Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 51 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2, DIE WAHRHEn Situation war noch bis vor kurzem verhältnismäßig besser und die allezeit optimistische Jugend daher politischen Illusionen zugänglicher. Auch konnte es Leichtgläubigen scheinen, als ob diese Hoffnung nicht nur Illusion bleiben, sondern Wahrheit werden könnte. Nun ist der Traum ausgeträumt. Der bittere Alltag fordert seine Rechte und die Hoffnung soll — das beweist Englands neueste Haltung in seiner Palästinapolitik — immer nur Hoffnung bleiben. In diesem Momente erwachsen dem Wiener Judentum große Verpflichtungen. Es gilt nun, Teile der jüdischen Jugend, die sich bisher einem Irrglauben hingegeben haben, wieder in die rechten Bahnen zu lenken, bevor sie aus Enttäuschung und Entrüstung dem Judentum überhaupt den Rücken kehrt. Lernen wir aus den Fehlern unserer Gegner! Verführen wir, österreichische Juden, die Jugend nicht durch Schlagworte, deren Einlösung nicht in unseren Kräften steht, sondern verankern wir sie fest im Leben dieses österreichischen Judentums! Das bedingt Opfer, aber eine bessere Zeit wird uns dieser Opfer so froh werden lassen, wie wir uns heute zu Chanuka der glücklichen Gesichter beschenkter Kinder freuen. Oskar Hirschfeld. WIENER BET HAMIDRASCH Wien IL, Tempelgasse 3. Man verhandelt hinter den Kulissen. Einem Londoner Telegramm ist die Nachricht zu entnehmen, daß der zionistischen Weltorganisation die schriftliche Antwort der englischen Regierung auf das Expose" Dr. Weizmanns in der „Verständigungskpnferenz" bereits zugegangen ist und daß die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Regierung und der Jewish Agency wieder aufgenommen, wurden. Auch nach einer Jerusalemer Depesche liegt die Antwort der englischen Regierung auf die Darlegungen Prof. Weizmanns nunmehr vor, denn der Waad Leumi hat sich in einer unter dem Vorsitze von Pinchas Ruthenberg abgehaltenen Sitzung mit dieser Antwort eingehend befaßt. Um so unverständlicher erscheint die andauernde Verheimlichung dieses wichtigen Dokuments, das doch die Grundlage der Verstän-. digungsmöglichkeit zwischen Regierung und der zionistischen Organisation bilden soll. Wir wissen es heute mit Bestimmtheit, warum mit diesem bedeutsamen Aktenstücke Geheimdiplomatie seitens der Zionisten getrieben wird. Unsere wiederholt ausgesprochene Ansicht, daß sein nicht befriedigender Inhalt der Grund des langen Stillschweigens ist, hat sich restlos bestätigt. Denn auch aus dem erwähnten Telegramm aus Jerusalem geht hervor, daß die Mehrheit des Waad Leumi nicht geneigt ist, die Antwort der englischen Regierung als Basis einer Verständigung zu akzeptieren. Eine noch deutlichere Sprache führen aber die Londoner zionistischen Zeitungen, die, am Verhandlungsorte selbst erscheinend und in ständigem Kontakt mit der zionistischen Weltorganisation stehend, über die wahren Vorgänge besonders gut informiert sind. Diese Zeitungen, vor allem „Jewish Times" Und „Jewish Chronicle" geben übereinstimmend ihrer Anschauung Ausdruck, daß der Fortgang der Verhandlungen zwischen Jewish Agency und englischer Regierung für die Juden völlig unbefriedigend sei. Der Parlamentskorrespondent von „Jewish Chronicle" erklärt, es werde von Tag zu Tag offensichtlicher, daß diesen Verhandlungen keine oder höchstens eine sehr geringe Bedeutung beizumessen sei. Was nunmehr geschehen v/erde, sei höchst problematisch, doch sei es klar, daß die Regierung die Oberhand gewonnen habe. Die Palästina-Frage bereite den Regierungskreisen heute, nachdem die Nachwahl von Whitechapel vorüber ist, nur mehr geringe Sorge. Wie „Jewish Chronicle" erfährt, dürfte Schatzkanzler S n o w d e n sogar gegen die von der Regierung in der Palästina-Debatte des Unterhauses geäußerte Absicht, eine Anleihe für die Erschließung Palä-' stinas zu begeben, Stellung nehmen. Seinem Einfluß dürfte es gelingen, das Kabinett zur Ablehnung dieses Planes zu bewegen. Sollte die letzte Annahme des Londoner jüdischen Blattes auf Richtigkeit beruhen — und es besteht eigentlich kein Grund, an ihr zu zweifeln — so ist damit mit schonungsloser Rücksichtslosigkeit der „Wert" der ganzen Unterhausdebatte bewiesen. Es hat sich dann abermals das bestätigt, was wir gelegentlich der Besprechung dieser Unterhausdebatte gesagt haben, daß nämlich England in Verspre- VORNEHME FAMILIENPENSION vormals Dr. GRÜNBERG AM SEMHERING! HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) Mäßige Preise (Zimmer \ mit Pension von S12.