Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-12-05 · Heft 49 (5.12.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064193--18164-3083166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Stftte 6 DIE WAHRHEIT des Staates herbeigeführt werden. Er illustrierte die Verarmung des Wiener Judenturas an mehreren Beispielen; so ist vor zwei Jahren, als die Wiener Kultusgememde wegen der Kältekatastrophe eine Kohlenaktion für die jüdischen Armen Wiens einleitete, eine Summe von 40.000 S aufgebracht worden, heuer konnten im Zusammenhang mit der Versendung der Flugschrift „Unser Fürsorgewerk" durch die Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde nur 18.000 S an Spenden eingebracht werden. Ing. Hugo K o d i t s c h e k dankte Herrn Präsidenten Dr. O r n s t e i n für sein mit großem Beifall aufgenommenes Referat und eröffnete die Diskussion, an der sich zunächst Herr Doktor Ernst Feldsberg beteiligte. Er konstatierte einleitend die beunruhigende Tatsache des starken Anwachsens des Antisemitismus auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete. Aus dieser Tatsache erwachsen für uns Juden große Verpflichtungen, insbesondere die Pflicht, einig zusammenzustehen und nicht durch eine nationale Politik dem Judentum zu schaden. Wir müssen endlich unsere Elternpflichten erfüllen, denn wir sind verantwortlich dafür, wenn unsere Jugend bisher mit fliegenden Fahnen ins Lager des Nationalismus einzog, weil wir ihr — infolge von Versäumnissen in Schule und Haus — nicht die Kenntnis vom wahren jüdischen Sein vermittelten. Es sprachen ferner die Herren Dr. R. Lohr und Sekretär R. Hlawatsch. Präsident Dr. J. O r n s t e i n beschäftigte sich in seinem Schlußworte ebenfalls mit der Frage der jüdischen Erziehung und führte aus, daß das herannahende Chanukka-Fest der für Heldentum begeisterungsfähigen Jugend einen Beweis jüdischen Heldengeistes vor Augen führe. Diesen jüdischen Geist in den Herzen der Jugend zu verankern, sei heute um so mehr Pflicht, als sich immer wieder Deserteure finden, die feig genug sind, in den gegenwärtigen, für das Judentum so gefahrdrohenden Zeiten aus unserem Lager auszutreten. Der glänzende Besuch und die angeregte Diskussion berechtigen zu der Hoffnung, daß die Bezirksorganisation Landstraße der „Union" sich würdig den anderen großen Bezirken anreihen werde. UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN, Bezirksorganisation Leopoldstadt ■ Montag, den 8. d. M„ um HS Uhr abends, ■ im Klubsaal des Cafe National, 2 IL, Taborstraße 18, spricht S Da», Kurt Meiner Uber das Thema: „NOCH IMMER RITUAL- MORDMÄRCHEN" Gäste willkommen! Gäste willkommen Wahrheiten vom Jäte Getrennt marschieren und — vereint schlagen. Vom jüdischen Standpunkte aus konnte man nie einen Unterschied zwischen den Heimatschützlem und den Nationalsozialisten konstatieren. Wohl versuchte die Heimwehr zu Beginn ihrer Entwicklung — besonders in Wien — über ihre antisemitische Einstellung hinwegzutäuschen und ihre Vertreter drückten recht häufig die Klinken jüdischer Fabrikanten und Kaufleute. Diesem Gimpelfang war aber kein dauernder Erfolg beschieden. Heute machen die grün-weißen Herrschaften kein Hehl aus ihrer wahren Gesinnung. Die Versuche, die beiden faszistischen Gruppen zu einer Einheit zu verschmelzen, scheinen infolge Eifersüchteleien unter den Führern der beiden Lager vorläufig gescheitert zu sein. Bundesführer Starhemberg hat zwar bei dem Generalappell nach den Wahlen verkündet: „Die Hitlerbewegung ist uns ein starker Bundesgenosse, mit dem wir uns über kurz und lang bestimmt vereinigen werden.44 Der Herr Innenminister a. D. erwies sich aber auch in diesem Falle als schlechter Prophet Dfe antisemitischen Radikalinskis wollen sich nicht vereinigen und liegen sich momentan sogar, statt