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Die Wahrheit · 1930-10-24 · Heft 43 (24.10.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 43 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Jungen teilnehmen sollten. Es war eine schwere Enttäuschung, die mir in dieser jüdischen Versammlung am Abend jenes Tages, der uns die erschütternde Nachricht über Palästina brachte, bereitet wurde. Mit keinem Worte wurde von den Rednern, Oberbaurat Stricker und Dr. Plaschkes, diese Ereignisse gestreift. Man ging darüber zur Tagesordnung hinweg, die aus einer Beschimpfung der gegnerischen Parteien bestand. Merken die Herren denn nicht, welche Sünde sie am Judentum und insbesondere an der jüdischen Jugend besehen, wenn sie in solchen Zeiten Parteikämpfe für wichtiger halten als die unumwundene Besprechung jener Fragen, die uns in einer jüdischen Versammlung gerade an einem solchen Tage vor allem am Herzen liegen sollten. Wenn Stricker gesagt hat, daß ihn am meisten der Vorwurf kränkt, daß seine Kandidatur als eine aussichtslose betrachtet wird, so muß ich gleich vielen, die jener Versammlung beiwohnten und mit mir eines Sinnes waren, erklären, daß es kein Unglück ist, wenn diese Kandidatur wirklich aussichtslos ist, denn Juden, die über eine jüdische Frage absichtlich schweigen, sind wohl kaum berufen, wahrhaft jüdische Interessen mit Energie zu vertreten. Friedhofschändung in Leoben. Die Chewra Kadischa Leoben berichtet uns, daß Leoben seit einigen Tagen der Schauplatz wüster Hakenkreuzexzesse ist Nun haben die Exzesse in einer Friedhofschändung ihre würdige Fortsetzung bekommen. In der Nacht vom 20. auf den 21. d. M. wurden die auf der Vorderseite der im Jahre 1929 eingeweihten neuen Zeremonienhalle in einer Höhe von vier Metern angebrachten nebräischen Metallbuchstaben entwendet Die Leitung der Chewra Kadischa hat die Anzeige sofort erstattet und sind von der Polizei bereits die notwendigen Erhebungen in die Wege geleitet worden. Wahrheiten vom (Tage Die Botschaft hört man wohl . . . Der neue rumänische Ministerpräsident M i r onesc« hielt bei einem Presse-Tee, an dem alle in- und ausländischen Pressevertreter teilnahmen, die erste Rede als Regierungschef. Er erklärte, die neue Regierung sei keine provisorische Regierung, wie einzelne Blätter behauptet haben; sein Kabinett genieße das volle Vertrauen des Königs und des Parlaments. Mironescu entwickelte das Programm der neuen Regierung und führte mit Bezug auf die Juden aus: Die jüdische Minderheit ist die älteste Minderheit in Rumänien, wir haben daher ein besonderes Interesse daran, daß sich die Juden in unserem Lande wohl fühlen. Wir werden alles tun, um die Rechte der Juden zu verteidigen und sie gegen Agitation und Ausschreitungen zu schützen. Wir werden die strengsten Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung treffen und mit aller Schärfe geg«n antisemitische Ruhestörer vorgehen. Wir betrachten die Minderheiten nicht als Feinde, sondern als Bürger, denen wir das Wohnen in Rumänien so angenehm als möglich machen müssen. Thomas Mann und die Nationalsozialisten. Die Exzesse einer Gruppe von Nationalsozialisten, die unter Führung des Schriftstellers Arnolt Bronnen einen Vortrag von Thomas Mann zu stören versuchten, haben die „Berliner Morgenpost" veranlaßt, Thomas Mann über seine Stellung zum Nationalsozialismus zu befragen. Der berühmte Schriftsteller führte aus: Ich habe in meinem Vortrage im Beethovensaal versucht, eine Psychologie des Nationalsozialismus zu geben und die geistige Entstehung dieser Bewegung aufzuzeigen. Der Nationalsozialismus hat zweifellos als eine weltanschauliche Strömung, die man in zahlreichen Lindern beobachten kann, eine gewisse Bedeutung. Die Nationalsozialisten als Partei halte ich für einen Spuk, der bald vergehen wird. Die Furcht vor den Berns- »H Dneitiier nur I* Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt IMR-UN10N yiKiu»mwia 6 teLB20HS Nationalsozialisten ist übertrieben und unnötig. Das Bürgertum darf sich nicht unterwerfen. Der nationalsozialistische Wahlerfolg, der auf sehr komplizierte Motive zurückgeht, kann bereits in einem Jahr verweht und zerstoben