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Die Wahrheit · 1930-10-31 · Heft 44 (31.10.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Wenn er dieser seiner Gehässigkeit als Notar öffentlich Ausdruckverlieh, so konnte schon dies uns Juden nicht gleichgültig sein, denn wir können wohl als Staatsbürger mit vollem Recht verlangen, daß ein Maiin, der eine solche öffentlich-rechtliche Stellung bekleidet, auch weiß, was Gesetz und Recht verlangt. Wenn nun der neue Herr Justizminister Dr. Hueber gar glaubt, den Geist von Mattsee in jenes oberste Amt des Rechtes einziehen lassen zu können, in dem Männer wie Glaser, Klein und Ungar einst zum Ruhme unseres Staates und seiner Justiz wirkten, so müssen wir rechtzeitig unsere Stimme gegen die Bedrohung des Judentums und seiner Bekenner erheben. Wir haben noch nicht gehört daß Herr Dr. Hueber in der Zeit seiner bisherigen Amtstätigkeit irgend eine besondere Leistung in dem ihm zugewiesenen Ressort vollbracht hatte. Aber wir wissen seit einigen Tagen, daß er auch in seiner neuen Eigenschaft seine alte Gesinnung betätigen will. Herr Justizminister, das gehört nicht mehr in Ihr Ressort, und wenn Sie in dieser Weise mit der „Arbeit" fortzufahren gedenken, dann kann Ihnen mit Recht der Vorwurf gemacht werden, daß Sie die Rücksichten auf Ihr Amt vollständig außer acht lassen! Innerhalb weniger Tage hat Herr Justizminister Dr. Hueber mehrere Male gesprochen. Er will auf diese Weise anscheinend die sehr auffällige Zurückhaltung seines Regierungskollegen und Gesinnungsgenossen Fürsten Starhemberg wettmachen, den seine von Dr. Seipel anerkannte „grüblerische Natur" eifrig, aber reserviert über Probleme grübeln läßt, über die Hueber offen redet Herr Dr. Hueber hat aber gesprochen, wie ein Justizminister eines Kulturlandes nicht sprechen darf, soll nicht die Achtung des Auslandes vor diesem Lande vollkommen schwinden. Noch ist nicht die Empörung über die Rede des Herrn Justizministers verklungen, in der er sich seiner persönlichen Verhandlungen mit Hitler rühmte und feststellte, daß in der Judenfrage die Heimwehren dem Programm der Nationalsozialisten sehr nahe gekommen sind, und schon ließ er sich in Salzburg wie folgt vernehmen: „In rassenpolitischer Hinsicht wird fremdes Blut und fremde Führerschaft, wie sie sich heute in den Kreisen der Marxisten breitgemacht hat. abgelehnt Die Heimatwehr vertritt ganz selbstverständlich die Ansicht daß das deutsche Volk seine Führer nicht bei den Asiaten, sondern beim deutschen Blut zu finden hat" In diesen Blättern ist wiederholt die Ansicht, vertreten worden, daß es nicht angängig ist, wenn gerade Juden in der vordersten Front radikaler Parteien stehen. Von, diesem Gesichtspunkte ausgehend, haben wir es oftmals schon bemängelt daß sich bei der Sozialdemokratie Juden — meistens konfessionslose— an führenden Stellen einer Politik befleißigen, die den Widerspruch der christlichen Bevölkerung herausfordert. Aber diese unsere von Rücksichten auf das schwen bedrohte Judentum diktierte Einstellung hat nichts damit zu tun, daß es jedem österreichischen Juden freistellen muß, sich seiner Gesinnung entsprechend einzustellen und dort...— ob führend oder bescheiden mitgehend — &>litisch zu arbeiten, wo er glaubt Mnzugehören. JDieses Recht lassen wir uns. von niemandem streitig machen, am wenigsten von dem derzeitigen Stüter des Rechtes, der es für gut findet von „Asiaten" zu sprechen. Er kann uns nicht weismachen, daß er, über die verhaßte Sozialdemokratie hinausgehend, uns nicht überhaupt von jeder politischen Betätigung ausgeschaltet sehen möchte. Das hat er übrigens klar und deutlich in einer Versammlung des Freikorps Starhemberg in Währing zum Ausdrucke gebracht Dort hat er unter tosender Zustimmung^Seiner Anhänger eine Erklärung abgegeben, die'sFir am liebsten aus Schamgefühl und Vaterlandsliebe verschwiegen hätten, wenn sie nicht bereits in die Oeffentlichkeit gedrungen wäre. Also sprach Dr. Hueber beim Freikorps Starhemberg: . y * y : „Wenn man die Ordnung mit den bisherigen Methoden nicht erreichen kann, dann wird man auch vor den.