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Die Wahrheit · 1930-10-24 · Heft 43 (24.10.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 43 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Schädigung). Der JTA-Vertreter, der sich nach Simera begab, konnte dort feststellen, daß der Leiter der Schule, an der die Lehrerin Szöke beschäftigt ist, Pazuchanic, die ganze Angelegenheit für Erfindung hält. Beide Kinder, denen angeblich Blut abgezapft worden sei, nämlich das achtjährige Mädchen Bogdan und der elfjährige Vasil Kosta, gestanden in Gegenwart des JTA-Vertreters ein, daß sie sich die ganze Sache ausgedacht hatten, nachdem sie gehört hatten, daß die Juden Christenkindern Blut abzapfen. Die Mutter des Vasil Kosta erklärte, ihr Sohn sei ein Wildfang, der ihr oft mit dem Messer gedroht habe. Die Kinder gaben aucii zu, daß sie von der Szöke instruiert worden waren, was sie den Gendarmen sagen sollten. Auch von halbamtlicher Seite wird zugegeben, daß der untersuchende Beamte in Perecin von Anfang an von den Voraussetzungen der Ritualmordbehauptung ausging. Die Staatsanwaltschaft ging diesen phantastischen Behauptungen nicht aus dem Wege, die Voruntersuchung verzichtete auf das Attest des zuständigen staatlichen Arztes in Perecin und begnügte sich mit dem Zeugnis des Kreisarztes aus Poroskov. Die halbamtlichen Zeitungen stellen fest, daß nach den Aussagen des Schuldirektors die Verletzungen an den Händen der Kinder zur Zeit, als das Ritualmordgerücht aufkam, schon sehr alt gewesen seien und bei dem Knaben davon herrührten, daß er sich an einer zerschlagenen Fensterscheibe Schnittwunden beigebracht hatte. Alle diese Umstände zogen die Untersuchungsorgane nicht in Betracht. Der Behandlung des Falles vor dem Bezirksgericht in Velka Berezna, die am 20. Oktober begann, sieht die jüdische Oeffentlichkeit Karpathorußlands mit gespannter Erwartung entgegen. Nachträglich erfährt man, daß auch gegen einen gewissen Markus Liebermann auf Grund der Aussagen der beiden Kinder eine Untersuchung eingeleitet wurde. Die neunjährige Helene Bogdan behauptet jetzt wiederum, Steinberger und Liebermann hätten sie in die Hand geschnitten, währenddes sie die Augen hat schließen müssen. Das Mädchen hat auf der inneren Handfläche eine vier Zentimeter lange Schnittwunde. Dagegen gestand der Knabe Vasil Kosta neuerlich, daß die Wunde an seiner Hand von einer Verletzung durch Glas herrührt Die Photographie dieser Wunde war seinerzeit der Anzeige der Gendarmerie als Corpus delicti beigefügt. Der Ort Nova Simera, in dem sich die Begebenheiten abspielten, liegt im Kreis Perecin. Unter 1700 Ruthenen wohnen dort etwa 80 Juden. V Vertagung des Prozesses. Am Montag, den 20. Oktober, begann vor dem Bezirksgericht in Velka Berezna der Prozeß gegen den jüdischen Hausierer Moritz Steinberger aus Uzhorod, der beschuldigt wird, zwei Kindern, dem 11jährigen Vasil Kosta und der 8jährigen Helene Bogdan. Verletzungen an den Oberarmen zugefügt zu haben. Die Klage lautet lediglich auf leichte Körperverletzung, aber in dem verlesenen Protokoll der Gendarmerie wird angedeutet, daß die Verletzungen wahrscheinlich zu Ritualzwecken vorgenommen wurden, und daß eine Blutentzichung stattgefunden hat. Bei Beginn der Verhandlung kam zur Sprache, daß die Klage eigentlich von der Seite der Geschädigten, nämlich den Eltern der Kinder, hätte erhoben werden müssen. Als man dann die Mutter der Helene