sein, da es sich bei den Wählern fast ausschließlich um Z u f a 11 s'a n h ä n g e r handelt. Von ihren italienischen Freunden unterscheiden sich die deutschen Nationalsozialisten durch ihre unerhörte Ungeistigkeit. Ich mag auch Mussolini nicht leiden, aber er ist doch ein Halbgott gegen Herrn Hitler. Mussolini weiß doch wenigstens etwas von der Welt. Im weiteren Verlauf des Interviews erklärte Thomas Mann, daß die Störungen bei seinem Vortrag nicht so sehr politischen Gegensätzen wie dem privaten Rachebedürfnis von Herrn Arnolt Bronnen entsprungen sind. Thomas Mann hat nämlich in der Zeitschrift „Die Justiz" Bronnen so schart charakterisiert, daß er eigentlich hätte klagen müssen. Das hat er aber nicht getan. Die Ouittung auf den Angriff von Thomas Mann war, daß Bronnen mit seinen Nationalsozialisten den Versuch machte, den Vortrag zu stören. Das gelang ihm aber nicht, weil das Gros des Publikums sich das Benehmen Bronnens und seiner Leute nicht geiallen ließ. Zu bemerken ist noch, daß Arnolt Bronnen, der sich als einer der geistigen Führer des Nationalsozialismus aufspielt, ein Sohn des Wiener Schriftsteller und Lehrers Bronner, eines Juden, und einer Nichtjüdin ist. Jüdi§dkeihtentafeh London. Am 10. Oktober feierte Lord Reading den 70. Geburtstag.-Alle englischen Zeitungen ohne Unterschied der Parteirichtungen brachten lange Artikel zur Geburtstagsfeier. RufusDaniellsaacs, so hieß er ursprünglich, war der Sohn eines jüdischen Händlers in der City. Er entlief der Schule und als Schiffsjunge entzog er sich jedem Versuch zur Erziehung. Nach einer abenteuerlichen Zeit sah man ihn wieder auf dem Bürostuhl seines Vaters. Er wurde Börsenmakler, endete aber in diesem Beruf mit einem Bankerott. Nach einigen Jahren äußerster Energie tauchte er am Barreau auf. Er wurde der gesuchteste Advokat, besonders führte er die Strafprozesse mit großem Erfolg. Die Schulden konnten in kürzester Zeit abbezahlt werden. 1904 wurde er von den Liberalen ins Parlament gewählt, dem er ,...••.••«•••«•••••■••■■•■••••«•••■••«■•■■■■■••■■■■•»■■■■••■■■■•■••■■•» j BebSrdl. artor. Häuseradministration j {ADOLF KRALL! i IV., Schleifmühlgasse 11 j Talsphon B 28-1-46; } empfiehlt sich zur Über- : I nähme von Verwaltungen j : Erstklassige Referenzen | bis 1913 angehörte. 1913 wurde er Lord Chief Justice (Präsident des obersten Gerichtshofes). Bei Ausbruch des Krieges zeigte er sein volles diplomatisches und finanzielles Genie. Er war der Mitarbeiter von Lloyd George im Schatzamt am Anfang des Krieges und es gelang ihm, die Gelder für die Kriegsführung in Amerika zu beschaffen. In den Jahren 1915 und 1917 wurde er in Spezialmissionen nach Amerika geschickt und ging 1918 als außerordentlicher Gesandter nach Washington. 1921 sah er Indien, das er als Schiffsjunge zum ersten Mal betreten hatte, zum zweiten Male wieder, und zwar diesmal als V i z e k ö n i g. Lord Reading ist zum Mitglied der Indien- Konferenz gewählt worden, die jetzt in London zu tagen begonnen hat. Lord Reading hat auch in der höchsten Würde seine jüdische Abstammung nie verleugnet und sich stets jüdischer Interessen angenommen. VonWodke su Wocfte Die Oesterreichische Frauenpartei, eine angeblich überparteiliche Frauenorganisation, entfaltet in letzter Zeit mit Rücksicht auf die bevorstehenden Nationalratswahlen eine überaus rege Versammlungstätigkeit, wobei Redner sämtlicher politischer Parteien zu Worte kommen. In der Vorwoche fanden u. a. zwei recht interessante Versammlungen in der Leopoldstadt und in der Inneren Stadt — in der letzteren führte die Organisationsleiterin dieses Bezirkes, Frau Ottilie Politzer den Vorsitz — statt, in denen Herr Reg.