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Die Wahrheit · 1930-11-14 · Heft 46 (14.11.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 46 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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ni-r"' j-iraM'Tini "i DIE WAHRHEIT Seite 5 schauer Kongreß wieder ausgegangen sind, aui fruchtbaren Boden fallen. Daß darüber hinaus abet das besondere jüdische Problem dei JMot im Osten mit all ihren traurigen Folgeerscheinungen auch dieses Uebels Grundlage ist, muß klar erkannt werden. Und daß es der Judenjaeit des Westens und Amerikas möglich sei, zur Linderung der Not, zur Besserung der sozialen Verhältnisse beizutragen, daß sie durch Gründung von Berufsschulen und Erziehungsheimen praktische Berufspolitik bei den jüdischen Mädchen des Ostens treiben, ist die Forderung der Zukunft. Felix Goldmann (Leipzig). Das Bergwerksunglück bei Aachen. Mit Aachen trauert ganz Deutschland. Unendlich viel Leid und Trauer liegt auf uns. Fast nicht fassen konnten wir die Kunde, die uns Extrablätter am Dienstag, den 21. Oktober, kündeten. 262 Menschen ein Opfer ihres Berufes — 262 Bergleute sind mitten in treuer Berufsarbeit vom* Tode überrascht worden. Auch wir Aachener beklagen unter den Opfern einen Glaubensbruder. Am 26. v. M. ianden die Beisetzungsfeierlichkeiten statt. Vorerst war eine Trauerkundgebung der Verwaltung. An dieser nahmen die Vertreter des Reiches und der Kirchenbehörden teil. Nachdem die Vertreter des Reiches und Preußens, die Herren Minister Doktor Stegerwald und Handelsminister Dr. Schreiber, als Vertreter der katholischen Kirchenbehörde Herr Weihbischof Dr. Sträter, sowie der Vertreter der Rheinischen Evangelischen Landeskirche. Herr Superintendent D. Wolf, gesprochen, sprach Herr Rabbiner Dr. Schönberger: „Hochanschnliche Trauerversammlung! Im Namen der jüdischen Gemeinden des Rheinlandes und im besonderen der Synagogengemeinde Aachen, die unter den toten Bergarbeitern von Alsdorf ein Mitglied ihrer Gemeinschaft betrauert, habe ich die Ehre, einen letzten Scheidegruß und einen innigen Gruß der Anteilnahme zu übermitteln. Wir stimmen ein in die allgemeine Klage mit dem biblischen Klageruf: Wie sind die Helden im Kampfe gefallen! Helden der Arbeit im Leben und Wirtschaftskampf sind die Bergarbeiter alle. Die Toten grüßen, heißt uns zugleich, sich neigen vor aUen lebenden Helden der Arbeit im deutschen Volke. Mögen wir alle stark und einig bleiben in der Zeit unseres Unglücks und unserer Not, Helden der Arbeit!" Nach dieser Feier setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Es ist Mittag geworden, bis der lange Trauerzug seinen Weg zu der frisch aufgeworfenen Gruft fand, in der die toten Helden der Arbeit zur letzten Ruhe gebettet wurden. Ueber dem Friedhof kreisen die Flugzeuge der akademischen Fliegergruppe Aachen, die lange Traueirwimpel tragen. Es ist ein unendlich wehmütiges, innersten Schmerz aufwühlendes Geschehen, dieses ununterbrochene Bringen der Särge, dieses fortgesetzte Verstauen braver Bergleute in geweihter Erde. Nachdem die beiden Geistlichen der christlichen Glaubensbekenntnisse gesprochen, ergriff Herr Rabbiner Dr. Schönberger das Wort zu seiner Trauerpredigt. ..Hochansehnliche Trauergemeinde! Nie steht der geistliche, nie der von Gott überzeugte Mensch vor einer schwereren Aufgabe, Gottes Wort zu verkünden und Gottgedanken in sich festzuhalten, als da. wo die elementare Wucht eines unbegreiflichen furchtbaren Schicksals den Zusammenhang zwischen menschlichen Sittengesetzen und ordnenden Weltgesetzen der Schöpfung auseinanderzureißen droht. Vor dieser schweren seelischen Aufgabe stehen wir in dieser Stunde, da wir die toten Bergarbeiter von Alsdorf zur letzten Ruhe betten. Tag für Tag reihten sie sich ein in den großen Reigen des Wirtschaftslebens, ohne den eine ordnende