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Die Wahrheit · 1930-11-07 · Heft 45 (7.11.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 45 (7.11.1930)
Date
1930-11-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Bette A DDE WAHRHEIT i/om Hungertuch zum Nobel'Preis. Die Lebensgeschichte des Professors Landsteiner. — Hinter den Kulissen der Wiener medizinischen Fakultät. Die Skandalgeschichte der Wiener Universität ist noch nicht geschrieben. Man könnte mit den einzelnen Kapiteln, die der Oeffentlichkeit bereits bekannt geworden sind, ein umfangreiches Buch füllen. Man hat den Professor Kelsen, einen Gelehrten von Weltruf und eine Zierde der juridischen Fakultät ziehen lassen, weil er im Verfassungsgerichtshof nur der Wahrheit gedient hat; zum 70. Geburtstag Professor Freuds, der erst kürzlich den Goethe-Preis erhalten hat, hat die Universität nicht mit dem Ohre gewackelt, weil der Schöpfer der Psychoanalyse ein Jude ist. Komisch wirkt es in solchem Zusammenhang, wenn die medizinische Fakultät anläßlich der Verleihung des Nobel-Preises an Professor Karl Landsteiner den Gelehrten beglückwünscht und ihn sozusagen als Repräsentanten der Wiener Universität reklamiert Da muß man doch dem Gedächtnis der Herren ein bißchen nachhelfen, derselben Herren, die den Professor Rudolf Kraus, einen Forscher von internationalem Format und ein bedeutendes Aktivum der Wiener Schule, nach Chile haben gehen lassen, weil der Clique die Ernennung eines Juden untunlich erschien; die den in Amerika wirkenden bedeutendsten Schüler Pirquets, den Professor Bela Schick, trotz des ausdrücklichen testamentarischen Wunsches Pirquets nicht zu seinem Nachfolger ernannt haben, weil Schick jüdischer Abstammung ist; die schon einmal einen Nobel-Preisträger, Professor B ä r a n y, einen berühmten Ohrenarzt und Chirurgen, der natürlich auch Jude ist, zum höheren Ruhme Oesterrechs in Upsala wirken lassen. Dieses Sündenregister der Universität ist noch Lange nicht vollständig. Schon dieser kleine Abschnitt gibt aber einen passenden Rahmen zu der wahrlich tragischen Lebensgeschichte des Nobelpreisträgers Professor Ländsteiner. 9 Als Sohn eines jüdischen Journalisten geboren, studierte Landsteiner unter Exner, Gruber, Weichselbaum und Paltauf. Schon in jungen Jahren glückte dem ungewöhnlich begabten Forseber die epochale Entdeckung der Blutgruppen, deren unermeßliche Bedeutung für die in zahllosen . Fällen lebensrettenden Bluttransfusionen, für Organüberpflanzungen, für die Möglichkeit, die Vaterschaft mit Möglichkeit auszuschließen, für die Bestimmung der inr dividuellen Herkunft der Blutflecken, für die Erkenntnis der Disposition zu bestimmes gewollt zu haben, dessen Lage. Als er glaubt, genügendes Material gesammelt zu haben, erstattet er die Anzeige gegen Esterhazy. Am gleichen Tage verläßt der deutsche Militärattache Oberst von Sch wartzkoppen, der weiß, daß Esterhazy der wahre Verräter ist, Paris. Kein Glied in der Kette wird von da an geschmiedet, an dessen Herstellung Mathieu nicht eifrigen Anteil gehabt hat Mit allen großen Vorkämpfern der Revision, mit Demange, Labori, Clemenceau, Joseph Reinach, Picquart Jaures, Millerand, steht er in engem Zusammenhang. Die dramatischen Szenen zwischen ihm und diesen führenden Männern nach der zweiten Verurteilung seines Bruders in Rennes, bei denen es sich um die Frage handelt ob die Begnadigung des Hauptmanns verlangt werden soll oder nicht habe ich in meinem Buche ausführlich geschildert Ein wunderbares Beispiel von Familiensinn, Aufopferungsbereitschaft, Selbstlosigkeit und