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Die Wahrheit · 1930-10-31 · Heft 44 (31.10.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Arische Phantasien. un- Die „Deutschösterreichische Tageszeitung", das Organ des Herrn Dr. Hueber und des Fürsten Starhemberg, hat ihre Sensation. Was sind die lauten Reden des Justizministers, was die verschwiegenen des Innenministers gegen den „Notschrei eines Zionistenführers", der dieser Tage der ".,Dötz" auf den Schreibtisch flog. Hier stocken wir schon. Kam diese famose Zuschrift wirklich dem hakenkreuzlerischen Organ ins Haus oder ist nicht eher anzunehmen, daß sie im eigenen Hause fabriziert wurde? Wir können es verstehen, daß so manchen Zionistenführer der Zusammenbruch der Hoffnung auf Verwirklichung der zionistischen Idee vollkommen erschüttert hat, aber daß diese Erschütterung so weit gehen sollte, daß man Antisemiten zu Hilfe ruft, das ist doch wahrlich schwer anzunehmen. Wir wollen es doch nicht glauben, daß es Juden geben kann, die sich — selbst in höchster Verzweiflung — an jene wenden, die das Judentum mit Stumpf und Stil ausrotten möchten. Paßt der „Dötz" unsere Ungläubigkert nicht, dann muß sie schon die große Freundlichkeit haben, uns den Namen des Zionistenführers zu verraten, den sie bisher so geheimnisvoll verschwiegen hat. Oder sollte nicht der „Zionistenführer" den Mut haben, sein Anonym zu lüften? Aber nehmen wir einmal den „Notschrei" so ernst, als ihn die „Dötz" mit ihrer tiefgründigen Weisheit behandelt Sie befindet sich mit dem Zionistenführer auf einer Linie, ja sie geht noch über das, was er will, weit hinaus. Denn wenn die Zionisten nur die Einwanderung eines gewissen Teiles der Judenschaft in das Land ihrer Sehnsucht verlangen, verlangt die „Dötz" sehnsüchtig die Auswanderung aller 17 Millionen Juden nach einem Lande, das sich, da Palästina zu klein ist, schon irgendwo auf der Erde finden wird. Auf jeden Fall „müssen Mittel und Wege gefunden werden, einen jüdischen Staat, der alle heute in der Welt zerstreut lebenden Juden, anfänglich wenn nötig unter Zwang, aufzunehmen hat, zu errichten", sonst gibt es noch einen „Weltpogrom". „Mit der Stellung der Juden unter Fremdengeset z- .«rebung allein ist nichts gemacht", sagt die „Dötz", und deshalb hält sie die Ansicht des „Zionistenführers" für berechtigt, „daß jetzt der Augenblick gekommen ist, in dem Euer (der Antisemiten) Weg mit dem unserigen (der Zionisten) identisch sein kann". Und flugs hat die „Dötz" auch schon zwei Antworten zur Hand, in denen der Vorschlag des „Zionistenführers" mit Freuden, wenn auch mit Vorbehalten aufgegriffen wird. Ein Herr Dr. Hans Bleyer-Härtl will „Raum schaffen für die Idee „israelitisches Volk", „dann mag die Geschichte sagen: Der Haß der Deutschen hat die Judenfrage besser gelöst wie die schwächliche Liebe des Weltliberalismus". Ein gewisser „Panarius" (?), der die Juden heute auf mindestens 40 Millionen schätzt, weil er wahrscheinlich die vielen Millionen sich reinrassig wähnender Judenstämmlinge mitzählt, schlägt uns allen Ernstes Madagaskar als „das wahre Paradies eines Judenstaates" vor. Er schildert es uns in so lieblichen Farben, daß man versucht ist, seinen Mannen zu empfehlen, das Land mit dem „herrlich gesunden Klima" zu besetzen, damit sie dort von der Gefahr des anderen „Blutes" befreit, unreines Ariertum gut aufzüchten können. Die Befürchtung des „Panarius", er könnte für seinen kuriosen Vorschlag zum „Messias" erhoben werden, ist unbegründet, denn er hat Anrecht auf andere Titulaturen. Nein, verehrte „Dötz", wir verlassen uns lieber auch weiterhin auf die „schwächliche Liebe des Weltliberalismus", als