Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 48 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m»eat^»msvam^iammmrt¥mHtttim^mai rtx?_ icfWHi Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit n Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden1 and den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien «« ^\3f,//?X *J\ y:f® Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien, 28. November 1930 Nummer 48 Endlieh an die Arbeit! Am 9. November waren die Wahlen in den Nationalrat vollzogen. Seither sind fast drei Wochen verstrichen. Noch aber prangen an manchen Stellen unserer Stadt an Plakatwänden und Litfaßsäulen in schreienden Farben die Aufrufe der politischen Parteien an die verehrten, geliebten Wähler; noch haben wir in allzu deutlicher Erinnerung all ihre Versprechungen und Versicherungen. „Nur unsere Partei wählen Sie, nur unserer Liste dürfen Sie Ihre Stimme geben," so rief jede einzelne der Parteien uns allseits umworbenen Wählern zu, nur „wir verbürgen euch, dem Volke, von dem nach der Verfassung alles Recht ausgeht, die wahre Demokratie, nur wir verbürgen euch die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, die rascheste Durchführung von Ersparungen im Haushalt von Bund und Gemeinde, die gerechte Verteilung und Verminderung der Steuerlasten, wir werden unverzüglich Sorge tragen für den Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaft, für eine vernünftige Zoll- und Handelspolitik, für die Eindämmung der katastrophalen Arbeitslosigkeit, für die Beseitigung der rücksichtslosen Parteienherrschaft". — Wir, die Wähler, haben unsere Stimme abgegeben und jetzt — haben wir keine Stimme mehr, haben scheinbar nichts mehr zu reden . . . Unter dem Eindrucke des Wahlausganges schrieben wir hier in diesen Spalten, im Vorgefühl des Kommenden: „Nun, da der demokratische Gedanke gesiegt hat, wird es an dem neugewählten Parlamente liegen, auch der Wirtschaft zu ihrem Rechte zu verhelfen. Die Wähler werden in den kommenden Wochen Gelegenheit haben, festzustellen, ob die Parteien gesonnen sind, ihre Wahrversprechen einzulösen, ob sie tatsächlich im Interesse der Befriedung der Geister und der Gesundung der Wirtschaft ihre parteiegoistischen Erfordernisse zurückstellen und dem Staate geben werden, was des Staates ist. Bei den bevorstehenden Verhandlungen zur Bildung einer Regierungsmehrheit werden die Parteiführer den Beweis zu erbringen haben, daß sie die Zeichen der Zeit verstehen, daß sie dem ihnen erteilten Auftrag gemäß gewillt sind, über alles Trennende hinweg als Vertreter des ganzen Volkes ihre Pflichten gegenüber der schwer darniederliegenden Wirtschaft zu erfüllen ..." Nun, die Wähler hatten und haben in diesen Wochen, die dem Wahltage bisher gefolgt sind, Gelegenheit, festzustellen, daß die Parteien sich durchaus nicht beeilen, ihre Wahlversprechen einzulösen. Das Bild, das sich dem sorgenerfüllten Volke darbietet, ist höchst beklagenswert; der Eindruck, den dieser Kampf der Parteien um die Erhaltung ihres Prestiges und die Erhöhung ihrer Machtstellung hervorruft, ist wahrlich nicht geeignet, dem parlamentarischen System die alten Freunde zu erhalten und neue zu gewinnen. Die Herren am „Ring des 12. November" spielen ein gar gefährliches Spiel, der Einsatz ist zu groß, als daß die öffentliche Meinung weiter dazu schweigen dürfe. Die Herren kennen sehr wohl die Not des Volkes, es ist auch ihnen nicht fremd, welch grenzenlose Verwüstungen die internationale Wirtschaftsdepression auch in unserem Lande angerichtet hat; sie sehen den verzweifelten Kampf unserer Industrie, des Handels- und Gewerbestandes, der Landwirtschaft und der freien Berufe; sie sehen das ungehemmte Ansteigen der Arbeitslosenziffer, sie ahnen doch gleich uns einfachen Wählern die Gefahren des herankommenden harten Winters . . . und doch konnten sie sich bisher nicht einmal dazu aufraffen, die dringend gebotenen persönlichen Opfer zu bringen, um dem Staatsgeschäfte, das zu führen sie durch ihre Wahlwerbung übernommen haben, die notwendige oberste Leitung zu geben. Und doch wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß dieses neugewählte Parlament jenes von wahrer Vaterlandsliebe diktierte Pflichtgefühl aufbringen werde, das notwendig sein wird, um all die schweren Aufgaben zu lösen, die seiner harren, die allerdringendst einer Erledigung bedürfen. Die gesamte österreichische Bevölkerung, die gesamte Wählerschaft, die während des Wahlkampfes, die am 9. November ein mustergültiges Beispiel von vaterländischer Gesinnung, von kluger Besonnenheit und Ordnungsliebe gegeben hat, sie darf v/ohl von ihren gewählten Mandataren das Gleiche erwarten . . . Unser Kampf gegen den Antisemitismus. Von Paul Sandor, Mitglied des ungarischen Abgeordnetenhauses. Wer die Dinge nicht auf ungarischem Boden miterlebt, dem erscheint die Haltung der ungarischen Juden manchmal unerklärlich. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, daß wir im großen und ganzen richtig vorgegangen sind. Wir hatten immer ein Ziel vor Augen: den Antisemitismus, die von Deutschland importierte Schmuggelware, zu vernichten, ihm mit anständigen Mitteln entgegenzutreten und die geschickt ausgestreuten Verdächtigungen und Verleumdungen in das richtige Licht zu setzen. Wir waren aber auch immer mit Erfolg bestrebt, die zu hastigen Stürmer in unseren Reihen in ihrem übrigens berechtigten Zorne zu beschwichtigen. Wenn wir die jüdisch - geschichtliche Periode der schweren letzten zehn Jahre untersuchen, so können wir feststellen, daß wir, wenn auch die gegenwärtigen Verhältnisse noch hinter der Vorkriegszeit zurückstehen, Erfolge erreichen konnten, die teils unseren ehrlichen Bemühungen, teils dem im Grunde edlen Charakter unserer Nation zu verdanken sind. Es ist eine Verkennung der Dinge, wenn man annimmt, daß unsere Bevölkerung jemals illiberal gewesen wäre. Man konnte sie wohl für kurze Zeit künstlich aufhetzen, aber das ungarische Volk, insbesondere die Landbevölkerung ist auf die Dauer für die Treibereien der antisemitischen Propagandisten nicht zu haben. Bei uns gibt es keine Ortschaften, Badeorte oder Hotelunternehmungen, die Judenrein" sein wollten. Ich will und kann nicht leugnen, daß in den Regierungskreisen noch immer antisemitische Neigungen vorhanden sind, wenn man aber gerecht urteilen will, muß man anerkennen, daß diese im Vergleich mit dem 1920er Jahre stark im Abflauen begriffen sind. Man darf nicht übersehen, daß der Bolschewismus dazu beigetragen hat, unsere Lage in bedeutsamem Maße zu erschweren. Leute, die dem religiösen Judentum fernestanden, die ihren Väterglauben längst abgestreift hatten, die unsere Gegner aber immer wieder als Juden bezeichneten, hatten in der Tat den Wahnsinn besessen, die Interessen des Staates zu untergraben, und da man für den verlorenen Krieg einen Prügelknaben brauchte, hat man, wie seit Jahrhunderten, zu dem bewährten Mittel der Judenverfolgung gegriffen. Es hat nichts genützt, darauf hinzuweisen, daß die Gesamtheit der Judenschaft mit diesen Leuten nichts gemein habe, daß Juden ebenso wie Christen von den Kommunisten hingernordet, daß ihr Vermögen konfisziert wurde, es hat uns nichts genützt, immer wieder nachzuweisen, daß bei der Niederwerfung des Kommunismus auch viele Juden ihr Blut geopfert haben — wir blieben die Prügelknaben. Wir hatten dies auf unserem Kerbholz und es war wirklich gegenüber dem kunstvollen Lügengewebe nicht leicht, uns zu wehren. Wir haben auch unter so unsagbar schweren Verhältnissen nie vergessen, daß wir Ungarn sind, Ungarn jüdischer Konfession. Wir hatten in erster Reihe gegen das unserer Nation angetane Unrecht aufzutreten, die Interessen unseres edlen Volkes zu wahren und waren entschlossen, lieber weiter zu leiden, als durch Klagen im Auslande unserem Vaterlande Schaden zuzufügen. Das erklärt auch unsere Haltung gegenüber dem Feldzug der großen französischen, englischen und amerikanischen Juden, die uns so großmütig und in so mannhafter Weise in der Numerus-clausus-Sache zu Hilfe kommen wollten. Der Namen und die edle Gestalt von Lucien Wolf wird auch von unseren Kindeskindern nicht vergessen werden. Aber wir mußten damals die hilfreiche Hand zurückweisen, weil wir ungarischen Juden im Interesse der großen ungarischen Sache lieber vorübergehend alle Leiden ertragen wollten, als dem Prestige unseres Landes Abbruch tun. Es gereicht uns zur Genugtuung, daß Lucien Wolfs letzte freundschaftliche Aussprache vor seinem Tode mit dem Grafen Bethlen durch die kluge Intervention des Redakteurs Ludwig Szabolcsi ermöglicht wurde. Ich kann auch nicht leugnen, daß noch eine längere Zeit verfließen wird, bis wir wieder die guten Vorkriegszeiten erreichen werden. Die Vorurteile sind noch vorhanden, die bösen Geister noch nicht in ihre dunklen Höhlen zurückgewichen. Aber wir sehen auf allen Seiten die Dämmerung aufsteigen. Wir kennen aber auch unseren eigenen Wert.