Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT sozial, wirtschaftlich usw. ihr Eigenleben führen und haben es sogar ausgesprochen, daß selbst eine Nationalisierung dieser Judenschaft, wenn sie weltpolitisch angängig wäre, uns so lange nicht berührt, so lange man nicht, wie es leider von zionistischer Seite vielfach geschieht, die Forderung aufstellt daß wir in dieser Entwicklung des Nationalheims auch unser Zentrum erblicken müßten. Nun kommt aber das Interessante' und kaum Glaubliche. Die oben wörtlich zitierte Erklärung der englischen Regierung ist nicht etwa neu, sondern sie stammt sage und schreibe aus dem Jahre 1922. Sie steht in einem offiziellen, Juden und Arabern zugegangenen Expose des Kolonialministers. Wie kann man also da behaupten, daß England bezüglich seiner Auffassung von der Balfour- Deklaration die Juden getäuscht habe. Es ist gewiß richtig, daß andere Politiker als der Verfasser dieser Erklärung, daß vielleicht sogar hie und da die Regierung selbst einmal andere Seiten angeschlagen hat, aber dieses „Statement" von 1922 war doch da und war nicht aus der Welt zu schaffen. Jeder Politiker mußte damit rechnen, daß die Regierung, ohne „wortbrüchig" zu sein, gelegentlich, wenn es das englische Nationalinteresse erforderte, auf diese Auslegung der Balfour- . Deklaration zurückgreifen würde. Auf die anderen Ausführungen des Weißbuches, in welchen dargelegt werden soll, daß England immer den gleichen Standpunkt in der Palästina-Frage eingenommen habe wie jetzt, will ich nicht eingehen. Sie scheinen nicht gerade sehr überzeugend, denn es fehlen natürlich die zahlreichen Aeußerungen, aus denen man auch das Gegenteil von der jetzigen Auffassung gutgläubig herauslesen konnte. Meines Erachtens müssen die nichtzionistischen Mitglieder der Agency aus den Dokumenten der englischen Regierung zum mindesten eine Lehre ziehen. Es ist gewiß möglich, daß eine andere Regierung die jetzige in gewissen Punkten desavouiert und daß bezüglich der Einwanderung und des Landerwerbes die Zügel wieder gelockert werden. Ich sage offen, daß ich das sogar herzlich wünsche. . Das eine aber muß man doch aus diesen Vorgängen gelernt haben: wie England in dem Mandatstext einmal den einen Satz betont und einmal den anderen, so sind Juden und Araber in Palästina für sie nicht Gegenstand jüdischer und nicht Gegenstand arabischer, sondern ausschließlich Gegenstand englischer Politik. Man braucht gewiß nicht damit zu rechnen, daß der Schlagbaum in Palästina dauernd heruntergelassen wird, aber man soll lernen, daß es ein Felder ist, auf eine dauernde sichere Förderung des jüdischen Aufbauwerkes durch England zu rechnen. Ein ferneres ergibt sich zwingend aus den Ermittlungen Englands: Ungestört vom politischen Hin und Her wird die Entwicklung nur gehen, wenn nicht das zionistische Siedlungsprinzip durchgreift, sondern das Prinzip der Pica-Siedlungen, das heißt die unpolitische Siedlung und nicht die zionistische .nationale. Es ist wohl zu früh, den Zionisten zuzumuten, dies schon jetzt zu erkennen, obwohl ich der Ansicht bin, daß sie, je früher sie sich die Binde von den Augen reißen, desto weniger Enttäuschungen und Ratschläge auch in ihrer eigenen Bewegung erleben werden. Wohl aber haben die nichtzionistischen Palästinafreunde jetzt die unabweisbare Pflicht, zu erklären, daß eine gemeinsame Arbeit nur möglich ist, wenn Entpolitisierung des Palästinawerkes in energischer Weise gefördert wird und wenn man aus araberfreundlichen Worten auch zu Taten übergeht Wir haben hier weder Recht noch Lust, Anwalt der Araber zu sein, wohl aber um der Juden Palästinas willen müssen die Mitarbeiter in der Agency ihren Einfluß dahin geltend machen, daß in der sozialen und sozialistischen Politik' den Arabern gegenüber eine gründliche Aenderung eintritt. Es müssen also nach unserem Dafürhalten jetzt in der Agency die Wirtschaftler und nicht die Politiker das Wort nehmen, wenn überhaupt noch an eine gemeinsame gedeihliche Zukunft gedacht werden kann. Teilweise Lockerung des Einwanderungsverbotes London, 8. November. (J. T.