Kultur nicht möglich ist. Sie waren Kameraden der Arbeit, verbunden durch gemeinsame Gefahr und gemeinsames Werk, verbunden in der Zuversicht des einen Gedankens: Wir fürchten nicht, wenn die Erde sich umkehrt und die Berge wanken im Herzen des Meeres der Ewigkeit: der Gott der Heerscharen ist mit uns. Das ist der Geist der Arbeit am Ganzen, das ist der Heldensinn der Bergarbeiter im besonderen, der überall auf dem weiten Erdenrund lebt, wo Menschen im einzelnen für uns wirken und für das ganze Geraeinsame schaffen. Dieser kameradschaftliche Geist heldenhafter Arbeit ist es. der sich in dieser furchtbaren Katastrophe von Alsdorf erneut den Menschen offenbart. Mögen alle Menschenbrüder die Hand sich reichen zur Arbeit am Ganzen, Arme und Reiche, Männer der verschiedenen Konfessionen und der verschiedenen Nationen. Das Schicksal zwingt uns zu wissen: Wir sind ja doch nur alle Menschen!" Als Abschluß der Feierlichkeiten spielte die Bergwerkskapelle. Trauerfeier in der Synagoge. Zwei Minuten Ruhe hatte der Oberbürgermeister als letzte Ehrung für die Toten on Alsdorf gefordert. — Zwei Minuten stockte — in einer Stadt von 170.000 Menschen — jedes Leben. EchtePerjerteDpicl^ durchwegs günstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER MÖBELHEIN Inh. JULIUS GÖTZL Händig, beeld. Sachv. u. Schatzmeister IV.,SCHLEIFM0HLGASSE1a TELEPHON B 24-1-62 billigst abgegeben; daselbst sind auch elegante Schlaf- und Speisezimmer. Herrenzimmer, teils neu, teils gebraucht, zu verkaufen. Zwei Minuten lang ehrt Totenstille das große Sterben auch während des Gottesdienstes. Herr Oberkantor Alt sprach vor dem Einheben ein Gebet für die Toten von Alsdorf, welches tiefe Bewegung bei den Andächtigen hervorrief. Ein Trauerspiel der Orgel beschloß diese schlichte Andacht. Am Sonntag darauf wurde der bei der Katastrophe ums Leben gekommene jüdische Bergmann auf dem jüdischen Friedhoi in Alsdorf unter ungeheurer Beteiligung aus allen Städten der Umgebung beigesetzt. Oberkantor Alt hob in seiner Traueransprache hervor, daß die Anonymität der Masse durch diese Sonderveranstaltung nicht aufgehoben sein soll, daß man aber wenigstens den gebeugten Eltern in weiter Ferne den Trost bringen wolle, einen jüdischen Menschen auf jüdischer Erde nach der Väter Art und Sitte beigesetzt zu haben. Herr Justizrat Dr. Francken, der Vorsitzende der Gemeinde Aachen. leierte den Verunglückten nicht nur als Helden der Arbeit, sondern auch als einen, der Dienst am Judentum dadurch geleistet habe, daß er die Legende zerstören half, daß Juden nicht tätig und willens seien. Schwerarbeit zu verrichten. Der Vorstand der Synagogengemeinde bewilligte in seiner letzten Sitzung 500 RM für die Opfer der Alsdorfer Grubenkatastropbe. Rieh. Heidelberg, Aachen. Eine bemerkenswerte objektive ZeitungsbericbterstattunK. Anläßlich der Beerdigung-Feierlichkeiten in Alsdert schreibt ein dortiges radikal-national eingestelltes Blatt, die Aachener Freie Presse: „Die Schmerzensschreie erschütterten alle die Tausende, die rings um die Gräber stehen. Dann sprechen noch einmal die Priester. Sie unterstehen nicht unserer Kritik. Die Wahrheit verpflichtet uns aber, auszusprechen, daß allein der junge Rabbiner die menschlichen brüderlichen Worte fand, die vor solchem Geschehen anders an die Herzen fassen als große Worte, die allzuoft an Gräbern wiederkehren. Der junge jüdische Priester ging aus von dem Worte des alten Testaments: „Wie sind doch gefallen die Helden inmitten des Kampfes." Er grüßte alle lebenden Helden der Arbeit und mahnte, daß diese Katastrophe das Gewissen des Volkes wachrufen solle für die Arbeiter. Und noch einmal am Grabe diese Mahnung, daß alle Menschen sich die Hände reichen sollen zur Arbeit am Ganzen." Es ist in dieser vielverhetzten Zeit ganz besonders anerkennenswert, daß eine nationale Zeitung uns Juden gerecht