Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 48 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT DieJuden in der modernen Welt Von Prof. Dr. Richard W i 11 s t ä 11 e r, München, Deutscher Nobelpreisträger. Erst in der modernen Welt ist den Juden die Möglichkeit geworden, am geistigen Fortschritt der Menschheit voll mitzuwirken, in manchen Staaten gleichberechtigt mit Nichtjuden, in anderen noch gehemmt durch Gegenströmungen. Von den Gebieten der kulturellen Entwicklung seien drei betrachtet, auf denen dem Judentum gemäß sei-ier geistigen Struktur ein bedeutender Anteil zufällt. Das erste Gebiet ist das der Wissenschaften, namentlich der Naturwissenschaften und ihren Anwendungen: Medizin und Technik. Nur hier haben die Menschen in den letzten Jahrtausenden sichere, große Fortschritte erreicht. Nur in gewissen Wissenschaften arbeitet der Einzelne von der Stelle aus weiter, wo seine Lehrer und Vorgänger aufgehört haben. Es ist das Schicksal des Naturforschers, auf die Schultern des Vordermannes zu steigen und darum weiterzuschauen als jener. Besonders in den exakten Wissenschaften türmt die Menschheit einen bleibenden und wachsenden Schatz von Erfahrungen und Erkenntnissen auf. Als ein zweites Gebiet sei das der Staatskunst und das der Rechtspflege genannt. Hier ist meine Auffassung vom Fortschritt in den Jahrtausenden zögernder, bescheidener. Es ist kaum zu sehen, daß die Leiter der Staaten aus der Geschichte genug gelernt haben. Die Rechtssicherheit ist gewachsen, die Rechtspflege ist humaner geworden. Der erreichte Fortschritt besteht vor allem darin, daß ein immer größerer Teil der Menschheit in Freiheit und Sicherheit und unter günstigen Lebensbedingungen existiert. Zu einem dritten Gebiet des geistigen Lebens sei das Größte zusammengefaßt: Religion, Philosophie, Ethik und Kunst. In diesem Gebiet scheinen mir große Zeiträume ohne wesentlichen Fortschritt zu verlaufen. Auf großen Gebieten geistigen Schaffens beginnt jeder Einzelne für sich ganz von Anfang, zu denken und zu schaffen. Der Fortschritt wird nicht durch Zusammenarbeiten vieler, als Gemeinschaftsarbeit erzielt, sondern er ist das Werk vereinzelter, genialer Führer. Die Entwicklung der Juden in der modernen Welt soll zur völligen Ueberwindung derjenigen Charaktereigenschaften führen, welche durch Abschließung und Ausschließung, Unterdrückung und Verfolgung, Unsicherheit und Zurücksetzung aufgeprägt werden mußten. Seit der Befreiung aus dem Ghetto ist der Anteil gewaltig gewachsen, den das Judentum zur Rechtspflege, zur Volkswohlfahrt, zur Kunst, zur Ethik beiträgt. Auf dein ersten der drei betrachteten Gebiete ist es eine starke Eigentümlichkeit der jüdischen Art, die den Juden zum erfolgreichen Teilnehmer an wissenschaftlicher Arbeit befähigt. Der Jude scheint mir in besonderem Maße ausgerüstet zu sein durch Vereinigung von Wirklichkeitssinn und Phantasie. Diese glückliche Verbindung bedingt wachsende erfolgreiche Beteiligung der Juden in den Wissenschaften. Auf dem zweiten Gebiete möchte ich eine Aufgabe für den modernen Juden herausgreifen: das ist ausgleichende Vereinigung von Nationalismus und Internationalismus, von Vaterlandsliebe und Humanität; mit anderen Worten ist diese Aufgabe Förderung des Friedens. Der moderne Jude hat sich tausendfältig als guter Bürger seines Landes bewährt, als Patriot. Aber der Jude ist befähigt und bestimmt, der Uebertreibung und Uebersteigerung des nationalen Empfindens, dem Chauvinismus, entgegenzutreten und noch höher als den Staat das Menschentum zu stellen. Vielfach gilt das Wort Pazifist noch als Schimpfwort. Es gibt in der Welt, in der alten und in der neuen, sogar bei den Frauen, noch zu wenig Trauer und Reue über den Krieg. Triedensliebe und Arbeit am Frieden gehört zu den höchsten Aufgaben. Mögen die Juden sich vor allem dafür einsetzen, daß zwischen den divergierenden Interessen der Völker und Staaten gerechter Ausgleich gefunden daß auf Erden