-A.) Wie das Kolonialamt in London der Jüdischen Telegraphen- Agentur mitteilt hat die britische Regierung den High Commissioner für Palästina Sir John Chancellor ermächtigt, 1500 Einwanderungszertifikate für jüdische Arbeiter (Chaluzim) freizugeben. Damit ist die im Mai d. J. verhängte Sperre der Einwanderung für jüdische Arbeiter nach Palästina durchbrochen. Die damals vom High Commissioner bewilligte und gleich darauf vom Kolonialamt suspendierte Arbeiterschedule betraf 2300 Zertifikate. Von diesen waren zur Zeit der Suspendierung 900 bereits ausgenützt, so daß die jetzt bewilligte Zahl von 1500 Zertifikaten etwas höher ist, als die der von der Suspension tatsächlich betroffenen Bewilligungsscheine. (Diese kleine Milderung des Einreiseverbotes ändert nichts an den Richtlinien der englischen Mandatspolitik, wie sie im Weißbuche niedergelegt wurden.) Mädchenhandel. Der Achte internationale Kongreß zur Bekämpfung des Frauen- und Mädchenhandels fand vom 7. bis 10. Oktober in Warschau statt Wenn der Kongreß, dem der Schreiber dieser Zeilen als Delegierter einiger jüdischer Organisationen Deutschlands beiwohnte, auch an dieser Stelle Erwähnung findet, so geschieht es, weil der Gegenstand der Beratungen auch vom jüdischen Standpunkt aus sehr große Bedeutung besitzt und weil er bei der Bekämpfung des Antisemitismus eine nicht unwichtige Rolle spielt Der Kongreß legte von einer sehr fleißigen und sehr erfolgreichen Tätigkeit während der vorhergehenden Jahre Zeugnis ab. Im einzelnen wurden an Themen behandelt: „Der Kampf gegen das Zuhälterwesen", „Die Rückführung verschleppter Prostituierter in ihre Heimat", „Auslandsstellungen von Frauen und Mädchen", wobei insbesondere die Verhältnisse der Artistinnen erörtert wurden und auch die Frage eines Mindestalters für Mädchen, die im Auslande in Vergnügungsstätten oder in Gastwirtschaften beschäftigt werden, aufgeworfen wurde. Ferner nahm der Kongreß Berichte über die Schutzmaßnahmen entgegen, welche in ausgedehntem Umfange getroffen worden sind, um alleinreisende Frauen und Mädchen an Bord von Auswanderer- und sonstigen Schiffen vor Gefahren zu bewahren. Auch die Frage des Mädchenhandeis in Kolonien, Schutzgebieten m und Mandatsländern fand ihre Behandlung.. Von großer Wichtigkeit war das letzte Thema, über das das deutsche Nationalkomitee referierte. Es wurden mit vollem Rechte die Möglichkeiten erörtert, ob man nicht den Film mit seiner Macht auf die breiten Volksmassen in den Dienst des Frauenschutzes stellen könne. Es lag und liegt wohl in der Absicht der Internationalen Vereinigung zur Bekämpfung des Frauen- und Mädchenhandels, sein Augenmerk mehr auf die juristischen und verwaltungstechnischen Fragen, auf die Möglichkeiten einer Heilung der Schäden zu lenken, die Tatsachen aber zunächst einmal als gegeben hinzunehmen und prophylaktische Maßnahmen weniger zu erörtern. Auch dieser Kongreß vermied es darum, in die Tiefe der Erscheinungen einzudringen und im Mädchenhandel mit all seinen traurigen Erscheinungen das zu erkennen, was es tatsächlich ist, nämlich ein soziales Problem! Die Frage des Mädchenhandels im engeren Sinne als eines auch juristisch zu ahndenden Verbrechens und im weiteren Sinne als der Vorschubleistung zur Prostitution im Auslande muß natürlich anders betrachtet werden, wenn es sich um die Länder des Westens oder um die des Ostens handelt. Im Westen spielen Verführung, Leichtsinn, Trägheit und die Lust an einem scheinbar bequemen Leben ihre unendliche Rolle. Ge- . wiß darf auch für den Westen der Zusammenhang zwischen Prostitution und Wirtschaftslage nicht verkannt werden. Aber bei im allgemeinen einigermaßen normalen Verhältnissen spielen diese nicht die Iliill ........Ilfc JÄrnZiDTLDCIHITI ■ RESIDENZ COLUMBIA ■ H GARANTIERT UNUNTERBROCHENE ü H BRENNDAUER 30 STUNDEN =§ ■ „MANNA" FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE B H WIEN II., TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 §| IM Ü VORNEHME FAMILIENPENSION fj H vormals Dr. GRÜNBERG m IAH SEHMERINGl m HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS) g Mäßige Preise (Zimmer m mit Pension von S12.