, sie haben keine Heimat. Daher wollen sie sich dort, wo es ihnen eben gut geht, festsetzen, sie fressen sich sozusagen in die Geldsäcke, in den Besitz der verschiedenen Völker, bei denen sie zu Gaste sind, so ein, wie die Zecke in die Haut des Haushundes . . . Sollen wir uns denn gänzlich von den Juden auffressen lassen? . . ." Wir sind überzeugt, daß es den durch eine derartige Lektüre geschulten Menschen nicht leicht gelingen wird, Proselyten zu machen. Doch daran scheint dem Verfasser dieser für jugendliche Gemüter bestimmten Geschichte auch nicht allzuviel gelegen zu sein, denn derartige eingestreute Aeußerungen sind denn doch geeignet, eher Haß als Gottes- und Menschenliebe zu erzeugen. Die wahren Absichten sind in ein kirchliches Mäntelchen gehüllt. Deutlicher wird schon ein Aufruf, den der unter dem Protektorate des Wiener Erzbischofs stehende „Allgemeine Wiener Kirchenbauverein", übrigens nicht nur an Christen, versendet, und der von zwei geistlichen Würdenträgern gezeichnet ist. Der „Kirchenbauverein" verweist darin auf seine neu eingerichtete „Wirtschaftshilfe", welche bezweckt, „die unterstützenden Mitglieder des Vereines auf bewährte, christliche, arische Geschäfte aufmerksam zu machen, die sich bereit erklärt haben, bei Einkäufen Preisermäßigungen zu geben. Man findet so auf leichte Art gute, christliche, verläßliche Geschäfte und schützt sich vor Uebervorteilung." Es mag nur ein Zufall sein, daß als Sitz des Vereines und seiner Wirtschaftshilfe das Palais des Wiener Erzbischofs verzeichnet erscheint. Und es mag nur ein Zufall sein, daß auch das erwähnte „Wiener Kirchenblatt" mit seiner auch für uns lehrreichen Kinderbeilage im Hause dieses hohen kirchlichen Würdenträgers redigiert wird. Denn wte^ dürfen wir annehmen, daß diese Tatsachen irgendwie mit der Person dieses hohen Priesters zusammenhängen, dessen hehre Mission nach den Geboten seiner Religion darin besteht, Gottes- und Menschenliebe unter seinen Gläubigen zu verbreiten und zu stärken? Kein Zufall aber ist es, daß die unverhülltesten, die gehässigsten Aufhetzungen zum Boykott gegen die jüdischen Geschäftsleute in der Hexenküche der Nationalsozialisten gebraut werden. Von den Anschlagwänden unserer Stadt fordern schreiend-farbige Plakate die christliche Bevölkerung auf, die jüdischen Warenhäuser zu meiden. In Provinzstädten verbreiten unsere Hitlermannen Aufrufe an die gläubigen Christen, „ihr schwer erarbeitetes Geld nicht in jüdische Geschäfte zu tragen, in denen die christlichen Brüder und Schwestern von den jüdischen Kaufherren ausgebeutet, ein freuden- und sonnenloses, mit kärglichem Lohne bemessenes Sklavenleben führen." Diese Leute treiben ihre Unverfrorenheit so weit, ein angebliches Zitat aus den jüdischen Selbstbekenntnissen (?) anzuführen, das da lautet: „Das beste Geschäft machen wir Juden zu den christlichen Feiertagen. Es ist wirklich schade, daß die Jungfrau Maria den Christen nicht auch noch im Sommer ein Büblein geboren hat. Dann würden wir den schönen Rebbach des Weihnachtsgeschäftes zweimal im Jahre einheimsen." Derartige Verleumdungen fallen in der österreichischen Provinz auf einen antisemitisch gut gedüngten Boden und wir zweifeln nicht daran, daß die Verfasser solcher Boykott-Pamphlete mit der naiven Leichtgläubigkeit rechnen, die immer anzutreffen ist, wo es sich um antisemitische Ausstreuungen handelt. Es ist höchst bedauerlich, daß unsere Gesetze — trotz allen amtlichen Zusagen — derzeit noch immer nicht jüdischen Korporationen die Handhabe bieten, um derartige Verleumder vor die Schranken des Strafgerichtes zu fordern. Wenn wir Juden aber die Hilfe der Staatsgewalt anrufen, so wird sie uns nicht zuteil. Vergebens fordern wir den Schutz des Gesetzes, der uns wie jedem anderen Staatsbürger in gleicher Weise zukommt. Obwohl das Strafgesetz in zweifelsfreier Weise die Aufforderung zum Boykott als ein strafbares Vergehen bezeichnet, findet sich in Oesterreich dennoch kein Staatsanwalt, welcher in einem solchen Falle die strafgerichtliche Verfolgung einleiten würde. Wenn man aber in der Auffotderung zum Boykott nicht eine Aufreizung zu einer Feindseligkeit gemäß § 302 St.-G. erblicken will, so liegt doch darin zweifellos die Aufforderung zu einer unsittlichen Handlung, welche das Vergehen nach § 305 St.-G.

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