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Die Wahrheit · 1930-12-19 · Heft 51 (19.12.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 51 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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S Okkasions-Verkauf in Damen« und | TUCHHAUS ..MU I Brandstätte 4L Wien I., die gemäßigte Gruppe der zionistischen Organisation auf dem Karlsbader Kongreß kein leichtes Spiel haben. Die radikalen Zionisten werden wohl wieder auftrumpfen und in der Pose von Propheten, deren Mahnungen man nicht gefolgt ist, entgegen allen üblen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit erklären, man müßte sich jetzt erst recht zu ihren Maximalforderungen bekennen. An den Kongreß soll sich die zweite Tagung des Councils der Jewish Agency anschließen. Nur zögernd und unter ernstem Vorbehalten sind aus einzelnen Ländern Nichtzionisten in diesen Rat eingetreten. Ihnen erwächst jetzt im Interesse der .Judenschaft der stanzen Welt die hohe Pflicht, ihre Stimme zu erheben und ihren ganzen Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Palästinapolitik, die einem kleinen Teile der jüdischen Weltbevölkerung Rettung oder Erleichterung bringen sollte, nicht dem gesamten Judentum zum Schaden gereiche. Spectator. •■PtNiiivimaiiB« ■«••■••••■■••■■••■■■■•••■•••■■■•■»■MtanaHaiiaMi»*«*1 •■«•••• ••■•MM*«MM*S»«l . MSraMMIMMl a» * ' Jüdische Wahlbilanz in Polen. Von Dr. Fritz S e-if t e r, Bielitz. In der letzten Nummer unseres Blattes hat ein Agudist zu dem Ausgange der polnischen Wahlen Stellung genommen; diesmal ergreift unser polnischer Berichterstatter zu diesem wichtigen Ereignis das Wort. D. Red. in Polen, dem judenreichsten Land Europas, das nunmehr schon 3.3 Millionen jüdische Seelen zählt, wurden innerhalb einer einzigen Woche nicht weniger als drei Wahlschlachten geschlagen: für das Warschauer Parlament, den Senat und den Sejm der autonomen Wojewodschaft Schlesien; für letzteren hatte man keine eigenen jüdischen Listen aufgestellt und die jüdischen Stimmen verteilten sich vorwiegend auf die deutsche und die Regierungsliste. Die Stellung der Juden zu den Parlamentswahlen war diesmal durch die schon seit Jahr und Tag anhaltende katastrophale Wirtschaftslage charakterisiert, die gerade die Juden als den wirtschaftlich am meisten entwurzelten Bevölkerungsteil ganz besonders hart erfaßt hat. Die für mitteleuropäische Begriffe kaum vorstellbare Verelendung der breiten jüdischen Massen hat diesmal zwei bemerkenswerte Neuerscheinungen gezeitigt: eine auffallende Abschwächung des innerjüdischen Kampfes und einen engeren Anschluß an den Regierungsblock. Während sich früher die zahllosen Gruppen und Grüppchen leidenschaftlich zu bekämpfen und ein Bild trostloser Zerrissenheit vor der nichtjüdischen Welt zu bieten pflegten, haben diesmal die lauten Verzweiflungsrufe nach Brot alle noch so verlockenden politischen Parolen weit übertönt. In dieser Katastrophenstimmung ist auch der Appell des Marschalls Pilsudski an die Juden zu einem engeren Zusammenschluß mit den Regierungsblock auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Agudah, gegenwärtig wohl die stärkste jüdische Organisation, ging mit flatternden Fahnen in das Regierungslager über, wobei sie sich von der wohl schwer widerlegbaren Erwägung leiten ließ, daß man sich gerade heute, angesichts des wirtschaftlichen Dahinsiechens von mindestens zwei Dritteln der polnischen Judenschaft, weniger denn je den Luxus einer Gegnerschaft gegen ' die Regierung leisten könne, zumal da das herrschende System auch in Wirtschaftsfragen das Heft vollkommen in der Hand hat. Und nicht zuletzt: unter der Aera Pilsudski, der die judenfeindlichen Rechtsparteien dauernd in Schach hält, ist zumindest der Straßenantisemitismus verschwunden, was für den polnischen Juden schon viel