Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch DltU) Erscheint jeden Freitag e nrh ei mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterrtidrischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II.. Meinest?aße 13 - Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien, 5. Dezember 1930 Nummer 49 Berlin hat genug Am vergangenen Sonntag hat das Berliner Judentum eindringlich seinen Willen bekundet, nicht mehr länger unter der vier Jahre lang geübten Herrschaft der Zionisten in der Berliner Jüdischen Gemeinde leben zu wollen. Vier Jahre lang hat es mit Widerwillen und Empörung diese Herrschaft ertragen, nachdem siebzig Jahre lang in dieser größten Judengemeinde Deutschlands die Liberale Partei gewirkt hatte. Alle Proteste gegen die Willkür der neuen Gemeindegewaltigen waren umsonst, sie schalteten und walteten rücksichtslos nur im Interesse ihrer Partei. Mehr aber noch als die verwaltungstechnische Usurpierung der Gemeinde durch die Zionisten bedeutete deren Herrschaft eine politische Gefahr für die deutschen Juden. In einer Zeit, da der Nationalsozialismus die Juden am liebsten wieder m die engen Schranken des Ghettos zuiückverwiesen sehen will, war es nicht bedeutungslos, welche Partei an der Spitze der Größten Judengemeinde Deutschlands stand. Die Judenfeinde konnten bisher darauf hinweisen, daß das Berliner Judentum jene Männer zu seinen Führern erkoren hat, die sich selbst als fremdnational im deutschen Lande bezeichnen, und daraus Schlüsse ziehen, die der- Juden sicherlich nicht zuträglich waren. Das deutsche Judentum hat nun manifestiert, daß es mit der zionistischen Ideologie nichts zu tun haben will, daß es auch weiterhin ein Teil des deutschen Volkes sein will, für das das deutsche Judentum schon so viele schwere Opfer gebracht hat. Es hat im Weltkriege für das deutsche Vaterland geblutet, es hat nach dem Völkerringen an dem Wiedleraufbau redlich mitgearbeitet, und nun kommen seine Feinde und wollen ihm Existenzberechtigung in diesem deutschen Lande absprechen. Schwer ist der Kampf, den die deutschen Juden gegen ihre Widersacher zu führen haben, und gerade in solchen Zeiten können sie nicht einem Nationalismus huldigen, der für sie nur unendliche Gefahren birgt. Deshalb haben die Berliner deutschen Juden am Sonntag den Zionisten den Rücken gekehrt, sie wollen mit ihnen und ihrer schädlichen Politik nichts mehr gemein haben. Der Wahltag vom 30. November 1930 ist diesmal wiiklich ein Zahltag geworden. Es wurde an diesem Tage der jüdischnational-poalezionistischen Clique heimgezahlt, was sie in diesen vier Jahren unumschränkter Herrschaft an Sünden begangen hat. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Wähler Berlins hat am Sonntag mit dem Stimmzettel in der Hand bekundet, daß sie genug von dieser blau-weißroten „Führung" hat... Am 16. Mai 1926 war in der Berliner Gemeinde zum letztenmal gewählt worden. Es war eine Wahl, die so recht zionistische Demagogie .und antizionistische Lauheit bewies. Nur 50.000 Wähler von den 170.000 Wahlberechtigten der Gemeinde gingen zur Urne. Die Liberalen erhielten etwas über 23.000 Stimmen, ihre Gegner, die sich zum Sturze der Liberalen Partei vereinigt hatten, beinahe 27.000 Stimmen. Demgemäß mußten sich die Liberalen, nachdem ihr Wahlprotest von der Staatsbehörde abgewiesen worden war, in der Repräsentantenversammlung mit 10 Mandaten (von 21) begnügen. Das Präsidium hatte zuerst — einem Wahlübereinkommen der antiliberalen Parteien gemäß — ein Mitglied der Mittelpartei inne, später übernahm es — ebenfalls dem Uebereinkommen entsprechend — Direktor K a r e s k i, der auch in Wien durch seine journalistischen Eskapaden sattsam bekannte jüdischnationale Politiker. Damit begann die schrankenlose Herrschaft der Zionisten in der Berliner Kultusstube, damit begann aber auch der Abstieg dieser Partei, die ausgezogen war, große Leistungen in der Berliner Gemeinde zu vollbringen, sich aber kleinlich und parteiegoistisch erwies. Sie verstand es, sich in den letzten Jahren als stärkstes Glied der antiliberalen Koalition rücksichtslos die entscheidenden Posten in der Gemeinde zu sichern und so der Verwaltung ihren Parteistempel aufzudrücken. Dieses Vorgehen hat zu einer starken Erbitterung geführt und dem abgelaufenen Wahlkampfe das Gepräge gegeben. Insbesondere wandten sich die von den Zionisten