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Die Wahrheit · 1930-10-31 · Heft 44 (31.10.1930) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seife 4 wahre Gesinnung nicht und sprechen so, wie ihnen wirklich ums Herz ist. : §o fand im Gasthaus „Zur deutschen Eich e" in Döbling letzten Dienstag abends eine .Versammlung der N a t i o n a 1 s o z i a 1 i s t e n der Richtung Schulz—Gattermayer statt, die bekanntlich dem Schober-Block angehören. Der hakenkreuzlerische Schober-Kandidat Haiis Wagner beschäftigte sich, mit der Wirtschaft bei den Bundesbahnen und erklärte, die Nationalsozialisten „österreichischer Prägung" (die Schwester-Organisation der Hitler-rHakenkreuzler) seien dem Schober-Block beigetreten, weil sie wegen des geltenden Wahlrechtes allein nicht mit Aussicht auf Erfolg in den Wahlkampf eingreifen können. Der Eintritt in den Schober-Block sei ihnen nicht schwer gemacht worden, denn in diesem Block gebe es nur nationale Parteien. Daß Römlinge und Juden ferngehalten wurden, sei ein Sieg des Antisemitismus. Zu Schober habe Redner volles Vertrauen, denn er werde als korrekter Beamter der nationalen Idee dienen. Hierauf sprach der aus den Krawallen gegen den Zionistenkongreß bekannte Parteiobmann der österreichischen Hakenkreuzler Schulz. Er erklärte, man dürfe den Nationalsozialisten keinen Vorwurf machen, daß sie dem Schober-Block beigetreten sind, denn dieser Block sei judenrein. Und wenn jetzt die Nationalsozialisten der Hitler-Richtung kommen und sagen, wir wären nicht antisemitisch genug, so ist das eine Unwahrheit. Wir haben, sagte der Redner, im Schober- Block Juden nicht geduldet und die Idee des Antisemitismus hat gesiegt „Sieg des Antisemitismus", so verkündet triumphierend Herr Schulz, der Mann, der wegen seiner Judenhetze bereits vor Gericht stand und nun hinter Schober, dem Mann der Gerechtigkeit, steht. Wahrlich hier ist eine gute Sache diskreditiert worden! Anderwärts freilich, — im zweiten Bezirke — werden, um Judenstimmen einzulangen, ganz andere Töne angeschlagen. So hat — nach einem Berichte der „Neuen Freien Presse" — Redakteur Dr. Hans Naderer in einer fast durchwegs von jüdischen Wählern besuchten Leopoldstädter Versammlung des Schober-Blockes seinen Zuhörern versichert: „Schober und der ganze Block stehen auf dem Boden des Rechtes und der Ordnung und werden daher selbstverständlich auch die Rechte der Juden niemals antasten." Das soll Herr Dr. Naderer wagen, in den Versammlungen der Herren Schulz und W a g n e r zu sagen, und nicht den Leopoldstädter Juden derartige Märchen auftischen. Seine Aufklärungen wurden auch nicht, wie der in der Pressestelle des Schober-Blockes entstandene Versammlungsbericht weismachen will, mit „lebhaftem Beifall", sondern mit berech- Sott mit dem negativen ttadibaHsmusl giiT (Ruhe und Ordnung! Süt Wirtschaft und Stemoteatiel tigten, laut geäußerten Zweifeln entgegengenommen. Herr Dr. Naderer, der nun hinter Schober im Wahlkreis Nordost als erster kandidiert, ist uns nicht unbekannt. Bei den letzten Nationalratswahlen trat er als Wahlwerber bei der Demokratischen Partei auf, also bei jener Partei, an der er — nach obigem Bericht — kein gutes Haar läßt. Damals erschien er plötzlich vor den Wahlen — wahrscheinlich wie jetzt bei Dr. Schober — als Vertreter einer Angestelltenpartei, um auf die Liste der damaligen Wahlgemeinschaft als Kandidat gesetzt zu werden. Er wird am besten wissen, wie wenige Stimmen er der Wahlgemeinschaft damals Vom geschichtsphilosophischen Standpunkt betrachtet Schwarz den großen Spinoza als einen Mann, der praktisch seiner eigenen Theorie zuwidergehandelt hat. Wenn dieser in seinem theologisch-politischem Traktat die Aufgabe des Menschen in der Zügelung seiner Leidenschaften sieht, so sei er gar nicht mit gutem Beispiel vorangegangen. Er habe vielmehr mit „echt jüdischem" Temperament und Trotz seinem Volke