bedeutet. Anders dagegen die Zionisten, die in ihrer stets dogmatischen Einstellung zur „Galutiipolitik" auch diesmal die Parole für „Kampf um politische Sonderrechte und national-kulturelle Autonomie" in die Massen warfen und umfassende Wahlvorbereitungen trafen. Wieder traten die alten unüberbrückbaren Gegensätze zwischen der radikal-zionistischen kongreßpolnischen Grünbaum-Gruppe und den gemäßigten galizischen Zionisten kraß zutage; während erstere rücksichtslosesten Kampf gegen die „würdelosen Mauscheljuden" und die Pilsudski-Regierung proklamierten, versuchten die eher kompromißbereiten galizischen Zionisten eine Sammlung aller jüdischen Kräfte zu erzielen. Doch Grünbaum, dessen Persönlichkeit im polnischen Zionismus dominiert, zerschlug alle Einigungsversuche und führte „Krieg gegen alle", wobei er sämtliche Karten auf die Zugkraft seiner Schlagworte setzte. Als er sich zum Schluß schon ganz isoliert sah und Gefahr witterte, griff er nach einem bedenklichen Verzweiflungsmittel: er zerrte nämlich Palästina in den Kampf und gab die Parole aus, daß der Erfolg seiner Gruppe :ils Apflchnnmc die neue englische PalästinapolitiK zu werten sein werde, während eine Niederlage seiner Richtung vor der öffentlichen Meinung der Welt als Beweis des Desinteressements der Juden an Palästina werde gelten müssen. Dieses Hasardieren mit dem heiligsten Gut der Zionisten mußte ihm natürlich schon den letzten Rest seiner Popularität, selbst bei seinen eigenen Anhängern, rauben. Wie im Jahre 1928 traten auch diesmal vier jüdische Gruppen in den Wahlkampf. Die Agudah, die Zionisten, die Bundisten (jüdische Sozialdemokraten) und linke Poale Zion. Die Agudah, die früher mit der zionsgegnerischen Volkspartei zusammenging, vereinigte sich diesmal mit den Wirtschafts- und Handwerkerorganisationen, nachdem sich die Volkspartei mit ihren Führern Szabbad und Prylucki vom politischen Kampf ganz zurückgezogen hatte, und kandidierte vorwiegend auf der Regierungsliste. Die Zionisten marschierten in zwei getrennten Reihen auf, und zwar in Galizien unter Führung des Dr. Thon und Dr. Schmarak und in Kongreßpolen unter Grünbaum, während die Bundisten und linke Poale Zion separat auf den Plan traten. Im Endergebnis müssen die Juden als Gesamtheit eine starke Einbuße ihres Mandatsbesitzes buchen. Am schwersten geschlagen verließen jedoch die Zionisten das Schlachtfeld — wobei die Grünbaum-Partei einen völligen Zusammenbruch erlitt —, während die nichtzionistischen Gruppen, insbesondere die Agudah, einen erheblichen Stimmen- und Mandatsgewinn zu verzeichnen haben. Im vorletzten Sejm waren die Juden mit insgesamt 34 Abgeordneten vertreten, davon 24 Zionisten, im Senat saßen 12 Juden, vorwiegend Zionisten; in das letzte im Jahre 1928 gewählte Parlament zogen nur noch 12 Zionisten, deren Besitzstand somit auf die Hälfte zusammengeschrumpft war, und drei Nichtzionisten, und in das Oberhaus 6 Senatoren ein, von denen aber noch immer 5 auf die Zionisten entfielen. In den neuen Sejm erscheinen im ganzen nur 12 Juden gewählt, und zwar 6 Nichtzionisten (einschließlich Löwenherz, der aber nicht von einer jüdischen Gruppe aufgestellt wurde) und 6 Zionisten, darunter vier galizische und 2 aus der Grünbaum-Gruppe, während Bundisten und linke Poale Zion ganz leer ausgegangen sind. Der Mandatsbesitz der Zionisten ist also seit dem ersten Sejm nunmehr gerade auf ein Viertel gesunken, während die Nichtzionisten seit 1928 ihre Mandatszahl fast verdoppeln konnten. Rechnet man jedoch noch die zwei bekannten Führer der polnischen Sozialdemokratie, nämlich Diamand und Liebermann, beide jüdischen Glaubens, hinzu, so stehen acht nichtzionistische Sejmmandate sechs zionistischen gegenüber. Geradezu vernichtend ist die Bilanz für die Grünbaum-Gruppe, die bei einem Verlust von 5 Mandaten gegenüber 1928 nunmehr kaum