Bogdan, die als erste das Ritualmordgerücht verbreitet hatte und als Privatklägerin in Betracht kam, einvernahm, erklärte sie: „Ich habe nichts gesehen, ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen!" Das Gericht beschloß sodann, die Verhandlung zu vertagen, um festzustellen, ob überhaupt ein Privatkläger vorhanden ist. In der fortschrittlichen Oeffentlichkeit und Presse der Tschechoslowakei hat die Art der Untersuchungsführung und Klageerhebung große Empörung hervorgerufen. SeKbwarenlaHriii streng Eiscndlfönigsbcr.Wioi II., naldgasse $ Selchwaren und Restauration Vorzüglicher Mittag- und Abendtiscli zu bürgerlichen Preisen 11.. Pratersflrafle 3* (Neben dem Carltheater) tor Josef Löwenherz, die Rabbiner Dr. Bach, Dr. Bauer, F1 esch, Dr. Feucht w ang, Doktor Frankfurter, Dr. K a m i n k a, Doktor Mehrer, Dr. Rosenmann, Schenk, Doktor T a g 1 i c h t, Dr. Taubes, Weiß, Prof. Doktor K r a u s s in Vertretung des Rabbiner-Seminars, der Qesamtvorstand des Tempel Vereines Brigittenau unter Führung des Obmannes Josef K o h n und des Vizepräsidenten Leopold Bösel, der Vorstand des Tempelvereines, HL, Untere Viaduktgasse, mit Dr. Auerbach und Ing. Hugo Koditschek an der Spitze, Börserat I. Glück in Vertretung der Organisationen der Wiener Tempelvereine mit einer großen Anzahl Delegierter des Verbandes, eine Abordnung des österr. Kantoren-Verbandes, Doktor E. Münz in Vertretung des Bethaus-Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, Reg.-Rat Amtsdirektor G. F u c h s g e 1 b, die Amtsleiter Freistadt und Förster, eine große Anzahl Delegierte verschiedener humanitärer Vereine des III. und XX. Bezirkes u. a. m. Gemäß einer letztwilligen Verfügung des Verblichenen wurden keine Trauerreden gehalten, nur Rabbiner Dr. D. Feuchtwang verrichtete an der Bahre ein stilles Gebet. Sodann wurde der schlichte Sarg gehoben und von den Amtsbrüd e r n des Verstorbenen zu dem von dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe getragen. Am offenen Grabe sprach Rabbiner Dr. M. Baue r, ein Schwager des Heimgegangenen, namens der Familie einige kurze Abschiedsworte. Die kantoralen Funktionen versahen Oberkantor Heinrich Fischer (Stadttempel), Oberkantor S. Landerer (Brigittenau) und Oberkantor Sal. L e w y (III. Bez.) mit großer Assistenz. Wo Rabbiner Dr. Armin A b e l e s stand und wirkte, tat er Gutes und Jüdisches, denn seine Abkunft — er entstammte einer hervorragenden Rabbinerfamilie — und seine eigene Persönlichkeit sicherten ihm Gehör. Sein Andenken sei gesegnet. Die Redaktion unseres Blattes wird ihrem langjährigen Mitarbeiter ein ehrenvolles Andenken bewahren. Jeder Xeser ftatdasWowtl Zwästtkriften aus «fem (fubtUkinm. Wir erhalten von Frau A. H., 2. Bezirk, folgende Zuschrift: Tief erschüttert durch die Dienstag publik gewordenen Erklärungen der englischen Regierung über ihre künftige Politik in Palästina, Erklärungen, die unbedingt einen Zusammenbruch des politischen Zionismus herbeiführen müssen, wie ja auch aus der durchaus konsequenten Rücktrittserklärung des Zionistenführers Dr. Weizmann ersichtlich ist, habe ich mir am gleichen Tage, da diese tieftraurigen Nachrichten zu uns drangen, den Versammlungskalender in den Tageszeitungen daraufhin angeschaut, ob nicht irgendwo eine jüdische Versammlung stattfindet, in der, wie ich mir dachte, unbedingt vor allem diese das Gebäude des Zionismus stark erschütternden Ereignisse besprochen werden müßten. Es