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Die Wahrheit · 1930-10-24 · Heft 43 (24.10.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 43 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seife d Revue der Wahlaufrufe, Es ist ein altes Sprichwort, daß nur noch bei Hochzeiten so viel gelogen wird, wie vor Wahlen. Von den Schlagworten, deren Massenproduktion in diesen Tagen allenthalben zu beobachten ist, verbleiben am Ende statt des Wortes, das der Wahlwerber halten soll, nur die empfindlichen Schläge, die der Wähler nachher zu verspüren bekommt. Warum sollte es ausgerechnet am 9. November 1930 anders sein? Auch diesmal wird uns von allen Plakatwänden herab verkündet, daß der „Wahltag ein Zahltag" werden soll und die ..Abrechnung" spielt überhaupt in gelungener Weise in der Wahlpropaganda eine starke Rolle. Wehe aber, wenn es dem Wähler einfallen sollte, einige Zeit nach dem 9. November darüber nachzurechnen, was ihm vor diesem Tage zugesagt und nicht eingelöst wurde. Auch die österreichischen Juden sehen sich die Wahlversprechungen genau daraufhin an, was für ihre besonderen jüdischen Beschwerden in diesen Kundmachungen zu lesen ist. Sie sind wohl weit davon entfernt, zu verlangen, daß der Abstellung dieser Beschwerden in dieser Zeit ärgster politischer und wirtschaftlicher Bedrängnis besonderer Vorrang gegeben wird, als Bürger dieses Staates wissen sie, daß es jetzt oberste Pflicht ist, sich dem Staatsganzen einzufügen und Sonderinteressen zurückzustellen. Aber es ist nun einmal in der menschlichen Psyche gelegen, vor allem um das eigene Wohl und Wehe besorgt zu sein, und wir Juden im besonderen müssen mit Betrübnis feststellen, daß auch in diesem Lande unser Weh' das Wohl stark überwiegt. Und so halten wir Ausblick nach den Versprechungen, die uns zur Linderung dieses jüdischen Wehs gegeben werden, und können dabei eine ganz kuriose Tatsache konstatieren. Von allen Seiten, ob rechts oder links, werden wir in einer Weise umschmeichelt, als ob es nie so etwas wie „Antisemitismus" in diesem Lande gegeben hätte. Keine der Parteien, die bisher im Nationalrat vertreten war und nun selbständig oder in Form einer Wahlgemeinschaft um unsere Stimmen wirbt, hat in ihren Wahlaufrufen eine uns direkt verletzende Wendung aufgenommen, ja Parteien, von denen man solche antisemitische Phrasen bisher gewöhnt war, üben diesbezüglich eine Zurückhaltung, die erfreulich wäre, würde man nicht gleich den Pferdefuß merken. Und noch etwas: Aus den Kandidatenlisten sind bei den Rechtsparteien Elemente verschwunden, deren widerwärtige judenfeindliche Haltung diesen Parteien den allerletzten Rest irgendwelcher jüdischer Sympathien nehmen mußte. So könnten wir Juden also mit der Entwicklung der Dinge recht zufrieden sein, wüßten wir nicht, daß diesem Frieden nicht zu trauen ist. Um für künftige Zeiten das festzuhalten, was uns versprochen wurde, wollen wir im folgenden die jetzt massenhaft kolportierten Wahlaufrufe der gion als Geschenk seiner Enkelinnen Fräulein Isabella Grünwald und Frau Rendlich. Von besonderem Wert sind darin die sogenannten Niguim l'jomim noroim, die Reden, Sprüche, Poeme und Stücke. Was die Kompositionen ritualer Bestimmung anlangt, folgt Isaak in der Melodie den traditionellen Gebetsmotiven und Melodien, wie sie in den Tempelgesängen seiner Zeit lebendig waren, trägt aber gleichzeitig dem Stil Rechnung, dem das Dreigestirn Mozart—Haydn—Beethoven seinen Stempel aufgedrückt hat. Auf diese Weise ergeben sich zwei Linien: a) Komposition, die der traditionellen Gebetsmelodie gerecht wird; b) die synagogale Komposition im. Stil des Menuetts, der Gavotte etc., mit den Merkmalen der zeitgenössischen Musik. Ueberaus interessant sind die von ihm komponierten wie gesungenen Un 'sane tokef, Mechalkelchajim, Kaddisch l'mussaf, Kol nidrej und andere Synagogalgesänge, die zum Teil die Marke Mozarts und Haydns tragen. In der genannten Manuskriptsammlung rindet sich auch eine großangelegte Komposition von Jacques Offenbach, betitelt „Viddui" (Bekenntnis) für Jörn Kippur, eine dreivierteltaktige Melodie in Fdur, die der Vater