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Die Wahrheit · 1930-12-05 · Heft 49 (5.12.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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.j^woumk,'» imwumm DIE WAHRHEIT Seite i In London nichts Neues. KULTUR DES TISCHES Die Londoner Verhandlungen zwischen den Vertretern der Jewish Agency und der englischen Regierung sind anscheinend auf einem toten Punkt angelangt. Während! die Antwort der englischen Regierung auf die scharfen Angriffe Weizmanns gegen ihre neuerdings festgelegte Politik ursprünglich für Ende der vorigen Woche erwartet wurde, sind inzwischen mehrere Tage verstrichen, ohne daß bisher eine Veröffentlichung dieser Antwort erfolgt wäre. Ja, es ist zur Stunde nicht einmal bekannt, ob eine Fortsetzung der gemeinsamen Sitzungen zwischen den Regierungsmitgliedern und den Führern der Jewish Agency erfolgt ist oder überhaupt erfolgen wird. Namentlich die amerikanischen Zionisten sprechen sich immer wieder gegen eine Fortsetzung dieser Sitzungen aus, so lange die schriftliche Antwort der Regierung nicht vollinhaltlich vorliegt und insbesondere auch ihren Wünschen Rechnung trägt. Inzwischen hat die bestehende Ungewißheit zu einer Steigerung der Nervosität in der jüdischen Bevölkerung Londons geführt, die derzeit ohnehin durch die Nachwahlen zum Unterhaus in Whitechapel, dem hauptsächlich von Juden bewohnten Viertel von Ost-London, in Spannung und Erregung gehalten wird. Im Hinblick auf die Tatsache, daß die Juden fast 50 Prozent der Wählerschaft Whitechapels ausmachen, spielt die Palästinafrage in der Wahlwerbung aller drei großen Parteien und auch der Kommunisten eine große Rolle. Der Bezirk war bisher — schon seiner ärmeren Bevökerung wegen — stets sozialistenfreundlich orientiert. Die Labour-Party scheint sich nun aber alle Sympathien in diesem Wahlkreis verscherzt zu haben, wie aus dem folgenden Bericht einer stürmischen Versammlung der Sozialisten hervorgeht. Schon bei der Eröffnung der Versammlung setzte ungeheurer Tumult ein, viele hunderte Zuhörer riefen ununterbrochen: „Wir wollen keine Reden für den Labour-Kandidaten hören! Whitechapel wird niemals einen Labour-Kandidaten wählen! Die Labour- Regierung hat uns verraten!" Der Lärm dauerte über eine Stunde an, ohne daß es irgendeinem Redner gelang, sich verständlich zu machen. Jede Bemühung, zur Versammlung zu sprechen, wurde sofort durch Rufe, wie: „Abtreten! Wir glauben der Arbeiterpartei nichts mehr!" vereitelt. Schließlich gelang es dem Abgeordneten Harry Snell, sich Gehör zu verschaffen. Snell bat die Versammlung, ihn, der stets ein Judenfreund gewesen sei, anzuhören. Nach einigen Zwischenrufen, die erkennen ließen, daß die Versammlung nur aus persönlicher Achtung seiner Auffassung keine Führer gebe. Der Führer erinnere allzusehr an die Tage der Obrigkeit. Der wahrhaft große Mann der Wirtschaft müsse seinen Stimmungen nachgehen und mit Fingerspitzengefühl die Dinge erfassen, um sich bei allem Verantwortungsbewußtsein als Schöpfer zu bewähren. Goldschmidt bekennt sich zur Spitzenleistung, denn nur die wahre Individualität vermag zur schöpferischen Persönlichkeit aufzusteigen. Unsere Zeit drängt, so sagt er, zum Kollektivismus. Aber die gleiche Zeit, in der nur das Nivellierungsbedürfnis der Masse gilt, führt zur Vergottung des Sporthelden. Der Ungeistige, der sich im Spiel hervortut, wird zum Heros. Goldschmidt verweist auf das Beispiel Amerikas, wo man auf die Männer stolz ist, die aus eigener Kraft aufgestiegen seien. Er bekennt sich als Demokrat, aber er erinnert an die Demokratie der Antike, an die Zeit der Führerauslese, in der man dem Führer mit dem Vertrauen auch die Gewalt übertragen habe. Goldschmidt erklärt sich als Gegner einer übertriebenen Konzentrationsbewegung. Er habe sie nur da gefördert, wo sie unbedingt erforderlich gewesen sei. Die Frage, warum er dem Zusammenschluß der Deutschen