Blutvergießen vermieden werde. Das dritte Gebiet des geistigen Lebens stellt dem fortschrittlichen Juden die größten Aufgaben. Der Zwiespalt zwischen religiöser Geschichtstreue und der freien Entwicklung des Judentums unter den Bedingungen der Gegenwart bedarf der Ueberbrückung. Die Menschheit ist tief erfüllt von Sehnsucht nach Erhebung, Veredlung, nach Ewigkeitswerten. Möge es eine Mission der Juden sein, entgegenzuwirken der Ueberschätzung materieller Interessen und der Ueberschätzung des Sports und zu arbeiten an sittlichen Werten und Werken. Zur Ueberwindung der Gegensätze und Ländergrenzen und der Weltmeere bedarf es besserer Brücken und Verbindungen, als die Technik zu erreichen vermag: suchen wir sie in Werken der Kunst und Wissenschaft, in Ethik und Religion. Rumänische Justiz. Der Borscha-Prozeß. Vor dem Gericht in Satu-Mare begann am Montag, den 17. November, der Prozeß gegen etwa 90 rumänische Antisemiten, die das hauptsächlich von Juden bewohnte Städtchen Börse ha eine Zeit lang vor dessen Niederbrennung durch bis jetzt nicht zur Verantwortung gezogene Täter unter einem scharfen Terror gehalten und eine Reihe Untaten Segen Borschaer Juden begangen haben. Die Anklage richtete sich außerdem noch gegen 17 jüdische Bürger von Borscha, von denen behauptet wird, daß sie sich am 7. März d. J. „zusammengerottet und den Danila Constantin (den bekannten antisemitischen Agitator) gezwungen haben, das Schulgebäude, in welchem er einen Vortrag für die christliche Bevölkerung halten wollte, zu verlassen". In der Anklageschrift heißt es ferner, die Juden hätten die Fensterscheiben im Schulgebäude eingeschlagen und den Versuch gemacht, durch Fenster und Türe einzudringen, um Danila am Reden zu verhindern. Gegen die liauptangeklagten, die Antisemiten Danila Constantin, Berindei Andrei und Dumitrescu Ioan, wird in der Anklage ausgeführt, sie hätten am 4., 7. und 10. Mai 1930 zu Grausamkeiten gegen die Juden aufgehetzt, hätten erklärt, die Juden seien die Feinde des VORNEHME FAMILIENPENSION H vormals Dr. GRÜNBERG 1 AM SEMHERING 1 \ MOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) M Mäßige Preise (Zimmer mit Pension von S12.— nüd aufw.) / Kaffeehaus und §| Tanzgelegenheit im m Hause / Besitzer:!! ECKSTEIN / Telephon: M Semmering Nr. Ii | Fließendes Warm-und Kaltm 1 wasser in jedem Zimmer^ Ü Landes und müßten ausgetrieben werden. Dumitrescu Ioan hätte die in den Straßen demonstrierende christliche Menge direkt aufgefordert, die Juden Jacob Gancz und Bentiu anzugreifen. Danila Constantin hat die zu einer Versammlung vor dem Stadthaus erschienene Menge aufgefordert, den Stadtsekretär Martin Roth, einen Juden, aus dem Stadthause herauszuzerren und zu schlagen. Danila Constantin und Dumitrescu Ioan haben sich persönlich an der Mißhandlung des Juden Israel Gancz beteiligt, der schwere Wunden am Kopfe und Rücken davontrug und 20 Tage im Bette liegen mußte. Danila Constantin hat den Juden Marcu Pollack so schwer mißhandelt daß dieser 20 Tage bettlägerig war. Danila Constantin, Dumitrescu Ioan und Petru drangen in der Nacht des 5. Mai in das Haus des Hersch Juda Stein mit Revolvern und Messern bewaffnet ein und zwangen diesen unter Todesdrohungen, das Haus zu verlassen und in den Fluß Vischeu zu springen. Anstifter und Mitwirkende waren das Ehepaar Andrei und Cmilia Berindei, die, als Stein ins Wasser geworfen wurde, seinen Peinigern zuriefen, sie sollten ihn noch tiefer unter Wasser halten. Das gleiche Verbrechen wurde von diesen Angeklagten an dem Juden Chaim Salomon Stein begangen. Die übrigen Angeklagten sind verschiedener, zum Teil sehr grausamer Kollektiv- und Einzelverbrechen an Juden angeklagt. Vor Gericht sind erschienen 80 Angeklagte, unter ihnen 15 Juden, ferner 150 Zeugen. Den Vorsitz führt der Richter Franz Erbes. Die Verteidigung der Antisemiten haben der Präfektenmörder Zelea Cod r e a n u, Motza, lonescu, Catuneanu und einige andere antisemitische Advokaten übernommen. Als