Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdischen Wahlen in Berlin. Der nachfolgende Artikel eines unserer deutschen Mitarbeiter ging uns knapp nach Blattschluß unserer letzten Nummer zu. Da der Aufsatz über die Gründe und den Umfang des wichtigen Berliner antizionistischen Wahlsieges Interessantes zu sagen weiß, geben wir ihn gerne heute wieder. Die Red. Am 30. November fanden in Berlin die Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde und zum Verbandstage des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden statt. Das Ergebnis ist bekannt, doch es lohnt sich wohl, dieses Ergebnis auch außerhalb der Stadtmauern und der Reichsgrenzen zu würdigen, ist doch die Berliner Gemeinde mit ihren etwa 200.0«) Seelen, ihrem 12-Millionen-Mark-Etat und den starken jüdischen Energien, die sie ausstrahlt, eines der gewichtigsten jüdischen Gemeinwesen der Welt. Ehemals galt in Berlin das „Pluralwahlrecht", das der jeweils stärksten Partei — und das waren von 1S47—1920 fast stets die Liberalen — das Uebergewicht sicherte. Der Krieg und seine Folgen erschütterten das Gemeinddeben schwer, brachte starken Zuzug aus Osteuropa und stellte die Gemeinde vor ganz neue Aufgaben. Die Aufgaben wurden gelöst durch Opferwillen und Zusammengehörigkeitsgefühl, nicht zuletzt durch die unzerstörbare Kraft des Gemeindegefüges: Die jüdische Gemeinde umfaßte schon von jeher, während die einzelnen Stadtteile im kommunalpolitischen Leben noch ihrem Ortspartikularismus frönten, fast das gesamte heutige „Groß-Berlin" und unterhält eine große Zahl von kultischen, kulturellen und sozialen Einrichtungen für alle Richtungen und Gruppen. Obgleich nicht statutarisch verankert, ist seit langem die Gleichberechtigung und Gleichachtung aller religiösen Schattierungen Grundgesetz des Gemeindelebens. So ist auch bezeichnenderweise zwischen religiösem Liberalismus und unabhängiger Orthodoxie in diesem sonst erbittert geführten Wahlkampfe keine Polemik entstanden. Vielmehr hat sich die Entscheidung auf die Kernfrage konzentriert: Zionistisch-politische oder deutsch-jüdisch-religipse Gemeindeverwaltung? Die Antwort der Gemeindemitglieder ist eindeutig: 42.000 von 78.000 Stimmen sind den Liberalen zugefallen, die diese Fragestellung besonders scharf herausgearbeitet haben. Und die ohne Mandat gebliebenen 1300 Stimmen der „Deutschen Liste" (dem „Verband nationaldeutscher Juden" nahestehend) wurden weniger für eine bestimmte religiöse Orientierung, als vielmehr für entschiedene Fernhaltung zionistischer Politik aus der Gemeindestube abgegeben. Der liberale Erfolg ist um so bedeutsamer, als den Liberalen zum Teile die schwere Aufgabe zufiel, bisher indifferente Kräfte zu mobilisieren, während der Zionismus über eine straff organisierte und mit Fanatismus arbeitende Anhängerschaft verfügt und überdies in den letzten drei Jahren den Verwaltungsapparat der Gemeinde mit seinen Freunden zu durchdringen vermocht hat, obgleich er nicht einmal über eine eigene Mehrheit verfügte. Festzustellen bleibt, daß besondere ostjüdische Parteien keinen Boden in Berlin haben, trotz einer großen und nach jeder Richtung stark differenzierten und jüdisch interessierten ostjüdischen Kolonie. So haben die beiden ostjüdischen Listen, darunter eine dem „Bund" nahestehende, nur insgesamt 232 Stimmen erhalten. Die ostjüdischen Stadtteile sind Domänen des Zionismus geblieben, während die „Konservativen" trotz