äußersten Mitteln nicht zurückschrecken dürfen. (Beifall. Rufe: Die Juden müssen aus: Oesterreich hinaus!) Gewiß, ich glaube auch, daß man das deutsche Volk von diesem Fremdkörper befreien muß. Aber ich kann Ihnen nicht empfehlen, die Juden aufzuhängen, ihnen die Fensterscheiben einzuschlagen oder die Auslagen auszuräumen. Fürst Starhemberg und ich sitzen ia in der Regierung, ich bin noch dazu Justizminister und kann Ihnen daher einen solchen Rat nicht geben; Aber wir verlangen, daß die nicht reinrassigen Elemente aus dem öffentlichen Lebten Oesterreichs ent- »■■■—■■■■MWlMMMMMlWMlMMlMMMMMIMMIlMMmMMilMHIliMmMI ..: lernt werden., denn das deutsche Volk kann seine Geschicke selbst lenken." So spricht der Mann, dem die Wahrung des Rechtes und der Unabhängigkeit der Gerichte anvertraut ist Er hält sich „vorsichtig" zurück, denn sein hohes Amt verhindert ihn, direkt zum Pogrom aufzureizen. Aber wer zu lesen versteht der weiß,, was der Herr Notar aus Mattsee wihV und wir sind überzeugt seine Mannen haben ihn festlös verstanden. Sie wissen, was nun ihre Aufgäbe ist, und sie werden bei passender Gelegenheit sich der Worte ihres Führers, des Justizministers dieses Staates, erinnern und danach handeln, ohne Furcht vor Strafe, denn' der Mann, der sie aufrief, ist. ja —'ein Mann der Gerechtigkeit. Herrlich weit haben wir es in Oesterreich gebracht. Vaugoin," der Christlichsoziale, der nun die Juden umschmeichelt, hat für das verantwortungsvolle Amt des Hüters der Gerechtigkeit in diesem Stakte einen Metischen für würdig befunden, der Judenhetzer im wahrsten Sinne des Wortes, ist Soll seine Hetze nicht reiche Früchte tragen,: soll Oesterreich nicht in den Verruf eines Staates kommen, in dem das Unrecht Orgien feiert dann muß von kompetenter Seite alles unternommen werden, um diesem zügellosen Treiben zu begegnen. O. H. UFA-TON-KINO Iii T a borilril« Telephon R 41-2-41 Wien II., Afrika spricht zu Ihnen! Der erste deutsche Ten- und Sprech- Expeditlonsfllm der Ufa Am l„ü der Sahara (Das Land ohne Schaffen) Hauptdarsteller der Spie handlung: Harry Frank,. Leni Sponholz Expeditionsleitung: Dr. M. Rikli Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn, und Feiertagen ab 3 Uhr Antisemitischer Sieg im Schober-Block. Unter allen wahlwerbenden Parteien betreibt neben den Sozialdemokraten . der Schober-Block gegenwärtig'die stärkste Propaganda. Altbundeskanzler Dr. Hans Schober reist im ganzen Lande herum, um Stimmung für seine Wahlgemeinschaft zu machen. Inzwischen dürfen seine Mannen, in deren schlechte Gesellschaft er sich da begeben hat, nicht müßig bleiben und berufen Versammlungen ein, in denen je nach den Bedürfnissen des betreffenden Ortes vefschieden eingestellte Redner auftreten. Bei Betrachtung dieser gewöhnlich recht schwach besuchten Versammlungen ergibt; sich von unserem Standpunkte ein ganz merkwürdiges Bild. Wahrend die hinter Schober stehenden Wahlwerber in Bezirken, in denen die jüdische Wählerschaft zahlreicher ist, in Philosemitismus machen, verleugnen in anderen mehr „arischen" Bezirken und insbesondere in der Provinz Schobers Trabanten ihre Feuilleton Hof rat Dr. Adolf Schwarz. Zum 75. Lehrseinester des Rektors der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt Mit der Eröffnung der diesjährigen Wintervorlesungen am Wiener Rabbinerseminar feierte der von der wissenschaftlichen Welt als größter moderner Talmudkenner anerkannte Hofrat Rektor Schwarz sein 75. Lehrsemester. Seine zahlreichen Schüler bereiteten aus diesem Anlasse ihrem hochgeschätzten und beliebten Rektor stürmisch-herzliche Ovationen. Es