düpierten beiden Koalitionsparteien — Mittelpartei und Konservative — von ihren Bundesgenossen des Jahres 1926 ab und nur die Poale-Zionisten blieben ihren bourgeoisen Konnationalen treu. Zehn Listen wurden eingereicht, von diesen waren nur zwei (Jüdische Volkspartei und Poale-Zion) rein zionistisch, .alle anderen mit verschiedenen Schattierungen antizionistisch. Schon aus dieser Gegenüberstellung geht die Abwendung der Berliner Gemeindemitglieder von der „ruhmvollen" zionistischen Herrschaft deutlich hervor. Mit aller Klarheit haben aber die Wahlziffern gesprochen, wie weit die Empörung über diese Herrschaft in der Berliner Gemeinde vorgeschritten ist. Von etwa 75.000 abgegebenen Stimmen erhielt die liberale Liste 40.000, die übrigen antizionistischen Parteien beinahe 10.000. Die Zionisten erhielten etwa 25.000 Stimmen, sie haben also kaum die Hälfte der antizionistischen Stimmen erreicht, also nicht ganz, ein Drittel sämtlicher abgegebener Stimmen. Das Berliner antizionistische Judentum hat eindeutig gesprochen ... In der Berliner Gemeinderepräsentanz, deren Sitze seit den letzten Wahlen von 21 auf 41 erhöht worden sind, werden von nun ab 24 Liberale, ein Mitglied der Religiösen Mittelpartei und ein Mitglied der Ueberparteilichen Vereingung, insgesamt also 26 Antizionisten. — 14 Zionisten und 1 Poale-Zionisten gegenübersitzen. Es ergibt sich also ein Verhältnis von 26 : 15, denn es steht schon heute fest, daß die beiden Vertreter der religiösen Splitterparteien — die Konservativen sind aus der Gemeinderepräsentanz verschwunden — mit den Liberalen gehen und so eine Majorität bilden werden, die allen Anstürmen der zionistischen Opposition gewachsen sein wird. Vier kurze Jahre Berliner zionistischer Herrschaft sind vorüber. Es ist diesmal gelungen, die Wählermassen, die im Jahre 1926 zu Hause blieben, zur Urne zu bringen. Beinahe 50 Prozent der Wahlberechtigten haben ihre Stimme abgegeben, und diejenigen, die diesmal wählen gingen, während sie das letzte Mal ihr Wahlrecht nicht ausübten, waren — Antizionisten. Wir kennen das Bild aus Wien. Die antizionistischen Wähler, die die überwiegende Mehrheit der Wiener jüdischen Bevölkerung bilden, sie bekunden ihre Sympathie mit wohlwollenden Worten, selten aber mit Taten, selbst wenn diese Tat nur in der Abgabe eines Stimmzettels besteht. Das Berliner Judentum hat die Gefahren erkannt, die ihm vom jüdischen Nationalismus drohen, und mit dem Stimmzettel in der Hand diese Gefahren abzuwehren verstanden. In vielen Dingen ist uns Oesterreichern Deutschland ein leuchtendes Beispiel. Möge das Verhalten der Wählerschaft einer der größten Judengemeinden Europas und der größten Gemeinde Deutschlands auch den österreichischen Juden als Beispiel dienen. ... Zwei Hände, um den Juden zu stoßen.. 99 Ein Mann bahnt sich entschlossen den Weg zur Macht. Dieser Mann heißt Hitler. Er tauchte auf als der „Trommler" Ludendorffs. Auch Ludendorff strebte zur Macht, bedenkenlos nur zur Macht. Seiner teufelsgleichen Geschicklichkeit gelang es, für das deutsche, durch die Niederlage schwer verwundete Selbstgefühl eine Salbe zu mischen. Judenhaß war einer der wirksamsten Bestandteile; die Legende vom „Dolchstoß von hinten", das unsinnige „Protokoll der Weisen von Zion" wurden von weiten Kreisen kritiklos und begierig aufgenommen, weil man so etwas brauchte, weil man nach anderen Erklärungen für die Niederlage hungerte als die niederdrückende Tatsache der Kurzsichtigkeit und technischen Unterlegenheit. Aber Hitler stieg neben Ludendorff auf und über ihn hinweg. Er ist der Mann der „Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei", die sich, um den persönlichen Charakter zu betonen, ganz offiziell „Hitler-Bewegung" nennt. Auch Oesterreich hat, von Pabst bis Starhemberg, mehr als einen Mann, der geneigt wäre, mit einer Schutzgarde hinter sich die Rolle des Selbstherrschers zu spielen. .Warum solche Dinge in unseren Tagen gelingen, diese weltgeschichtliche Frage zu erörtern, ist hier nicht der Platz. Das Eine genügt, daß die Nationalsozialistische Partei mit der Judenpeitsche in der Hand 107 Reichstagsmandate erobert hat und sich nun auch in Oesterreich ausbreiten möchte. Diese Partei ist kriegerisch im ganz alten, primitiven Sinn; kriegerisch, wie es die Landsknechte des Mittelalters waren, ebenso wie diese von einem rohen Selbstbewußtsein er-