Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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frfffflyHti^iHimfWfttT^ wa>;i*MMimim&mm DIE WAHRHEIT belle 3 Vom Gott der Rache zur Rache Gottes. Schalom Ascit, der Fünfzigjährige. Von Prof. Heinrich Qlücksmann. Ein weiter Weg, von dem glutvollen, wilden Jugenddrama, das nicht allein den Ruhm seines Dichters begründete, das auch als bedeutsamer Baustein an dem Gebäude der theatralischen Sendung Max Reinhardts und an der Schauspielerglorie Rudolf Schildkrauts seinen Platz in der Kunst- und Kulturgeschichte einnimmt, zu dem donnernden Ungewitter der Roman-Trilogie, deren beiden die Städtenamen „Petersburg" und „Warschau" tragenden Bänden soeben das ab- .schließende Buch „Moskau" gefolgt ist, von dem das Recht und den Fluch des Blutes kündenden Dirnenstück zu dem monumentalen Epos aus unseren Tagen, aus unserem unmittelbaren Erleben, zu dieser überwältigend wuchtigen Freske des Trauerspieles Rußlands, des Staates, des Volkes, wie seiner Führer und Verführer, des grausamen, aber gerechten Urteilsspruches über die Sünden und Sünder des Zarentums. Wenn nicht seit den ersten Schritten auf diesem an Werken und Erfolgen reichen Wege ein volles Vierteljahrhundert und mehr verstrichen wäre, man würde dem gertenschlanken, rotwangigen Manne mit den klugen, leuchtenden Schwarzaugen, aus denen freilich alles Wissen um Menschenschicksal zu sprechen scheint, die Fünfzig nicht glauben, deren festliches Begehen der Penklub eben feierte, diese Weltvereinigung erlesener Köpfe, zu deren führenden Geistern der „jiddische" Klassiker Schalom Asch gereiht wird. Ein internationaler Mensch wie wenige. Zu .Kutno in Polen, in der Nachbarschaft der Heimat Chopins, als das zehnte Kind eines glaubensstarken, edelherzigen aschkenasischen Juden, der seine Güte ebenso an Christen gab wie an seine Glaubensbrüder, zur Welt gekommen und in den Mikrokosmos der streng talmudistischen Erziehung und Bildung mit der Rabbinatskanzel als Ziel eingesponnen, flüchtete er, sobald er an Moses Mendelssohns Psalmenübersetzung die deutsche Sprache notdürftig erlernt hatte, in die deutsche Literatur und Kultur, die seinen Gesichtskreis erweiterte, sein Menschentum weckte, seine dichterische Begabung entflammte. Goethe und Schiller, Kleist und Hebbel wurden seine ersten Lehrer und Pfadweiser, lieber sie und durch sie kam er erst mit dem Geist der Weltliteratur und ihren prominenten Herolden in Berührung. Nach gescheiterten Versuchen, sich auf deutschem Boden im Rheinland oder in Berlin einzuwurzeln, hat er sich zu Beginn des Weltkrieges bei New "York niedergelassen, ist amerikanischer Staatsbürger geworden, ohne jedoch Europa untreu zu werden. Einen Tefl des Jahres, gemeiniglich an ein paar Gasteiner Kurwochen angeschlossen, verbringt er auf seiner lieblich idyllischen Besitzung in Meudon, dem prächtigsten Villenvororte von Paris, die er zu einem wahrhaften jüdischen .Museum voll Köstlichkeiten und Kostbarkeiten aus der Kunst und dem Kultus seines Volkes ausgestaltet hat. So hat er auch in seinem französischen Landhause die Heimat bei sich, sein teures Judentum, dessen Erdreich allzeit seine Seele genährt hat, dessen Leid mitzufühlen und für dessen Linderung zu wirken er niemals aufgehört hat. „Es ist schwer, Jude zu sein." So hat ein engerer Berufsgenosse Schalom Asch' eine Komödie genannt Diese Erfahrungsthese ist das Leitmotiv des gesamten Schaffens unseres Dichters. Der Befreiung seiner Brüder aus der Kerker- EchtePerjei^eDpic^ durchwegs günstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER MÖBELHEIM Inh. JULIUS GÖTZL Händig, beeid. Sichv. u. Schatzmeister IV^SCHLEtTMOHLGASSEIa TELEPHON B 24-1-62 billigst abgegeben; daselbst sind auch elegante Schlaf- und Speisezimmer, Herrenzimmer, teils neu, teils gebraucht, zu verkaufen. iuit des Ghettos, der physischen, wie der geistigen, gut sein btreben und Wirken, ongeschuentert und oeürucKt durch das bewuutsein, einen Dialekt, ein hebräisieries Deutsch