Bank mit der Disconto-Gesellschaft nichts Gleiches entgegengesetzt habe, beantwortet er mit der Bemerkung, daß ihm Machthunger fremd sei. Denn jede Bewegung könne gefährlich werden, wenn sie ihre Grenzen überschreite. Wie bei der Rationalisierung, komme es auch bei jedem Streben nach Konzentration stets auf die richtige Dosis an. Wirtschaften heißt Geld verdienen, erkiärt Goldschmidt Es wäre Lüge, meint er, dies nicht zu bekennen. Aber Aufgabe des Wirtschaftlers ist es, nicht das Geld in sinnloser Weise aufzuspeichern, sondern kulturelle Werte damit zu schaffen. In diesem Sinne hat Goldschmidt stets mit vollen Händen alle künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen unterstützt — er ist Senator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft — und hat auch jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen und den Instituten der Wissenchaft des Judentums seine ständige Hilfe zuteil werden lassen. vor Snell, nicht aber aus Sympathie für die Arbeiterpartei geneigt sei, ihn sprechen zu lassen, konnte Snell einige Worte an die Versammelten richten. Als er aber auf die Palästina-Politik der Regierung zu sprechen kam, brach der Sturm von Neuem los, Stühle flogen durch dieLuft, die Polizei griff ein und verhaftete drei Versammlungsteilnehmer. Harry Snell konnte seine Rede nicht weiter fortsetzen und verließ den Saal. Nach einiger Zeit gelang es dem jüdischen Abgeordneten Marcus, die Versammlung zu beruhigen. Er rief laut, daß er das Weißbuch verurteile, worauf sich der Lärm etwas legte, so daß er mit seiner Ansprache beginnen konnte. Aus der Mitte der Versammlung wurde an Marcus die Frage gerichtet, warum die Regierung die Verhandlungen mit der Jewish Agency hinausziehe. Ob dies nicht deshalb geschehe, um über die Nachwahl in Whitechapel hinauszukommen, und dann zu erklären, daß England an der Politik des Weißbuches festhalte. Marcus erwiderte, die Vertagung der Konferenz sei auf den ausdrücklichen Wunsch Weizmanns erfolgt, der die Ankunft der jüdischen Führer aus Amerika, die an der Konferenz teilnehmen sollen, abwarten wolle. Marcus teilte der Versammlung mit, er habe selbst in das Dokument Einblick getan, das die britische Regierung Weizmann übermittelt habe. Dieses Dokument werde zweifellos beruhigend auf die jüdische Oeffentlichkeit wirken. Die Jewish Agency dementiert zwar in einer Erklärung, daß sie eine Vertagung der Konferenz verlangt hat, aus den Erklärungen des Abgeordneten Marcus würde aber hervorgehen, daß die britische Regierung Weizmann bereits ihre Antwort übermittelt hat. Um so unverständlicher erscheint die Geheimhaltung dieses Dokumentes, das doch für die künftige Palästinapolitik von folgenschwerer Bedeutung ist. Es liegt der Schluß nahe, daß die bisherige Unterdrückung dieser Veröffentlichung und die Verzögerung der Fortsetzung der Verhandlungen einen tieferen Grund besitzen müssen. * * * Inzwischen hat die Jewish Agency ein sehr umfangreiches Memorandum ihres Ehrenanwalts Leonhardt Stein als Antwort auf das Weißbuch der englischen Regierung herausgegeben, in welchem dieses Weißbuch mit allen Mitteln der Jurisprudenz und der Dialektik analysiert wird. Es wird der englischen Regierung vorgeworfen, daß das Weißbuch eine unrichtige Darstellung und Interpretation des Mandats gibt und daß es Grundsätze aufstelle, die die im Weißbuch von 1922 niedergelegte Politik zum Nachteil der Juden abändere. Der letztere Vorwurf wird wohl in dem Memorandum der Jewish Agency mit aller Kunst zu erhärten versucht, es gelingt aber auch diesem Dokumente nicht, die Tatsache hinwegzuleugnen, daß bereits im Jahre 1922 die englische Regierung ausdrücklich nur mehr von einer „Fortentwicklung der bestehenden jüdischen Gemeinschaft mit Hilfe von Juden in anderen Teilen der Welt" gesprochen hat. Es war also schon damals nicht mehr von einem „jüdischen Nationalheim" oder gar einem „Judenstaat" die Rede, und alle