dürften daher einige Daten über den Werdegang dieser markanten jüdischen Persönlichkeit, die hoch erhaben aus dem Wirrwarr der auch geistig düsteren Verhältnisse unserer Zeit emporragt von geschichtlichem Interesse sein. Adolf Schwarz wurde im Jahre 1846 in Adasz- Tevel, in der Nähe von Papa, in Ungarn geboren. Schon in frühester Jugend genoß er den gediegenen altjüdischen Unterricht in Bibel und Talmud, den ihm hauptsächlich sein Vater, ein bedeutender Rabbiner, erteilte. Nach Absolvierung seiner Gymnasialstudien in Papa zog Schwarz nach Wien, wo er an der Universität Philosophie inskribierte. Zugleich besuchte er die Vorlesungen Jeälineks und I. H. Weiß' am Wiener Beth-ha-Midrasch. 1867 trat er ins jüdisch-theologische Seminar zu Breslau ein; auch setzte er seine philosophischen Studien an der dortigen Universität fort 1870, bzw. 1872, also im Alter von 24 Jahren, veröffentlichte Schwarz seine ersteh' zwei Preisarbeiteh, „Ueber Jakobis oppositionelle Stellung zu Kant Fichte und Sendling" und „Ueber das jüdische Kalehderwesen", in welch letzterer er erstmalig aus der Bibel selber den Nachweis erbrachte, daß erst mit dem Auftreten Mosis";bei den Israeliten das Mondjahr in Erscheinung^ trat, bis dahin aber das Sonnenjahr seine Geltung hatte. Nach Beendigung seiner Studien in Breslau — er war ein Schüler Zacharias Frankls wurde er als Professor an die Budapester Landesrabbinerschule berufen. Da sich aber die Eröffnung dieses Institutes verzögerte,- nahm Schwärz die Einladung an, als „Stadt- und Konferehzrabbiner" in der Gemeinde Karlsruhe tätig zuv sein. Achtzehn Jahre lang wirkte er daselbst in vorbildlicher Weise als Rabbiner' und hervorragender Prediger — seine meisterhaften Homflien sind in mehreren Bänden in Druck erschienen —, bis er im Jahre 1893 nach WTien als Rektor der neugegründeten israelitisch- .theologischen Lehranstalt berufen wurde. Hier wirkt Rektor Schwarz im Sinne eines .wahren Resch-Methiwta für die Ausbildung junger Rabbiner und Lehrer. Urwüchsige traditionelle Liebe und Begeisterung für den Ideengehalt des Judentums, gepaart mit streng wissenschaftlicher Methode, machen ihn insbesondere auf dem Gebiete des Talmudstudiums zum einzigartigen Bahnbrecher jüdischen Geisteslebens. Durch seine wissenschaftiieh-hermeneutischen Forschungen ist Schwarz der „Baal Higajon", der Logiker kathexoehen. Seine Verdienste um die wissenschaftliche" Beleuchtung der i3 Interpretationsregeln des Rabbi Ismael — der sogenannten Middoth!,— haben epochale Perspektiven geschaffen, vermittels welcher wir so manche Unklarheiten alter. £xegetep beheben können. .Von .großer Bedeutung ist hierbei sein unwiderlegbarer Beweis vom , enthymematischen Denken des Juden, welches er in unserer jüdischen; Mentalität begründet. sieht. So seien auch die vielen „Chassure-Mechassra" des babylonischen Talmud zu erklären.. Auch das induktive Schließen ist nach Schwarz.ein spezifisches Merkmal jüdisch e n. Denkens, worin uns neuestens die, Engländer nahestehen. Darnach geht der Jude vom Besonderen zum Allgemeinen. Letzteres wiederum bildet ein Besonderes für den Schluß zu einem neuen Allgemeinen und in diesem Sinne 'fortfahrend, müsse man endlich zum obersten Allgemeinen, der über. alles Irdische gebietenden Allmacht gelangen. So kommt Schwarzauch durch seine logischen Untersuchungen zur religionsphilosophischen Erkenntnis der jüdischen Gottesidee. In seinem Hexateuch wissenschaftiieh-hermeneutischer Forschungen'weist Schwarz nach, daß wir Juden keineswegs bei den Griechen in die Schule gingen, sondern daß wir vielmehr z. B. lange vor Aristoteles den syllogistischen Schluß als „Kol Wechomer" in Anwendung brachten. Eine bahnbrechende Richtung schlägt er auch durch seine neue" Tösifta-Ausgabe' in seinem rlegion-Arje- Kommentar ein. *

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