stets (ab 1842) am Jom Kippur gesungen hat. Schon diese Komposition allein bezeugt des Vaters Einfluß auf die musikalische Einstellung des Sohnes. Musikdirektor Aron Friedmann, Berlin. verschiedenen Parteien Revue passieren lassen und sie einmal mit jüdischen Augen betrachten. Allen „heimattreuen Oesterreichern" — schon in dieser Apostrophierung liegt Absicht — redet die christlichsoziale Partei ein, daß sie „es immer bewiesen, daß ihr Programm das allgemeine Volkswohl ist. ob es sich nun um die Hebung der Wirtschaft in allen ihren Zweigen und damit um die Schaffung von Arbeit und Brot oder um die Sicherung der persönlichen und der Gesinnungsfreiheit und um die Wahrung der Staatsbürgerrechte handelt." Entspricht es noch immer dem „allgemeinen Volkswohl", daß in dem im Wahlaufrufe der Partei gerühmten Programme derselben im Punkt 9 die Hetzphrase enthalten ist, die von dem ..zersetzenden Einfluß der Juden auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete" spricht? Kann es werbend für die christüehsoziale Partei wirken, daß der eine Unterzeichner dieses Wahlaufrufes, der Generalsekretär der Bundesparteileitung. Hofrat Kola s s a, im Wiener Gemeinderat dieser Tage einen mißliebigen Parteigegner mit den höflichen Worten anfuhr: „Sie Saujud, Sie dreckiger!"? Ist eine solche Beleidigung nicht zugleich auch eine Beleidigung für das Judentum, ein Faustschlag in sein Gesicht verabreicht von jenen, die — nach den Schlußworten ihres Wahlaufrufes — „die Faust bereit" halten wollen? Angesichts solcher empörender Vorfälle wird es wohl nichts nützen, wenn der andere Unterzeichner des Wahlaufrufes. Herr Bundeskanzler und Bundesparteiobmann V a u g o i n, jüngst in einer Versammlung erklärte: „Ich mache keinerlei Unterschied zwischen den Bewohnern dieses Landes, mir sind alle gleich lieb und wert, wenn sie Heimat und Vaterland anerkennen." Und auch die Entfernung des Herrn Doktor Jerzabek aus der Kandidatenliste wird nicht jenen Erfolg zeitigen, der nun bei den „lieben Juden" erwartet wird. Sieht man sich aber gar den Wahlaufruf der mit den Christlichsozialen im Minderheitskabinett Vaugoin verbündeten Heimwehr an, dann kann man Rückschlüsse von dieser Gesellschaft auf jene ziehen, die es überhaupt jemals für opportun gefunden hat. mit diesen Leuten zusammenzugehen. Dabei ist diese Kompagnieschaft eine etwas komplizierte und die „Heimattreuen" werden es wahrlich sehr schwer haben, sich in diesen „Abschlüssen" auszukennen. In Wien und Niederösterreich sind die Herrschaften angeblich beisammen; aber schon im Lande des Innenministers hapert die Freundschaft, dort soll der brave Heimwehrmann ebenso wie in den übrigen Bundesländern seine Stimme dem „H e i m a t b 1 o c k" geben, der für alle Fälle überdies auch in Wien und Niederösterreich krebsen geht. Die wahre christliche Liebe ist das nicht. „Der Heimatblock kämpit für Volksgemeinschaft, für politische Anständigkeit (!). ... für wirkliche deutsche Volksherrschaft . . . gegen das Zerrbild der Demokratie . . . Kämpft mit und helft bei der Aufrichtung des wahrhaft sozialen, christlichen und nationalen Volksstaates!" Wie diese „Volksgemeinschaft", diese „w i r kliehe deutsche Volksherrschaft" in Wahrheit aussehen soll, darüber kann man sich ein Bild machen, wenn man diejenigen betrachtet, die vorderhand wohl nur die Herrschaft in der Heimwehrgemeinschaft innehaben. Fürst Starhemberg, Dr. Pfrimer, Notar Dr. Hueber sind die Listenführer des „Heimatblockes", das sagt uns Juden wohl alles. Insbesondere dem letztgenannten Herrn, der momentan der Hüter des Rechtszustandes in Oesterreich ist, verdanken wir in den letzten Tagen eine Enunziation, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Der Herr Justizminister erzählte:""Wir haben mit den Nationalsozialisten verhandelt. Ich sage das offen, weil ich es niemals als Schande betrachten werde, mit Adolf Hitler verhandelt zu haben .... Keineswegs trennt den Herrn Justizminister von den Nationalsozialisten etwa der Arierparagraph, denn in dieser Beziehung sind beide Teile vollkommen einig. Das Scheitern der Verhandlungen wird von Dr. Hueber