brüderlich in den Armen, kriegerisch in den Haaren. Dabei ist — Gott behüte! — nicht der „Judenpunkt" das trennende Moment. Ueber die judenfreundlichen Ziele der Nationalsozialisten war kein Jude jemals im Zweifel. Was diesbezüglich von der Heimwehr zu halten ist, geht aus einer Erklärung der Bundesführung der österreichischen Selbstschutzverbände hervor, die mit dem Untertone des Bedauerns das Scheitern der Einigungsverhandlungen konstatiert, gleichzeitig aber als eines der Hauptkennzeichen beider G r.u p p e n die . „Ausschaltung aller schädlichen Volks- und rassefremden Einflüsse im Leben des deutschen Volkes" hervorhebt. Wenn sie nun auch getrennt marschieren, wir wissen es genau, vereint wollen sie die Juden schlagen; und darauf müssen wir in unserem Abwehrkampfe bedacht sein. Der empfindsame Nationalsozialist Prodinger. In der letzten Zeit häufen sich beim Preßrichter Powalatz die Ehrenbeleidigungsklagen, die allzu feinfühlige Politiker gegen jene Blätter erheben, von denen sie während des Wahlkampfes angegriffen worden waren. Zu diesen allzu feinfühligen Herrschaften gehört auch der Salzburger nationalsozialistische Abgeordnete Prodinger (Schulz-Richtung), der nunmehr mit Hilfe des Schober-Blocks in den österreichischen Nationalrat eingezogen ist und in dieser Vertretung des österreichischen Volkes die Rolle des ersten (und einzigen) Nationalsozialisten spielen wird. Als erste Ruhmestat dieser neuesten Leuchte unseres Parlaments ist eine Klage des Herrn Abgeordneten Prodinger zu verzeichnen, die dieser gegen die „Wiener Allgemeine Zeitung" erhoben hat, weil diese in einem Leitartikel, betitelt: „Demokratie mit dem Arierparagraphen", folgendes geschrieben hat: „Wenn jetzt die großdeutschen Kandidaten in die Provinz hinausfahren, werden sie den arischen Wählern stolz verkünden können, daß sie mit den Wiener Juden gar nichts gemein haben, nur das Reisegeld lassen sie sich von ihnen bezahlen." Der Nationalsozialist Prodihger konnte natürlich einen derart schweren Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Daß er von Juden Geld für seine — wie sich nun zeigt, erfolgreichen — Wahlreisen genommen hätte, das ging über seine antisemitische Hutschnur. Und deshalb klagte er und verlangte sogar in Form einer Ehrenerklärung eine Bescheinigung dafür, daß sämtliche großdeutsche Abgeordnete innerhalb des Schober-Blocks die gleiche Enthaltsamkeit wie er gegenüber dem anrüchigen jüdischen Gelde bewiesen hätten. Die „Allgemeine Zeitung" wollte eine solche Erklärung nicht abgeben, da sie den vom Richter akzeptierten Wahrheitsbeweis erbringen wäll, daß der Schober- Block — und damit auch die großdeutsche Volkspartei — Wahlspenden auch von nichtarischer Seite erhielt, annahm,, ja sich sogar um solche bewarb. Dem Ausgange des auch für uns Juden äußerst lehrreichen Prozesses kann man mit Interesse entgegensehen. Für heute genügt die Feststellung, daß der leicht gekränkte Herr Abgeordnete Prodinger nicht immer die gleiche Feinfühligkeit bekundet. Dieser Mann gibt in Salzburg eine eigene Zeitung: „D e r V o 1 k s r u f" heraus, die von niederträchtigsten Beschimpfungen des Judentums strotzt. Die Juden werden in dieser Zeitung wiederholt als „Auswurf der Wüste" bezeichnet. Noch am 28. Juni 1930 schrieb dieses Blatt: „Es lebt auf deutschem Boden ein Fremdvolk. das von Osten eingewandert ist und dieselben Rechte besitzt wie wir. Es sind die Juden, die sich in erschreckender Weise in unserer herrlichen Heimat breitmachen und sich vom Schweiße und ehrsamer Arbeit der bodenständigen deutschen Bevölkerung nähren. SiesindDrohnenundSchmarotzer am deutschen Volksköroer; ehrsame, rechtschaffene Arbelt ist ihnen fremd. Deshalb GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE »7 