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Die Wahrheit · 1930-10-24 · Heft 43 (24.10.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 43 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT gegen den Faschismus, für den inneren Frieden, gegen die Organisierung des Bürgerkrieges" Propaganda gemacht Aber wir kennen die Freiheit, die sie meinen, wir wissen, daß nicht zuletzt der Jahre hindurch geübte Terror der Sozialdemokraten schuld daran ist, daß der innere Friede überhaupt jemals gefährdet wurde. Die Worte hören wir wohl, allein uns fehlt der Glaube. * Der Wahlaufruf der „Jüdischen Liste" des Herrn Robert Stricker mutet direkt lächerlich an. Was hier an Phrasen verzapft wird, das geht auf keine blau-weiße Haut. Herr Stricker will schließlich nicht mehr und nicht weniger, als „für die Sicherheit des österreichischen Judentums sorgen und seine Wurde retten", derselbe Herr Stricker, der durch seinen, von den Christlichsozialen mit Freude begrüßten Antrag auf Anerkennung einer eigenen jüdischen Nationalität in Oesterreich das österreichische Judentum in größte Gefahren gestürzt hätte, wäre man ihnen nicht rechtzeitig mit aller Entschiedenheit begegnet. * Auch in dem Wahlaufrufe der Demokratischen Mittelpartei begegnen wir jenem Worte, das in dem antisemitischen Lexikon eine große Rolle spielt Auch hier wird von „volkszersetzenden Bestrebungen" gesprochen, aber mit einer Deutlichkeit, die diesem Wahlaufrufe alle Ehre macht, unumwunden gesagt, welche diese „volkszersetzenden Bestrebungen" sind, die alle, die ihr Vaterland Oesterreich wahrhaft lieben, mit allen Kräften bekämpfen müssen, nämlich den Klassen- und Rassenhaß. Hier finden wir endlich das erlösende Wort und auch die weiteren Teile des ausgezeichneten Wahlaufrufes, den wir im folgenden im Auszuge wiedergeben, enthalten Forderungen, die jedem wirklich demokratischen Bürger dieses Staates ohne Unterschied der Konfession aus der Seele gesprochen sind: Wiener! Demokraten! Selbständig und selbstbewußt tritt die Demokratische Mittelpartei in den Wablkampf ein. In unserem Lager stehen geistig alle, die ihr Vaterland Oesterreich wahrhaft lieben, alle, die auf dem Boden der Privatwirtschaft stehen, die Kulturerrungenschaften des völkerbefreienden Liberalismus mit den sozialen Fortschritten der Gegenwar t verbinden; alle, die die volkszersetzenden Bestrebungen des Klassen- und Rassenhasses ablehnen: alle, die die Sicherung der Demokratie und der staatsbürgerlichen Freiheiten fordern; alle die im friedlichen Wettstreit der Besten unseres Volkes, die in dem Wiederaufbau unserer Wirtschaft die erste Voraussetzung für den Aufstieg der Volksgenossen erblicken. Unser Wahlruf lautet: ..Für Wirtschaft und Demokratie". Unsere wirtschaftlichen Ziele sind das Gemeingut aller iener. die das Staatsinteresse und das Wohl des Ganzen den Parteiinteressen voranstellen. Unsere politischen Forderungen stehen auf dem Boden der freiheitlichen Weltanschauung. Wir wollen den freien Menschen im freien Staate, der Bürger soll nicht nur als Teil einer Masse Geltung haben. Politik und Partei darf nicht Selbstzweck sein. Noch sind wir dank dem gegenwärtigen Wahlgesetz eine kleine Partei ohne Vertretung im Parlament, doch Tausende und Abertausende freiheitlicher Bürger unserer Stadt sind innerlich gleichen Sinnes mit uns. wollen gleich uns Ruhe. Ordnung und Sicherheit, wollen wie wir die Milderung und den Ausgleich