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Die Wahrheit · 1930-11-07 · Heft 45 (7.11.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 45 (7.11.1930)
Date
1930-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tUB3aKm&»BS! —-~~t" " "ijjfTnrtr- DIE WAHRHEIT Seite 3 Der Tag der Entscheidung. Der Tag der Entscheidung ist der Tag des Gerichtes. Am 9. November wird das Volk Oesterreichs Gericht halten über seine Führer und darüber entscheiden, ob es sein Wohl und Wehe auch fernerhin ihnen anvertrauen will. Dieser Tag, der einzige innerhalb von vier Jahren, an welchem das Volk aktiv gestaltend am politischen Leben teilnimmt, er ist denn auch ein Schicksalstag, nicht nur für die Führer, sondern auch für die Geführten. Auch die jüdische Bevölkerung unserer Republik wird ihre Stimme in die Waagschale des Gerichtes zu werfen haben und die Entscheidung, die es selbst treffen wird, wird für sein eigenes Schicksal von außerordentlicher Tragweite sein. Sie wird ihre Stimme abgeben für Fortschritt, Freiheit und Recht und dadurch die Mächte der Finsternis, des Rückschrittes, der nationalen und religiösen Unduldsamkeit mit allen Kräften zurückweisen. Die jüdische Bevölkerung wird im eigenen Interesse, aberauch im Interesse des Staates jene wählen, welche die Demokratie gegen den Ansturm der Faszisten verteidigen wollen. Der Tag der Entscheidung wird aber auch ein Tag 9ein, an welchem die Wähler die Rechnung revidieren werden, welche die beiden großen Parteien der Bevölkerung für die abgelaufene Wahlperiode präsentieren. Die C'hristlichsozialen glauben noch immer, daß man Oesterreich auf rein fiskalischem Wege aus Elend und Not wieder aufrichten, zu Gedeihen und Wohlstand bringen könne. Mit frommen Worten auf den Lippen haben sie sehr unfromme Taten begangen, haben sie sich zu Mitschuldigen gemacht an den unerhörten Bankskandalen und Korruptionsfällen der jüngsten Zeit. Daß auch wir österreichischen Juden uns mit aller Kraft gegen die Verlotterung und Korrumpierung unseres Staates, gegen die Vergeudung von Staatsgut und die Hintansetzung der wirtschaftlichen Interessen wehren müssen, bedarf das noch weiterer Erörterungen? Wir können nicht wollen, daß das Interesse irgend einer Partei, einer Klasse oder eines Standes über das Interesse des Staates oder der Volksgemeinschaft, zu der auch wir uns rechnen, gestellt wird; wir können es nicht zulassen, daß unser Oesterreich auch weiterhin parteipolitisch verwaltet werde. Wir wollen die wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Klassen, Stände und Berufszweige und den gerechten Ausgleich ihrer Interessen. Das ist auch der Grund, warum die bürgerlichen Juden einer Partei ihre Stimme verweigern müssen, welche, auf dem Boden des Klassenkampfes stehend, das Interesse einer einzigen Klasse verficht und im Falle ihres Sieges den Staat ebenso zu einem Instrument ihrer Klasse und der Unterdrückung des Bürgertums machen würde, wie dies jetzt bei der Gemeinde der Fall ist. Auch die Rechnung der marxistischen Gemeindepolit i k wird das freisinnige und demokratische Bürgertum, dem der Großteil der Wiener Juden angehört, zu revidieren haben; denn die Rechnung, die ihm da präsentiert wird, schließt ebenso wie die der Christlichsozialen mit einem furchtbaren Passivum ab. Wohl befinden sich auf der Aktivseite der Bilanz stattliche Gemeindebauten, luxuriös eingerichtete Bäder und anerkennenswerte Fürsorgeeinrichtungen; dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß ein unter den furchtbaren wirtschaftlichen Verhältnissen nahezu zusammenbrechender Mittelstand es ablehnen muß, auch noch so notwendige Leistungen aus den Mitteln einer einzigen und noch dazu so schwer geprüften Generation erbringen zu lassen. Für uns Juden wird der Tag der Entscheidung ferner auch ein Tag der Vergeltung sein. Man hat