Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Auch das sei nichts besonderes, auch in anderen Ländern komme es vor, daß einzelne Arbeiterkategorien gegenüber anderen bevorzugt werden. Man merkt aus der Begründung dieser geringfügigen Zugeständnisse, wie sehr es Lord Passfield darum zu tun ist, die Araber zu begütigen. Doch all das trifft ja nicht das Wesen des Weißbuches und ändert nicht das Geringste an dem Geiste, von dem dieses diplomatische Aktenstück getragen ist Im Gegenteil: Wenn Lord Passfield so viel Wert darauf legt zu betonen, daß die Juden auf dem von ihnen erworbenen Boden in Palästina eine gewisse Autonomie besitzen, so unterstreicht er damit geradezu die im Weißbuche enthaltene Ablehnung der Errichtung einer selbständigen nationalen Heilstätte, der Aufrichtung des .Judenstaates". Auch die Ausführungen des zionistenfreundlichen Lord Reading, der den Protesten der araberfreundlichen Lords des Oberhauses entgegentrat, beschränkten sich auf die zahme Festste 11 u n g, daß die Juden ja auf der Grundlage der Balfour-Deklaration nach Palästina gekommen seien und daß die Mittel zu den Bodenkäufen durch freiwillige Spenden autgebracht wurden. Es ist vielsagend, wenn er meint, Juden und Araber sollten in Palästina „eine einzige Gemeinschaft" bilden. Wenn aber aus dieser Gemeinschaft im Sinne der Zionisten jemals ein „Judenstaar" werden sollte, dann wäre die notwendige Voraussetzung hierfür, daß die Juden in dieser Gemeinschaft schon durch ihre Zahl das Uebergewicht hätten. Wie weit entfernt aber die zionistische Politik von diesem ihren Endziele ist und wahrscheinlich immer bleiben wird, das beweist die im Weißbuche wieder einmal ganz klar zum Ausdruck gelangte englische Politik und die Tatsache, daß Lord Passfield und Lord Reading, wenn sie auch in unwesentlichen Einzelheiten vom Weißbuche abzurücken scheinen, im großen und ganzen auf dem geistigen Boden dieses Dokuments stehen. Und diesen Boden verließ die Regierung der Labour-Party auch picht angesichts der Nachwahlen im Londoner Bezirke Whitechapel, obwohl sie sich sagen mußte, daß ihre Einstellung geeignet war, ihre Wahlchancen nur zu verschlechtern. Auch Mac Donald, der englische Premierminister, den die Zionisten ehedem als ihren Freund reklamierten, kann unter den gegenwärtigen Verhältnissen keine andere als eine araberfreundliche Politik machen, selbst auf die Gefahr hin, seine Partei um ein Mandat zu schwächen. Dem Ausgang der Wahlen in Whitechapel, das zur Hälfte von Juden bewohnt ist, sah man in Großbritannien und auch im Ausland mit großer Spannung entgegen, da man von diesem Wahlausgang eine Reaktion der Wählerschaft auf die Palästinapolitik der Arbeiterregierung erwartete. Diese Reaktion ist nicht ausgeblieben, wenn auch die feste Position der Arbeiterpartei in diesem Proletarierbezirke nicht ganz zu erschüttern war. Trotz des ungeheuren Interesses, das diesen Wahlen entgegengebracht wurde, war die Wahlbeteiligung nicht um vieles stärker als bei den letzten Wahlen. Im ganzen wurden 21.824 Stimmen abgegeben. James Hall, der Kandidat der Arbeiterpartei, die bei den letzten Wahlen 13.700 Stimmen erhalten hatte, erhielt diesmal um mehr als 5000 Stimmen weniger. Von diesem Stimmenverlust profitierten am meisten die Liberalen, die 7445 Stimmen auf ihren Kandidaten, den Zionisten Janner, vereinigten und damit um rund 3000 Stimmen mehr erhielten als bei den, vorigen Wahlen. Die Verdrossenheit der Wähler benützten diesmal auch die Kommunisten, die zum ersten Mal am Wahlkampf teilnahmen und von den 5000 Stimmen, die die Labour- Party verlor, 2100 im ersten Anhieb auf ihr Konto buchen konnten. Mit einer knappen Mehrheit von 1100 Stimmen zieht also der sozialdemokratische Kandidat aus dem Judenbezirk Whitechapel in das Unterhaus ein. Noch ein solcher Sieg — und die Arbeiterpartei hat Whitechapel