heimgezahlt, was es ihm angetan hatte. Als leuchtendes Vorbild jüdischer Genialität erscheint dem Wiener Rektor über alle Maßen Maimonides, der große Synthetiker altjüdischer Tradition mit größter Bildung seiner Zeit Besonders für den „Mischneh- Thora", jene grandios angelegte Systematik, schwärmt geradezu der exakte Logiker Schwarz in seinem anläßlich des siebenhundertjährigen Todestages Maimunis 1905 veröffentlichten gleichnamigen Werke. Rektor Schwarz, der im 84. Lebensjahre steht unbeirrt und rüstig zäher Forscherarbeit obliegt hält täglich in den frühesten Morgenstunden seine Talmud-, Dezisoren- und homiletischen Vorlesungen. Mit scharfem Blick überschaut er den großen Folianten sowie seine Hörerschar. Groß ist die Zahl seiner Jünger, die bereits auf ein segensreiches Wirken zurückblicken können. So sind Prof. Dr. V. Aptowftzer, Dr. Landau (Johannesburg), Prof. Dr. Schorr (Warschau), Harry Torczyner (Berlin) u. a. Schüler der Wiener israelitischtheologischen Lehranstalt Oberrabbiner Professor Dr. Z. P. Chajes s. A. war einer seiner besten und geliebtesten Schüler. Noch erinnert sich das jüdische Wien jener herzergreifenden Rede des Hofrates Schwarz an der Bahre dieses seines unvergeßlichen Jüngers. Im Jahre 1917 wurde der hervorragende Rektor anläßlich seines siebzigsten Geburtstages seitens der Regierung mit dem Hofratstitel ausgezeichnet; zugleich erschien damals eine ihm gewidmete Festschrift an der die bedeutendsten Wissenschaftler der gegenwärtigen jüdischen Literatur mitgearbeitet haben. Schwarz bekennt sich hn kulturellen Sinne zur jüdischen Renaissancebe,wegung. Er sieht im künftigen Erez Israel das religiöse Kulturzentrum für die vollkommene Wiederbelebung jüdischen Geisteslebens. Ein zukünftiges Synhedrion im Lande unserer Väter wäre nach seinem heißen Streben jene ersehnte Instanz, die wiederum Lebensregulator jüdischer Wirklichkeit werden sollte. Seine zahlreichen Schüler und Hörer, die gesamte jüdische Studentenschaft Wiens und mit ihnen die große jüdische Oeffentlichkeit gratulieren dem „Wiener Gaon" Hpfrat Rektor Professor Dr. Adolf Schwarz zu seinem 75. Lehrsemester. Möge uns seine für Judentum und Judenheit überaus ersprießliche Arbeit recht viele, lange Jahre erhalten bleiben und jene Früchte zeitigen, die er zu schaffen bestrebt ist. Josef Babad. zuführte. Dr. Naderer steht es demnach schlecht an, die demokratische Mittelpartei zu vernadero, sie hätte bei der letzten Wahl nur etwas mehr als 15.000 Stimmen aufgebracht. Wir wissen wohl, warum der Schober-Kandidat die damals unter den schwierigsten Verhältnissen erzielte Wahlziffer der Demokratischen Partei anführt Er will Stimmungsmache betreiben, genauer Mißtrauen gegen die Demokratische Mittelpartei erzeugen, deren diesmalige Kandidatur als aussichtslos hingestellt werden soll. Damit stößt er in dasselbe Propagandahorn wie andere Parteien. Die Juden sollen flau gemacht werden. Weil diese Herren wissen, daß tausende und abertausende Bürger dieser Stadt das Programm und die Haltung der Demokratischen Mittelpartei billigen und in ihr den besten Schutz gegen Uebergriffe von rechts und links erblicken, weil sie fürchten, es könnte diesmal die wahre Einstellung der Juden am Wahltage zum Ausdruck kommen, bemühen sie sich — hoffentlich vergebens — die Kandidatur der Demokratischen Mittelpartei als aussichtslos hinzustellen. Und diese wahre Einstellung wird allerdings nur dann sichtbar zum Ausdruck gelangen, wenn derartige Mätzchen der Parteiagitatoren der verschiedensten Couleur an dem gesunden Verstand und an dem ehrlichen Charakter der bürgerlich eingestellten Juden scheitern werden, wenn sich jeder Jude nur von seiner Gesinnung und nicht von wahltechnischen Berechnungen bei der Stimmabgabe leiten läßt. *********** äAääAäiAäkäiääääA Der ren - n&0-S ebne t f e r c 1 Wien II.. 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