wahrer Seelengröße ist mit diesem bedeutenden Manne dahingegangen. Wohl liegen von ihm Aufzeichnungen, insbesondere auch über seine Verbindung mit den großen Staatsmännern der Epoche vor; aber es ist sein Wille gewesen, daß diese Aufzeichnungen, auch nach seinem Tode, nicht veröffentlicht werden sollen. Ob er in diesem, mir von der Familie mitgeteilten Willen durch letztwillige Verfügung eine Aenderung hat eintreten lassen, werden wir bald wissen. Die Kenntnis dieser Aufzeichnungen würde die Dreyfusliteratur, die ja gerade im letzten Jahre viel neues Material schon beigebracht hat, noch um wertvolle Mitteilungen bereichern können. ten Krankheiten, für R as s e nfo rs ch u Ilgen und anderes mehr, in der letzten Zeit immer evidenter geworden. ist. Auch die anderen Forschungen, die Landsteiner in Wien durchgeführt hat, etwa über die spinale Kinderlähmung, über die Syphilis, über die sogenannte paroxysmale Hämoglobinurie, zeigten schon, daß es sich da um eine wissenschaftliche Kapazität ersten Ranges handelt. Zuletzt war Landsteiner bis vor etwa zehn Jahren Prosektor am staatlichen Wilhelminen- Spital. Der Gelehrte mußte damals, in den ersten Nachkriegsjahren buchstäblich hungern. Die Lehrkanzel für pathologische Anatomie war frei: Landsteiner wäre ein Mann von bester Qualifikation dafür gewesen, es fehlte ihm aber Protektion und die vorgeschriebene Abstammung. Wer Protektion und Verbindungen besaß, konnte sich wenigstens durch Prüfungstaxen sanieren. Vier andere Pathologen wurden damals mit der Vornahme der Prüfungen an der vakanten Lehrkanzel betraut, für Landsteiner gab es nichts, nur Hunger. Da entschloß sich Landsteiner kurzweg, die bescheidene, aber besser dotierte Stelle eines Prosektors an einem holländischen Spital anzunehmen. Er verließ Wien; kein Mensch hielt ihn zurück. Nur zwei Jahre wirkte L a n d s t e i n e r in Holland. Die Rockefeller-Stiftung für Krankheitsforschung in New York holte sich den genialen Mann. Eine Fülle wertvollster wissenschaftlicher Arbeit.hat Landsteiner, der jetzt im 62. Lebensjahre steht, in Amerika geleistet. Vor sechs Jahren wurde in Wien die Lehrkanzel für Pathologie nach Professor Pal tauf frei: Landpilllllllillllllllilllllllllllli H VORNEHME FAMILIENPENSION 1 vormais Dr. GRUNBERG ■ IAM SEMMERING! HOCHSTRASSE 43 iE SPl jyssö immM lämm&i (BEI HOTEL PAN HANS; Mäßige Preise (Zimmer I mit Pension von S12.— i aufw.) / Kaffeehaus und \ Tanzgelegenheit im i Hause / Besitzer:! ECKSTEIN / Telephon :i Semmering Nr. 11 Fließendes War«- und Kaltj wasser in jedem Zimmer j steiner, Kraus, Dörr waren die gegebenen Kandidaten. Keiner wurde berufen. Der antisemitische Kurs wollte einen Herrn aus — Innsbruck haben, doch hat sogar dieser eine Berufung nach Deutschland vorgezogen; die Lehrkanzel Paltaufs ist noch immer verwaist- Zuletzt hat Landsteiner im Juli dieses Jahres in Paris auf dem ersten internationalen Mikrobiologen-Kongreß ein glänzendes Referat über seine Blutgrupperiforschung gehalten. Vor kurzem ist ihm die E h r 1 i c h - M e d a i 11 e, eine* der höchsten Anerkennungen, die die reichsdeutsche Wissenschaft zu vergeben hat, verliehen worden. Und jetzt der Nobel-Preis. Vielleicht liegt eine gewisse Ironie des Schicksals darin, daß mit Hilfe der Landsteinerschen Blutgruppenforschung die ganze Ab s u r d i t ä t der hakenkreuzlerischen Rassentheorie klipp und klar nachgewiesen werden konnte. Graut es noch immer nicht den Herrschaften, die mit ihren Phantasien von Judenreinheit eine Krise der Geistigkeit an der Hochschule heraufbeschworen und den einstmals glänzenden Ruf der Wiener Universität als Kultur- und Geisteszentrum in Grund und Boden gewirtschaftet haben! Die furchtbare Tragik dieses Niederganges unter dem m LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖMII WIEN, 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mittte 19JO . ......... 