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Die Wahrheit · 1930-11-28 · Heft 48 (28.11.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 48 (28.11.1930)
Date
1930-11-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEH jWenn auch die ungarische Judenschaft derart verarmt ist, wie sie es noch niemals vorher war, wenn auch für die Juden der Erwerb, der Kampf ums tägliche Brot noch schwerer ist als für die christüchen Mitbürger, so muß man doch zugeben, daß auch die Christen ihre großen Sorgen haben. Wir sind verständig genug, dies einzusehen und auch die Konsequenzen zu ziehen. Wenn ich behaupte, daß wir unseren Wert kennen, so meine ich damit, daß die intelligente Judenschaft mit ihrer Initiative, ihrem Fleiß, ihrem Ideenreichtum und ihrem wirtschaftlichen Weitblick eine Mission bei dem Werke des wirtschaftlichen Wiederaufbaues unseres Landes haben wird und haben muß. Wir müssen in erster Reihe für das materielle Gedeihen unseres Landes arbeiten und es bleibt nichts anderes übrig, als die Lösung anderer, ebenfalls sehr wichtiger Fragen aufzuschieben- Aus diesem Grunde war es mir nicht angenehm, daß die Heldenfrage durch ein zufälliges Zusammentreffen von verschiedenen Umständen in den Vordergrund gerückt worden war. Aber die Frage wurde aufgeworfen, konnte also nicht umgangen werden. Ich glaube, wir haben das Feld behauptet, und wir meinen, daß die hervorragenden Persönlichkeiten der Armee wie auch der Bevölkerung im großen und ganzen unser Recht anerkannt haben. Wir hoffen, daß unser gegenwärtiges Staatsoberhaupt Mittel und Wege finden wird, die ominöse Frage zu einer Lösung zu bringen, welche ein friedliches Nebeneinander der verschiedenen Religionen ermöglicht, indem die Mißachtung der Rechte der Bürger jüdischer Konfession abgestellt wird. Wenn aber nicht, so werden wir für unser verbrieftes Recht mit anständigen Mitteln weiterkämpfen. * Nachwort der Redaktion: Der vorstehende Artikel des Abgeordneten Paul S a n d o r informiert in aufschlußreicher Weise über die Taktik der ungarischen Juden in der Abwehr des Antisemitismus. Gerade in der letzten Woche war die „Judenfrage" wieder Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen, als durch die unerhörte Hetzrede des ungarischen Heeresministers Gömbös den ungarischen Juden abermals von offizieller Seite eine schwere Kränkung zugefügt wurde. Die Vertreter des ungarischen Judentums, und insbe- sondere der Autor des obigen Aufsatzes, Abgeordneter Paul "Sandor, haben das ihrer Glaubensgemeinschaft angetane Unrecht nicht auf sich sitzen lassen und sind mit aller Entschiedenheit der empörenden Mißachtung verbriefter Rechte entgegengetreten. Sie haben vor der breitesten Oeffentlichkeit die Frage des Heldenordens aufgerollt, jener Korporation von Teilnehmern am Weltkriege, die bisher Juden, auch wenn sie sich noch so große Lorbeeren im Kriege erworben haben, die Aufnahme verweigerte. Wenn also ein Volksvertreter vom Range Paul Sandors, der stets unerschrocken seinen Mann stellt, wo es gilt, das Judentum gegen seine Widersacher zu verteidigen, mit Befriedigung feststellt, daß sich trotz aller noch immer vorhandenen' Unbilden die Lage der ungarischen Juden doch etwas gebessert hat. so können auch wir diese Versicherung mit Genugtuung aufnehmen. Wir können auch die prinzipielle Einstellung der ungarischen Juden verstehen, die zu allen Zeiten Beweise ihres nicht zu überbietenden Patriotismus gegeben haben und in ilirer treuen Anhänglichkeit au ihr Vaterland lieber als Juden schweres Ungemach erleiden, als irgend etwas in der .Abwehr zu tun, was ihnen Uebelwollende als für Ungarn schädlich auslegen könnten. Es gibt eben kein allgemein anwendbares Rezept für de". Abwehrkampf. Was in dem einen Lande möglich und zweckentsprechend ist, kann in einem anderen Lande als unbrauchbar, ja als nachteilig erachtet werden. Mögen sich jene magyarischen Ueberpatrioten, die sich in dem Schutze ihrer „Rasse" nicht genug tun können und dabei gar oft die Interessen und das Ansehen ihres Landes im Auslande hintangesetzt haben, an ihren jüdischen Mitbürgern ein Beispiel nehmen. Zionistische Schicksalstage in London. Die „Verständigungskonferenz". Weder die Unterhausdebatte über die Auslegung des englischen Weißbuches, noch die ersten Sitzungen der von der englischen Regierung einberufenen