verloren. Inzwischen dauert die Aufregung im zionistischen Lager fort. Bezeichnend hierfür ist der Verlauf einer achtstündigen Sitzung, die der Waad Leumi in Jerusalem unter dem Vorsitz von Pinchas Ruthenberg abgehalten hat Colonel Käsch, der in dieser Sitzung einen ausführlichen Bericht über die politischen Vorgänge in London erstattete, fordert die Versammlung auf, sich geschlossen hinter Weizmamn zu stellen, in dem er auf die paradoxe Tatsache hinwies, daß Weizmanns politische Führung niemals so kraftvoll gewesen sei, wie in der Zeit seiner Demission. Es dürfte aber auf die Versammlung einen niderschmetternden Eindruck gemacht haben, als Colonel Kisch feststellte, die Jewish Agency habe im Laufe der Verständägungskonferenz eingesehen, daß die englische Regierung, unmöglich in der Lage sei, das Weißbuch zurückzuziehen. . Die Jewish Agency versuche zwar, die Regierung von der Unvereinbarkeit der Bestimmungen des Weißbuches mit dem Mandat zu überzeugen, eine Voraussage darüber aber, ob eine Verständigung erreicht werden wird, wäre verfrüht. Trotzdem meinte er, sollte die Zusammenarbeit mit England weiter fortgesetzt werden. Es ist unerfindlich, welche günstigen Wirkungen sich Colonel Kisch von der Durchführung einer Anregung verspricht, die Verwaltung Palästinas der Kontrolle des Kolonialamtes zu entziehen und dem Außenministerium zu un- UFA-TON-KINO i Wien II., TaborstraBe 8 Telephon R 41-2-41 Eine ergreifende Geschichte, wie sie das Leben so gern schreibt SO SIND DIE MENSCHEN i (ABSCHIED) Ein 100%iger deutscher Sprech- und Tonfilm Regie: ROBERT SIODMAK Produktion: Bruno Duday Hauptdarsteller: BRIGITTE HORNEY. ARIBERT MOG. ERWIN BOOTZ, WLADEM1R SOKOLOFF Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr (erstellen. Es ist deshalb unerfindlich, weil es doch ganz klar ist, daß das Weißbuch schon längst wieder zurückgezogen worden wäre, wenn es nicht seinem Geiste nacli von der gesamten englischen Regierung, und daher auch von den Leitern des Außenamtes gebilligt werden würde. Es scheint sich da wieder um nichts anderes als um ein Scheinmanöver, zu handeln, das die Aufmerksamkeit der zionistischen Anhänger von dem eigentlichen Grundproblem ablenken, die verzweifelte Stimmung mildern und neue Hoffnungen, neue trügerische Hoffnungen wecken soll. Es ist nicht verwunderlich, daß der Waad Leumi zu keiner einheitlichen Stellungnahme bezüglich der Teilnahme an der geplanten Fortsetzung der „Verständigungskonferenz" gelangen konnte. Denn es lag zu dieser Zeit noch nicht einmal die schon längst erwartete Antwort der englischen Regierung auf die Ausführungen Weizmanns in dieser Konferenz vor. Erst nach langem Widerstreben erklärte sich Ruthenberg — unter dem Protest der Revisionisten, die demonstrativ den Beratungssaal verließen, — bereit, nach Lon-- don zu fahren und an der „Verständigungskonferenz" teilzunehmen. Inzwischen verzögerte sich aus unbekannten Gründen die Abreise Ruthenbergs nach London, er betraute deshalb bis zu seinem Eintreffen zwei Arbeiterführer mit seiner Vertretung bei den Verhandlungen mit der englischen Regierung, um gleich darauf wieder seine Vertreter anzuweisen, an diesen Verhandlungen nicht teilzunehmen. Sollte diese widerspruchsvolle Haltung vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß in der Zwischenzeit der Jewish Agency die Antwort der englischen Regierung auf die bekannten Ausführungen Dr. Weizmanns zugegangen ist? Kann daraus nicht der Schluß auf den w e n i g z ufriedensteilenden Inhalt dieser Antwort abgeleitet werden? Allzu optimistisch ist man auch in Londoner zionistischen Kreisen nicht, Feuilleton Geschichte des Chanakafestes. Von Binjamin Segel. Ghanuka, däs Weihefest, das Lichterfest oder Siegesfest, wie es Josephus auf griechisch nannte, feiern wir als erstes nach Abschluß des großen herbstlichen Zyklus der Festtage- Es dauert, gleichwie