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Die Wahrheit · 1930-11-14 · Heft 46 (14.11.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 46 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEU zu seia, denn das Mitglied der zionistischen Exekutive, Prot.Brodetsky, erklärte in seinem politischen Referat ausdrücklich, eine vollständige Zurückziehung des Weißbuches sei unwahrscheinlich; dies würde jeder Regierung schwer fallen. So ist denn die politische Situation vollkommen ungeklärt und ein Ausweg nicht leicht zu finden. Aber auch die innerzionistische. Lage ist prekärer denn je. Prof. Weizmann beharrte bei Beginn der Tagung auf seiner Demission und es ist zur Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, nicht bekannt, ob er der eindringlichen Aufforderung des bekannten amerikanischen Richters Julian W. Mack, im Amte zu bleiben, Folge leisten wird. Julian W. Mack sagte wörtlich: „Präsident Lincoln hat einmal gesagt: ,Mitten im Sturm wechselt man nicht die Pferde', und so sage ich, daß mitten in der augenblicklichen tragischen Lage keine Rede von einem Wechsel des Präsidiums sein kann. Wie werden wir vor der Welt dastehen, wenn wir Dr. Weizmanns Demission annehmen? In diesem ernsten Augenblick müssen wir geschlossen vorgehen. Wir mögen unsere persönlichen Anschauungen aufrecht erhalten und unseren inneren Kampf fortführen, nach außen hin aber müssen wir geeint sein und eine geschlossene Front bilden. Wir würden uns selbst schlagen, wenn wir Weizmanns Demission annehmen. Nicht den Juden hat Dr. Weizmann erklärt, er könne sie nicht länger führen: er hat England erklärt, daß er es unter den gegebenen Umständen ablehnen müsse, die Führung weiterhin innezuhaben." Demgegenüber steht ein Antrag mehrer Mitglieder des Aktionskomitees auf sofortigen Rücktritt aller zionistischen Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency und Einsetzung eines provisorischen Komitees zur Fortführung der politischen Arbeit. Der stets kompromißbereite Nahum Sokolow hat eine Resolution eingebracht, in der sich das Aktions-Comitee mit den Motiven, die Weizmann zu seiner Resignation veranlaßt haben, solidarisch erklärt. Die Zionistische Exekutive, erklärte Sokolow, habe den Schritt Dr. Weizmanns gebilligt und sei nur deshalb nicht sofort zurückgetreten, um ein Chaos in der zionistischen Organisation für die Zeit bis zum Kongreß zu vermeiden. So stehen sich die verschiedensten Anträge gegenüber — die Revisionisten verlangen natürlich die Annahme der Demission des von ihnen so gehaßten Weizmann — und das Chaos ist vollkommen. Nur ein wahres Wort ist bisher auf dieser Schicksalstagung des Zionismus gefallen, und zwar aus dem Munde des zionistischen Arbeiterführers Dr. Ch. Arlosoroff, der den Mut besaß, unumwunden zu sagen: ..Der Fehler der zionistischen Politik war die Ueberschätzung von Dokumenten und Versprechungen." Setzte Jlattkmitfkt. Die Londoner Ä.-C.-Tagung beendet. Wahl einer politischen Kommission zur Unterstützung der Exekutive. — Zionistenkongreß Anfang Februar. London. 10. November. (J. T. A.) Die Tagung des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation wurde am Sonntag, den 9. November abends beendet Es wurde beschlossen, den XVII. ZionistenkongreB iür Anlang Februar einzuberufen, ein Kongreßort wurde jedoch noch nicht bestimmt Es wird auch erwogen, den Kongreß nach Amerika einzuberufen. - - Für die Zeit bis zum Kongreß wurde eine aus fünf Mitgliedern bestehende politische Kommission gewählt die die Bestimmung hat Weizmann und die Exekutive bei politischen Aktionen zu beraten und zu unterstützen. Zu Mitgliedern dieser Kommission wurden Dr. ,M. Eder. Leo Motzkin und Nahum Goldmann gewählt ie ein Sitz wurde für Vertreter des Waad Leumi und der amerikanischen Zionisten reserviert. Von den angenommenen Resolutionen sind zu erwähnen: Das Aktionskomitee spricht sich für die Förderung der Miitelstandssiedlung auf Nationalfondsboden aus. Das Aktionskomitee erbebt Protest gegen das neue Weißbuch der englischen Regierung und billigt die Nichtanerkennung eines Legislative Council durch die Exekutive der Jewish Agency. Die Einsetzung einer politischen Kommission zur Linterstützung der Exekutive ist das Ergebnis langwieriger Verbandlungen. Die Krise der Leitung hatte sm Freitag, den 7. November, nachmittags, den Höhepunkt erreicht da sich die Opposition nachdrücklich weigerte, einer