Verteidiger der angeklagten Juden haben sich angemeldet die Advokaten Josif Forhida, Samuel Fischer, Abg. Josef Fischer. Theodor Fischer, Senichel u. a. m. Das Gericht begann mit dem Verhör der jüdischen Angeklagten,- so daß im Gerichtssaal der Eindruck entsteht, daß die eigentlichen Schuldigen die Juden wären. Die antisemitischen Advokaten stellen immer wieder Anträge, die zum Teil vom Gericht abgelehnt werden. Die jüdischen Angeklagten Moise Bertberger, Maier Ganz, Arthur Herzberger, Josef Fischbein u. a. schildern, wie die hemmungslose antise- DAS SILBER VON OESTERREICHER Künstlerische Handarbeit aus eigener Werkstatt. Formvollendet in jedem Stück und jeder Einzelheit — Geschenke von unvergänglichem Wert. 1. WIPPLINGERSTRASSE 29 mitische Propaganda der angeklagten Rädelsführer der Borschaer Unruhen, insbesondere des Danila, die Atmosphäre vergiftet und zu einem unbeschreiblichen Terror gegen die Juden geführt hat. In. seiner Verantwortung erklärte Constantin Danila, die Juden wollten mich töten. Ich bin Antisemit, ich habe den Antisemitismus von meinen Eltern geerbt. Sein Brief an den Pfarrer Berindei, der die Aufforderung enthielt, auf ein gegebenes Zeichen die Eisenbahn und die öffentlichen Gebäude zu besetzen, sei privaten Charakters und decke sich nicht mit den Intentionen der Legion Erzengel Michael. Der Geistliche Berindei gab zu, gegen die Juden agitiert zu haben, leugnete aber, die Menge aufgefordert zu haben, den Juden Hirsch in den Fluß zu werfen. Der Geistliche Dumitrescu sagte aus, die Juden hielten Bomben und Waffen versteckt, um ihn zu töten. Beweise hierfür habe er freilich nicht. Das Urteil. Früher als erwartet (man rechnete ursprünglich mit einer zweiwöchigen Prozeßdauer) hat - das Gericht in fcatu-Ma/re (Szatmar) im Prozeß gegen die Rädelsführer und Mitbeteiligten in dem antijüdischen Terror und in den Exzessen von Borscha gesprochen. Sämtliche der Aufhetzung gegen Juden, der Terrorakte und der Mißhandlungen von Juden Angeklagten, unter ihnen auch die Haupträdelsführer, die Geistlichen Berindei und Dimirrescu. wurden freigesprochen. Einzig der Agitator D a n i 1 a. mit dessen Ankunft in Borscha die Terror- Perliode begann, wurde zu einer Geldstrafe von 5000 Lei (etwa 180 Schilling) verurteilt. Auch die angeklagten siebzehn jüdischen Bürger aus Borscha, die gegen die Abhaltung einer antisemitischen Versammlung in der städtischen Volksschule protestierten, und die der Störung einer von Danila einberufenen Versammlung beschuldigt wurden, wurden freigesprochen. Der Lebensabend eines großen Philanthropen. Staatsrat Jacob Teitel an seinem 80. Geburtstag. Staatsrat Jacob Teitel, der Vorsitzende des Verbandes russischer Juden in Deutschland, der auch von den russisch-jüdischen Kolonien anderer Länder als ihr Führer anerkannt wird, ist wie bereits gemeldet, am 15. November 80 Jahre alt geworden und war .aus diesem Anlaß Gegenstand herzlichster Ehrungen und Begrüßungen aus fern und nah. Erst vor wenigen Tagen kehrte er von einer Reise durch England zurück, wo er für seine Schützlinge wirkte, und in Berlin ging er sofort an seine gewohnte Arbeit zur Linderung der Not unter den russischen Juden in Deutschland. Für Jacob Teitel war sein 80. Geburtstag kein froher Festtag, sein Lebensabend ist beschattet durch das traurige Schicksal einer sehr großen Zahl russisch-jüdischer Familien, die einst in der russischen Gesellschaft und in der sozialen Hilfstätigkeit führend waren, in der Emigration aber selbst auf Mildtätigkeit und soziale Hilfe angewiesen sind. Der J. T.-A.-Vertreter, der Herrn Teitel besuchte, fand ihn auch in einer niedergedrückten Simmung vor, in die ihn die Nachricht von dem Freitod einer russischen Jüdin versetzt hatte. Diese Frau, erzählte Herr Teitel, die einen winzigen Laden in der Linienstraße im Norden Berlins -betrieb, erhielt eine regelmäßige Unterstützung vom Verband russischer Juden. Da aber der Verband infolge der Wirtschaftskrisis ge- /