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Die Wahrheit · 1930-11-21 · Heft 47 (21.11.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sske ö DIE WAHRHEIT Reiidenz-Atelier für moderne Photographie« Wien I., Fleischmarkt Nr. 1 Telephon R 29-2-80 1 Bild und 6 Karten S 25.— Spezialität: Brautaufnahmen ■■■■■■■■■■^■■B^HHH „Was Ihre Glaubensgenossen betrifft, so sind sie ebenso feige, wenn nicht feiger gewesen als der ganze Rest der Nation." In der Tat traten unter den Juden nur ganz wenige hervor, vor allem Bernard Lazare und Josef Reinach, die unermüdlich Tatsachen zusammentrugen, um die Grundlagen des Schuldurteils gegen Dreyfus zu erschüttern. Die große Zahl anderer, die sich mit dem Falle aus jüdischem Gemeinschaftsgefühl hätten befassen müssen, versagte. Denn es gab darüber keinen Zweifel, daß Dreyfus nicht etwa Opfer eines Fehlurteils geworden war. wie das ja oft genug geschieht und rein menschlich begreiflich ist, sondern daß Dreyfus aus keinem anderen Grunde als eben, weil er Jude war, dieses Opfer wurde. Dieses Versagen der Juden wurde als etwas ungewöhnlich Schmachvolles empfunden. In der französischen Kammer saßen zu jener Zeit drei Juden. Die Kämpfe um Dreyfus haben bekanntlich 1898 zu ausgesprochenen Judenpogromen in Algier geführt Diese drei Deputierten schwiegen, als die algerischen Antisemiten in der Kammer heftigste Schimpfreden gegen die Juden führten. Sie überließen_£s einem nichtjüdischen Deputierten, den Antisemiten eine vernichtende Abfertigung angedeihen zu lassen. Besonders aber wurde verzeichnet, daß bei einer Stelle dieser Rede das ganze Haus auf den einen der jüdischen Deputierten, den demokratischen L. L. Klotz, hinblickte; und, so sagt der Berichterstatter. ,:dieser konnte wohl erkennen, daß es nicht gerade der Ausdruck der Hochachtung für sein Verhalten war, die ihm diese Aufmerksamkeit zuzog". Auch mit diesem Deputierten Klotz rechnete Clemenceau sehr deutlich ab. Er konnte darauf hinweisen, daß Klotz seine Wahl mit der Verpflichtung erkauft hatte, sich unter allen Umständen der Wiederaufnahme zu widersetzen, gleichgültig, ob die ans Licht gezogenen Tatsachen für die Unschuld Dreyfus' sprechen werden oder nicht „Er weiß sehr gut" sagt Clemenceau, „daß man das Heer nicht angreift, wenn man sagt, daß militärische Richter fehlbar sind wie bürgerliche Richter. Aber da er ein Jude ist glaubt er sich verpflichtet, vaterländischer zu sein als andere, und sein Judenpatriotismus äußert sich in dem Versprechen, sich einer Wiederaufnahme des Verfahrens in der Dreyfussache zu widersetzen, selbst wenn Unschuldsbeweise zum Vorschein kommen sollten . . . Das heiße ich Wahlstimmen vornehm verlangen und empfangen! Aber der Tag wird kommen, da Wähler und Gewählte zu ihrem Schaden erfahren werden, daß man für schmachvolle Erbärmlichkeiten dieser Art zu büßen hat" Auch eine Reihe jüdischer Schriftsteller jener Tage standen in ihrer Publizistik auf Seiten der Revisionsgegner, darunter Elissen, der Administrator des „Petit Journal", Polionais, der Redakteur des „Soir". Besonders unangenehm wirkte auch die heftige Gegnerschaft eines getauften Juden Meyer im „Gaulois", um so widerwärtiger, als man seine Entwicklung aus niederen Anfängen heraus kannte. Auch ihm hält Clemenceau den Spiegel vor und zeigt ihm. welche Niedrigkeit der Gesinnung daraus spricht, daß er es wage, seine früheren Glaubensgenossen mit einem allgemeinen Gemetzel zu bedrohen. Solch mutiges Auftreten Clemenceaus und seiner Freunde in einer Sache, die so ungeheuer die gesamte Oeffentlichkeit ergriffen hatte, in einer Zeit, in der die Antisemiten in Frankreich, lebhaft von den Klerikalen unterstützt, starken Einfluß gewonnen hatten, kann als ein unvergleichliches Zeugnis für die Macht der Idee der Gerechtigkeit nicht hoch genug veranschlagt werden. Wie die meisten seiner Mitkämpfer mußte auch er erfahren, daß die Menge nur schwer Verständnis für diesen uneigennützigen Kampf aufbringt. Clemenceau. Jaures und Reinach wurden bei der nächsten Wahl nicht mehr als Deputierte gewählt Aber gesiegt hat im Falle Dreyfus die Gerechtigkeit Gerade weil Clemenceau nicht als Plülosemit sich für die Sache der Juden