eifriger Arbeit gerade im Ostjudenvierteä sich dort kaum über den Nullpunkt erhoben haben. Und ihr Führer war der im Ostjudentum hoch angesehene und um die Förderung des jüdischen Ostens verdiente Nathan Birnbaum! Der Grund mag der sein: Die KOnStlOrabCnd zugunsten der Schülerausspeisung an der Talmnd-Thora-Volks- und Hanptsdiule, IL, Malzgasse 16 — Sonntag, den ersten Tag Cbanoka, 14. Dezember, 8 Uhr abends, im Festsaale des Hotel Continental, IL, Tabörstrafie 4. Erstklassige Kräfte. Sichern Sie sich rechtzeitig eine Karte von S 10.— bis S!.— in allen jüdischen Bach handlangen nnd im Sekretariat, H, Leopoldsgasse 26, Telephon R 45-4-94 Liberalen führen den Kampf gegen den Zionismus vor allem mit deutsch-politischen Motiven und Argumenten. Die auch bewußt in ostjüdischen Kreisen wirkenden Gesetzestreuen können sich in diese Front nicht einreihen, wenn sie auch immer mehr die Abgrenzung gegen den Zionismus wünschen. Ihre Aufgabe wird es sein, der Auseinandersetzung mit dem Zionismus und seiner Gemeindepolitik gleichsam auf rein jüdischem Terrain vorzuarbeiten. Diese Arbeit muß geleistet werden, wenn nicht die Ostjuden weiter ihren, deutschen Glaubensbrüdern entfremdet bleiben und zu unfruchtbarer Einseitigkeit gedrängt werden sollen, die sich in diesen alle jüdischen Kräfte und jüdische Solidarität erfordernden Zeiten gefährlich auswirken kann, vor allem im Abwehrkampfe. Dieser Abwehrkampf selbst stand — äußerlich gesehen — im Hintergründe der Wahlschlacht. Aber mittelbar wird auch hier die Gemeinde- und Landesverbandswahl sich auswirken. Die Zionisten nämlich wünschen, während Abwehrarbeit früher bei ihnen nur mit Achselzucken begleitet wurde, seit einiger Zeit die Uebernahme der Abwehrarbeit auf die Gemeinden, auch auf den Landesverband, bzw. den noch zu gründenden Reichsverband. Motiv und Ziel sind klar. Die Liberalen verfechten dagegen die These, daß die politische, technische undRechtsschutzarbeit privater Initiative zu überlassen sei, und glauben, diese Arbeit nach wie vor beim „Centrai-Verein" am besten aufgehoben. Diese These hat nun gesiegt, und der „C.-V." bleibt vor Erschütterungen seines Gefüges und damit in seiner heute täglich zu erprobenden Schlagkraft bewahrt. Anderseits wünschen auch die Liberalen, und haben es in der abgelaufenen Wahlperiode durch Anträge und Anregungen zum Teile durchgeführt, daß die Gemeinde in taktvoller Weise ihre zahlreichen und unstreitig großenteils vorbildlichen Einrichtungen der Abwehr des Judenhasses dienstbar machte. III VORNEHMEFAMIUENPENSION vormals Dr. GRÜNBERG IAM SEMMERING! HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) *m Mäßige Preise (Zimmer ■c ^Pte,- % ■r'^^ ■--» - ■^'-i^-_J-^tT5SBttkt=^UI' W&SM iL-' -^iiiiiÄ!^ mit Pension von S12.- aufw.) / Kaffeehaus und i Tanzgelegenheit im! Hause / Besitzer:! ECKSTEIN / Telephon:! Semmering Nr. 11 i Fließendes Warn-und Kaltj wasser in jedem Zimmer! wmm So finden im jüdischen Krankenhause, einem der modernsten Berlins, ständig auf eigenen Wunsch zahlreiche Nichtjuden Aufnahme, die Schulen, deren neueste eine Sehenswürdigkeit des Berliner Zentrums ist, werden Lehrern und anderen Interessenten gezeigt, durch die wertvolle Kunstsammlung und die Synagogen Führungen veranstaltet, Material geliefert usw. Hauptaufgabe aber der Gemeinde als solcher muß die Erhaltung der Juden in Treue zu ihrer Gemeinschaft sein und bleiben, und hier leistet die