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungenfür Koscherfleisch ■uiler Aufsicht des ehpw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen sind sie der Todfeind unseres Volkes, weil sie nicht schaffen, sondern raffen..." Der weitere Verlauf des Prozesses wird vielleicht interessante Aufklärungen darüber geben, auf welcher Seite sich die „Schmarotzer" befinden.. Reklame. In der etwas verspätet eintreffenden Rauscbhaschono-Ausgabe eines New Yorker hebräischen Blattes finden wir folgendes Inserat: „Der neue Friedhof Montefiore. Die Verwaltung des Friedhofes wünscht allen Juden das Allerbeste zum neuen Jahre. Im kommenden Jahre möge der Wunsch des Propheten wahr werden, daß der Tod für ewig aufhöre... Aber man soll doch beachten, daß der Montefiore-Friedhof auf einem schönen und trockenen Gelände liegt, welches sich für ewige Ruhe sehr eignet" Es ist eine Lust zu leben und in Amerika zu sterben... VonWoche %u Woche | Oberkantor Jakob Schleifer | ^^Kcns^nrmmKMBmattB^aaaamammmmmmmm^^m^mm^K^^m^^^» Der am 27. November im 59. Lebensjahr verstorbene Oberkantor des Gemeändetempels in der Turnergasse Herr Jakob Schleifer zählte zu den bedeutendsten Vertretern seines Faches. Wie selten einer,, hat es der leider viel zu früh Verstorbene verstanden, durch Talent, ernstes Streben und unermüdlichen Fleiß sich aus bescheidenen Anfängen zur höchsten Position durchzuringen. Er legte den Weg von der Pike auf zurück, den ein „Manage n" nehmen muß, wenn er sick diesen Ehrentitel erwerben will. Bereits als lOjähriger Knabe war der Verstorbene als „Singerl" gesucht und genoß er seinen ersten Unterricht bei Nissen May in Stryj, der ihm auch das Notenlesen beibrachte. Der talentierte Junge hatte eine sehr schöne Altstimme und da er musikalisch außerordentlich begabt war, wurde er in kurzer Zeit so populär, daß sich der berühmte Lemberger Chasen Boruch Schorr für ihn interessierte. Mit Boruch Schorr reiste er als S o 1 o s ä n g e r herum und ernteten Meister und Schüler große Erfolge. Während seiner Mutierungszeit betrieb der junge Schleifer im Hause seines Vaters, der ein großer Talmudgelehrter war, eifrig Talmudstudien. Nach kuzer Zeit bekam er eine schöne lyrische Tenorstimme und ging zur weiteren Ausbildung zu dem berühmten Kantor M. Blumenkranz nach Debreczen. Von dort kam er im Jahre 1889 zu Asche Eibenschitz nach Satoraljaujhely, einem der berühmtesten „Sager" (Rezitator) seinerzeit der durch seine fabelhafte Phantasie und durch seine von Inspiration befruchtete Improvisationen der Bedeutung des Gebetworles Leben und Gestalt zu geben vermochte. Trotz der großen Entbehrungen harrte Jakob Schleifer bei diesem Meister längere Zelt aus und nahm das Chasonus dieses großen Künstlers in sich auf. Nun folgte Schleifer einer Berufung als Chordirigent nach M i s k o 1 c z und kam von dort im Alter von 21 Jahren als Kantor an den neuerbauten Tempel in Rozsynsko. Nach 4jähriger erfolgreicher Tätigkeit ging er nach Budapest, wo er vom Direktor C a 1 d i eine Sustentationsgage erhielt. Er nahm bei Professor Gal durch zwei Jahre Gesangsunterricht und vervollständigte seine Studien dann in Wien bei Prof. Ress. In Wien bewarb er sich um den damals vakanten Posten eines II. Kantors im zehnten Wiener Gemeindebezirke, wurde sofort akzeptiert und kam bald darauf nach F1 oridsdorf. Ein Jahr später (1900) legte er bereits eine Probe seines großen Könnens ab, indem er sich um dio durch das Ableben des unvergeßlichen Josef Goldstein freigewordene Stelle eines Oberkantors bewarb. mMWEBimmm RESIDENZ COLUMBIA ,.MANNA" F*BR. CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN II., TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40.6-14 III GARANTIERT UNUNTERBROCHENE m BRENNDAUER 30 STUNDEN m J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.