Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite t DIE WAHRHEll füllt, das dem einfachen Menschen imponiert und auch den überheblichen Kastenmenschen sympathisch berührt. Und in derselben Weise, wie die Gilde der Landsknechte eine eigene Moral für ihre Bedürfnisse, für die Grundlage ihrer Existenz entwickelt hatte, in welcher der Bauer ein Gegenstand gleichzeitig der Auspressung, der Grausamkeit und der Verachtung war, ebenso fühlt der Nationalsozialist sich als ein Mensch sieghaften Typs, weil sein Ideal die schlagkräftige Faust und der zielsichere Revolver sind, und weil er einen .Gegenstand der Verachtung (Gott sei Dank noch nicht der Auspressung und der Mißhandlung) hat — das ist der Jude. Mit denselben Ausbrüchen von Spott und Verachtung, wie vor 300 Jahren der Landsknecht über den Bauern, fällt heute der Nationalsozialist über den Juden her, und ist unschuldig daran, daß er sich bis jetzt zumeist des Wortes statt der „Tat" bedienen muß, daß er noch nicht den Knüttel oder auf modernere Art die Gesetzesmaschine verwenden kann. „Zwei Hände, um den Juden zu stoßen", besitzt der Nationalsozialist, so ist in der neuesten Nummer seines österreichischen Parteiorgans zu lesen. „W i r nehmen n i c h t" (so machen sie dort einen Unterschied zwischen sich und den Antisemiten, welche „mit der einen Hand vom Juden nehmen und mit der andern Hand ihn stoßen) wir nehmen nicht, dafür haben wir aber beide Hände frei zum . . . stoßen". Die brennende Fackel im Auge eines harmlos vorübergehenden jungen Juden zeigt es: wahrlich, solchen Menschen kommt es nicht darauf an, wohin sie . . . stoßen. Der Skrupellose hat immer gewisse Chancen dem Gewissenhalten voraus. Am gefährlichsten aber ist derjenige, der die Moral zu seiner Dirne macht. An dieses greuliche Schauspiel muß man sich gewöhnen, wenn man einen Blick in die nationalsozialistische Presse tun will. Das trieft von Moral, das donnert von empörtem Gerechtigkeitsgefühl, das säuselt in lyrischem Schwung bei der Schilderung des Wohlergehens aller Juden, — aller Juden, — bewußte, zynische, hetzerische Lüge und Verleumdung stecken dahinter. Wenn diese Menschen selbst glaubten, was sie Tag für Tag in die Welt hinaus rufen, wenn ihnen das reinblütig deutsche Volk wirklich ein sittliches Ideal wäre, dann würde ihnen ihr Hakenkreuz zu heilig sein, um es zum Wahrzeichen der Brutalität und der handgreiflichen Verleumdung zu machen. # 5fc!fc Man muß sich wehren! Wer mit Kot beworfen wird, mag sich philosophisch sagen, daß der Wurf nur den Werfenden erniedrigt; tatsächlich hat doch e r den Schaden. Es wäre eine Verantwortungslosigkeit, wenn man sich der Sachlage gegenüber mit Illusionen helfen wollte. Man muß es sich selbst ebenso klar mächen, wie es von den Hakenkreuzlern ausgesprochen wird: der Verelendungskrieg, der Ausrottungskrieg, der den Juden angesagt wird, gilt allen Juden; nicht etwa einer als „unanständige Juden" bezeichneten Kategorie, sondern schlechthin allem, was jüdischen Blutes ist. Vielleicht ist diese Eindeutigkeit nützlich; niemand kann sich einreden, daß es keinen Antisemitismus geben würde, „wenn alle Juden so wären wie er"; ob sich nun diese Ueberzeugung auf den Besitz einer gefestigten Moral und guter Umgangsformen, ob sie sich auf körperliche Vorzüge oder auf eine große und freigiebige Kasse stützt. Die Hakenkreuzler brüsten sich geradezu mit ihrem hundertprozentigen Antisemitismus, der sich auf das Jüdische schlechthin bezieht, auf die jüdische gasse, das jüdische Blut, ohne Rücksicht auf wirkliche oder eingebildete Eigenschaften des einzelnen, und ihre energische Ablehnung aller Anbiederungsversuche ä la „Jüdische Heimwehr" ist das einzig Sympathische, das an ihnen erblickt werden kann. Was heute — trotz aller Einzelausschreitungen — im wesentlichen doch nur böser Wille zu sein scheint, kann schreckliche Wirklichkeit werden. Von größter Wichtigkeit ist es, das weitere Vorschreiten der antisemitischen Volks i nfi zi er ung zu hindern, die der akuten, gewalttätigen Form des Antisemitismus den Boden bereitet. Es handelt sich darum, die richtige Haltung zu beobachten. DieTatsache, daß die Juden in ihrer Menschenwürde