einsetzte, bewies er, daß es ihm ernst war um seine Forderung der Gerechtigkeit. Die Zeiten sind andere geworden insofern, als wir Juden heute, man darf wohl sagen, in allen Ländern für unser Recht und unsere Rechte selber kämpfen. Und dennoch: Hätten wir überall nichtjüdische .Mitkämpfer, die wie Clemenceau aus keinem anderen Gedanken heraus als dem der Gerechtigkeit, sich für unser Recht einsetzten, wir würden schnell zur Erfüllung dessen gelangen, was wir fordern, zu unserem Rechte. Mag man uns lieben oder nicht, uns achten oder nicht — gibt man uns unser Recht dann wird man erkennen, daß es unter uns wohl auch Schlechte gibt, daß aber unsere Gesamtheit nicht schlecht ist. Und dann wird man aufhören, uns zu verachten. G. C. Vorträge im Pazmaniten-TempeL Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr.Tau b e s hält allwöchentlich jedenSabbath, ab 22. d. ML, um halb 4 Uhr nachmittags, nach dein Minchagebet einen Vortragszyklus über «Die Lehrer und Lebren der Mischnah und der Genta rab". Erster Vortrag: Halacbah und Agadab, und jeden Mittwoch, ab 26. d. M., um 8 Uhr abends, Talmud Schiur (Traktat K'suboth). Der Ritualmordprozeß in Karpathorußland. Prag. 16. November (J. T. A.). Der Prozeß gegen Moritz Steinberger und Marcus Liebermann in Berehovo (Karpathorußland) wegen schwerer Körperbeschädigung (Blutentnahme zu Ritualzwecken) wurde am 15. November wieder aufgenommen. Die beiden Kinder, denen angeblich Blut entnommen wurde, die neunjährige Helene Bogdan und der elfjährige Kost, wurden vor Gericht vernommen. Die Kinder, die ihre Aussagen wiederholt abgeändert, bzw. zurückgezogen hatten, verwickelten sich auch diesmal in Widersprüche. Die kleine Helene sagte zuerst aus, zwei Juden hätten ihr die Augen verbunden, den Arm entblößt, ihr Blut abgezapft und ihr dafür 50 Heller gegeben. Das gleiche erzählte der kleine Kost. Bei der Gegenüberstellung der Kinder mit dem Chefredakteur Emil Hailas aus Ungwar, der seinerzeit private Nachforschungen angestellt und das ganze Lügengewebe aufgedeckt hatte, zogen beide Kind er die belastenden Aussagen zurück. Als aber dann die Mutter der Bogdan die früheren Erzählungen der Kinder bekräftigte, änderten auch die Kinder ihre Aussagen wieder, sie konnten aber unter den anwesenden 20 Juden die angeblichen Täter nicht erkennen. Der Leiter der Schule, die die beiden Kinder besuchen, sagte aus, die Wunden an den Armen der Kinder stammen von Verletzungen durch zerbrochenes Fensterglas, sie seien schon zu der Zeit vernarbt gewesen, als die Kinder mit ihrer Blutabzapfungslegende herausrückten, das ganze sei eine Phantasie der Kinder. Der antisemitische Kreisarzt Dr. R a v c s a k, der seinerzeit unter Umgehung der zuständigen Amtsärzte den Blutentziehungsbefund ausgestellt hatte, hält an seinen Angaben auch heute fest. Die Verhandlung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Abschluß der zionistischen Aktions-Komitee-Tagung. Leitung und politische Kommission. — Kongreßbeginn 5. Februar 1931. London, 10. November (J. T. A.). Sonntag, den 9. November, abends, wurde die Tagung des zionistischen Aktions-Komitees nach fünftägiger Dauer geschlossen. Angesichts der noch ungeklärten politischen Situation und der Abwesenheit der i Behfirdl. autor. Häuseradministralion : I ADOLF KRALLi I IV., Schleifmahlgasse 11 | t Telephon B 29-1-46; j empfiehlt sich zur Oberj \ nähme von Verwaltungen ■ Erstklassige Referenzen : ■! amerikanischen Mitglieder des Aktions-Komitees, mit denen während der Aktions-Komitee-Tagung dauernd eine telegraphische und telephonische Verbindung aufrecht erhalten worden war, wurden keine Beschlüsse von einschneidend ändernder Wirkung gefaßt. Die vom Aktions-Komitee ernannte fünfgliedrige politische Kommission entspricht weder ihrer Zusammensetzung noch dem ihr zugewiesenen Aufgabenkreis nach den weitgehenden Forderungen der radikalen Weizmann-Gegner, da diese eine solche Kommission als Kontrollorgan für die Exekutive gewünscht haben, während die tatsächlich gewählte Kommission im Grunde bloß dazu bestimmt ist, die gegenwärtige Exekutive zu erweitern. Daher haben auch die Revisionisten gegen diese Kommission gestimmt. Die politische Kommission wurde mit Hilfe der Gemäßigten ernannt, welche dadurch eine Einigung mit der zionistischen Opposition herbeiführen wollten, um so eine tunlichst reibungslose Durchführung der Winterkampagne für den Keren Hajessod zu ermöglichen. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, ist aber auch anderseits Weizmann mit der Ernennung der politischen Kommission nicht völlig einverstanden, da er der Meinung ist, daß eine aus zwölf Mitgliedern bestehende Exekutive groß genug sei, um die politische Arbeit durchzuführen. Weizmann gab am Schlüsse der Aktions-Komitee- Sitzung eine Erklärung ab, in der er seine Bereitschaft, trotz seiner Demission die Leitung der Organisation mit Hilfe der gegenwärtigen Exekutive fortzuführen, bekanntgab. Diese Erklärung wird von manchen dahin interpretiert, daß Weizmann entschlossen sei, die Zusammenarbeit mit der politischen Kommission, wie sie von der Opposition gefordert wird, abzulehnen. Eine endgültige Regelung der Leirungsfrage dürfte erst im Verlaufe der eben begonnenen Tagung der politischen Kommission der Jewish Agency getroffen werden, die auch die vom Aktions-Komitee gefaßten politischen Resolutionen einer neuerlichen Diskussion unterzielen wird. JüdisdieÜfktentafel. Berlin. Am 15. November vollendete Herr Jacob T e i t e 1. Präsident des Verbandes der russischen Juden in Deutschland, sein 80. Lebensjahr. Der Jubilar wurde 1850 in Tschornyi-Ostrow (Gouv. Podolien) geboren, war erst Untersuchungsrichter, dann bis 1912 Mitglied des Landgerichts zu Saratow und war 30 Jahre lang der einzige jüdische Richter in Rußland. 1912 demissionierte er auf Drängen des antisemitischen Justizministers Schtscheglowitow und unter dem Einfluß des judenfeindlichen „Verbandes des russischen Volkes", dabei wurde er wegen „Eifers im Amte" zum Wirklichen Staatsrate mit dem Titel Exzellenz ernannt, auch wurde ihm eine erhöhte Pension bewilligt. Bereits während seines Justizdienstes widmete sich Teitel in großzügiger Weise sozialer und karitativer Tätigkeit. Sein Haus in Saratow war ein geistiger Mittelpunkt fortschrittlicher Elemente und vieler hervorragender Männer. Nach der bolschewistischen Revolution übersiedelte Teitel, im Jahre 1921, nach Berlin, und stellte sich an die Spitze des „V e rbandes russischer Juden in Deutschland", für den er bis auf den heutigen Tag mit Selbstaufopferung wirkt. Er genießt Verehrung nicht allein in der russisch-jüdischen Kolonie Deutschlands, sondern auch überali. v/o russische Juden leben, und auch im deutschen Judentum wie in den jüdischen Gemeinschaften anderer Länder bringt man ihm höchste Achtung entgegen. 1929 veröffentlichte Jacob Teitel seine Erinnerungen, die auch deutsch unter dem Titel „Aus meiner Lebensarbeit" (Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M.) erschienen sind. Vorworte zu Teiteis Erinnerungen schrieben Maxim Gorki und Professor D u b n o w. Mitteilungen des Sekretariats der „Union deutschösterreichischer Juden" IX., Berggasse 4. — Tel. A19-2-77. Parteienverkehr: Montag bis Freitag von 10 bis 11 vorm. und 4 bis 5 Uhr nachm. Sonntag von 9 bis 11 vorm. Die Rechtshilfe- und Beratungsstelle der „Union" für Unbemittelte amtiert jeden Montag von V26 bis 7 Uhr nachm. Unentgeltliche Stellenvermittlung: Anmeldungen täglich während des Parteienverkehres. Das Sekretariat der „Union" bittet die verehrlichen Mitglieder, es von freiwerdenden Stellen brieflich oder telephonisch zu verständigen. Die Mitglieder der Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union" treffen sich jeden Montag ab 8 Uhr abends im Klubsaal des Cafe National, IL, Taborstraße 18. VonWodke zu Worte Lernt von den jüdischen Studenten! Der Rektor der Szegeder Universität, auf der sich bekanntlich in der Vorwoche antisemitische Krawalle abspielten, Dr. Franz Kovacs, teilt dazu mit: Während der Chemie-Vorlesung am 12. d. M. hatte Prof. Dr. Albert Szentgyögyi festgestellt, daß die Studienergebnisse unbefriedigend seien, und daß er bisher nur eine einzige k GROSSFLEISCHHAUEREI IIIGM, KORNMEHL WIEN IX., BERGIGASSE NR. 19 FILIALE 1 XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. 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