— j aufw.) / Kaffeehaus und i Tanzgelegenheit im i Hause / Besitzer:! ECKSTEIN / Telephon:! Semmering Nr. 11 ] I Fliesendes War»-ond Kaltj ' wasser in Jedem Zimmer i -f-^MMiiMMi '-^iillliiM amnmunininmii Vorlesungen Im Wintersemester 1930/31 (5691). Sonntag; 5—6 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Midrasch. 6—7 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Talmud (Berochoth). Montag 6—7 Uhr: Rabb. Dr. Rosenmann, Ausgewählte Kapitel aus Jesaia. 7— 8 Uhr: Prof. Dr. Kraus. Geschichte der Juden im Mittelalter. Dienstag 6—7 Uhr: Prof. Dr. Kraus. Geschichte der Juden im Mittelalter. 7—8 Uhr: Prof. Dr. Kraus, Entstehung und Bedeutung der Synagoge. Mittwoch 6—7 Uhr: Rabb. Dr. Rosenmann, Ausgewählte Kapitel aus Jesaia. 7—8 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Midrasch. Donnerstag 6—7 Uhr: Rabb. Dr. Taglicht. Koheleth. 7—8 Uhr: Rabb. Dr. Murraelstein. Geschichte der Rabbinischen Literatur. Samstag 11—12 Uhr: Prof. Dr. Kraus, Entstehung und Bedeutung der Synagoge. 4—5 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Bibelvortrag. chungen groß ist, weniger in der Einhaltung dieser Versprechungen. Die zionistischen Politiker sollten das doch endlich auch einsehen; sie besitzen ja diesbezüglich seit dem Entstehen ihrer modernen Bewegung einige trübe Erfahrungen. Der Ursprung schon, die Balfour- Deklaration, war ein — englisches Versprechen, an dessen Durchführung England vielleicht damals in seiner eigenen Bedrängnis dachte, heute aber schon längst nicht mehr denkt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan ... Wozu England nunmehr allenfalls zu haben sein wird, womit unter Umständen auch die Araber einverstanden sein würden, das ist eine jüdische Kolonisierung Palästinas ohne jegliche staatsrechtliche Aspirationen. Wenn sich die zionistischen Führer zu einer solchen Erkenntnis aufschwingen würden, was einen Bruch mit der Vergangenheit, zugleich aber eine heroische Tat für die Zukunft bedeuten würde, dann könnten sie auch der Zustimmung der nichtnationalen Juden, der Juden der ganzen Welt sicher sein. Aber uns fehlt die Hoffnung, daß diese hohen Politiker das notwendige Maß an Selbstzucht und Verantwortungsgefühl besitzen, um den Massen, die sie bisher auf falschem Wege geführt haben, die Illusion zu rauben. Diesen Massen ist nicht mit Schwärmereien und Illusionen, nicht mit jüdischnationaler Landespolitik zu helfen, sie wollen und müssen ihr Brot auf dem Boden erwerben, auf dem sie sich jetzt befinden. In den Reihen der zionistischen Anhänger macht sich Mißmut und Erregung bemerkbar und man geht wohl nicht fehl, wenr man annimmt, daß die Vorverlegung des Zionistenkongresses auf den Februar kommenden Jahres damit im Zusammenhang steht. Gegenwärtig sind die Grundlagen, auf denen die gesamte zionistische Politik beruht, erschüttert und wenn in den Verhandlungen der englischen Regierung mit der zionistischen Organisation nicht ein rascheres Tempo als bisher eingeschlagen wird, dürfte Peuitleton Das früheste Auftreten der Juden in Deutschland. Wie sämtlichen fahrenden Trierer Blättern zu entnehmen ist, hat Donnerstag, den 4. Dezember d. J.. in Trier ein interessanter Vortragsabend stattgefunden. Auf Einladung der Gesellschaft für nützliche Forschungen, dpren Vorsitzender der Regierungspräsident von Trier, Dr. Sassen, ist, sprach der bekannte Historiker Herr Oberrabiner Dr. Adolf Alt mann über das Thema: „uub ..i,!:L.ic '.dämmen der Juden in Deutschland: Juden im römischen Trier". Das interessante Thema - - so schreibt die Presse — und vor allem der Ruf. den Dr. Altmann auch als Gelehrter und Altertumsforscher weit über Trier hinaus genießt, hatten einen so zahlreichen Besuch aus allen Kreisen der Gesellschaft und der führenden Oeäcntlichkeit bewirkt, wie ihn diese Veranstaltungen nur selten sahen. Der neue große Museumssaal war überfüllt. Dr. Altmann, der sich schon eine geraume Zeit mit den Studien für eine grundlegende, quellenmäßige Geschichte der Juden in Trier beschäftigt, hat zunächst sein Augenmerk auf die bisher dunkelste Partie der Geschichte der Juden in Deutschland, nämlich auf die Frage des frühesten Vorkommens der Juden in Deutschland, bzw. in den gallischen Provinzen