war mir ein Bedürfnis, an diesem Tage unter Juden zu weilen, ihre Ansichten darüber kennen zu lernen, was nun, da so viele Hoffnungen zerstört wurden, geschehen soll. Ich entdeckte in irgendeiner Zeitung die Versammlungsanzeige der „Jüdischen Liste" und da es mir bekannt ist, daß diese Partei von Oberbaurat Stricker, dem langjährigen Zionistenfährer, angeführt wird, habe ich Dienstag abendsdie Versammlung im Zentralkeller besucht. Ich wUl gar nicht, davon sprechen, daß das Publikum zum überwiegenden Teile aus Jugendlichen: bestand, die meiner Ansicht nach, auch wenn sie Oesterreicher wären, gar nicht das Wahlrecht besitzen und daher auch nicht an. ausgesprochenen Wählerversamm- | In memoriam Dr. Armin Äbeles | Worte des Gedenkens. Von Ing. Hugo Koditschek. Eine Herzenspflicht ist es mir, sowohl als Vorstandsmitglied des Tempels. III.. Untere Viaduktgasse, als auch als langjähriger Freund, Worte treuen Gedenkens dem frühzeitigen, tragischen Heimgange des Rabbiners Dr. Abeles zu widmen. Mit Dr. Abeles ist einer der besten modernen Kanzelredner viel zu früh von uns gegangen, seine von sprühendem Geiste getragenen Predigten, seine zu Herzen gehenden Ansprachen aus der Glanzzeit seiner mehr als dreißigjährigen Tätigkeit im III. und im XX. Bezirke von Wien sind jedem Einzelnen von uns, der je Gelegenheit hatte, ihn zu hören, noch in bester Erinnerung und werden jedem unvergeßlich bleiben. Der Verewigte verstand es ganz besonders, seine Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und dauernd zu fesseln, er benützte jeden freudigen sowie auch jeden traurigen Anlaß, um seine bei diesen Gelegenheiten gehaltenen Ansprachen zu rhetorischen Höchstleistungen auszubilden. Dr. Abeles wußte ganz genau, daß die Tätigkeit des modernen jüdischen Seelsorgers eine ganz andere sein mußte, als diejenige des konservativen Rabbiners aus längst verklungenen Zeiten. Das heutige Judentum, das in so vielfacher Weise mit seiner Umwelt verbunden ist, erfordert eine ganz andere Einstellung des religiösen Führers zu allen Fragen des Lebens, als es früher der Fall war. In geradezu meisterhafter Weise verstand es nun Rabbiner Dr. Abeles, dieser Forderung gerecht zu werden. In richtiger Erkenntnis, daß nicht Unduldsamkeit die Tätigkeit des geistigen jüdischen Führers sein darf,' sondern daß vollstes Verständnis, sowie richtiges Eingehen in alle aktuellen Fragen des heutigen Lebens unbedingt erforderlich sei. und bei aller Nachsicht menschlichen Schwächen gegenüber trat er aber mit größter Schärfe, hellster Begeisterung und mit wahrem Feuereifer für unseren Glauben sowie für die energische Verfechtung unserer staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte ein und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, unsere Feinde von der Kanzel aus entsprechend zu brandmarken. In diesem Sinne war er auch ein treuer Anhänger der „Union", welcher er durch wertvolle Vorträge und schriftliche Beiträge und Abhandlungen wiederholt beste Dienste leistete. So erinnere ich mich unter anderem an seinen bereits vor zirka zwanzig Jahren in der „Oesterreichischen Israelitischen Union", und zwar am 16. März 1911 gehaltenen Vortrag über „Randglossen zur Esther-Rolle", welcher Vortrag mit großem Beifall aufgenommen und im Union- Kalender 1911/1912 auch veröffentlicht wurde. Viel geht mit Dr. Abeles dem heutigen Judentum verloren, vieles hätte er noch bieten können, wenn ihn nicht