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Die Wahrheit · 1930-11-21 · Heft 47 (21.11.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seile 4 DIE WAHRHEIT neuerliche Ablöse für ihre Enteignung gegeben werden soll; das eine aber ist klar, auch diese mit so großem Applomb verkündete Maßnahme soll alles eher denn zu Gunsten der Juden aHein getroffen werden. Aehnlich sind sämtliche Versprechungen zu deuten, die diesmal seitens der englischen Regierung im Londoner Unterhaus gegeben wurden. Aber sie haben das eine Gute, bzw. verfolgen den einen Zweck: Durch diese neuerlichen Erklärungen wird die schon sehr prekär gewordene Situation der gemäßigten Zionisten, der bisherigen Freunde Englands, gestützt. Vor allem wird es Weizmanii, dessen Verbleiben an der Spitze der zionistischen Organisation für England von größtem Interesse ist, ermöglicht, einen Rückzug aus seinem jetzigen Schmollwinkel anzutreten und, der bevorstehenden Einladung der englischen Regierung folgend, sich mit ihr an einen Tisch zum Zwecke der Beratung zu setzen. Mit Weizmanns Gegnern, den Revisionisten, kann England solche Beratungen nicht pflegen, zumal gleichzeitig ja auch Verhandlungen mit den Arabern aufgenommen werden sollen und nur bei den gemäßigten Zionisten jener Ausgleich der Gegensätze hergestellt werden kann, der vor allem im Interesse — Englands liegt. So treiben die englischen Politiker hier wieder ein Doppelspiel, das ihnen sicherlich glücken wird, da sie, wie so oft, auch diesmal es meisterhaft verstehen, Versprechungen und nichts wie Versprechungen abzugeben. Gerade in den letzten Tagen ist in der „N e u e n F r e i e n P r e s s e" ein interessanter Artikel des früheren britischen Kolonialministers Winston Churchill erschienen, aus dem mit überzeugender Klarheit hervorgeht, warum England politische Versprechungen gibt. Es wird in diesem berechtigtes Aufsehen erregenden Artikel schonungslos von einein mit den Verhältnissen vertrauten Politiker gesagt, was der Grund solcher englischer Versprechungen ist. „Nicht aus sentimentalen Motiven" wird ein Versprechen gegeben, sondern als „eine praktische Maßregel im Interesse der englischen S a c h e". Für uns Juden ist es ungemein betrüblich, aber zugleich auch recht aufklärend zu erfahren, daß das Versprechen, von dem in dem Aufsatze Winston Churchills die Rede ist, die von den Zionisten so verherrlichte Balfour-Deklaration darstellt. Mit rücksichtsloser Offenheit, wie sie nur aus der gegnerischen Einstellung des Autors zu der momentanen englischen Regierung zu erklären ist, schreibt Churchill über die Entstehung dieses bedeutsamen Dokumentes folgendes: „Das Jahr 1917 bezeichnet vielleicht die schwerste und düsterste Periode des Krieges. Es war eine Zeit, in der viele bisher Unerschütterte an dem Sieg der Alliierten verzweifelten. In dem Moment suchten die energischesten Elemente der britischen Regierung sich aller Kräfte zu bedienen, die dazu beitragen könnten, die alliierten und assoziierten Nationen zusammenzuhalten. Die zionistische Bewegung war in der ganzen Welt für die Alliierten und besonders probritisch eingestellt Nirgends aber war diese Bewegung stärker fühlbar als in den Vereinigten Staaten und auf der aktiven Beteiligung der. Vereinigten Staaten an dem blutigen Ringen, das sich abspielte, beruhte ein großer Teil unserer Hoffnungen. Die Führer der zionistischen Bewegung übten einen beträchtlichen Einfluß auf die amerikanische öffentliche Meinung aus und dieser Einfluß, wie der jüdische Einfluß überhaupt, wirkte stetig zu unseren Gunsten. In allen Ländern der Alliierten sympathisierten die Juden (Zionisten oder Nichtzionisten) mit uns und arbeiteten sie für den Erfolg Großbritanniens und die enge Kooperation der Vereinigten Staaten und Großbritannien. ' Die Balfour-Deklaration darf also nicht als ein Versprechen betrachtet werden, das aus sentimentalen Motiven gegeben wurde; es war eine praktische Maßregel im Interesse der gemeinsamen Sache, die in einem Moment ergriffen wurde, in dem diese Sache keinen Faktor der materiellen oder moralischen Unterstützung vernachlässigen konnte." Die Offenheit, mit der hier die Entstehung der Balfour-Deklaration geschildert wird, deren Ursprung von den Zionisten so gerne verschleiert wird, ist nur zu begrüßen. Wir wissen es nun, was von den Motiven englischer Versprechungen zu halten ist, und die zionistischen Führer hätten eigentlich die Pflicht, sich darnach einzustellen. Wenn Churchill im weiteren Verlaufe seines Artikels, der zum Zwecke der Aufklärung jedem Juden, der noch an England glaubt, in die Hand gegeben werden müßte, ausführt, daß England die Pflicht hätte, das Mandat zu erfüllen oder es dem Völkerbund zurückzugeben, so weiß er ganz gut, daß England aus Prestigegründen nie und nimmer sich dazu aufschwingen wird, auf etwas zu verzichten, dessen Besitz in seinem praktischen Interesse liegt. Es wird lieber weiter Versprechungen