angegriffen werden, daß über ihre soziale und pekuniäre Lage gehässige, aufreizende Verleu m d u n g e n verbreitet werden, daß sie sich dagegen wehren und von jedem anständigen Menschen, von jeder ehrenhaften politischen Partei in diesem gerechten Kampf Unterstützung erwarten, darf nicht verschleiert werden.! UFA-TON-KINO i Wien l|H Ttberslrat! Telephon R 41-2-41 Paramount bringt alle ihre weltberühmten Stars im Schlagertonfilm Künstler abend zugunsten der Schülerausspeisung an der Talmud-Thora Volksnnd Hauptschule, II, Malzgasse 16 — Sonntag, den ersten Tag Cbanuka, 14. Dezember, 8 Uhr abends, im Festsaale des Hotel Continental, IL, Taborstraße 4. Erstklassige Krälte. Sichern Sie sich rechtzeitig eine Karte von S 10.— bis S 1.— in allen jüdischen Bucbhandlupgen und im Sekretariat, II., Leopoldsgasse 26, Telephon R 45-4-94 Wir Juden wollen keine „Judenschutztruppe" in dem Sinn etwa, wie Hitler seine Person ständig von einer Garde seiner Anhänger bewachen läßt. Wir wollen nicht geschützt werden, weil wir Juden sind — wir würden eine solche, an mittelalterliche Schutzjudenschaft erinnernde „Beschützung" entschieden ablehnen —, aber wir verlangen, daß sich das Gefühl für Unrecht und Recht, für Lüge und Wahrheit, daß sich Objektivität und Sinn für die Würde des andern nicht feige und mit einem verlegenen Lächeln zurückziehen, sobald es sich um die Judenfrage handelt. Bei Gehässigkeiten und Vorurteilen im kleinen Kreis kann man oft beobachten, daß sie weiterwuchern und wie ein giftiger Schleim alle Beziehungen ersticken, solange man durch Nichtbeachten, durch sanftes Ausweichen zu bessern sucht. Zieht man . dann aber das, was doch vorhanden ist, ans Tageslicht, stellt sich offen dagegen, so hat man, anstatt einer gehässigen Korona einen Kreis von gutwilligien Menschen und schlimmstenfalls einen offenen Feind. Nicht anders im Staatsleben. Die Nationalsozialisten prahlen heute schon mit ihren 110.000 Stimmen, die sie in den Bundesländern erhalten haben, und rüsten sich offen für die Gemeindewahlen. Der Erfolg ihrer Gesinnungsgenossen im Reich war ein Ueberrumpelungssieg — durch Unterschätzung, durch Ausweichen zieht man sich selbst die Gegner groß. Ebensowenig wie „Schutz" verlangen wir Juden Liebe — Liebe ist eine persönliche Angelegenheit; wohl aber müssen wir überall da, wo wir uns in der Oeffentlichkeit mit unserer Person und unserer Stimme einsetzen sollen, Rechtsempfinden verlangen, Rechtsempfinden für uns als Juden, da wir als Juden angegriffen werden. L. F.-Tr. &euitteton Jakob Goldschmidt. Dieser Tage erschien dm Weltverlag, Berlin, ein aufschlußreiches Buch von unserem Mitarbeiter Dr. Kurt Zielenzinger „Juden in der deutschen Wirtschaft". Das Buch unternimmt zum ersten Male den Versuch, im Zusammenhang die Bedeutung der Juden für die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft des 19. und 20. Jahrhunderts zu schildern. Das Werk, das bei den Rothschilds beginnt und mit Carl Melchior, Nicodem Caro. Oscar Wassermann. Ottmar Strauß und schließlich Jacob Goldschmidt endet, ist geeignet, weiteste Kreise zu interessieren. Mit gütiger Erlaubnis des Autors veröffentlichten wir in unserer letzten Nummer den Anfang des Kapitels über Jakob Goldschmidt; wir lassen heute den Schluß folgen. Die Redaktion. Den Mittelpunkt des VII. Allgemeinen Deutschen Bankiertages zu Köln bildet der Vortrag über „Entwicklungstendenzen in der deutschen Wirtschaft und ihr Einfluß auf die Kapitalbildung", den Jakob Goldschmidt am 10. September 1928 hält. Es ist das erstemal, daß er öffentlich spricht Louis Hagen, der ungekrönte König von Köln, vergleicht sein Auftreten mit dem einer Primadonna. Er selbst ist sich dieses seines ersten Auftretens durchaus bewußt Später erklärt er einmal, trotz aller Aufforderungen, die er erhalte, müsse er es ablehnen, abermals einen Vortrag zu halten, er könne nicht immer wieder Neues sagen. Denn er spreche höchstens alle dreißig Jahre einmal. Man solle sich deshalb für 1958 bei ihm vormerken. Aus diesen Worten spricht Gpldschmidts üeberlegenheit, aber auch die starke Zurückhaltung, die er übt. Die Gedanken, die er in Köln entwickelt hat, und auf die er in Unterhaltungen