sein unglückliches Natureil daran gehindert hätte. Er fühlte sich von vielen nicht verstanden, er wurde auch vielfach leider falsch beurteilt und war daher unverdienten Kränkungen ausgesetzt, die ihn seelisch sehr verstimmten und niederdrückten. ■ Oft und oft beklagte er sich mir gegenüber, der ich ihm in aufrichtiger Freundschaft sehr nahe stand, daß er sich zurückgesetzt fühle, und unzufrieden sei und daß er nicht das volle . Verständnis für seine Tätigkeit finden könne. Dies war auch der Grund, warum er sich testamentarisch schon lange vor seinem Tode jedwede Grabrede bei seinem Leichenbegängnisse verbat. Die seelische Depression, welche ihn zuletzt ganz zermürbte, wirkte sich auch auf seine ohnedies schwächliche Körperkonstitution aus und er kränkelte die letzten zwei Jahre bereits körperlich dahin. Als ich ihn noch vor wenigen Wochen am Erew Rosch-Haschono im Spital der Kultusgemeinde, wo er bereits lag. besuchte, um ihm ein von Herzen kommendes Schono-towo und baldige Genesung zu wünschen und um ihn zu trösten, da beklagte er sich wieder tief bei mir über sein Schicksal und äußerte sich. vielleicht in leiser Vorahnung des nahen Endes, <:ehr pessimistisch über seine weitere Zukunft. Mit Rabbiner Dr. Abeles ging ein tiefgründiger, geistvoller, edler Mensch, noch nicht 58 Jahre alt, irühzeitig dahin, der noch Wertvolles dem Wiener Judentum hätte leisten können, wenn er richtig verstanden worden und an richtiger Stelle gestanden wäre. In tiefer Wehmut und Verehrung gedenke ich seiner, er war mir und vielen anderen weit mehr als ein wahrer Freund, ihm war es leider nicht vergönnt, an der Sonnenseite des Lebens zu wandeln, so wie er es verdient hätte, ein bitterer Leidenskelch war ihm zeitlebens beschieden. Dr. Abeles, Deine Freunde danken Dir aus vollem Herzen für alles, was Du ihnen so reichlich geboten, mögest Du den Frieden nunmehr im Jenseits finden, den Du im Diesseits so sehr ersehnt und leider nicht gefunden hast. Möge Dir die Erde leicht sein! Rabbiner Dr. Armin Abeles, der im 58. Lebensjahre leider viel zu früh Verstorbene, hat sich die Hochachtung und Verehrung der weitesten Kreise erworben und kam diese Verehrung auch bei seinem Leichenbegängnisse zum Ausdrucke. Schon die Einholung der Leiche fand unter starker Teilnahme statt und wurde die Leiche zum Zeichen besonderer Ehrung nach der hellbeleuchteten Synagoge in der Kluckygasse gebracht, wo der Gesamtvorstand des Tempelvereines und die Funktionäre des Tempels von ihrem geistigen Oberhaupt Abschied nahmen. Schlicht und würdig, wie der ganze Lebenslauf dieses ausgezeichneten Mannes, der sein Leben dem Wohle seiner Glaubensbrüder widmete, gestaltete sich auch sein Leichenbegängnis, das mit Rücksicht auf die Sukkothfeiertage erst Donnerstag, den 16. d. M., am Zentralfriedhof (1. Tor) stattfand. Unter den überaus zahlreich Erschienenen fanden sich ein: in Vertretung der Israelitischen Kultusgemeinde Präs. Prof. Dr. Alois Pick und die Vizepräsidenten Dr. Jakob 0 r n s t e i n und Dok- Prachtvolle hte Perserteppiche durchwegs selten günstige Gelegen* heitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlaf- und Herrenzimmer werden zu ganz außerordentlich billigen Preisen abgegeben. Besichtigung ohne jeden Kaufzwang im WIEDNER MÖBELHEIM INH. JULIUS GOTZL Handelsger. beeid. Sachv. u. Schatzmeister IV.,SCHLEIFMÜHI.GASSE-Ia TELEPHON B 24-1-62

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