Fortführung der Geschäfte durch Weizmann bis zum Kongreß ohne Mitwirkung einer politischen Kommission zuzustimmen. lüü UFA-TON-KINO Wien II., Tabor.strafte Telephon R 41-2-41 8 Judentum und Deutschtum. Die orthodoxe „Deutsche Israelitische Zeitung", Organ für die Gesamtinteressen des Judentums, beschäftigte sich letzthin in einem interessanten Leitartikel mit der Untersuchung der Begriffe „Volk" und „Nation" und kommt zu dem Schluß: „Die deutschen Juden sind Deutsche und bleiben Deutsche, weil sie seit vielen Jahrhunderten in Deutschland wohnen, weil sie die deutsche Heimat, deutsche Sitte und Ordnung lieben, weil sie deutsch sprechen, deutsch denken, deutsche Schulen und Universitäten besuchen, weil sie in ganz hervorragender Weise mitgearbeitet haben an dem Aufbau der deutschen Kultur, weil sie in den Befreiungskriegen, im Deutsch-Französischen Krieg und ganz besonders im Weltkrieg mit ihren christlichen Kameraden für Deutschland in den Kampf zogen und ihr Leben dem geliebten Vaterlande opferten und nicht zuletzt auch, weil ihnen ihre Religion gebietet, die Interessen ihres Heimatlandes ais die eigenen zu betrachten. Es wäre nicht nur ein trauriges Armutszeugnis, sondern es wäre auch vom logischen Standpunkte aus unverständlich, wenn die deutschen Juden dadurch ihr Deutschtum verlieren würden oder verlieren könnten, weil bedauerlicherweise ein wesentlicher Teii des deutschen Volkes aus Verzweiflung über die trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse, in welche Deutschland durch den verlorenen Krieg geraten ist, und verhetzt durch die skrupellose Agitation politischer Scharlatane, einer antisemitischen Partei ihre Stimme gegeben hat. Das Anhänglichkeits- und Zugehörigkeitsgefühl zum Der erste wiener Sprechfilm Mitwirkende: Hugo Thimig, Hans Thtmig, Lydia Pollmann, Georg Alexander, Hans Moser, Karl Ziegier. Rosa Albach-Retty, Leopold Krämer. Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr Volke und Lande der Heimat ist in der Brust des Menschen zutiefst verankert und daher auch bei ■ftns Juden nicht abhängig von dem Barometer des Wohlergehens in dem betreffenden Lande. — Selbst in den schlimmsten Zeiten der Verfolgung hörten die deutschen Juden, nicht auf, Deutschland zu lieben, und so kann auch uns die gegenwärtige antisemitische Hochflut in unserer aufrichtigen Gesinnung zu unserem Heimatlande nicht irre machen, die wir unbekümmert darum, ob es uns hier gut oder schlecht geht, fühlen, weil wir eben ein, wenn auch der Religion und Abstammung nach verschiedener, aber doch durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte verbundener Bestandteil des deutschen Volkes sind. Daß wir religiösen Juden dabei auch dem heiligen Lande, der Wiege unserer Thora, unsere Liebe zollen, ■ steht damit keineswegs im Widerspruch; denn die gleiche Thora. die uns gebietet, die Stätte der einstigen Gottesherrlichkeit zu lieben, gebietet uns auch, unsere jetzige Heimat und ihre Bewohner als unsere Nächsten zu lieben." Mitteilungen des Sekretariats der „Union deutschösterreichischer Juden" IX„ Berggasse 4. — Tel. A19-2-77. Parteienverkehr: Montag bis Freitag von 10 bis 11 vorm. und 4 bis 5 Uhr nachm. Sonntag von 9 bis 11 vorm. Die Rechtshilfe- und Beratungsstelle der „Union" für Unbemittelte amtiert jeden Montag von V26 bis 7 Uhr nachm. Unentgeltliche Stellenvermittlung: Anmeldungen täglich während des Parteienverkehres. Das Sekretariat der „Union" bittet die verehrlichen Mitglieder, es von freiwerdenden Stellen brieflich oder telephonisch zu verständigen. Die Mitglieder der Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union" treffen sich jeden Dienstag ab 7 Uhr abends im Klubsaal des Cafe Produktenbörse, IL, Taborstraße 10. Feuilleton Ein Meister des Gesanges. Kürzlich jährte sich zum 90. Male der Todestag Karl Ed. Denhofs. Ersten Chor-Chasans in Budapest. Die Festhaltung dieses Gedenktages ist nicht nur interessant für den Historiker, sie ist gleichzeitig auch die Erfüllung einer Dankespflicht für den um die Einführung eines modernen Gottesdienstes in Ungarn, hochverdienten Mann. Karl Ed. Denhof wurde im Jahre 1798 in Altofen geboren und von seinen Eltern in Frömmigkeit und Gottesfurcht erzogen. Nach Absolvierung der damals sogenannten Hklassigen Volksschule wurde er, kaum erwachsen, von seinen frommen Eltern ins Glieder geschickt und bald darauf beschäftigte er sich bereits