Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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beue 2 DIE WAHRHEU Kreise, dem Fortwuchern der hakenkreuzlerischen Eiterbeule mit allen geeigneten Mitteln entgegenzutreten? Das könnte unserem armen, geplagten Vaterlande noch fehlen, daß auch unser wirtschaftliches Leben noch mehr, als dies ohnedies schon der Fall ist, unter das Diktat rassenantisemitischer Bestrebungen gesetzt wird. Und wir Juden, müssen wir nicht rechtzeitig die Gefahren erkennen, die für unsere Söhne daraus entstehen, daß die Besetzung von Posten in einem immer größer werdenden Teile der Unternehmungen ausschließlich „arischen" Bewerbern vorbehalten bleiben? Der wirtschaftliche Boykott, der in unserem deutschen Bruderlande schon so bedeutenden Umfang angenommen hat, er bedroht auch uns und unsere Kinder. Auch hier ist Aufklärung und Abwehr geboten. |= UFA-TON-KINO Wien IL) Taborilral« Telephon K 41>2-41 Jüdisches Leben bedeutet mehr als zionistische Politik. Einer der bedeutendsten englischen Rabbiner, Rabbi Mattuck von der Londoner liberalen Synagoge, machte in einem dieser Tage in der bekannten Londoner Tageszeitung „Daily Mai I" erschienenen, Aufsehen erregenden Artikel eine interessante Unterscheidung zwischen „Zionismus" und „Jude ntum", wobei er u. a. folgendes ausführte: Nicht alle Juden fordern ein jüdisches Nationalheim in Palästina. Die Ausdrücke „Zionist" und „Jude" sind nicht synonym. „Zionist" ist eine politische Bezeichnung, „Jude" hat eine religiöse Bedeutung. Der Zionist ist Anhänger einer politischen Bewegung, der Jude Anhänger einer Religion. Viele Juden sind Gegner der zionistischen Politik, sie lehnen den Zionismus ab, weil er politisch ist, weil er die Juden zu einer politischen Gruppe zusammenfassen will. Die Juden bilden wie die Christen eine ausgesprochen religiöse Vereinigung und nehmen nach den Grundsätzen ihrer Religion als Staatsbürger loyal an dem Leben der Staatsnation Anteil. Diejenigen, die auf diesem Standpunkt stehen, haben den nationalen Aspekt der Balfour-Deklaration niemals akzeptiert. Sie sind mit einem National heim in Palästina für diejenigen Juden, denen in ihren gegenwärtigen Heimatländern die bürgerliche und soziale Gleichberechtigung verweigert wird, einverstanden, sind jedoch gegen jede Verweltlichung des jüdischen Lebens durch Zusammenfassung der Juden in einer politischen Organisation. Jene Juden, welche mit den politischen Bestrebungen der Zionisten in Palästina nicht einverstanden sind, sind um so weniger damit einverstanden, daß in der englischen Politik zionistische Ziele eine Rolle spielen. Es gibt Juden in allen politischen Parteien. Wie jeder andere Bürger schließt sich der Jude jener Partei an, deren Grundsätze und Politik ihm den größten Vorteil für das Leben der Nation versprechen. Es gibt viele jüdische Wähler, aber kein „jüdisches Votum". Innerhalb der englischen Judenheit gibt es keinen jüdisch-politischen Gesichtspunkt, sondern nur verschiedene Meinungen auf Grund eines englischen Gesichtspunktes. Das Bestreben, aus einer jüdischen Frage eine Wahlfrage zu machen, ist zu verurteilen. Diejenigen, welche glauben, durch hübsche Worte über Palästina die Stimmen der Juden gewinnen zu können, sind bei schlechten Lehrern in die Schule gegangen. Die jüdischen Ziele sind höher als die zionistischen Ziele, jüdisches Leben bedeutet mehr