unsere Ehre mit Füßen getreten, man hat es zugelassen, daß in Druckschriften und Anschlagtafeln eine wüste Pogromhetze entfacht wurde. Der Schutz des Gesetzes gegen die niederträchtigen Verleumder und Besudler des Judentums wurde uns nicht gewährt, ja die Regierung hat nicht einmal den Versuch unternommen, di& grenzenlose Hochscbulschande abzusteüen. Die Regierungspartei, welche selbst auf dem Boden des Antisemitismus steht, hat sich nun außerdem mit notorisch antisemitischen Heimwehrführern verbündet, wie dem Herrn Starhemberg, der als Minister des Innern von den Juden als „Asiaten" spricht, und dem Herrn Dr. H u e b e r, der als Justizminister verblümt zum Pogrom aufreizt. Was aber weiterhin ein Starhemberg als Innenminister, ein Dr. Hueber als Justizminister für uns Juden bedeuten würde, darüber sind sich wohl alle im klaren. Es wäre dies das weitere Vordringen des hakenkreuzterischen Geistes in Justiz und Verwaltung. Die unter Führung Dr. S c h o b e r s gebildete Wahlgemeinschaft „Nationaler Wirtschaftsblock und Landbund" zählt zu ihren Mitgliedern neben der rassenantisemitischen groß deutschen Volkspartei, deren Programm den „Kampf gegen die Ueberfremdung durch das Judentum" predigt, die nationalsozialistische Gruppe Schulz, deren Wortführer die „Judenreinheit" dieser Wahlgemeinschaft als einen „Sieg desAntisemitismus" preisen. Trotz der Verehrung für die Person des Altbundeskanzlers und Polizeipräsidenten Dr. Schober können wir nicht für diese Wahlgemeinschaft stimmen, auch wenn sich bedauernswerterweise einige Juden dazu hergeben, einer in Wahrheit antisemitischen Liste Vorspann zu leisten. Angesichts dieser furchtbaren Gefahren, die uns Juden in kultureller und wirtschaftlicher Beziehung drohen, finden sich nun Glaubensgenossen, welche entgegen der Weisung ihrer eigenen zionistischen Organisation die Trennung der Juden von nichtjüdischen Mitbürgern aus eigenem in die Wege leiten wollen und sich auf Grund eines nationaljüdischen Programmes durch die Forderung nach Minderheitsrechten außerhalb des Rahmens unseres Staates und Volkes stellen woHen, nicht anders als. Hakenkreuzler und Rassenantisemiten, die dasselbe, wenn auch aus anderen Gründen, anstreben. Nur die Demokratische Mittelpartei verbürgt uns bürgerlichen Juden die Freiheit, die Gleichberechtigung, den Schutz unserer Ehre, unserer kulturellen und wirtschaftlichen Interessen. Mögen alle, die noch einen Funken jüdischen Empfindens besitzen, sich der Tragweite der Entscheidung bewußt werden, die sie am 9. November für sich selbst, für ihre Familie und alle ihre Glaubensgenossen fällen werden; mögen sie in jener Schicksalsstunde, in der sie an die Urne herantreten, dessen eingedenk sein, daß es die höchsten Güter zu verteidigen gilt: Ehre, Freiheit und Recht! 1 Feuilleton Mathieu Dreyfus. Eine Würdigung. Von Dr. Bruno Weil. Zum Zwecke der Würdigung des in diesen Tagen in Paris verstorbenen Mathieu Dreyfus haben wir uns an Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, den Verfasser des bekannten Dreyfus-Buches, der auch in Beziehungen freundschaftlicher Art zu Alfred Dreyfus und seiner ganzen Familie steht, gewandt und von ihm folgende Mitteilungen erhalten: Mit Mathieu Dreyfus ist eine der ganz großen Figuren der klassischen Dreyfus-Epoche dahingegangen. Ein Mann, der, von reinster Bruderliebe getrieben, für die Aufklärung des unseligen Justizirrtums sowiel wie irgend einer getan hat, der in stiller Bescheidenheit die Jahre seines Alters verbringend, durch die Heldenhaftigkeit seines schließlich erfolgreichen Kampfes den Anspruch erworben hat, künftigen Generationen als großes Vorbild zu dienen, und der unter die großen Juden Frankreichs ufld der Welt heute schon eingereiht werden darf. Als ich vor kurzem die gesamte Familie Dreyfus zu Tisch gebeten hatte, um zahlreiche