der Gegensätze. Wenn sie alle ihre Stimmen, ohne die Befürchtung, daß sie verloren gehen, für uns in die Urne werfen, dann haben sie sich selbst jene wahre Partei der Mitte geschaffen, nach der sie sich sehnen. Unsere Revue ist zu Ende. Wir müssen sagen, daß das Schauspiel, das sich uns da geboten, farbenprächtig und vielfältig genug war. Allein, wie bei jeder Vorstellung wird der geübte Kritiker jene Darsteller herausgreifen und zu empfehlen wissen, die eine solche Empfehlung wirklich verdienen. Wer weiß, worum es am 9. November geht, der wird auch an diesem Tage seine Wahl treffen: Gegen Klassen- und Rassenkampf! ipuiiiniiiiiiiiiiiiiiw M VORNEHME FAMILIENPENSION H 1 vormals Dr. GRÜNBERG | IAH SEHMERINGI Ü HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANSj §§ Mäßige Preise (Zimmer || mit Pension von S12.— §§§ aufw.) / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im §1 Hause / Besitzer: ECKSTEIN / Telephon: m Setnmering Nr. 11 s I Fließendes Warm-und Kalt- §s ' wasser in jedem Zimmer •^^SIlK-^fP* 'stlöiiyife ■ -Äi^tt-ijii^ l '^SiiiiiiiiiEiä Demaskierung des Geistes. Der deutsche Reichstag hat in den wenigen Tagen seiner ersten Session die 107 neuen Hitler- Mannen zur Genüge kennen gelernt. Was sich in diesen Tagen im Parlament des Deutschen Reiches abgespielt hat das spottet jeder Beschreibung. Die turbulenten Lärmszenen, die wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen politischer Gegner, die Gewaltdrohungen, die beinahe in Tätlichkeiten ausarteten, das alles erfüllt den Kulturmenschen mit Abscheu. Es ist aber wenigstens erfreulich, daß die Mehrheit des Reichstages so viel Einsicht besessen hat, den Herrschaften zu beweisen, daß ihre Bäume noch nicht in den Himmel wachsen. * Einige wenige heitere Zwischenfälle bot aber doch auch diese kurze Session des deutschen Parlaments, die in den Annalen dieser Volksvertretung nicht mit Ruhmeslettern verzeichnet bleiben wird. Die Nationalsozialisten hatten bekanntlich im vorigen Reichstag folgenden Antrag gestellt: Wer durch Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutgemeinschaft oder farbigen Rasse zur Rassenverschlechterung und Zersetzung des deutschen Volkes beiträgt, wird wegen Rassenverrates mit Zuchthaus bestraft. Da der von den Nationalsozialisten vorgeschlagene Kandidat für den Präsidentenposten des Reichstages, der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei Dr. Scholz, mit einer £nkdin des'berühmten'GsTiäkologen Professor Dr. Freund, einer Jüdin, verheiratet ist, müßte er also nach den nationalsozialistischen Rassenbegriffen als Rassenverräter ins Zuchthaus gehören. Die Nationalsozialisten haben einen Antrag "eingebracht, wonach der höchste Zins fünf Prozent ■betragen dürfe und nach fünfzig Jahren jedes Darlehen als getilgt zu gelten habe. ' Das haben sie, wie ihnen der frühere Reichskanzler M ü 11 e r ins Gesicht schleuderte, abgeschrieben, aus ■dem dritten Buch Moses, Kapitel.25. Dort heißt es nämlich: Und Ihr soll t d as fünfzigste Jahr heiligen und dann soll jeder seine Habe wieder bekommen. * * i£ Besonders vornehm war die Haltung des Zentrums gegenüber den Verleumdungen des Judentums durch die Nationalsozialisten. Strasser, der als einer der ersten Redner im Namen der nationalsozialistischen Fraktion das Wort ergriff, entwickelte das nationalsozialistische Programm und kam dann auf das Verhältnis der Nationalsozialisten zu den Juden zu sprechen. Er führte unter anderem aus: Wir wollen keine Judenverfolgung, aber wir verlangen die Ausschaltung des Jüdischen aus dem deutschen Leben. Wir wollen eine deutsche Führung ohne jüdischen Geist, ohite' jüdische Hintermänner und ohne jüdischen Presseeinfluß. LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖNII WIEN, 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mittte 1930......... 