Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Englands Absage an den JudenstaaL Dr. Emst Feldsberg. Lord Balfour ist tot und es scheint, als hätte er die durch seine Deklaration nach Ansicht der Zionisten verwirklichte Judenstaatsidee mit sich ins Grab genommen. Die englische Regierung hat durch ihre beiden nunmehr veröffentlichten Dokumente über Palästina eine Interpretation der Balfour-Deklaration gegeben, die man als die endgültige und klare Absage an den Judenstaat bezeichnen muß. Professor Chaim Weizmann hat vor einigen Wochen erkannt, wohin die englische Politik steuere, und versucht, durch sein Bekenntnis zu einem jüdisch-politischen Gemeinwesen in Palästina den Weg zu bahnen, den die neue englische Politik als mit dem Mandate vereinbar gehen könnte. Allein, England hat nicht einmal diesen Weg beschritten, sondern durch die beiden veröffentlichten Dokumente aller Welt kundgetan, daß der weltliche Zionismus ein ausgeträumter Traum ist. England wird bemüht sein, darüber zu wachen, daß keine Maßnahme für die Bildung der jüdischen Heimstätte in Frage komme, welche die Interessen der nichtjüdischen Bevölkerung schädigen könnte. England wird also alle Maßnahmen des jüdischen Palästina darauf überprüfen, ob nur ja nicht arabische Interessen geschädigt werden, England wird also künftighin der Hüter und Beschützer des arabischen Volkes sein. Nicht nur das jüdische Palästina soll durch dieJewishAgency beratend an der Verwaltung teilnehmen, sondern auch den Arabern wird Gelegenheit geboten sein, eine ähnliche Einrichtung wie die Jewish Agency zu schaffen und dadurch Einfluß auf die Verwaltung Palästinas zu gewinnen. Unter den gegenwärtigen Bewirtschaftungsverhältnissen steht kein Boden mehr für neue Ansiedlung zur Verfügung. Nur wenn das Land extensiv bewirtschaftet wird, so ist es denkbar, daß noch 20.000 Familien (Araber und Juden) angesiedelt werden. Mit der Methode der Beschäftigung von nur jüdischen Arbeitern in den jüdischen Betrieben wird gebrochen. Solange es arabische Arbeitslosegibt, kann jüdischen Arbeitern auch im Falle des Bedarfes die Einwanderung nicht gestattet werden. Ueberdies soll eine gesetzgebende Versammlung geschaffen werden, die aus dem Oberkommissär und 22 Mitgliedern bestehen wird, aus 10 beamteten Mitgliedern, die vom Oberkommissär ernannt und 12 antfeuilteton Offenbachs Vater. Am 5. Oktober jährte sich Jacques Offenbachs Todestag zum 50. Male. Es dürfte für die jüdische Welt von Interesse sein, Näheres über den Vater des berühmten Operettenkomponisten, der Kantor in Köln war, zu erfahren. Anläßlich des 150. Geburtstages des Vaters, der eigentlich Isaak Juda Eberst hieß, veröffentlichte die jugoslawische Monatsschrift der jüdischen Kantoren in ihrer Aprilnummer 1930 folgende biographische Momente: Der 15jährige Isaak Juda Eberst verläßt seine Heimat Offenbach und begibt sich auf die Wanderschaft durch die Städte des Rheins, wo er bei einem Buchbinder Aufnahme fand. Der Zufall brachte es mit sich, daß der Buchbinder, ein Freund der Musik, eine Violine besaß, die in der Werkstatt hing. Instinktmäßig fühlte sich der junge Eberst zu dem Instrument hingezogen, und als ihm von seinem Meister die Benutzung der Violine gestattet wurde, begann er in seinen freien Stunden sich dem Geigenspiel zu widmen und mit einem systematischen Selbstunterricht in Musik einzusetzen. Später machte er sich als Buchbinder selbständig und war dabei in der Lage, selbst Geigenunterricht zu erteilen. derenMitgliedern, dieausindirekten Wahlen bestimmter Wahlkörper hervorgehen werden. Alle bisher angeführten Maßnahmen der englischen Regierung verfolgen nur den einen Zweck, den Arabern zu deklarieren, daß England nicht daran denke, eine jüdische Heimstätte in Palästina zu errichten. England hat für