Versuche, heute wieder dem Weißbuche von 1922 die Deutung zu geben, daß es dem „Geiste der Balfour-Deklaration" entsprach, müssen fruchtlos bleiben. Wie weit die englische „Staatskunsf geht, ersieht man auch aus den weiteren Vorwürfen des Memorandums der Agency, das unter anderem auch behauptet, daß in mehreren wichtigen Fragen das Weißbuch einen falschen Eindruck von den Ergebnissen des Berichtes von Sir John Hope Simpson vermittelt. Das Memorandum wendet sich auch gegen beleidigende Behauptungen des Weißbuches, die geeignet sind, die Jewish Agency zu verdächtigen, die jüdischen Leistungen in Palästina herabzusetzen und die böswilligen Elemente innerhalb der arabischen Bevölkerung zu ermutigen. Als Ganzes betrachtet lasse das Weißbuch nicht auf eine Regierung schließen, SILBERBESTECK v--j--'; ,:-:>. von. OESTERREICH ER WIEN I. WIPPLINGERSTRASSE 29 die sich dessen bewußt sei, daß die von ihr übernommenen Verpflichtungen nicht lediglich auf widerstrebende und widerwillige Duldung hinauslaufen, sondern positive tätige Mitarbeit erfordern. Man sieht, die Jewish Agency führt eine sehr scharfe Sprache. Es liegt anscheinend System in ihrem jetzigen Vorgehen. Nach den entschiedenen Erklärungen Weizmanns auf der „Verständigungskonferenz" folgt nun ein Dokument, das sich mit England wie mit einer feindlichen Großmacht .auseinandersetzt. Auf 89 Seiten werden aktenmäßig alle Sünden und Unterlassungen der englischen Regierung bei der Durchführung des Palästina-Mandates aufgezählt. Die Schlußfolgerung enthält einen Protest gegen das Weißbuch, und erinnert mit folgenden ernsten Worten England an seine Verpflichtungen: „Die Agency hat immer die großen Vorteile, die Palästina als Ganzes dem britischen Mandat verdankt, anerkannt. Wenn die Juden der ganzen Welt von Aniang an einstimmig verlangten, daß die Verwaltung Palästinas Großbritannien anvertraut werden sollte, so geschah es aus tiefer Bewunderung für die britischen Verwaltungsmethoden und im gläubigen Vertrauen auf den guten Willen Englands. Trotz vieler Enttäuschungen haben sie diesen Glauben nicht verloren, trotz Erschütterung durch die Ereignisse von 1929 und das Versagen der Regierung, jüdisches Leben und Eigentum gebührend zu schützen, hielten sie an der Ueberzcugung fest, daß Großbritannien sie nicht im Stich lassen würde. Als ein Jahr später eine neue Erklärung der britischen Politik angekündigt wurde, erwarteten sie. daß diese Politik klar zum Ausdruck bringen würde, daß ein neues und hoffnungsvolleres Kapitel beginnen sollte, und daß die Regierung die wiederholt ausgesprochene Anerkennung ihrer Verantwortlichkeit in Sachen des jüdischen Nationalheims in praktische Maßnahmen umsetzen würde. Sie kamen nicht auf den Gedanken, daß die einzigen das Nationalheim betreffenden Maßnahmen darauf abzielen sollten, der jüdischen Einwanderungs- und Siedlungstätigkeit weitere Beschränkungen aufzuerlegen, wenn nicht überhaupt sie zu einem Stillstand zu bringen. Diu Agency ist sich ihrer Pflicht gegenüber der Mandatarmacht voll bewußt, aber sie hat auch eine oberste Pflicht gegenüber dem jüdischen Volke, und sie ist zur Klarstellung verpflichtet, daß die Juden der ganzen Welt einheitlich die Politik des Weißbuches als nicht im Einklang mit dem Geiste jener Vorkehrungen des Mandates stehend betrachten, welche die Mandatarmacht dafür verantwortlich machen, in Palästina jene politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen zu schaffen, die die Errichtung des jüdischen Nationalheims sicherstellen." pillllllllllilllllllllllllllllllilllll^ VORNEHME FAMILIENPENSION vor maisDr. GRUNBERG AM SEMMERING I HOCHSTRASSE 43 IBEl HOTEL PANHANS) | ■■ Mäßige Preise (Zimmer i ■\ mit Pension von S12.- \ " aufw.) / Kaffeehaus und; Tanzgelegenheit im Hause / Besitzer: ECKSTEIN / Telephon: Semmering Nr. 11! ließen ) es Warm-undKait- •wa »er in Jedem Zimmer!

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