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ...... 125 „ Garantiemittel per Ende 1929 300 „ „ Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 30*/, „ Im Verlauf der Aussprache rechnete der Abgeordnete J o o s vom Zentrum mit der Hetzpolitik der Nationalsozialisten ab. Er wies auf das U nsittlichedernationalsozialistischen Judenhetze hin und erklärte, daß die thüringischen Schulgebete mit christlichem Geist unvereinbar sind. Wir sehen, fuhr er fort, die Verwüstungen, die von der Klassen-Ethik herkommen; wir wünschen nicht, daß sie ersetzt wird durch die Rassen-Ethik. Abg. Dr. Leicht (Bayerische Volkspartei) schloß seine Rede mit den folgenden Worten: Das Hakenkreuz ist eine Verstümmelung unseres heiligen Glaubenszeichens. Die katholische Jugend ist auf dem Marsch gegen Ihre Hetzerei, und am gesunden Sinn des Volkes wird diese Hetze zuschanden werden. Im weiteren Verlauf der Reichstagssitzung antwortete der ehemalige Reichsarbeitsminister Abg. Dr. Brauns vom Zentrum dem nationalsozialistischen Abgeordneten Graf Reventlow. Dr. Brauns sagte, in einer authentischen nationalsozialistischen Programmschrift heißt es: Wir Nationalsozialisten wahren die Freiheit aller Bekenntnisse, soweit sie nicht den staatlichen Bestand gefährden. Aber Sie, meine Herren Nationalsozialisten, sagen nicht, was Sie sich darunter vorstellen. Wir hören nur immer wieder von Ihrer Hetze gegen Freimaurer, Juden und Jesuiten. Als hier von kirchlichen Dingen die Rede war, da haben Sie durch Ihre einhelligen Pfui-Rufe bewiesen, was Sie von der Kirche denken. Als heute Ihr Redner Graf Reventlow sagte, die Jugend werde uns, den Katholiken, aus der Kirche marschieren, da haben wir Sie — das lassen Sie sich gesagt sein — deutlich verstanden, das war eine genügende Demaskierung Ihres Geistes. Die Ritaalmord-Affäre in der Tschechoslowakei. Ueber die Anklage wegen versuchten Ritualmordes gegen den Uzhoroder Hausierer Moritz Steinberger konnte der JTA-Vertreter in Karpathorußland noch folgendes erfahren: Vor etwa zwei Wochen erhielt Steinberger eine Vorladung, vor dem Bezirksgericht in Velka Berezna am 2. Oktober (Jom Kippur) zu erscheinen. Als er um Verlegung ansuchte, wurde ihm mitgeteilt, daß er strafrechtlich verfolgt werde. Die Grundlage dieser Verfolgung bilde eine Anzeige der ungarischen Lehrerin Aranka Szöke aus Nova Simera. die noch vor sechs Monaten die Anzeige erstattet hat, daß ihr unbekannte Juden zwei Kindern aus ihrer Schule Blut abgezapft und in einer Flasche aufgefangen haben und dafür den Kindern SO Heller gaben. Nach längeren Nachforschungen stellte die Gendarmerie fest, daß in der kritischen Zeit Moritz Steinberger in Nova Simera geweilt hat. Die Staatsanwaltschaft erhob nun die Anklage gegen Steinberger auf Grund des § 301 (leichte Körperbe- Seit vielen Jahren das anerkannt beste 1 Jahrzeitlicht Bn^-nDtw Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hygien. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33*1-87

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