oder verdeutschtes Jneoraisch zur Muttersprache zu haben, war sein latent, sein Drang, zu sagen, was ihn bewegte, wie eingeschnürt, in Fesseln geschlagen, der ireien AusdrucKskratt berauot. fcs kam üim gar nicht in den bmn, daß er auch schreiben könnte, wie er spraen. Von einer jiddischen Literatur natte er als Junghng, als uneaerschüler noch kerne Ahnung* Auf tue Vorsatzblätter der Talmudbücher des Lehrnauses, ües Beth-Hamkirasch, kritzelte er während aes Unterrichtes gebetaruge btimmungslyriK, die einzige, die er jemals schrieb, eine Art Psalmen m recht mangelhaftem Hebräisch, mit uem lalmud entnommenen hebräischen Vokabeln vermisent. Knabenlieder, aber senon Klagelieder. Dann folgte langes Schweigen. Cr preßte den lrieD, zu dichten, in einem gewissen bchamgeiühl . in seme Seele zurück, die — insbesondere durch „Faust", „Die Räuber" und „Die Jungfrau von Orleans" angeregt — sich dramatisch austönen, ausschreien wollte. Er fühlte die berufenheit, aber er wies ihren Ruf von sich. Warum? Darüber gibt .er in einer knappen, mir vor der Drucklegung zugänglich gemachten selbstbiographischen bkizze folgenden Aufschluß: „Ich wußte, daß die Sprache, die ich im täglichen Leben gebrauchte, und die rings um mich klang, ein „Jargon" war und daß es sich nicht schickte, „Höheres" in ihr auszudrücken. Das Hebräische, das ich damals fleißig .studierte, war für das, was ich sagen wollte, zu kurz, zu knapp. Ich dachte natürlich jiddisch und mußte nun mühsam hebräische Worte suchen, die meine Gedanken übersetzten. Und das Hebräische, das solchen Zauber auf mich ausübte, wenn ich in der Bibel das Leben der Patriarchen las, erschien mir sofort leer, gekünstelt und schief, wenn ich daran ging, seine Worte den Bildern und Gefühlen anzupassen, die das Leben in meiner Umgebung betrafen. So entschloß ich mich — da ich ohnedies nur für mich selbst schrieb — meine Dramen in der v.deutschefl^Sprache" abzufassen, die ich las, jedoch mit Verwendung des hebräischen Alphabets. Es ist nicht schwer zu erraten, was für ein „Deutsch" das war. In meinen Dramen wimmelte es geradezu von dem Wort „Frevel", das ich in Mendelssohns Psalmenübersetzung kennen gelernt hatte. Den Inhalt lieferten mein eigenes Leben, mein junges Liebesleid, meine Wünsche und meine Sehnsucht nach der großen Welt, wobei Wirklichkeit und Phantasie miteinander vermengt waren. Doch mit Lust und Freude malte ich meine Hieroglyphen auf unzählige Bogen Papier, und meine Phantasie entführte mich in wunderbare Welten, in denen ich mir die herrlichsten Rollen zuteilte: ich war der Mann, der das jüdische Volk aus der Knechtschaft erlöst .und es wieder in sein eigenes Land führt, — noch mehr, ich war es, der die ganze Welt erlöst, alles Unrecht gutmacht und das Böse für immer und ewig vernichtet" Alsbald wurde Schalom Asch der Märtyrer seines Dichterdranges. Sein Deutsch-Lesen und Deutsch-Schreiben galt als schwere Sünde, die durch eine schmähliche Exekution auf nacktem Leibe und den Feuertod der Schriften und Bücher gebüßt werden mußte. Dieses demütigende Strafgericht trieb den jungen Menschen aus dem Vaterhause, machte ihn im Kampfe ums Brot mit dem Leben bekannt, mit Leiden und Leidenschaften, die alles Handelns Triebfedern sind. Ein Jahr als Hauslehrer auf dem Dorfe, wo er die Natur kennen lernte, nennt er seine Elementarschule, die folgende Zeit, da er als Briefschreiber in die verborgensten Heimlichkeiten der Seelen eindrang, seine Universität Dieses Lernen am Leben und Erleben, dazu eifrige Lektüre, auch moderner Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, bereicherten den Geist des jungen Mannes bis zum Ueberströmen. Der entstehende Zionismus entfesselte sein Nationalgefühl, ließ ihn vom neuen Palästina träumen, sagen und singen. Aber noch hatte er seine Sprache nicht gefunden. Er fühlte immer stärker, daß ihm die arten Formen des Hebräischen Ketten anschmiedeten, daß sie seine Gedanken und Gefühle •verkrüppelten, daß sie ihm, wie er sich ausdrückt, Die neueröffnete