zu werden sucht. Der Anteil der Juden an der kulturelle und wirtschaftlichen Entwicklung Wiens!) Von Immanuel Rubin. Moritz Gottlieb Saphir. Jetzt war Saphir aui dem Höhepunkt seiner Erfolge. Innerhalb weniger Monate wurde der „Humorist" das meistgelesenste Blatt Wiens und er selbst eine „journalistische Großmacht" (Nagel-Zeidlcr). Neben seiner Zeitung trugen seine musikalischdeklamatorischen Akademien sehr viel zu seiner Beliebtheit bei, besonders da der Reingewinn dieser Veranstaltungen immer wohltätigen Zwecken zufloß. Er hat auf diese Art und Weise viele Tausende von Gulden gespendet und dadurch wuchs seine gesellschaftliche Stellung. Er wurde bei Hof überaus geschätzt und die Kaiserinwitwe Karo\ine Augus>e ernannte ihn sogar zu ihrem Vorleser. Es ist selbstverständlich, daß ein solcher Manu von Feinden umgeben war, aber es kann mit seinen schlechten Eigenschaften, abgesehen von seiner Eitelkeit, doch nicht so arg gewesen, wenn wir z. B. das Urteil Castellis über Saphir lesen, der ihn 30 Jahre kannte. Er schreibt: „Saphir als Schriftsteller ein ungeheures Talent, ein Genie, schrieb mit einer ungeheuren Leichtigkeit, seine Aufsätze erregten Aufsehen, seine Gedichte wurden deklamiert, seine Lieder gesungen, seine Witze nacherzählt. Sein Name war in aller Munde. Er hatte aber eine Unzahl Feinde, weil er fast jeden angriff. Man fürchtete aber seine Feder und wagte nicht, mit ihm anzubandeln. Er war ein guter Mensch, verdiente viel, war aber sehr verschwenderisch. In seiner Jugend hatte er nur wenig Studien gemacht, erwarb sich aber später eine bedeutende literarische Bildung, sprach gut französisch und englisch und besaß ein außerordentliches Gedächtnis." Also gar so furchtbar klingt dieses Urteil nicht. Auch Nagel-Zeidler muß in seiner „Literaturgeschichte" Saphir hie und da loben. So schreibt er: „Er war ein neues Element im österreichischen Journalismus. Seine Spuren, seine geistigen Ableger reichen bis in unsere Zeit hinein; er besaß unstreitig Talent und Geist, spielte eine große, aber nicht gerade ruhmvolle Rolle. Seine Wortwitze waren eine Zeitlang in aller Munde. Er galt für geistreich und brillant bei den gedankenlosen Gebildeten. Er schrieb auch lyrische Gedichte. Seine „Wilden Rosen" erregten das Entzücken des Publikums. Er war jahrelang Liebling der Gesellschaft." Zum Schluß aber heißt es: „Seine Erscheinung, sein Wirken und sein Erfolg waren ein erschreckendes Bild geistiger Verarmung Wiens." Ich glaube, daß ich nach den bisher erwähnten Urteilen die Bestätigung der Richtigkeit des letzten Satzes den Lesern überlassen muß. Wer die Zeitungen jener Zeit studiert, wird bald sehen, daß Saphirs „Humorist" und Frankls „Sonntagsblätter" die einzigen Journale sind, die auch heute noch eventuell zu lesen sind. Pie Märzrevolution nahm ihm seine Bedeutung. Seine Zeitung erschien wohl während der Revolution und schrieb auch im Sinne der neuen Zeit. Er konnte sich aber in die neue Welt nicht mehr hineinfinden und so hatte sich der „Humorist", obwohl er bis 1862 erschien, bald überlebt. Familiäre Unglücksfälle — seine Frau hatte ihn verlassen — und a. m„ lähmten seine Arbeitskraft. Er gab sich wohl nicht so leicht geschlagen, doch er hatte nun eben ausgespielt, gleich Bäuerle. seinem jahrelangen Konkurrenten von der „Theaterzeitung". Noch einmal raffte er sich auf, fuhr 1855 nach Paris und hielt vor Kaiser Napoleon, unter großem Beifall, eine Soiree ab. Doch in Wien konnte ihm das nichts mehr nützen. Als er im Sommer 1858 in Baden bei Wien schwer erkrankte, wendet sich ihm noch einmal die allgemeine Teilnahme zu. Am 5. September 1858 stirbt er schmerzlos und ruhig und mit ihm verschied eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Vormärz. .jlr besaß alle Talente und einen reichen Geist, um in der Literatur eine bleibende und große Rolle zu spielen", schreibt