gerichtet. Bekanntlich schwebt über diesen Punkt noch völlig der Schleier der Ungewißheit. Außer sagenhaften Vermutungen und unbestimmten Ueberlieferungen — die der Redner sehr anschaulich schilderte — gibt es bis ietzt eigentlich nur einen festen und sicheren geschichtlich brauchbaren Anhalt für Juden im westlichen Gallien, das ist die „De Decurionibus Agrippinensibus" benannte, im Kodex Theodosianus enthaltene Verordnung Kaiser Konstantins des Großen, betreffs der Heranziehung der Juden zur Kurie in Köln vom Jahre 321 mit Ergänzung aus den Jahren 330 und 331. Aber ob dieser Beleg schon für eine Zeit der Juden in Köln — wie Grätz und andere das meinten — zeugt, und ob er auch für andere Orte in Gallien spricht, ferner auf welchem Wege und in welcher Eigenschaft die Juden bis Köln kamen, ist bisher noch ein ungeklärtes Problem. Aber gerade daran knüpft der historische Teil der Altmannschen Forschung, nachdem sie erst die irrige Auffassung von Grätz und anderen und die hypothetischen und neuesten Versuche für andere Orte außer Köln darlegt, an. Durch überraschend neue Gesichtspunkte und schlagende Ableitungen aus der gallischen Geschichte überhaupt, weist Altmann nach, daß der Konstanünischc Erlaß ein vor allem Trier berührendes gallikanisches Gesetz war. Originell und beweiskräftig wirkte unter anderem der höchst interessante Nachweis, von Christen in Trier und Juden in Köln zusammengenommen auf Juden in Trier zu schließen. Dabei erwies sich der wertvolle Hinweis auf die Rolle der Juden als Pioniere des reinen Gottesglaubens in der heidnischen Welt, die auch dem erst nachfolgenden Christentum die Wege ebneten und Grundlagen und Anhaltspunkte schufen, als äußerst wirksam. Ebenso wußte Altmann ein bekanntes römisches Gesetz zum Schutze der Juden, das in Trier gegeben wurde, aus dem Zusammenhang mit den großen Trierer kriegerischen Ereignissen desselben Jahres in überaus ansprechender, frappierender Weise vor allem auf Juden in Trier zu beziehen. Diese und noch viele andere historischen Folgerungen und Nachweise Altmahns. die zusammengenommen für sich schon geeignet wären, auf die Frage der Frühzeit der Juden in Deutschland eine neue überzeugende Antwort zu geben, erfuhren im zweiten archäologischen Teil des bedeutsamen Vortrages ihren eigentlichen/neuen und bisher einzigartigen Höhepunkt Aus Trierer Ausgrabungsfunden des 4. bzw. sogar 3. Jahrhunderts, die Doktor Altmann im römischen Prov.-Museum zu Trier fand, und für seine wissenschaftlichen Zwecke mit staunenswerter archäologisch-historischer und theologischer Sachkenntnis nutzbar machte, erfahren seine Beweise für Juden in Trier im 4. und schon im 3. Jahrhundert eine feststehende Basis. Es handelt sich um einen von Altmann als jüdisch nachgewiesenen Tonlampenfund und um Töpferei-Karikaturen auf Juden aus der in Rede stehenden Zeit, um archäologische Zeugnisse, die bisher die ersten und einzigen Funde dieser Art auf deutschem Boden darstellen, und nicht nur auf Juden an und für sich in Trier, sondern auf noch weitere und nähere Folgerungen in dieser Hinsicht schließen lassen. Altmann gibt da einen höchst interessanten kulturhistorischen Ausschnitt aus der jüdischen Antike überhaupt und weist ebenso überaus wichtige wirtschaftliche Zusammenhänge nach. Er kommt zu dem bedeutsamen, geradezu eine Umwälzung auf diesem Gebiet darstellenden Ergebnis, daß Ort und Frühzeit der Juden in Gallien vor allem in der Augusta Trevirorum (Trier) zu suchen ist. und Trier als die älteste jüdische Gemeinde auf deutschem Boden, keineswegs aber jünger als Köln anzusehen ist. Der Vortrag, der in seiner überreichen und neuartigen wissenschaftlichen Fülle nur andeutungsweise wiedergegeben werden kann und — wie besonders hervorgehoben wird — eine epochale Bereicherung der Geschichte der Juden in Deutschland und der allgemein rheinischen und deutschen Heimatsgeschichte darstellt, war auch von der wohlgelungenen Vorführung seltener und lehrreicher Lichtbilder begleitet und hat nicht nur reichen Beifall gefunden, sondern auch einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Regierungspräsident Dr. .Sassen konnte in seinem warmherzigen Nachwort diese Feststellung machen und zum Ausdruck bringen, daß es ein hoher Genuß und Gewinn gewesen, einem wissenschaftlichen Führer vom Rufe Dr. Altmanns in das klassische Gebiet der Altertumsforschung zu folgen.