aufs tiefste bedauert, weil, so sagte er wörtlich, wir in jeder Beziehung gleiche Auffassungen, Zwecke und Ziele haben. Eine große Genugtuung, solche Worte gerade aus dem Munde des Justizministers zu vernehmen. Oesterreich „D . . .kstaat" und, als diese einem zweiten Von ihm zu den Nationalsozialisten ist also kein weiter Sprung. Es erübrigt sich wohl, in diesem Blatte den Wahlaufruf dieser Partei zu besprechen, deren wahre Tendenzen wir in den wenigen Tagen der Eröffnungssitzung des deutschen Reichstages mit Empörung und Entrüstung kennengelernt haben. Aber auf ein pikantes Detail aus der Wahlkampagne dieser mit Herrn Justizminister Dr. Hueber so eng befreundeten Partei sei hingewiesen. Der Pressestaatsanwalt, also ein Beamter des Herrn Justizministers, hat sich veranlaßt gesehen, ein Plakat der Hitlerianer, in dem nach bewährtem Muster — als bezeichnet wurde, zu konfiszieren schmeichelhafte Bezeichnung in Plakat ebenfalls auftauchte, auch dieses zu beschlagnahmen. Was sagt Herr Justizminister Dr. Hueber zu seinen Freunden? Sie beschimpfen in ordinärster Weise den Staat, in dem die Hütimg der Rechtsordnung ihm, dem Herrn Notar aus Mattsee, anvertraut ist. r's ist schwer, den Wahlaufruf des Schober- Blocke s ohne Bitternis zu betrachten. Hier gilt wohl wie noch nie das Wort: „Es tut mir in der Seeie weh, daß ich dich in dieser Gesellschaft s..h\" Was sich hier unter dem Titel eines „Nationalen (?) Wirtschaftsblockes" — eines „Wirtschaftsblockes" ohne jene Elemente, die sich tatsächlich um die Wirtschaft und in der Wirtschaft besondere Verdienste erworben haben. — zusaminengetan hat, das ist eine Gesellschaft, der die Juden bei allem schuldigen Respekt vor dem auch von ihnen hochverehrten Dr. Johannes Schober ihre Stimme schwer geben können. Und es kann auch für sie nicht ermunternd wirken, wenn in dem Wahlaufrufe des Schober- Blockes mit einer Phrase operiert wird, die wir gewöhnlich nur von antisemitischer Seite zu hören bekommen. Es wird dort von einem „Kampf gegen alle volkszersetzenden Bestrebungen" gesprochen, und der jüdische Leser wird dann besonders stutzig, wenn im Nachsatze erklärt wird, daß zu diesen „volkszersetzenden Bestrebungen in erster Linie der Marxismus zu zählen ist." Was kommt mit Verlaub, Ihr Herren, in zweiter und weiterer Linie? Die in dem Blocke leider das große Wort führenden Großdeutschen müssen uns diese Frage nicht beantworten. Wir wissen, was sie unter „volkszersetzenden Bestrebungen" vor allem verstehen. Sie haben es in ihrem Linzer Parteiprogramm klar und deutlich gesagt: „Auf allen Gebieten ihrer politischen Betätigung tritt die Partei der Ueberfremdung durch das Judentum entgegen." Die Herrschaften haben sich in diesem Sinne bisher zur Genüge „politisch betätigt". Und wenn auch der Options-Waber auf der Liste nicht kandidiert wird — wir glauben es noch nicht —, es kommt nie was Besseres nach. Man hat dem Wahlkreise, den dieser Herr bisher beglückte, den Herrn Gemeinderat Pfeiffer beschert, dessen antisemitische Anpöbelung des Präsidenten des Landtages noch in recht guter Erinnerung ist. Und einer der großdeutschen Hauptmacher des Schober-Blockes ist jener Herr Kammerrat Kandl, der kürzlich in der von ihm geleiteten Fachzeitung der Juweliere die lügenhafte Behauptung aufstellte, daß „der jüdische Schwur .... bekanntlich nicht gilt, wenn die Fingerhaltung nicht genau der Vorschrift entspricht", und diese empörende Darstellung trotz Ersuchens nicht in jener Form widerrufen hat, die die Ehre des beleidigten Judentums erfordert hätte. 3 Der Wahlaufruf der Sozialdemokraten liest sich, man kann es nicht leugnen, bestechend schön. Es fehlen viele der Phrasen, die bisher zum eisernen Grundbestand des Schlagwortmaterials dieser Partei gehörten. Es wird „für die Freiheit, >f ■< < tAAAAAAAAAAAAAAAAAAAlAAAAAAAAAy Der res - null - s Cime l« e r e 1 Wien IL, Praterstraße Nr. 2t Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe stets lagernd Erstklassige Ausführung Massige Preis* lahinnifs-rrfrtclitermtfe*?ftfTf\>T9Wttfllfflf?tlllTflflf1 mm w rm

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