noch 2 Sitze retten konnte. Für den Senat haben die Zionisten diesmal überhaupt keinen Vertreter durchbringen können; als einziger jüdischer Repräsentant zieht der Agudist Mendelssohn ins Oberhaus ein. Das neuerliche Abrücken erheblicher Teile der polnischen Judenschaft von ihren zionistischen Führern und die dämmernde Einsicht von der Notwendigkeit einer positiveren Einstellung zu Staat und vor allem zur Wirtschaft erhellt noch deutlicher aus einigen charakteristischen Stimmenziffern in den großen jüdischen Zentren. Während Grünbaum im Jahre 1928 in Warschau noch 42.000 Stimmen erlangen konnte, die Agudah aber nur 22.000, stimmten jetzt für Grünbaum nur 39.000, für die Agudah aber 33.000. Für den Senat erhielt Grünbaum im Jahre 1928 in Warschau 37.000 Stimmen, die Agudah nur 15.000, wogegen jetzt auf Grünbaum nur 24.000 und die Agudah 22.000 entfielen. In ganz Kongreßpolen (bis auf Warschau) hat die Agudah in sämtlichen Wahlbezirken die Zionisten übertroffen; in Lodz hatten die Zionisten, die zusammen mit den dortigen Deutschen gingen, im Jahre 1928 34.000 Stimmen auf sich vereinigt, die Agudah nur 18.000, während diesmal 25.000 auf die Agudah entfielen und bloß 27.000 auf die Zionisten, wovon jedoch mindestens 12.000 Stimmen von der Listengemeinschaft mit den Deutschen herrühren, die also das zweite Grünbaum-Mandat retteten. Auch in Galizien hätten die Zionisten nicht einmal die 4 Mandate erkämpft, wenn sie nicht in zwölfter Stunde den schon so gut wie vereinbarten Einigungsplan plötzlich fallen gelassen hätten, wodurch sie im letzten Augenblick der Agudah jedwede Möglichkeit einer entsprechenden Umgruppierung und Aufstellung einer eigenen Liste nahmen. Diese Wahlergebnisse werde;: nun voraussichtlich die Entwicklung der jüdisch-politischen Verhältnisse in Polen in neue Bahnen lenken. Vor allem wird der gesamtjüdische Einfluß im Sejm rein zahlenmäßig jetzt zur völligen Bedeutungslosigkeit herabsinken und der allgemeine jüdische Klub alten Formats, in welchem die Zionisten die Vorherrschaft ausübten, gehört jetzt wohl schon endgültig der Vergangenheit an. Der Bruch zwischen Zionisten und Nichtzionisten ist jetzt ein vollkommener geworden und während erstere ihren eigenen Klub gründeten, haben sich die Nichtzionisten zu einer Fraktion des Regierungsblocks zusammengeschlossen und damit vor aller Welt bekundet, daß sie von nun an in allen jüdischen Fragen eigene Wege gehen wollen. Als ein erfreuliches, wenn auch zunächst nur negatives Ergebnis muß das voraussichtlich dauernde Ausscheiden Grünbaums vom jüdischen politischen Leben Polens angesehen werden: dieser fanatische Verfechter einer radikal nationalen Minderheitenpolitik wird nämlich, wie sich herausstellt, zufolge eines noch vor den Wahlen geschlossenen diesbezüglichen Uebereinkommens von den zwei Mandaten seiner Partei das seinige an den Zionisten Farbstein abtreten müssen. Mit Grünbaum verschwindet nunmehr auch schon formell der von ihm seinerzeit ins Leben gentfenere „Oberste jüdische Nationalrat", der schon seit Jahren nur ein Scheindasein führte. Der geschlagene Zionistenführer kündigt jetzt in der jüdischen Presse schon selbst seinen Rücktritt von der politischen Arena an. Mit seinem Abgang dürfte wohl das größte Hindernis für eine Abkehr von einer wirtschaftsfremden Radikalpolitik schwinden und die schon längst angestrebte Zusammenfassung aller Kräfte des Judentums zur Rettung von wirtschaftlichem Siechtum durch Zusammenarbeit mit der Regierung — wohl das höchste Gebot der Stunde — endlich möglich werden. Der zusammengeschrumpfte jüdische Parlamentsklub in Polen. Die jüdisch-nationalen Mitglieder des polnischen Sejm gründeten aufs neue den jüdischen Parlamentsklub, dem vier Abgeordnete aus Galizien und zwei aus Kongreßpolen angehören. Die

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