— jg aufw.) / Kaffeehaus und =§ jag» Tanzgelegenheit im Hause / Besitzer:! ECKSTEIN / Telephon : M Semmering Nr. 11 Fließendes Warn-und Kaltm Wasser in jedem Zimmer ww£mm >:^^^0>/ •feE^tt^*^-: "'«i-üiH Rolle, die ihnen im Osten zukommt. Dort bedeuten Mädchenhandel und Prostitution lediglich Folgen der Armut und des Hungers, des Mangels an Erwerbsmöglichkeiten, der Arbeitslosigkeit und der noch in den Kinderschuhen steckenden mangelhaften Sozialfürsorge des Staates und der Wohliahrtsgemeinden. Und da der Osten zu der Zahl der ins Ausland verschleppten und freiwillig wandernden Mädchen den größten Anteil stellt, muß natürlich das Schwergewicht der Bemühungen allmählich auf diese Auffassung und auf die vorbeugende Arbeit gelegt werden. Die Mädchen ha ndelsfrage ist ein soziales Problem! Zu lösen ist sie nur durch Erziehungsmaßnahmen und durch Besserung der sozialen Verhältnisse, zu einem kleinen Teile auch durch Ausbau der Fürsorge. Für die Judenmassen des Ostens gilt, was für die andersgläubige Bevölkerung maßgebend ist, in verstärktem Maße. Und das äußerlich wie innerlich! Aeußer- 1 i c h wirkt der aus dem übertriebenen und ianatischen Nationalismus entspringende Judenhaß besonders stark auf die Verschlimmerung der Wirtschaftslage, indem Juden und Jüdinnen von der Beschäftigung in Handel und Gewerbe und Industrie immer mehr ausgeschlossen werden! Innerlich wirkt aber hemmend das alte, verkehrte Erziehungsideal, das die Mädchen von jeder wirtschaftlichen Betätigung fernhält und sie lediglich auf die Ehe vorbereitet, ein Ziel, das bei der sinkenden wirtschaftlichen Konjunktur immer schwerer erreichbar ist. Daher kommt es, daß zu den Opfern des Mädchenhandels Jüdinnen ein nicht unbeträchtliches Kontingent stellen und daß zu den Verbrechern und Schmarotzern, die aus dem Unglück der bedauernswerten Geschöpfe ihren Vorteil ziehen, auch Juden gehören. Wenn auch gewiß das Geschrei des Antisemitismus den Anteil von Juden und Jüdinnen, von Verführern und Opfern ungebührlich übertreibt, wäre es töricht, wenn man etwa aus apologetischen Gründen offenbare Tatsachen abstreiten wollte. Das Judentum hat energisch und auch mit Erfolg sich stets an der Bekämpfung des Mädchenhandels beteiligt. Den Nationalkomitees der meisten Länder, in denen es jüdische Gemeinschaften gibt, gehören Juden als tätige Mitarbeiter an, und alle jüdischen Organisationen, insbesondere jene, die die Rechte und die Interessen der Frauen vertreten, widmen sich diesem Zweige der Wohlfahrtsarbeit. An der Spitze des internationalen Büros steht der unermüdliche Menschenfreund Claude Montefiore, und im deutschen Nationalkomitee wirkt Fräulein Bertha Pappen heim seit langen Jahren tatkräftig mit. Es bedeutete nicht nur eine persönliche Ehrung für sie, sondern auch eine Anerkennung ihrer Arbeit, wenn das deutsche Nationalkomitee ihr, die an allen acht bisherigen Kongressen teilgenommen hatte, die ehrenvolle Aufgabe übertrug, in einem Schlußwort beim Warschauer Kongreß die Wichtigkeit der Aufgabe zu betonen. Die Juden arbeiten aber nicht nur innerhalb der Verbände an ihrer Stelle bei der Unterdrückung der Kulturschande des Mädchenhandels mit. In Argentinien, wo sich der Hauptherd der Krankheit befindet, hat die Judenheit sich auch persönlich sehr scharf gegen alle Glaubensgenossen gewandt, die in irgendeiner Beziehung etwas mit dem Mädchenhandel zu tun haben. Wer irgendeinen Nutzen aus dem Mädchenhandel, aus der Prostitution und aus allem, was damit zusammenhängt, zieht, wird dort von der jüdischen Gesellschaft geächtet. Er darf nicht Mitglied der Gemeinde sein, er darf der Chewra Kadischa nicht angehören. Er wird in keine Synagoge hineingelassen, er kann keinen Verkehr mit Gemeindemit-: gliedern unterhalten. Zu verschiedenen Malen kam in den Debatten des Warschauer Kongresses dieser Wille aller Völker und aller Konfessionen zu wirklich ernsthaftem, von politischem Beigeschmack freiem Zusammenwirken zum Ausdruck. Wahrhafte Menschlichkeit bewies ihre einigende Kraft! Auch weiterhin wird die Judenheit aller Länder für ihre eigene Ehre wie für die der Menschheit wirken, und in allen Kreisen unserer Gemeinschaft sollten die Anregungen, die vom War-