Wurzbach^ bezweifelt aber, ob diese seine Bedeutung eine bleibende sein wird. Wir aber können ruhig behaupten, daß Saphir zumindest bis heute noch nicht in Vergessenheit geraten ist, was von vielen seiner. Zeitgenossen nicht festgestellt werden kann. Mit der Würdigung Saphirs beschließe ich dieses Kapitel und werde im nächsten die Dichter des „jungen Oesterreich" behandeln, zu deren Hauptvertretern die Juden Beck, Hartmann, Heller u. a. zählen. Sie wareri wohl auch im Vormärz geboren, in ihrem Denken und Fühlen aber ihrer Zeit voraus. Ihre Freiheitsgedichte erregten gewaltige Begeisterung und trugen ihren Namen in die weitesten Kreise. Die meisten dieser Dichter lebten bis zum Jahre 1848 und auch nachher nur zeitweise in Wien, da sie natürlich unter den Verfolgungen der Polizei gewaltig zu leiden hatten und immer wieder ausgewiesen wurden, aber ihre Wirkung auf Wien ist derart groß, daß eine eingehende_Würdigung dieser Persönlichkeiten unbedingt notwendig ist. Vorher ist aber noch Ludwig August Frankl zu erwähnen, der nicht ganz dem „jungen Oesterreich" zuzuzählen ist. Seine Stellung als Sekretär der Wiener Juden legte ihm eine gewisse Zurückhaltung auf, so daß es selbstverständlich ist, daß er in seinen Werken einen anderen Ton anschlagen mußte. Der beste Beweis dafür ist. daß er keinerlei Konflikte mit der Polizei oder Zensurschwierigkeiten hatte. *) Infolge der Fülle politischen Materials war es uns leider unmöglich, seit Nr. 41 vom 10. Oktober die Fortsetzung dieser Artikelreihe zu veröffentlichen. D. Red. Die judenfrage. Die Urteilsbildung über die Judenfrage für den einzelnen wie für die Masse ist besonders erschwert durch den Umstand, daß sowohl im Schrifttum wie im politischen Leben meist Standpunkt gegen Standpunkt und Partei gegen Partei stehen. Um so bedeutsamer ist es. wenn im neuesten Sonderheit der Süddeutschen Monatshefte, München, „Die Judeniruge" wohl zum ersten Male an einer Veröffentlichung Juden und Antisemiten zusammenarbeiten. Es wird beiden Gruppen von Mitarbeitern nicht leicht geworden sein, sich literarisch an einen Tisch zu setzen. Der Mannigfaltigkeit von Erklärungen. Deutungen und Angriffen, die von außen her auf den jüdischen Menschen zielen, entspricht die Vielseitigkeit von Bestrebungen und Meinungen innerhalb des Judentums selbst. Das Sonderheft betrachtet es als seine Aufgabe, nicht nur die von Nichtjuden. von konfessionellen und von Rassenstandpunkten an das Problem herangetragenen Auffassungen zu sammeln, sondern auch die innerjüdischen Gegensätze darzustellen, und damit zu einer sachlichen Klärung des Problems beizutragen. So sind wohl ziemlich alle grundsätzlich wichtigen Standpunkte zu Worte gekommen. Hier kann der reiche Inhalt des Heftes nur angedeutet werden: Ueber die zionistische Bewegung berichtet Israel Cohen, der Generalsekretär der zionistischen Weltorganisation in London, über den Zionismus in Deutschland Gerhard Holdheim. Entwicklung und Arbeit des Centrallvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens umreißt Dr. Eva Reichmann-Jungmann. Ein besonders interessantes und weniger bekanntes Kapitel, nämlich die Wanderungen der Juden behandelt Proiessor Dr. El bogen, Berlin. Ueber nationaldeutsches Judentum spricht Dr. Max Naumann vom Vorstand des Verbandes nationaldeutscher Juden, über die jüdische Religion in der Gegenwart Rabbiner Dr. Bäck. Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Dr. Hof milier leitet mit seinem Beitrag über jüdische Bräuche und jüdischen Gottesdienst und ihre zahlreichen Anklänge im christlichen Ritus über zu den Aufsätzen der Nichtjuden. Zunächst stellt Dr. Karl Kaufmann das Verhältnis von Katholizismus und Judentum fest, während Lic. Dr. M ö h r i n g. Breslau, die Stellung der evangelischen Kirche zur völkische»

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