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zinteneinnahmen im Jahre 1929 ...... 125 „ Gaiantiemittel per Ende 1929 300 , , Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 .....• 30»/, » „ Zeichen des Hakenkreuzes spiegelt sich in der Lebensgeschichte des Nobe 1- Preisträgers Professor Landsteiner, für den es trotz einzigartiger wissenschaftlicher Qualifikation an der von Heimatblock und Rassenhaß beherrschten Wiener Universität keinen Platz gab. Ein Zeichen von der Zeiten Schande: Mittelmäßigkeit, Protektion, Taufschein und Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Clique sind bei uns wichtiger als sachliche und fachliche Qualifikation, ja, als der Nobel-Preis. Und mit einer derartigen Blamage, die die Judenreinheit der Universität anstrebt und damit die letzten Spuren des guten Rufes Oesterreichs untergräbt, entblödet man sich nicht, Wahlpropaganda zu betreiben. Die Totengräber der Wiener Universität, die unsere wissenschaftlichen Koryphäen ins Ausland vertrieben haben, die jüdische Nobel-Preisträger als ,.Wiener" reklamieren, ohne von der Konfession dieser Wiener eine Erwähnung zu machen, sie sind die Wegbereiter für das Leichenbegängnis alles Geistigen. Die Wiener Universität hat keinen Platz für Nobel-Preisträger, die Juden sind. Sapienti satl („Der Wiener Tag.") Der Antisemitismus — eine Kultur schände. Jules Sauerwein, der Chefredakteur des „Matin", der bekannte Journalist von internationalem Ruf. äußerte sich anläßlich seiner Anwesenheit in Wien über den Antisemitismus in nachstehender ■ sensationeller Form: Ehe ich die Frage nach meiner Haltung dem Antisemitismus gegenüber beantworte, möchte ich doch hier ein für allemal etwas richtigstellen, was immer wieder fälschlicherweise behauptet wird. Ich bin n ä m 1 i c h alles andere als ein Jude, ich bin niemals Jude gewesen, auch meine Vorfahren nicht, ich bin absolut „r a s s e r e i n", ich habe keinen Tropfen jüdischen Blutes in meinen Adern. Meine Familie stammt aus Tirol, ein Sauerwein war Archivar des. Kaisers Maximilian, und damit glaube ich doch endlich gezeigt zu haben, daß ich ein.absoluter Arier bin. In Frankreich spielen solche Blutfragen keine Rolle, aber wenn Sie mich über den deutschen Antisemitismus befragen, glaube ich doch in einer Art Präambel darauf hinweisen zu müssen. Ich darf daher als Christ den Antisemitismus, wie er sich leider heute in Deutschland und Oesterreich zeigt, als. das bezeichnen, als was er ist: als eine Schande und einen Skandal, der Europa ins Mittelalter zurückversetzen will. Ich kann gar nicht ruhig über diese Frage sprechen. Wenn man es. zehn Jahre nach einem Kriege, in welchem die Juden in allen Ländern ihre Pflicht getan haben und ihr Blut vergossen, wagt, sie für Vergehen ihrer paar Glaubensgenossen in Rußland verantwortlich zu machen, so ist es eine schreiende Ungerechtigkeit. Ich habe vier Jahre in Wien gelebt und ich bin ein lebe nder Zeuge für die große Kulturarbeit der Juden in Oesterreich. Was es doch gerade unter den* österreichim mnwümumiWL RESIDENZ COLUMBIA „MANNA" FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN II., TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 GARANTIERT UNUNTERBROCHENE BRENNDAUER 30 STUNDEN III

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