Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-12-19 · Heft 51 (19.12.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 51 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064195--18177-3083181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Groschen Redaktion und Administrat or: Wien II.. Hein*»t»aße 13 - Telephon R 46-2-16 XLV1. Jahrgang Wien, 19. Dezember 1930_Nummer 51 Jüdische Wirtschaftsnot Noch sind die Chanuka-Feiertage nicht vorüber. Noch finden gerade in diesen letzten Tagen des schönen Festes in dieser und jener Wiener jüdischen Wohlfahrtsanstalt Chanuka- Feiern statt, deren Besuch unseren Glaubensgenossen nur dringendst empfohlen werden kann. Aber schon heute läßt sich eine Art Bilanz aus dem Feste ziehen, eine Bilanz, die — wie jede solche Aufstellung — ihre Aktiv- und Passivseite besitzt. Ueberprüfen wir diese spezielle Rechnung, dann ergibt sich aus ihr zugleich ein allgemeines Bild der derzeitigen Situation des Wiener Judentums. Betrachten wir zunächst einmal die Aktivseite. Trotz Wirtschaftsnot und Wirtschaftselend hat die Gebefreudigkeit der Wiener Juden nicht nachgelassen. Es mag sein, daß die eine oder andere Institution heuer nicht so reichlich mit Spenden bedacht wurde wie in früheren Jahren. Aber im allgemeinen konnten die Wohlfahrtsanstalten, das schöne Fest in der gleichen Form feiern wie ehedem, und das gereicht der Wiener Judenschaft nur zur Ehre. Sie wird belohnt durch das helle Kinderlachen, das den Gebenden dankbar entgegenschallt, durch das frohe Antlitz dieser Kleinen, die, einem trüben Daheim entrissen, im Kreise gleich glücklicher Kameraden edelste jüdische Wohltätigkeit genießen. So wurde das Fest auch diesmal — trotz aller Nöten der Zeit — zu einem Freudenfest für die Jugend. Die Passivseite der Bilanz bietet kein so freundliches Bild. Die Wiener Juden haben, wie gesagt, auch diesmal gerne gegeben. Fragen wir uns aber, ob ihnen diese Hilfsbereitschaft heuer leicht gefallen ist, so müssen wir diese Frage wohl unbedingt verneinen. Nie noch hat das Wiener Judentum wirtschaftlich so schwere Zeiten mitgemacht wie gerade jetzt. Gewiß, die Wirtschaftslage ist im allgemeinen furchtbar trist, aber wir schießen nicht über das Ziel, wenn wir behaupten, daß innerhalb dieser allgemeinen prekären Situation die wirtschaftliche Lage der österreichischen Juden eine besonders traurige ist. Ein kluger Mann hat einmal in einem Vortrage über die Lage der österreichischen Juden ungefähr folgendes gesagt: „Jeder Staatsbürger hat einen schweren Pinkel zu tragen, den ihm seine Pflicht als Staatsbürger auferlegt, der jüdische Staatsbürger aber dazu noch einen zweiten, den ihm sein jüdisches Sein aufbürdet." Der Mann, der diese Worte vor ziemlich geraumer Zeit gesprochen, hatte mit seiner Feststellung recht. Das beweisen auch die gegenwärtigen Zeitläufte, die gerade den Juden furchtbar schwere Opfer auferlegen. Ihre Stellung in der Industrie ist ziemlich erschüttert, selbst im Bankfache spielen sie lang nicht mehr jene Rolle, die ihnen einst zugefallen ist. Besonders trist aber liegen die Verhältnisse im Handel und Gewerbe, zu deren aktivsten und, wie wir ruhig sagen dürfen, teilweise besten Elementen gerade die Juden zählten. Branchen, in denen sie ehemals dominierten, sind vollkommen heruntergekommen, ein Ausgleich folgt dem anderen. Wenn man diese Listen vom Schlachtfelde der Wirtschaft durchliest, so findet man immer wieder darin gut jüdische Namen, und nicht nur Namen von Kriegs- und Inflationsgewinnern, sondern von reellen und soliden Firmen, deren langjähriger Bestand schon eine Insolvenz ausgeschlossen erscheinen ließ. Aber das Unwahrscheinliche, es wurde zur traurigen Wahrheit, die uns immer wieder voll Betrübnis nur eines feststellen läßt: die Lage der jüdischen Kaufleute Oesterreichs ist eine ganz furchtbare. Und ebenso trist ist die Situation der jüdischen Aerzte und Anwälte, die aus den verschiedensten Gründen in Verhältnisse gedrängt wurden, bei denen sie froh sein müssen, ein ihrem Stande noch halbwegs entsprechendes Auslangen zu finden. Wenn eine Steigerung überhaupt noch möglich ist, so muß festgestellt werden, daß die Lage der jüdischen Angestellten eine wahrhaft entsetzliche ist. Die allgemeine Arbeitslosigkeit macht es jüdischen Jünglingen und Mädchen, die aus der Schule voll Hoffnungen ins Wirtschaftsleben treten wollen, überhaupt schwer möglich, einen Posten zu erlangen. Es bedarf heute in diesem Falle mehr denn je der in Oesterreich ja seit jeher landesüblichen Protektion. Aber auch diese, und wäre sie noch so vermögend, versagt heute in den meisten Fällen, wo es sich um die Unterbringung jüdischer Bewerber handelt. Wie schwer ist