Filiale der streng orth. T2f2 SELCH WARENFABRIK PETYAN&co. WIEN II.. PRATERSTRASSE NR. 38 5ührt Qualitätswaren zu den billigsten Preisen und bietet Gewähr für vollste Zufriedenheit des p. t. PbbJjkums. ein Prokrustesbett waren. Ein Zufall erlöste ihn, der ihm einige Nummern der ersten und damals einzigen jiddischen Zeitschrift „Der Jid" mit Erzählungen eines der Schöpfer der jiddischen Literatur und ihres ersten Klassikers, Jizchak Leibusch Perez vor Augen iührte. Man durfte also schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen war. Diese Erkenntnis beglückte ihn. Er machte Luitsprünge der Beseligtheit Perez wurde nicht nur sein Vorbild, auch sein Lehrer, Förderer und Freund, der seinen Mut befeuerte und seine Erstlinge der Oerfenthchkeit zuführte. Sieben Rubel beglückten ihn als erstes Honorar. Er teilte sie mit neu gewonnenen literarischen Kameraden, um bald Not und Hunger kennen zu lernen. Aber er verzweifelte nicht, ließ sich nicht entmutigen. Er nennt vielmehr rückschauend die Armut seine „beste Lehrmeisterin" und gesteht, daß ihn die Hungerjahre mehr als die fetten bereichert und ihm mannigfaltige Motive bis zum „Warschau"- Buche geliefert haben. Die Liebe trat in sein Leben, glückliche Liebe, die zu glücklicher Ehe führte. Seine Frau, Lehrerin von Beruf, die in den ersten, vom Erfolg noch nicht gesegneten Ehejähren, auch schon als Mutter, fern vom Gatten ihren Beruf ausüben mußte, ein entzückend anschmiegsames, kluges, klares Wesen, verstand sein Streben, ahnte die Größe und noch gehemmte Kraft seines Talentes und wirkte in wohltätigster Weise aneifernd, befeuernd auf ihn ein. Gemach rückte er in den Vordergrund. Er hatte sogar das Glück, von Christen vorwärts geschoben und mit einem Drama „Rückkehr" auf das polnische Nationaltheater m Krakau gebracht zu werden, ein Wunder geradezu angesichts des damaligen Verhältnisses zwischen Poten und Juden. In den Blättern seiner Lebens-. Schilderung flicht er, dieses Momentes dankbar gedenkend, folgende Bemerkung ein: „Ich kenne sehr wohl die Leiden, die meine Brüder in der ganzen Welt durch den Antisemitismus zu erdulden haben. Ich persönlich bekam ihn nie zu schauen, im Gegenteil, meine christlichen Kollegen haben mich stets gefördert und in christlicher Gesellschaft begegnete ich, obwohl ich die Kennzeichen meiner Rasse und Nation als ganz selbst verständlich trage, stets Wärme und brüderlicher Liebe. Ich danke Gott dafür, weil dies jede Verbitterung von mir fern hielt und mir die Möglichkeit gab, meinen christlichen Mitmenschen Gleiches mit Gleichem zu vergelten . . ." Der Bühnenerfolg, die Besserung der materiellen Lage, das Famüienglück wirkten befruchtend auf sein Schaffen. „In einem schönen, versteckten Oertchen an der Weichsel — schreibt er in seiner Rückschau — wo wir bescheiden leben konnten, vollendete ich mein erstes größeres episches Werk „Das Städtchen", das mein Ansehen in der jiddischen Literatur befestigte und mir einen Namen machte. Es ist bis heute eines der beliebtesten Bücher in der jüdischen Masse, wurde in viele Sprachen übersetzt und wird in den jüdischen Schulen gelesen." Eine zuerst russisch, dann auch polnisch, später in Amerika jiddisch und englisch aufgeführte Bühnendichtung „Messias* Zeiten" bot Asch und den Seinen die. Möglichkeit zur ersten Auslandreise. In Berlin berauschte ihn geradezu Reinhardts Inszenierung des „Kaufmann von Venedig" und Schildkrauife rrrichdangeJeske Shylock-Figur. Für diese beiden Künstler und mit ihnen wollte er arbeiten. Unter dieser Suggestion entstand im Winter 1906 das Kuppler- und Drrnendrama „Der Gott der Rache", darin die Psychologie des Freudenhauses als Neuland in tief dichterischen, von sozialem Gefühl durchleuchteten Gesichten der Bühne erobert wurde. Vorerst von den Freunden und heimischen Fachleuten mit Entrüstung und dem Rate, es zu vernichten, abgelehnt wirkte das Stück sofort auf Reinhardt dem es der Dichter in der jiddischen Originalfassung vorlesen durfte, und es kam zu dem Wett-