die jüdischnationale Bewegung leider zu spät die Richtlinien seiner palästinensischen Politik bekanntgegeben. England hat nunmehr Farbe bekannt und wieder den geschichtlich bereits erhärteten Beweis erbracht, daß England in Palästina nicht jüdische, sondern englische Politik betreibe. England hat nunmehr offen bekannt, daß Theodor Herzls Idee vom Judenstaat nicht verwirklicht werden könne, weil die Voraussetzungen nicht gegeben sind. 83 Prozent der palästinensischen Bevölkerung sind Araber und nur 17 Prozent sind Juden. Wie soll dieses Palästina so jüdisch werden, wie England englisch ist? Ist es überhaupt wirtschaftlich denkbar, daß ein in einem Lande bodenständig gewordenes Volk durch die Deklaration eines Völkerbundrates depossediert und an seiner Stelle ein anderes Volk bodenständig gemacht werden kann, ein Volk, das lediglich auf eine jahrtausendalte Geschichte zurückblicken kann, aber im Lande selbst aufgehört hatte, bodenständig zu sein. England hat einsehen müssen, daß eine unumschränkte Einwanderung nicht zum Wohle des Landes gereichen kann, wenn nicht für die Einwanderer ohne Schädigung der anderen Existenzmögliclikeiten geschaffen werden. Es fehlt an Grund und Boden, es fehlt an Arbeitsmöglichkeit für neue Einwanderer, es ist auch nicht möglich, ein Agrargebiet zum Standort von Industrien zu machen, um Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Wovon hätten also jüdische Einwanderer leben sollen, denen einerseits ohne Schädigung der übrigen Bevölkerung des Landes kein Grund und Boden zur Verfügung stand, die sich aber auf anderen Gebieten nicht betätigen konnten, weil der eiserne Zwang der Wirtschaft die Umänderung eines Agrarstaates in einen Industriestaat verbietet? 83 Prozent Araber und 17 Prozent Juden werden nun einander gegenüber stehen. Eine gesetzgebende Körperschaft wird geschaffen werden, die aus 22 Vertretern besteht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Zahl der arabischen GOBELINS nach Gemälden berühmter jttdischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 Zudem besaß Isaak Juda einen wohlklingenden Tenor, so daß dieser Vorzug zusammen mit dem umfangreichen Wissen in hebräischer Literatur und Talmud ihn zum Kantor qualifizierte; um das Jahr 1800 fungiert er als Kantor in Deutz. Das Jahr 1803 bedeutet für ihn ein Wendepunkt: er wird von der bedeutenden Religionsgemeinde in Köln a. Rh. engagiert, wo er als Kantor bis an sein Lebensende verbleibt. Gleichzeitig übt er die Funktion eines Rabbiners aus. Sein persönlicher Charme, sein Humor und sein Können sichern ihm Einfluß in der Gesellschaft, die ihn als den Offenbacher bezeichnet. Dieser Beziehungsname ist so populär, daß er sich veranlaßt sieht, seinen Familiennamen Eberst gegen Offenbach auszutauschen. Zehn Kinder nennt Isaak Juda Offenbach sein eigen: 8 Töchter und 2.Söhne, Jakob, den späteren Jacques und Julius, den späteren Jules, die als Musiker große Karriere machten. Auch Jakob-Jacques zeigte frühzeitig als Geiger und Liederkomponist, später als Cellist außerordentliches Talent, so daß der Kantor sich entschloß, den Jungen ans Pariser Konservatorium zu bringen. Hier überwand das Genie des Knaben die ersten Hindernisse unter dem Wohlwollen Cherubinis, des damaligen Konservatoriumdirektors, dem Jacques außerordentliches Talent derart imponierte, daß er ihm die ersten Wege ebnete. Spä- Vertreter der prozentualen Bevölkerungsschichtung entsprechen wird. Die Schaffung dieser Körperschaft ist der erste Schritt zu dem von den Arabern geforderten Parlament und der erste Schritt zur Schaffung des arabischen Uebergewichtes in der palästinensischen Regierung. Araber und Juden werden in Palästina, so sehr es auch England wünscht, keine gemeinsame Plattform finden. Die Verwirklichung der jüdischnationalen