Verständigungskonferenz mit den Führern der Jewish Agency zwecks Beilegung des entstandenen Konflikts haben, wie vorauszusehen war, eine Klärung der prekären Situation gebracht Der Tenor der vorliegenden Aeußerungen zionistischer Führer und der meisten englischen Blätterstimmen geht dahin, daß die englische Regierung im großen und ganzen an den Richtlinien des Weißbuches festhält, wenn sie auch, insbesonders um der jüdisch- Feuilleton Jakob Goldschmidt. Unser geschätzter Mitarbeiter Dr. Kurt ZieJenziger, Stellvertretender Pressechef der Stadt Berlin, hat dieser Tage im Welt-Verlag, Berlin, ein neues Buch: „Juden in der deutschen Wirtschaft", erscheinen lassen, das zum ersten Male im Zusammenhang m Form von Monographien die Rolle der deutschen .luden für die Entwicklung der modernen deutschen Wirtschaft schildert Mit gütiger Erlaubnis des Autors veröffentlichen wir aus dem interessanten Werke, dessen Besprechung wir uns vorbehalten, eine der zahlreichen Monographien. D. Red. Die Katastrophe der Markwährung bedeutet zugleich den Sturz eines Geschlechts. Tausende von Existenzen werden vernichtet, Kapitalien in Generationen muhselig angesammelt, in alle Winde zerstreut. Die alten Führer werden dezimiert, und aus dem Nichts entstehen neue Größen. Die soziale Struktur des gesamten Volkes wird verändert Nur der scheint recht zu behalten, der das bewegliche Kapital verschmäht und sich unbewegliches soweit wie möglich anzueignen versteht. Was nutzen Sparguthaben, Lebensversicherungen. was Effekten und andauernde Lohnerhöhungen, wenn die Begriffe sich verwirren und Mark nicht mehr Mark ist. Diese Zeit der Wirrnis, die eine Papiergeldübersebwemmung bringt, wie sie noch nie ein Volk erlebt hat fuhrt zu einer künstlichen Aufblähung auf allen Gebieten, weil jeder glaubt, er müsse sein Geld in amerikanischen Agitation gegen England das Wasser abzugraben, bereit scheint, in Einzelheiten Zugeständnisse zu machen. Immerhin ist aber das Gefühl vorherrschend, daß derartige Zugeständnisse an dem Wesen der englischen Palästina-Politik nichts ändern werden und daß es bis auf weiteres bei der Ablehnung der britischen Regierung bleibt, in Palästina ein jüdisches Nationalheim oder gar einen Judenstaat nach dem Wunsch der Zionisten zu errichten. Das aber ist das Um und Auf des ganzen zionistischen Problems. . Den zionistischen Führern, die als Vertreter Waren, in Maschinen, in neuen Fabriken anlegen. Diese Jahre bewirken gleichzeitig eähe Inflation der Persönlichkeiten. Wie Seifenblasen in allen Farben schillernd und glänzend erscheinen sie, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Sie allein scheinen mit ihren Methoden des wahllosen Zusammenraffens von Sachwerten recht zu behalten. Indem sie ständig neue Schulden eingehen, weil sie wissen, daß sie am nächsten Tage verflogen sind. Das System Stinnes siegt. Wer ist von all den Männern oben geblieben, die sich einst als Führer Deutschlands dünkten? Sie haben jämmerlich Schiffbruch gelitten, soweit sie es nicht verstanden, sich den strengen Regeln der Wirtschaft zu beugen. Zu den vereinzelten Gestalten, die in jenen apokalyptischen Jahren aufsteigen, ohne Nutznießer dieser Zeit zu sein, zu den wenigen Mutigen, die sich dem rasenden Strom der Vernichtung entgegenstellen, gehört der Mann, der sich in knapp einem Jahrzehnt in die allererste Reihe der deutschen Wirtschaftsführer eingereiht hat: Jakob Goldschmidt. Der jüngste unler allen deutschen Bankdirektor^n ist in kurzer Zeit zu ihrem Star geworden. So phantastisch der Aufsties; Goldschmidts vom kleinen Bankangestellten zum mächtigsten Großbankdirektor erscheint, so gleicht sein Weg nicht dem Emporsteigen der ihm gleichahri»en Jnflationskönige. Denn mit eiserner Energie arbeitet ersieh nach oben. Seine früh verstorbene Frau Sophie ist ihm eine treue "Beraterin. Er bleibt dem Metier, das er ergriffen hat. treu. Wenn er als Bankier auch zum Financier wird, dann nicht als Spekulant, sondern als der berufene Vermittler für den Ausgleich der Kapitalien. Jakob Goldschmidt wird am 31. Dezember 188' in dem kleinen hannoverschen Städtchen Eldagsen an der Deister als zweiter Sohn des Kaufmannes Markus Goldschmidt (1852 bis 1928) und seiner Frau p= UFA-TON-KINO l^i§ IUI W I e n II., Taborilrili 8 I II Telephon R 41-2-41 II Hl Die 100% ige Sprechfilml|| II