Gemeinde schon Großes: Steigerung ihrer Arbeit auf diesem Gebiete wird alle Parteien als ihre Werkleute sehen müssen. So wird die Gemeindearbeit in weiser Beschränkung, die sich nur als Konzentration darstellt, dem Judentum und auch der Bekämpfung von Haß und Vorurteil am besten dienen. In diesem Zusammenhange verdient der Umstand Erwähnung, daß allmählich fast alle jüdischen sozialen und Bildungsinstitutionen in Berlin teils in freudigem Einordnungswillen, teils infolge der Geldnot," in die Hand der Gemeinde übergehen. So sammelt sich heute jüdischer Lebenswille und die beste Tradition des gesamten deutschen Judentums in dieser Gemeinde, und nur noch in ihrem Rahmen kann sich jüdischer Aufbau- und Erneuerungswille schöpferisch betätigen. Die Not des Tages droht die alten Säfte jüdischen Lebens zu zersetzen. Die Gemeinde als einzige öffentlich-rechtliche jüdische Gesamtorganisation und zugleich älteste traditionelle Form jüdischer Gemeinschaft ist das letzte Band, das die deutschen, vor allem die Berliner Juden fest umschließt und jüdisches Gemeingefühl vermittelt. DAS SILBER VON OESTERREICHER Künstlerische Handarbeit aus eigener Werkstatt. Formvollendet in jedem Stück und jeder Einzelheit — Geschenke von unvergänglichem Wert. I. WIPPLING ERST RASSE z9 Den Liberalen fällt schwere Verantwortung in ernster Notzeit zu. Längst sind sie aus einer Bindungen abbauenden radikalen Reformpartei zu einem integrierenden Bestandteile jüdischen Lebens geworden, und zahlreiche deutsche Juden auch anderer religiöser Einstellung sehen heute in ihnen ihre deutsch-jüdische Wesenheit verkörpert. Mögen sie daran erkennen, was dem deutschen Judentum frommt: „Kol jisroel auhehem"! Referendar J. Rosenthal, Berlin. Die Berliner Gemeindewahlen vom 30. November, verglichen mit den Gemeindewahlen vom Mai 1925. 30. Mai 1930 Stirn men- Manzahl date Liberale Partei . . Jüdische Volkspartei Religiöse Mittelpartei Konservative Partei Deutsche Liste..... Ostjüdische Liste Klal Jisroel Ueberparteiliche Vereinigung Positivliberale jüdische Vereinigung..... Ostjiidisch-demokratischer Block........ 41.797 25.836 1.788 1.411 1.337 114 2.339 24 14 1 16. Mai 1925 Stim men- Man zahl . . date 23.166 16.392 5.543 2.902 10 7 2 1 1 — — 723 — — 121 — — .41 21 30. Nov. 1930 16. Mai 1925 Wahlberechtigt waren rund 135.000 130.000 Zahl der abgegebenen Stimmen....... 77.962 50.000 Davon ungültig..... 565 — Wahlbeteiligung etwa . . . 60% 40% * Endergebnis der Berliner Wahlen zur . Preußischen Landesversammlung Jüdischer Gemeinden.. Berlin, 5. Dezember. (J. T. A.) In Groß- Berlin wurde das Ergebnis der Wahlen zum Verbandstage des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden, die gleichzeitig mit den Wahlen in die Jüdische Gemeinde zu Berlin stattfanden, wie folgt festgestellt: 1. Liberale 41.904 Stimmen, 35 Mandate; 2. Volkspartei 25.949 Stimmen, 22 Mandate; 3. Religiöse Mittelpartei' 1751 Stimmen, 1 Mandat; 4. Konservative Partei 1419 Stimmen, 1 Mandat; 5. Poale Zion 1932 Stimmen, 1 Mandat; 6. Deutsche Liste 1341 Stimmen, 1 Mandat; 7. Klal Jisroel 129 Stimmen, kein Mandat; 8. Ueberparteiliche Vereinigung 2443 Stimmen, 2 Mandate; 9. Positiv-Liberale 650 Stimmen, kein Mandat. Insgesamt wurden 77.518 Stimmen gezählt; .ungültig waren 509 Stimmen. Residenz-Atelier für moderne Photographie. Wien I., Fleischmarkt Nr. 1 Telephon R 29-2-80 1 Bild und 6 Karten S 25.— Spezialität: Brautaufnahmen