gern zurückkommt bilden den Ausdruck seiner Weltanschauung. Der Vortrag, den er auf dem Bankiertag hält, versucht so tief in die Probleme der Zeit einzudringen, daß er auch durch den formvollendeten Ausdruck sofort das Ohr der ganzen Versammlung gewinnt. Es ist die Frage an den Kapitalismus, die Goldschmidt stellt, angeregt durch die Debatten in der letzten Zeit. „Ich habe oft die Empfindung gehabt", so erklärt er. „daß besonders unser Land alle Vorbedingungen äußerer und innerer Art dazu mitbringt die FormentwicWung des Kapitalismus zum besten des Menschenfortschrittes organisch durchzuführen." Deutschland sei berufen, „die Brücke zwischen der kapitalistischen Kuhtur des europäischen Westens und den neuen Wirtschaftsformen des großen Sowjetstaates zu bilden". Die kapitalistische Wirtschaft habe ihre Fähigkeit bewiesen, weil nur sie Deutschland in die Lage versetzt habe, etwa 20 Millionen Menschen mehr zu ernähren, als unser Boden zur Zeit zu versorgen vermag, und es uns ermöglicht habe, zahlreiche Milliarden an die Kriegsgegner abzuführen. Man müsse zwar anerkennen, daß der staatliche Apparat und seine Organe in den letzten Jahren ungewöhnliche Leistungen vollbracht hätten, und es müsse auch gesagt werden, daß das Unternehmertum nicht frei von Schuld und Fehle sei, wenn die öffentliche Hand immer weiter in die Privatwirtschaft eindringe, aber diese Expansion sei zurückzuweisen. Die staatswirtschaftlichen Betriebe leisteten weder in Führung noch Leistung Besseres als die privatwirtschaftlichen. Der Konsument habe in der Preisentwicklung von ihnen keine Vorteile, noch sei etwa der Arbeitnehmer dort besser entlohnt als in der Privatwirtschaft. Die Mitwirkung des Staates habe früher nur darin bestanden, die private Initiative anzuregen und zu fördern. „Erst wenn die Entwicklung zu einer reinen Verwaltungsarbeit hinübergeleitet ist, um das Unternehmen auf einer hinreichenden Leistungsfähigkeit zu halten, kann der Staat ohne erheblichen Schaden das Privatkapital ablösen. Der Staat soll nicht in der Wirtschaft, sondern über der Wirtschaft stehen." Wenn auch Goldschmidt den Kapitalismus bejaht, so betont er doch in. diesem Vortrage, „es wird in der Welt niemals weder eine kapitalistische noch eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Reinkultur geben". Wie er die ausschließlich sozialistische Wirtschaft ablehnt, so verlangt er doch von dem Arbeitgeber soziales Verständnis. Im Geschäftsberichte der Danatbank von 1927 — diese Berichte, die er selbst schreibt, sind regelmäßig Bruchstücke seiner wirtschaftlichen Konfession und Meisterwerke der Stilistik — erklärt er ausdrücklich: „Die Anerkennung des Prinzips der individuellen Leistung und der Notwendigkeit, ihr Freiheit des Wirkens und Schaffens zu gewähren, darf nicht etwa die Folge haben, daß sich der Unternehmer sozialen Geboten und Verpflichtungen entzieht, die ihm der Geist einer neuen Zeit auferlegt. Der soziale Grundgedanke, der ohne Einschränkung immer stärker zur praktischen Anwendung gebracht werden muß, ist gekennzeichnet durch die größere Beteiligung des Arbeitnehmers an den. Erfolgen und Erträgnissen der Wirtschaft in Form von Lohn und sozialer Fürsorge." Aber dieses soziale Empfinden ist bei Goldschmidt getragen von seiner Sorge um die Erhaltung der individuellen Führerschaft. Denn es soll „das Individuum wieder mehr aus dem großen Reservoir der Bevölkerung in den Vordergrund treten". Goldschmidt ist klein von Statur. Aus seinem bartlosen Gesichte blicken zwei scharfe stahlblaue Augen, in einer seltsamen Mischung von Skepsis und Herzensgüte. Er ist ein sehr gewandter Sprecher, der seine Sätze auch in der zwanglosen Unterhaltung geschickt formuliert und das, was er spricht, in äußerst konzentrierter Form zum Ausdrucke bringt. Hinter jedem Wort steht die Stärke seiner Persönlichkeit Die zarten Hände deuten auf Energie und Beseeltheit, sie haben etwas stark Künstlerisches an sich und sprechen davon, daß dieser Mann bei aller Logik ein Künstler ist. Er betont auch, er sei so arrogant, sich als Künstler zu betrachten. Deshalb lehnt Goldschmidt den Begriff des Wirtschaftsführers ab. weil es in der Wirtschaft nach