als zionistische Politik. In dem jetzigen Streit um Palästina erklären viele, im Namen der Juden zu sprechen, aber niemand hat das Recht, im Namen aller Juden zu sprechen. Es ist ein Mißbrauch, den jüdischen Namen in die politische Kampfarena zu zerren. Es besteht jetzt die Möglichkeit, Palästina aus der Sphäre politischen Streites herauszuheben. Durch ihre Erklärung über ihre künftige Politik hat die Regierung die Ungewißheit, die wie eine schwere Wolke über Palästina hing und Verdächtigung und Haß erzeugte, beseitigt. Jetzt besteht die Möglichkeit, in Palästina den Frieden wieder herzustellen und ein Gefühl von Sicherheit in der Bevölkerung Palästinas zu erwecken. D i ej e n i g e n, welche aus politischen Gründen diese Möglichkeit vereiteln, sündigen gegen die Juden und die Humanität. Die Arbeit in Palästina kann unter philanthropischen Gesichtspunkten fortgesetzt werden und wird am besten fortgesetzt werden können, wenn sie von dem Einfluß eines zweifelhaften Nationalismus befreit wird. 8 Der erste Wiener SprechEilm 6eld aaf der Strafie Mitwirkende; Hugo Thimig, Hans Thimlg, Lydia Pollmann, Georg Alexanderf Hans Moser, Karl Ziegler, Rosa Albach-Retty, Leopold Kramer. Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr 1 Starhemberg und Hitler —ein Herz und ein Schlag. Die Heimwehr ist vor Jahr und Tag als eine Organisation aufgetreten, die es sich zur Aufgabe machte, die Auswüchse des „Marxismus" zu bekämpfen. Mit diesem Ziele erwarb sie sich die Zustimmung weiter Kreise, die — bei aller Anerkennung der sozialen Leistungen der Arbeiterpartei — die überspitzte Politik der Sozialdemokraten und insbesonders die Finanzpolitik des Wiener Rathauses nicht gut heißen konnten. Die überparteiliche Organisation der Heimwehr, wie sie damals bestand, hat sich im Laufe ihrer Entwicklung sehr gewandelt. Zuerst kam sie dank dem weisen Plane Seipels immer mehr ins Schlepptau der Christlichsozialen, bis die Wahlen und die damit verbundenen Kämpfe zwischen dem „Heimatblock" und der Regierungspartei der Herrlichkeit ein Ende machten. Die neueste Phase ist nun die Anlehnung an eine Partei, die — wie die Heimwehrler — den Sturz der parlamentarischen Demokratie auf ihreFahne geschrieben hat. So wie politisch Weitblickende es vorausgesagt haben, hat in letzter Zeit die Verbrüderung zwischen der faszistischen Heimwehr und den antisemitischen Nationalsozialisten größere Fortschritte gemacht. Heute halten wir bereits so weit, daß der Bundesführer der Heimwehr, Fürst Rüdiger Starb emberg, auf dem letzten Generalappell seines Jägerfreikorps unter dem stürmischen Beifall seiner Mannen feierlich verkünden konnte: „Die Hitlerbewegung ist uns ein starker Bundesgenosse, mit dem wir uns über kurz oder lang ganz bestimmt vereinigen werden." Fürst Starhemberg hat oft Verheißungen laut werden lassen, die er dann als unbedachte tfeuktteton In der Stadt derMarannen. Reisebrief aus Oporto. Von Rabbiner Dr. Felix Aber, Bremen. Mit größter Spannung hatten wir dem Einlaufen des Schiffes in den Hafen von Porto entgegengesehen. Erwarteten wir doch hier die Begegnung mit einem Manne, dessen Namen die Geschichte des Judentums sicherlich treu bewahren wird. Mit Arthur Carlosde Barros Basto, dem Führer der Marannen, wollten wir zusammentreffen. Sein Werk kennenzulernen, waren wir begierig. Jahrhunderte waren vergangen, seitdem die fanatische Grausamkeit