geben, deren Wert der der Balfour- Deklaration ähnlich sein wird, an die aber so wie im Falle der Balfour-Deklaration zionistische Führer — glauben werden. Die arabische Exekutive gegen eine Modifizierung des Weißbuchs. Jerusalem, 11. November (J. T. A.). Die palästinensisch-arabische Exekutive hat dem High Commissioner Sir John Chanceilor ein Memorandum zur Weiterleitung an die Regierung in London übergeben. In dem Memorandum wird die englische Regierung aufgefordert, das neue Weißbuch keiner Abänderung zu unterziehen, da es sich, abgesehen von der in ihm mit aller Bestimmtheit ausgesprochenen Absicht der englischen Regierung, die Interessen der Araber zu schützen und geschehenes Unrecht wiedergutzumachen, inhaltlich von dem im Jahre 1922 veröffentlichten Weißbuch nicht unterscheide. Sollte der Druck von jüdischer Seite den Erfolg haben, daß die Regierung in ihrer Politik einen Rückzug antrete, so würde dadurch den Arabern ein Beispiel gegeben werden, das der englischen Regierung nicht erwünscht sein könnte. Die Regierung möge daher öffentlich erklären, daß die arabischen Besürchtungen bezüglich einer Modifizierung des Weißbuchs unbegründet sind, um einerseits die Araber zu beruhigen und anderseits die Juden zum Schweigen zu bringen. Anläßlich der Entgegennahme des Memorandums erklärte Sir John Chanceilor, seiner Meinung nach könne von einer Modifikation des Weißbuchs keine Rede sein. I VORNEHME FAMILIENPENSION vormals Dr. GRÜNBERG AM SEMMERING Herbet und VEFbPBitet.Die WahFhBit'! Seit vielen Jahren das anerkannt beste 3 Jahrzeitlicht tM»S-rnMM Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hygien. Königsllchi" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33-147 \ HOCHSTRASSE 43 f^-'S*J*<' -im^r~ l^iiißa --^ÄWÄ^ (BEI HOTEL PANHANS) ] Mäßige Preise (Zimmer j mit Pension von S12.— j aufw.) / Kaffeehaus und j Tanzgelegenheit im i Hause / Besitzer:; ECKSTEIN / Telephon:] Semmering Nr. 11 Fliesendes Warn-und Kaltj wasser in jedem Zimmer j um Ruhe nach dem Sturm. Die Ruhe an der Hochschule ist rasch wieder hergestellt worden. Auch die hakenkreuzlerischen Bäume wachsen nicht wild in den Himmel. Wenn auch der bestellte Gärtner, der Herr Rektor, nicht rasch genug und freiwillig das Seine tat, um die übermütig ausschlagenden Pflänzchen ein wenig zu stutzen, so haben ihm doch, wie es scheint, die kontrollierenden Organe der Wirtschaft rasch Beine gemacht. Zunächst erhob der Niederösterreichische Gewerbe verein seine mahnende Stimme und veröffentlichte folgende Kundgebung: „In den letzten Tagen haben sich an der Hochschule für Welthandel politische Unruhen entwickelt. Ebenso wie sich die akademischen Behörden bemühen, diesem Unfug zu steuern, müssen sich auch die wirtschaftlichen Kreiseenergisch gegen diesen Unfug verwahren. Insbesondere unser Verein, der sich als ein warmer Freund der Hochschule erwiesen hat und unausgesetzt für das Doktorat der Welthandelshochschule eingetreten ist und dessen Mitglieder vielfach Prüfungskommissäre an der Hochschule sind, hat ein Interesse an Ruhe und Ordnung und an dem ungestörten Studienbetrieb dieser Hochschule. Es würde der an der Hochschule für Welthandel studierenden Jugend gewiß zum Nachteil gereichen, wenn die Verbindung der wirtschaftlichen Kreise mit der Hochschule, welche in den letzten Jahren in der intensivsten Weise gepflegt wurde, abgebrochen werden müßte." Von der größten Wirksamkeit aber war die Intervention des Gremiums der Wiener Kaufschaft, die über Anregung des Vorstandsmitgliedes der „Union deutschösterreichischer Juden", des Herrn Gremialrates Alexius S a 1 z e r erfolgte. Er richtete in der letzten Plenarsitzung des Gremialrates der Wiener Kaufmannschaft an das Präsidium des Gremiums eine dringliche Anfrage wegen der Vorgänge an der Hochschule für Welthandel. Der Redner wies auf die beschämende Tatsache hin, daß sich an dieser Hochschule vor einigen Tagen Aufsehen erregende Krawalle abspielten, bei denen jüdische Studierende in unerhörter Weise mißhandelt und aus den Vortragssälen hinausgedrängt wurden. Diese Vorgänge, so erklärte der Redner, schänden das Ansehen der Hochschule und rufen im Auslande den Eindruck hervor, als wäre Oesterreich kein Rechtsstaat. Besonderes Befremden müsse aber die Tatsache hervorrufen, daß der Rektor der Hochschule den verfolgten Studenten auf ihre Anfrage, ob sie künftighin die Vorlesungen besuchen können, die Antwort gab, daßerfürdieSicherheitdieser Studierenden keine Garantie übernehmen könne. (Lebhafte Hört! Hört!- Rufe.) Namens einer großen Zahl von Mitgliedern des Gremialrates richtete der Redner an das Präsidium das Ersuchen, beim Unterrichtsministerium und beim Rektorat der Hochschule vorstellig zu werden, damit diese skandalösen Zustände möglichst rasch ein Ende finden und die Schuldtragenden zur Verantwortung gezogen werden. (Lebhafte allgemeine Zustimmung.)

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