in dem Mehlgeschäfte seines Vaters. Selbst im Geiste jener Zeit die ihre Bildungsansprüche auf ein Minimalmaß reduziert hatte, konnte seine Erziehung nur eine äußerst mangelhafte genannt werden. Denhof wurde in diesem Milieu zu einer Art Schöngeist, der dem Geschäfte seines Vaters durchaus keinen Geschmack abgewinnen konnte. Anmutsvoll in seinem Benehmen und begabt nvt einer herrlichen Stimme, war er bald der begünstigte Liebling aller, die mit ihm zu verkehren Gelegenheit hatten. Täglich machte er den Weg von Ofen nach Pest und seine Beschäftigung bestand damals ausschließlich darin, sich bei den seinerzeitigen Pester .Chasonhn" einzustellen. Der eine war „S c h 1 o;. rn e K a s c Ii t a n", der andere „Dovidl B r 0 d y", zu denen er wie zu unerreichbaren Idealen aufblickte. Die Zeitgenossen charakterisierten die Art der Gesangsmanier Schlojme Kaschtans mit „Schir haschirim Lischlomo" und das gefühlvolle Rezitativ Dovidl Brodys mit „Tefiloh-Ldowid". Dieser Dovidl Brody war ein Heros des altjüdischen „Chasonus", verstand mit seltener Gewandtheit und durch eine ungemeine Sicherheit im Vortrage eine Art heiligen Schmerzgefühles bei den Hörern wachzurufen und das jüdische Herz mit solch süßem Weh zu erfüllen, daß er der beste „Baal Tfiloh" seines Jahrhunderts genannt wurde. Die Lorbeeren Brodys ließen den jungen Denhor nicht ruhen und ermunterten ihn, es ihm, wenn möglich, gleichzutun. Die unnachahmlichen Improvisationen Brodys zogen ihn mächtig an. Dieser hatte die schnelle Auffassungsgabe des Knaben erkannt, unterrichtete ihn und machte ihn auch mit traditionellen und neuen liturgischen Melodien bekannt, bis ihn der kleine Denhof das sogenannte antik-jüdische Sagen vollends abgelauscht hatte. Von einer musikalischen Ausbildung nach heutigen Begriffen konnte zu dieser Zeit keine Rede sein, da selbst Budapest noch keinen geregelten Gottesdienst hatte, ja sozusagen noch nicht einmal eine eigentliche „Gemeinde" bildete. Bei den reichen Familien wurde damals mit einem Minjan gebetet und erst als die sogenannte „Große Synagoge" im Orczyschen Hause entstanden war, konnte von einem richtigen öffentlichen' Gottesdienste gesprochen werden. In dieser großen Synagoge waren Schlojme Kaschtan und Dovidl Brody die Vorbeter. Im Jahre 1825 bildete sich eine zumeist aus übersiedelten Altofnern bestehende Gesellschaft unter dem Namen „Chesed Neurim". . Diese Chesed-Neurim- Chewra" mietete ein großes Magazin im „Bacskaer- Hof" und bald darauf wurde dort nach dem Muster des Wiener Seitenstettentempels unter dem Namen „Neuer Tempel" ein Bethaus eingerichtet Sein erster Kantor war Karl Ed. Denhof, den Chor leitete Salomon S ach sei, ein begeisterter Musikfreund. Der Vorstand veranlaßte seinen neuen Kantor zur Vervollkommnung im Hebräischen, ließ ihn vom Domorganisten Feil in Musik unterrichten und sandte ihn dann nach Wien, um unter der Leitung des großen Meisters Sulz er Art und Weise eines geregelten Gottesdienstes kennen zu lernen. Sulzer nahm den jungen Denhof in freundlichster Weise auf, unterrichtete ihn in der neuen Synagogalmusik, im Vortrage und in der richtigen Akzentuierung des hebräischen Wortes, worauf er ihn sogar auf eine Kunstreise nach Italien mitnahm. Von seiner Ausbildung bei Sulzer zurückgekehrt, verstand es Denhof bereits, den Gottesdienst künstlerisch zu gestalten und als der neue Tempel — neben der großen Synagoge nach dem alten Ritus — als „Kultus-Tempel" vom Magistrate genehmigt war, wurde Denhof dort in ganz kurzer Zeit der Günstling seiner Zuhörer und dieser jüdische Kantor wurde sogar von dem edlen, kunstsinnigen Grafen Leo Feste.tics ersucht bei einem in einem Magnatensalon stattfindenden Wohl-, tätigkeitskonzerte mitzuwirken. Denhof wurde sogar die Auszeichnung zuteil, die einzige Tochter des Vorstehers I. Schwarzenberg als Gattin heimzuführen. Er wurde das Opfer seines ganz ungewöhnlichen Amtseifers, der sich besonders darin zeigte, daß er alle Funktionen stets selbst versehen wollte und sich nur äußerst selten von einem Hilfskantor verterten ließ. So raffte ihn der Tod allzu früh am 16. Cheschvan 1840 fort, zur tiefsten Trauer seiner Gemeinde und all derer, dereii Herz diesem würdigen Diener Gottes in Liebe zugetan war. Seine Gemeinde ließ ihm einen Grabstein mit einer hebräischen Inschrift errichten, die in deutscher Sprache lautet:

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