der Inquisition Tausende von Juden gezwungen hatte, den Katholizismus anzunehmen, um dem Tode auf rauchenden Scheiterhaufen oder dunklen Kerkern zu entgehen. Generation auf Generation war gefolgt; eingegliedert hatten sich diese Marannen dem Schein nach in die vom Katholizismus geformte Gesellschaft der Umwelt In alle Berufe waren sie eingedrungen und in allen Ständen waren sie zu finden. Und dennoch vergaßen sie ihre jüdische Abkunft nicht. Pessach und Jaum Kippur in unterirdischen Gemächern geheimnisvoll gefeiert, durch tausend listige Maskierungen vor der Umwelt verhüllt, gemahnten Geschlecht auf Geschlecht an seinejüdische Abkunft. Nun ist dieser unterirdische Strom wieder zum Durchbrach gekommen und der Mann stand vor uns, dessen geniale Tat es war, die Marannen zum stolzen Bekenntnis des Judentums zu ermutigen. Ehrenpreis in seinem Werke: „Das Land zwischen Orient und Okzident" hat in rühmenden Worten auf diesen portugiesischen Kapitän und sein Werk hingewiesen. Der Direktor des großen Militärgefängnisses von Porto war vom Schicksal berufen, der seelische Befreier seiner Schicksalsgenossen zu werden. „Wie wurden Sie sich Ihres Judentums bewußt?", war eine der ersten Fragen, die ich auf der Fahrt vom Schiff zur Stadt an de Basto richtete. „In den letzten Tagen seines Lebens," so erwiderte er mir, „rief mein Großvater mich zu sich und prägte mir, dem vermeintlichen Katholiken, die Worte: Schema Israel ein und bedeutete mir, daß mein Vater mir einst ein großes Geheimnis anvertrauen würde, das treu zu wahren ich ihm versprechen sollte". So wurde er sich allmählich seines Judentums bewußt, vertiefte sein Wissen und als er viele seinesgleichen fand, ging er daran, in den Bergen Braganzas und in Porto die zum Judentum zurückkehrenden Marannen in Gemeinden zu organisieren. Das erste, was wir in Porto sahen, war die im Bau befindliche Synagoge. Sie soll ein imposanter Bau werden und durch ihr Vorhandensein der Bevölkerung gegenüber bekunden, daß der böse Traum des Marannentums, der Jahrhunderte lang gewährt, zerronnen sei und die Urenkel der Opfer der Inquisition die unverwüstliche Lebenskraft des Judentums zu bezeugen gewillt seien. Wenn irgendwo ein imposanter Synagogenbau gerechtfertigt ist, so hier. Erhofft doch der mutige Mann, daß Hunderte, wenn nicht Tausende von Marannen seiner Gemeinde sich anschließen werden. Unter solchen Gesichtspunkten ist man auch an den Bau gegangen. Der Teil des Baues, der bereits stellt, wird einst, wenn das ganze Werk vollendet sein wird, lediglich die Vorhallen darstellen, bestimmt, die Verwaltungsräume und Lehrsäle, ferner eine Mensa und die dazu gehörige Küche, einen Unterkunftsraum für Durchwanderer und die Mikwa aufzunehmen. Jetzt wird hier eine provisorische Synagoge untergebracht, die man zu den Feiertagen in Gebrauch nehmen will. Allein dieser Vorbau würde bereits ein stattliches Bauwerk darstellen. Schon sieht man hinter ihm die Umrisse, die die Größe der geplanten Synagoge erkennen lassen. Hoffentlich fließen aus aller Welt die Mittel reichlich genug, um die Vollendung des Werkes zu gewährleisten. Unser Weg führte dann zu der neu erstandenen „Jeschiba". de Barros Basto will hier eine junge Lehrergeneration für die neue Bewegung ausbilden. Noch sind es nur wenige, dem Kindesalter kaum entwachsene Knaben, die hier eine Internatserziehung genießen. Aus ihren Augen leuchtet