erwiesene Aufmerksamkeiten in bescheidener Weise gutzumachen, schrieb mir Frau Lucie Dreyfus, die über alles bewundernswerte Frau des Obersten, daß alle anderen Familienmitglieder gern kämen, aber „mein Mann ist in diesem Augenblick ermüdet und infolge des ernsten Zustandes seines Bruders schlecht disponiert". Bei Tisch drehte sich die Unterhaltung besonders um Mathieu; aber auch seine nahen Verwandten dachten in diesem Augenblick nicht daran, daß er wenige Tage darauf das Zeitliche gesegnet haben würde. Um zwei Jahre älter als Alfred Dreyfus, war er von vier Brüdern der drittälteste, Alfred der jüngste. Als der Kapitän verhaftet wurde, legte Major du Paty deClam Frau Lucie ein Schweigegebot auf. Erst am letzten Oktobertage 1894 durfte sie wenigstens ihrer Familie die Verhaftung mitteilen. Mathieu, der in der väterlichen Fabrik in Mühlhausen tätig ist, kommt am Tage darauf, am 1. November 1894, in Paris an. Seine Schwägerin Lucie erwartet ihn am Bahnhof, und schon in diesem Augenblick setzte der Kampf der beiden, zuerst gegen die Anklage, dann gegen das Urteil, und schließlich um die Revision ein. Mathieu hatte selbst militärische Neigungen, wollte ursprünglich gleichfalls Offizier werden und liebte es besonders, mit den Kameraden seines Bruders zu verkehren. Er versucht, kaum in Paris angekommen, durch eine Unterredung mit dem untersuchungsführenden Offizier du Paty den schrecklichen Irrtum aufzuklären. Diesem schlägt er vor, eine Unterredung zuzulassen, die Mathieu unter vier Augen mit seinem Bruder haben wolle, wobei du Paty jedes Wort und jede Geste belauschen könne. „Mir wird er die Wahrheit sagen. Gibt er das Verbrechen zu, so werde ich selbst ihm die Pistole in die Hand drücken." Als trotz aller Bemühungen Dreyfus verurteilt wird, tröstet ihn einer der Sekretäre des Verteidigers Demange: „SiehabenlhrePflichtgetan." „Sie beginnt," antwortet Mathieu. Er gibt die Tätigkeit in Mühlhausen auf, zieht nach Paris. Am Vorabend der Degradation sieht er seinen Bruder einige Augenblicke und schwört ihm, daß er sein Leben, seine Existenz, sein Vermögen für die Suche nach dem Schuldigen aufwenden werde. Unermüdlich ist er tätig. Alle Pfade verfolgt er. Jede Spur wird von ihm nachgeprüft. Und auf wieviel falsche Fährten sucht man ihn zu locken — wieviel Fallen werden ihm gestellt! Die Familie beschließt, die Führung der ganzen Befreiungskampagne ihm anzuvertrauen. Aber mit seiner elsässischen Zähigkeit, die er, wie der Bruder, besitzt, mit seiner Menschenkenntnis und seiner größeren Erfahrung in den Dingen des täglichen Lebens weiß er auch abzuwarten. Als sehr bald nach der Verurteilung jüdische Schriftsteller Aufrufe vorbereiten und eine Revisionskampagne entfesseln wollen, wehrt er ab, weil er erkennt, daß Protestealleinnichtsnützen, daß materielle Tatsachen beschafft werden müssen. Er geht methodisch vor, verlangt zunächst von dem Verteidiger Demange die Akten, die an sich Eigentum des Klienten sind. Die Anwaltskammer beschließt, Demange die Herausgabe zu untersagen, da die Verhandlungen bei verschlossenen Türen stattgefunden haben. Er sucht Scheurer- Kestner, den Vizepräsidenten des Senats auf und gewinnt diesen wichtigen Mann. Er erfährt, daß sein Bruder auf Grund eines geheimen Schriftstücks verurteilt ist, das in das Beratungszimmer gebracht wurde. Mit der Kenntnis dieser Tatsache wird zum erstenmal die fest geschlossene Tür einen Spalt weit geöffnet. Er geht auf die Suche nach dem wirklichen Urheber des Bordereaus, dessentwegen Dreyfus verurteilt worden ist, vertraut Bernhard L a z a r e die Abfassung der ersten Druckschrift gegen das infamierende Urteil an, lanciert die falsche Nachricht eines Entweichungsversuches seines Bruders in die englische Presse und verschlimmert dadurch, ohne

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