Kriminal- Komödie III Das ' i I gestohlene Gesicht i 1 HMmMRlfl^^ Hl Mitwirkende: Max Adalbert, Edith Edllf lllll wardii Hans Otto, Frledl Haerlln Jj| Hl Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr. || I III An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr II!i^^=^iiii=^^^=M! der Jewish Agency mit den englischen Regierungsvertretern unterhandeln, scheint ja durchihre amerikanischen Freunde das Rückgrat gestärkt worden zu sein, denn es wäre sonst nicht verständlich, daß Chaim Weizmann, der noch vor zwei Monaten in Berlin erklärt hat: „Nie wird es einen Judenstaat geben!" und wegen dieser Aeußerung bei den Radikalen in Ungnade gefallen ist, nun mit sehr energischen Worten die Judenstaatsidee verteidigt und sich sogar auf lebende Zeugen beruft, die beweisen könnten, daß die britische Regierung im Jahre 1917 nichts anderes als den Judenstaat im Sinne gehabt habe. Damit hat er sich mit seinen Berliner Erklärungen in Widerspruch gesetzt; der Beifall der radikalen Zionisten ist ihm nunmehr hoffentlich sicher. Weizmanns scharfe Haltung auf der Konferenz kommt auch darin zum Ausdrucke, daß er erklärte, die Bestimmung der Anzahl zuzulassender jüdischer Einwanderer dürfe nicht von der Arbeitslosigkeit in Palästina abhängig gemacht werden und daß er in ganz unzweideutiger Weise für die palästinensische Judenschaft eine Beteiligung an einer gesetzgebenden Körperschaft ablehnte. Ja, er brachte .auch den Mut auf, den Finger auf die wundeste Stelle zu legen und die schon lange bekannte Tatsache anzuführen, daß im Gegensatz zu den entgegenkommenden Erklärungen der englischen Regierungen die auf palästinensischem Boden delegierten Regierungsbeamten aus ihrer feindseligen Einstellung z.uni Zionismus in der Praxis kein Hehl machen und daß sie gar nicht den Willen besitzen, ihre Verpflichtungen auf Grund des Mandates zu erfüllen. Dr. Weizmann mußte feststellen, daß die Judenschaft Palästinas kein Vertrauen zur englischen Regierung und zu ihren palästinensischen Beamten haben könne. Eine gleich scharfe Sprache spricht die an anderer Stelle dieser Nummer wiedergegebene Resolution des Waad Leumi, die mit Rücksicht auf die begonnenen Verständigungsverhandlungen sich in der Form wohl Mäßigung auferlegt, in der Sache selbst aber der Empörung der Juden Palästinas Ausdruck gibt. Der Waad Leumi lehnt es auch entschieden ab, mit der engli- L i n a, geb. Bacharach, geboren. Die Eltern betreiben ein Manufakturwarengeschäft. Jakob besucht das Gymnasium in Kassel, hat die Absicht. Jurist zu werden, aber bei sieben Kindern, darunter fünf Söhnen, besitzt sein Vater nicht die Mittel, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. So verläßt er die Schule als Untersekundaner und tritt bei dem Bankhaus H. O p p e n h e i m in Hannover ein, das — welch merkwürdiges Schicksal — von der Darmstädter Bank übernommen wird, als Goldschmidt bereits Kommis ist. Mit Krach scheidet er aus der Filiale dieser Bank aus und geht 1907 nach Berlin, wo er in das Bankgeschäft seines Freundes Emil Wechsler eintritt, der heute zu 'seinen engsten Mitarbeitern gehört. Aber schon wenige Jahre später stellt Goldschmidt sich auf eigene Füße. Mit den ersten Ersparnissen gründet er gemeinsam mit dem Berliner Bankier Julius Schwarz am 1. Jänner 1910 die Firma Schwarz. Goldschmidt & Co., die von der zum Konzern der Deutschen Bank gehörenden Hannoverschen und der Hildesheimer Bank kommanditiert wird. In kurzer Zeit gehört das junge Hans zu den bekanntesten Berliner Banken. Es versteht es schnell, sich enge Beziehungen zur Industrie zu schaffen. An der Börse ist man bald auf Goldschmidt aufmerksam gc-macht worden. So erregt es kaum Verwunderung, als der Aufsichtsrat der Nationalbank für Deutschland 1918 den jungen Privatbankier in den Vorstand seiner Bank beruft. Das in letzter Zeit stark vom Pech verfolgte Institut soll Goldschmidt reorganisieren, was ihm in kürzester Zeit gelingt. Als dann in der Zeit der Inflation die Darmstädter Bank — als eines der ältesten deutschen Bankinstitute 1853 nach dem Vorbilde des Credit Mobilier gegründet — immer mehr an Bedeutung zurückgeht, hält Goldschmidt die Zeit für einen Zusammenschluß für gekommen. Er glaubt den Folgen der Inflation auf allen Gebieten nur durch eine Auslese der

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