es einem jungen Juden, der, entsprechend den Traditionen seines Elternhauses, einen Beruf ergreifen will, der ihm die Beobachtung der Sabbatruhe ermöglicht. Er wird fast überall verschlossene Türen finden, denn in unserer modernen Zeit hat man für derartige „Extravaganzen" kein Verständnis mehr. Darüber hinaus ist es aber jüdischen Postensuchenden überhaupt schwer möglich, eine offene Stelle zu erlangen. Nennen wir das Kind beim richtigen Namen! Es ist reinster Wirtschaftsantisemitismus, der sich bei der Abweisung jüdischer Reflektanten breit macht. Die „arischen" Chefs, sie sehen es nicht gerne, wenn jüdische Lehrlinge oder jüdische Handelsgehilfen die Kundschaft bedienen, sehen es nicht gerne, wenn wie ehedem jüdische Vertreter die Kunden besuchen, oder glauben gar, daß die „arische" Kundschaft solche Bedienung und solche Besuche nicht gerne sieht. Was naheliegender, als daß die Anstellung jüdischer Bewerber nicht vorgenommen und daß jüdische Angestellte — und seien sie noch so pflichtbewußt — vor allem abgebaut werden. So ist es heute leider in vielen Fällen um die Mentalität des christlichen Chefs bestellt; aber fragen wir uns einmal, ob nicht auch manche jüdische Unternehmer rücksichtslos vorgehen. Die Klagen häufen sich immer mehr, aus denen hervorgeht, daß der oder jener jüdische Chef sich den Bewerbungen jüdischer Angestellter mit Absicht vollkommen verschließt, ja sogar Gründe für seine ablehnende Haltung laut werden läßt, wie sie ein waschechter Antisemit nicht besser ins Treffen führen könnte. Hier muß mit allen Mitteln Remedur geschaffen werden, solch empörende Zustände gehören nur an den Pranger! Die Institutionen, die sich mit Stellenvermittlung für jüdische Angestellte befassen, wissen, wie schwer es ist, ihre Schützlinge unterzubringen; wenn sie gar mit Schwierigkeiten aus dem eigenen Lager zu kämpfen haben, dann muß die berechtigte Empörung jedes Mittel als gerecht erscheinen lassen. Sind sich diese jüdischen Chefs, die ja auch meist Väter von erwachsenen Kindern sind, nicht bewußt, welch schweren moralischen und sittlichen Gefahren junge Menschen ausgesetzt sind, die Jahre lang vergebens auf ihrer Postensuche bei jüdischen Finnen anklopfen? Müssen die jüdischen Arbeitgeber erst an ihre Verpflichtung gegenüber der Gesamtheit der Judenschaft gemahnt werden? Fällt es nicht auf uns alle zurück, wenn junge Leute, all ihrer Zukunftshoffnungen beraubt, in ihrer Verlassenheit an sich und der jüdischen Menschheit verzweifelnd, auf die schiefe Bahn geraten, dem Verbrechen verfallen oder in die extremsten politischen Lager getrieben werden? Es wäre ein Gebot der jüdischen Solidarität, daß die jüdischen Unternehmer gerade in dieser Zeit der schwersten Wirtschaftsnot und des wirtschaftlichen Antisemitismus in jedem Falle einer Neubesetzung eines Postens die Betätigung antisemitischer Einstellung unseren Gegnern überließen. Sollen wir gar noch von der furchtbaren Not der jüdischen Studenten sprechen? Fälle, wie sie dem in der Oeffentlichkeit Stehenden der Alltag zuführt, lassen uns Einblick in diese Verhältnisse gewinnen, die wahrhaft erschüttern sind. Wenn wir dieser Tage erleben mußten, daß für ein Stipendium für acht jüdische Hochschüler sich bei dem Kurator für diese Stiftung über hundert Bewerber gemeldet haben, so spricht diese Tatsache ganze Bände. Wenn wir sehen mußten, daß unter diesen Bewerbern junge Menschen sich befinden, die kein Heim ihr eigen nennen, sondern in Baracken an der Peripherie der Großstadt hausen, so erfüllt uns dieser Opfermut jüdischer Studenten wohl mit Stolz und läßt uns ruhig in die Zukunft unseres Judentums blicken, aber mit tiefer Wehmut müssen wir es beklagen, daß diese Helden ihres Lerneifers ein solch trauriges Leben führen müssen. Dagegen hilft keine Politik, wie sie von den jüdischnationalen Hochschülern betrieben wird, dagegen hilft nur ehernes Zusammenhalten des österreichischen Judentums, das für seine opferfreudige Jugend auch Opfer bringen soll. Diesmal wurden wie seit jeher zu Chanuka vor allem die Kleinen und Kleinsten beschenkt. Aber aus unserer Betrachtung der Passivseite geht es mit aller Deutlichkeit hervor, daß berücksichtigenswert nicht nur die frühe Jugend ist, die noch nicht die Sorgen des Alltags kennt, sondern neben ihr und vielleicht mehr noch jene junge Menschen, die im Wirtschaits- und geistigen Leben stehen und dort, weil sie Juden sind, so schwer Fuß fassen können. Die Zionisten haben geglaubt, diese Jugend mit nationalen Zukunftsträumen über die Nöte der Zeit hinwegtäuschen zu können. Manche Umstände haben ihnen bisher diese Politik ermöglicht. Die wirtschaftliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.