-Rat Dr. Max Lenk für die Demokratische Mittelpartei sprach. Seine Ausführungen, in denen er auch eine instruktive Schilderung der Verhandlungen wegen Eintrittes in den Schober-Block gab, fanden sehr starken Beifall. In der Stadt-Versammlung griff u. a. auch Herr Börserat I. Glück mit eindrucksvollen Darlegungen in die Debatte ein. Wiedereröffnung des bekannten Restaurants Salomen Grüner Wien IL, Zirkusgasse 30 demnäc hst. Merores-Waisenhaus. Sonntag, den 19. d. M., o Uhr abends, fand im Merores-Waisenhaus eine erhebende Trauerfeier für die allzu früh verblichene Präsidentin des Damenschutzkomitees dieses Heimes, Frau Regine Pick, statt. Im Festsaale, dessen Stirnseite ein schwarz umflortes Bild der Toten zierte, hatten sich nebst den Verwandten der dahingeschiedenen Gattin des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Prof. Dr. Alois Pick zahlreiche Kultusvorsteher mit den beiden Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein und Dr. Josef Löwenherz, mehrere Rabbiner, Präsident Wilhelm Kux, Hofnit Dr. S. Frankfurter, die Amtsdirektoren Reg.-Rat Dr. Emil Adler und Reg.-Rat Guido Fuchsgelb, der Amtsleiter der Fürsorgezentrale Herr Emil Engel, das gesamte Damenschutzkomitee u. v. a. eingefunden. Mit dem von den Waisenmädchen sehr schön vorgetragenen Choral „Was ist der Mensch" begann die ergreifende Feier. Hierauf gab der Obmann des Kuratoriums des Heims, Herr Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein in einer eindrucksvollen Rede der schweren Trauer Ausdruck, die in diesem Hause seit dem Heimgange seiner unvergeßlichen Lenkerin und Beraterin herrscht. Von dem Dichterworte ausgehend, „Die Stätte, die ein edler Mensch betrat, die ist geweiht für alle Zeiten", versicherte der Redner, daß das heilige Erbe, das diese edle Frau hier hinterlassen, von allen gepflegt und gehegt werden wird, von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Dahingeschiedenen, von der Leitung des Heims und insbesondere den Kindern. Diese werden das teure Angedenken der Frau Regine Pick ehren bis in späteste Zeiten, ihr zur Erinnerung soll im Garten des Heims ein Baum gepflanzt werden, dessen Pflege Dr. Ornstein den rief ergriffenen Kindern ans Herz legte. Er schloß mit den Worten: „Secher zadik liwrocho", denn Frau Regine Pick war in des Wortes vollkommenster Bedeutung eine Gerechte. Oberkantor Heinrich' Fischer rezitierte nun wirkungsvoll das „El mole rachamim" unter Assistenz der Waisenmädchen. Der jüdische Frauenverein Leopoldstadt veranstaltet am Mittwoch, den 29. d. M.. um S Uhr abends, im Cafe Kristall. I.. Aspernplatz 1, ein Rummy-Turnier mit schönen Preisen, wozu er alle Freunde und Gönner höflichst einladet. Der Reingewinn fließt den humanitären Zwecken des Vereines'zu. Heimkehr aus russischer Gefangenschaft. Der Mediziner Hugo J e 11 i n e k, Sohn des Herrn Sigmund Jellinek, Oberkantors und Religionslehrers in Hollabrunn, ist nach 15Kjähriger Gefangenschaft nach unsäglichen Qualen und Strapazen aus Taschkent (Turkestan) wohlbehalten heimgekehrt und unter begreiflichem Jubel von Eltern, Geschwistern und den Hollabrunnern ohne Unterschied der Konfession aufs allerherzlichste begrüßt worden. Der Leopoldstädter Frauenverein tritt im heurigen Jahr an alle Glaubensbrüder mit der Bitte heran, durch. Spenden unseren Armen die bittere Not des Winters lindern zu helfen. Frau Tilde S p i e g 1 e r übersendet uns folgende Sammelliste für diese „Kohlenaktion": Adrienne Jellinek S 25.—, M. Neumann S 10.—v Tilde Spiegier S 10.—, Etta Engel S 5.—, Ludwig Kollmann S 5.—, Friedrich Blum S 5.—, Moritz Wakany S 5.—, Hermann Engel S 5.—, Elsa Kerne S 5.—, Ing. Ig. Chat S 5.—, Vally Deutsch S 5.—, Adalbert Barta S 5.—, Isaak Austern S 5.—, Guido Huschak S 5.—, Fleischhauer Fürst S 5.—, M. Singer S 3.—, Eugen Teichner S 2.—, Max Rauchbach S 2.—, N. Schächter S 1.—, N. Rotter S 1.—. Summe S 119.—. Bei dieser Gelegenheit sei die traurige Tatsache erwähnt,-daß es leider noch sehr viele Glaubensschwestern im 2. Bezirke gibt, die nicht Mitglieder des; Vereines sind und dessen hervorragend humanitäres Wilrken nicht kennen. Im Interesse der guten Sache ist zu hoffen, daß dem Leopoldstädter Frauenverein (Sitz IL, Ferdinandstraße 19) nicht nur neue Mitglieder, sondern auch reichliche Spenden zuströmen werden. Eine bemerkenswerte Einführung. In Stuttgart hat das „Schnödem" irr der Synagoge aufgehört. Zum Ersatz wird den zur Thora Aufgerufenen am nächsten Tag von der Gemeinde eine Aufforderung zugestellt, die Wohltätigkeitsvereine zu bedenken. Zu den hohen Feiertagen wurde bereits nicht mehr öffentlich zur Thora gespendet..

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