daß wir dem „Haß der Deutschen" eine „Lösung der Judenfrage" verdanken sollen. Aus Haß kann nichts Gutes entstehen. Wir wissen ohnedies, daß unsere Feinde uns zum Teufel wünschen. Dazu brauchte die „Dötz" wahrlich nicht diese Komödie aufzuführen. Wir werten ihr Geschreibsel auch nur als Symptom, das die Juden allerdings an ihre Pflicht gemahnen soll, in Einigkeit zusammenzustehen und jetzt mehr denn je — unter Ausschaltung aller Nebenabsichten — jüdisch zu denken und jüdisch zu handeln. ■HtHIHWHHHIW MHllflWMlWllMtW Der Kampf geht weitet! Hauptvorstandssitzung Am 19. Oktober fand in Berlin die Hauptvorstandssitzung des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt, zu der die Mitglieder des Hauptvorstandes aus Berlin und aus allen Teilen des Reiches in großer Zahl erschienen waren. Lieber den Verlauf der Sitzung wird uns mitgeteilt: Jeder hatte das Herz voll, jeder wollte wissen, wie es am Rhein und an der Elbe, wie es in Ostpreußen und wie es in Schlesien nach den Wahlen aussieht. Allgemein wurde anerkannt, daß der C'enträlverein in den vergangenen Monaten sein Bestes getan hat. Der Centraiverein hat niemals vorgegeben, er könne den Nationalsozialismus überwinden, sondern er hat stets erklärt, daß diese Arbeit Sache der politischen Parteien sei, die die Gefahr der nationalsozialistischen Hochflut verspätet erkannt und allzu optimistisch eingeschätzt hatte. In den Referaten, die Rechtsanwalt Dr. K e h r (Kaiserslautern), Landtagsabgeordneter Justizrat Falk (Köln) und Dr. Alfred Wiener, Syndikus des Centraivereins, hielten, trat klar zutage, daß es auch in Zukunft nicht Aufgabe des Centraivereins sein könne, den Nationalsozialismus als politische Gesamterscheinung zu bekämpfen, daß er sich vielmehr im wesentlichen nur mit den jugengegnerischen Anschauungen und Ausschreitungen dieser Parteien, wie mit dem völkischen Gedanken überhaupt, abwehrend und aufklärend auseinanderzusetzen habe. Dabei wurde die Notwendigkeit betont, daß man sich bei dieser Aufklärungsarbeit weit stärker als bisher des gesprochenen Wortes, der Aufklärung von Mund zu Mund, zu bedienen habe und in jeder Form taktvoll versuchen muß, mit dem nichtjüdischen Teil der deutschen Bevölkerung Verbindungen herzustellen; in Privathäusern, wie in öffentlichen Veranstaltungen wird das Judentum so darzustellen sein, wie es in Wirklichkeit ist, um den falschen Behauptungen entgegenzuwirken, die die Radauzeitungen und oft des Central-Verems. auch wissenschaftliche Magazine, Versammlungsredner und leider auch Gelehrte aufzustellen wagen. In dem Referat Wieners wurde besonders darauf hingewiesen, daß in dem Mittelpunkt aller Diskussionen nicht nur für den Nationalsozialismus, sondern für alle nichtjüdischen Deutschen die Frage stehe: Ist der Jude Angehöriger des deutschen Volkes oder Anhänger einer eigenen politischen Nation? Wenn auch die deutschen. Juden nicht nötig hätten, ihre deutsche Gesinnung irgendwie auf öffentlichem Markte auszustellen, so sei es eine übertriebene Zurückhaltung, wenn sie in vaterländischen Fragen — oft aus allzu großem Takte, nicht etwa aus Mangel an Gesinnung — geschwiegen hätten. Zu solchen Fragen, wo erforderlich, Stellung zu nehmen, sei zugleich ein Gebot der Ueberzeugung und nicht minder ein Grundsatz der Aufklärungsarbeit Dr. Wiener wies am Schlüsse seiner Rede darauf hin, daß in dieser Zeit — besonders bei der Jugend — die Tat das Entscheidende sei. Der Echt^PenerleDpiche durchwegs Künstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER MÖBELHEIM Inh. JULIUS GÖTZL Händig, beeid. Sicbv. n. Schatzmeister IV.,SCHLElFMÜHLGASSE1a TELEPHON B 24-1-62 billigst abgegeben; daselbst sind auch elegante Schlaf- und Speisezimmer, Herrenzimmer, teils neu. teils gebraucht, zu verkaufen. flÜMLRflb HERRENnObE WIEN II., PRflTERSTR. TELEFON R 49-4-99 39 deutsche Wille der deutschen Juden werde sicft durchsetzen und werde allmählich in der deutschen Jugend doch das Bewußtsein erwecken, daß die deutschen Juden zwangsläufig und unentrinnbar zum deutschen Volke gehören. Das zweite wichtige Gebiet, zu dem der Hauptvorstand Stellung zu nehmen hatte, war die Frage der jüdischen Wahlen. Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) und Rechtsanwalt Kurt Alexander (Krefeld) gaben ein Bild der Lage im Hinblick auf die Ende November stattfindenden jüdischen Wahlen. Heinrich Stern wies besonders auf die richtunggebenden Verhältnisse in der Berliner Gemeinde hin. Dr. Alexander beschäftigte sich mit den Verhältnissen in ganz Preußen. Beide Redner äußerten, von der Versammlung einmütig und lebhaft unterstützt, den dringenden Wunsch, jüdische Wahlen in der Gegenwart unbedingt zu vermeiden. Die deutsche Sorge sei so groß, daß inner jüdische Fragen im Augenblick zurückzutreten hätten. Der Hauptvorstand faßte einstimmig einen dahin gehenden Beschluß. Dr. Ismar Freund und Justizrat Dr. Julius Brodnitz behandelten die Frage „Gemeinden und Abweh r". Dr. Ismar Freund legte zu diesem Punkte interessante und wertvolle Richtlinien vor. Justizrat Brodnitz teilte den Stand der Verhandlungen und der Zusammenarbeit mit Einmütig wurde sein Standpunkt gebilligt, daß man sich dauernd in Fühlung mit den interessierten Organisationen halten und in jede dargebotene Hand gern einschlagen müsse. Die Freundschen Richtlinien wurden allgemein als wertvoll anerkannt, aber, als den Ereignissen vorauseilend, nicht angenommen. Ergebnisse der Tagung, der eine Arbeitsausschußsitzung des Hauptvorstandes folgte, waren eine Ueberprüfung und Verbesserung der alten Arbeitsmethoden und die Erkenntnis, daß umfassende Aufklärung über Juden und Judentum in verstärktem Maße erfolgen müsse. So bleibt als Gesamteindruck der feste Wille, keine Beleidigungen und Verkennungen des Judentums hinzunehmen und alles bis zum Letzten für die Ehre des Judentums, einzusetzen, ohne sich aber in diesen ernsten Zeiten in seinem deutschen Gefühl erschüttern zu lassen. Ein jüdischer Steidle. Der Wahlkampf zeitigt ganz eigenartige Erscheinungen. Da wird m dem Organ des Herrn Jakob Lippowitz von einem in weitesten jüdischen Kreisen völlig unbekannten Herrn Leo Berger für eine zu gründende „Jüdische Heimatwehr" Propaganda gemacht. Das hat uns noch gefehlt. Es ist recht bezeichnend, daß, so wenig ernst diese Gründung genommen werden kann, Herr Lippowitz einem solchen Mißbrauch der wirklichen Heimattreue der österreichischen Juden die Spalten seines Blattes öffnet Es ist doch auch ihm, so einseitig er auch eingestellt sein mag, bekannt daß die Juden, die ihr österreichisches Vaterland lieben, nichts von Legionen, Uniformen und Waffen wissen wollen, daß die wahrlich hehnattreuen Juden nur mit geistigen Waffen kämpfen wollen, um den Sieg der Heimattreue zu erringen. Herr Berger ist stolz darauf, daß Bundeskanzler Vaugoin seine Schützenhilfe dankend akzeptierte. Nun möge er sich auch bemühen, daß Starhemberg und Hueber das Ehrenpräsidium dieser famosen „Verbandslegion" übernehmen. Wir gratulieren im Vorhinein! Diplomierter Kapellmeister KURT FUCHSGELB Absolvent der Wiener Staatsakademie and der Hochschule für Musik, auch Ssevcikschuler, erteilt Unterricht in Violine und den theoretischen Fächern und übernimmt Korrepetitionen und Kanunennusik. Wien F.. Schottenring 25. Tel. U 28-6-35

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