das Laubhüttenfest, 8 Tage, beginnt am 25. des neunten Monates (Kislew), dem Dezember entsprechend, und endet mit Beginn des folgenden Monates. Schon dem flüchtigen Betrachter fällt auf, daß Chanuka im christlichen Festkalender einen Doppelgänger hat dessen Namen im Grunde nur eine Uebersetzung des seinigen ist: Weihnachten, das ebenfalls am 25. Dezember beginnt — manchmal fallen beide Feste sogar auf denselben Tag — ebenfalls mit Lichtern, denen des Weihnachtsbaumes, gefeiert wird, der auch acht Tage lang entzündet zu werden pflegt, bis zum ersten des folgenden Monates, der auch der erste des neuen Jahres ist. So weit reicht die Nachahmung des jüdischen Festes seitens des christlichen, daß letzteres ausnahmsweise am Abend des vorangehenden Tages anhebt, wie dies bei allen jüdischen, Festen und beim Sabbat der Fall ist Das christliche Fest ist 509 Jahre jünger als das jüdische. Letzteres wurde 165 Jahre vor der üblichen Zeitrechnung eingesetzt, ersteres wird erst im Jahre 354 als Geburtstag Jesu, der auf den 25. Dezember angesetzt wird, im römischen Festkalender erwähnt. Doch eigentlich hat erst ein Dekret Kaiser Justinians (527—565) das Fest definitiv auf diesen Tag festgelegt Früher galt der 6. Jänner (Epiphanias) als der Geburtstag Jesu, und daran hält sich noch heute die armenische Kirche. Der 25. Dezember, welcher „Dies natalis Domini" heißt war früher der Tag des heidnischen Julfestes, des Festes der Wintersonnenwende, das von allen antiken Völkern feierlich begangen und in Rom „Dies natalis invicti solis" („Tag der unbesiegten Sonne") genannt wurde. Auch in Palästina wurde der 25. Kislew von altersher als Volksfest mit Lichtern und grünen Zweigen begangen. Im Jahre 165 wurde an diesem Tage durch Jehuda Makkabi und die Seinigen der Tempel zu Jerusalem wieder eingeweiht der drei Jahre zuvor an demselben Monatstag von Antiochus Epiphanes geplündert verwüstet und entweiht wurde, auf dessen großem Ganzopferaltar das Bildnis des Zeus Olympios aufgestellt worden war — der größte Greuel, der den Juden widerfahren konnte. Daß der Syrerkönig diese Untat just an einem 25. Kislew verübte, be^ weist daß er damit ein Fest der Wintersonnenwende feiern wollte. Drei Jahre später wurde diesem allgemeinen Naturfest das in Palästina, wie gesagt, auch von den Juden als Volksfest mitgefeiert wurde, durch die Einsetzung des Chanukafestes ein spezifisch jüdischer, historischer und! höherer religiöser Sinn untergelegt- Die ursprüngliche Bedeutung des Festes geriet bei den Juden in Vergessenheit, dem Feste wurde ewige Dauer und weltgeschichtlicher Rang verliehen, es wurde zum Symbol des Sieges des monotheistischen Glaubens über das Heidentum. Das mosaische Judentum beseitigte nämlich nicht die im Volke vorgefundenen Bräuche und Sitten, auch wenn sie heidnischen Ursprunges waren, sondern erfüllte sie mit höherem Inhalte und verlieh ihnen eine monotheistische Mission. Die Steine des entweihten Altars ließ Jehuda Makkabi aus Pietät nicht wegwerfen, sondern sie in der nordwestlichen Halle des Tempels aufbewahren, wo sie bis zum jüngsten Tag ruhen sollten, „da der Prophet Elia kommt" und bestimmt, was mit ihnen zu geschehen hätte. Hier werden wir schon' vom Geist der Sage umwittert. Die Sage erzählt daß nach der Einweihung der Stiftshütte unter Moses ebenso wie nach der. Einweihung des Salomonischen Tempels das Feuer vom Himmel in der Gestalt eines Löwen herabkam und sich auf den Altar niederließ, wo es immerdar brannte, bis es der frevlerische König Manasse verlöschte. Die Sage erzählt weiter, daß man jetzt im Tempel nur ein kleines Krüglein Oel fand,-das mit dem Siegel des. Hohenpriesters verschlossen, also nicht verunreinigt worden war und zum Entzünden des goldenen siebenarmigen Leuchters gebraucht werden durfte, aber nur für einen Abend reichte. Der Feind hatte alle goldenen Geräte aus