Ideen bedeutet für die Araber die Verdrängung ihrer Nation, die Verwirklichung der arabischen Befreiungsidee ist der Schwanengesang des jüdischnationalen Staates. Zu spät müssen alle Jüdischnationalen erkennen, daß England, auf dessen Karte sie alles gesetzt hatten, nunmehr die Idee des Judenstaates als undurchführbar fallen ließ. Chaim W e i z m a n n hat die Konsequenz aus dieser Erkenntnis gezogen. Er, der noch vor wenigen Wochen gegen alle Widerstände bis an die äußerste Grenze dessen gegangen, was Jüdischnationale in Palästina noch wünschen können, er führt seine damalige Demissionsabsicht nunmehr durch, da er sieht, daß die neueste englische Deklaration alle Palästinahoffnungen endgültig zerstört. Lord Me 1 che11 und Warburg sind ihm bereits gefolgt. Die Interpretation der Balfour-Erklärung durch England bestätigt jene Warnungen, die den Zionisten so oft zugegangen sind. Es gelang den Zionisten, mit ihrer nationalen Idee viele Juden zu begeistern, die Idee der Renaissance des Judentums wurde gerne aufgegriffen, weil sie dem modernen Zeitgeiste und dem nationalen Zuge entsprach, der die ganze Kulturwelt durchzieht. Vergessen wurde aber, daß uns Juden bis zum heutigen Tage jenes Judentum erhalten hat, das, losgelöst vom politischen Nationalismus, durch die Lehren der Bibel zusammengehalten ist. Wird die nationale Jugend, wenn sie nunmehr ihre Ideale in Nichts verschwinden sieht, zum Judentum ihrer Väter zurückgeführt werden können, oder wird diese Jugend dem Judentum verloren gehen? Jeder Jude muß sich in dieser schicksalsschweren Zeit diese Frage vorlegen und aus ihr die Folgerung ziehen, daß Kinder nur dann jüdisch erzogen werden, wenn sie in den Intentionen jenes Judentums herangebildet werden, das uns durch Jahrtausende erhalten hat, und wenn in ihrem Herzen jene Fackel der Begeisterung entzündet wird, die uns Juden zu jeder Zeit alle Qualen und Drangsale erdulden ließ, ohne den Glauben an das Judentum und an seine Ideale zu verlieren. Mögen endlich alle Juden begreifen, daß es nur ein Judentum gibt, ein Judentum, das keiner politischen Renaissance bedarf, sondern als heiliges Vermächtnis im Herzen jedes Juden leben und von ihm seinen Nachkommen hinterlassen werden muß. Das ewige Licht jüdischer Lehre, jüdischer Ethik, jüdischen Glaubens, jüdischer Tradition und jüdischer Liebe kann nicht durch die künstlich entfachte Fackel der Politik und den daraus entspringenden Nationalismus ersetzt werden. ter traf auch Julius-Jules, der Geiger, der Schüler des großen Paganini, in Paris ein. In die Zeit der Pariser Studienjahre fällt auch Jacques Begegnung mit der zweiten Pariser Berühmtheit, mit dem Komponisten Halevy, dessen Oper „Die Jüdin" an der Opera Comique zur Erstaufführung kam. Des Kantors armer Sohn stahl sich ins Foyer, um von hier aus ein paar Töne zu erhaschen, als ihn ein eleganter Herr — es war Francois Halevy selbst — aufgriff und von nun ab sein Förderer wurde. Von besonderer Bedeutung wurde die bisher zu wenig gewürdigte Korrespondenz zwischen Halevy und Offenbachs Vater Isaak, der sich bereits einen großen Namen als Kantor, Rabbiner, Kanzelredner und Dichter, als Kenner der Bibel und der Literatur gemacht hatte: ein überaus beachtenswerter Briefwechsel zwischen zwei Persönlichkeiten, die deutlich zeigten, in welcher Richtung sich die damalige Aufklärung bewegte und welchen geistigen Zustand Moses Mendelssohn mitverursacht hatte. Die Mutter stirbt und läßt den Kantor einsam zurück. Der Ruhm des Sohnes wächst, seine Operetten sind das Tagesgespräch von Paris, aus dem Kantorensohn ist eine internationale Berühmtheit geworden. Am 26. April 1850 stirbt Isaak Juda Eberst, der „Offenbacher". Die Manuskripte von Offenbachs Vater befinden sich im New-Yorker Jewish Institute of Reli-