Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064186--18101-3083096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite o DIE WAHRHEIT Wahrheiten vom 5a£e „Kaiser" Adolf, der Kopfjäger. Adolf Hitler, der absolute Herrscher vorläufig in der Nationalsozialistischen Partei, bald, wie seine Gläubigen, hoffen, in dem Deutschland des Dritten Reiches, hat als Zeuge in Leipzig vor dem Reichsgericht angekündigt, nach seinem Siege würden „Köpfe in den Sand rollen". Daß die hundertprozentigen Hakenkreuzler derartiges im Ernst vorhaben und dabei auch vor den Inhabern der höchsten Amtsstellen nicht Halt zu machen beabsichtigen, ist kein Geheimnis seit dem verflossenen Wahikampf. In einer nationalsozialistischen Wahlversammlung in Oberhausen-Essen erklärte der Referent Schriftleiter Z i 11 e k s: „Wir fordern die Köpfe derer, die den Young-Plan unterzeichnet haben.*' Auf den Zwischenruf: „Auch Hindenburgs Kopf?" antwortete er: „Im Prinzip ja", fügte allerdings dann einschränkend bei, die Nationalsozialisten würden Hindenburg wegen seines hohen Alters begnadigen, an seiner Stelle müsse aber der Saatssekretär Meißner hingerichtet werden, der der eigentliche Schuldige sei. Herr Dr. Frick, wir sind einverstanden . . . Ein sentimentales Machwerk, eine im Weltkriege zwischen einem österreichischen Ulanenrittmeister und einem jüdischen Mädchen aus Russisch-Polen spielende Liebesgeschichte, soll demnächst in Wien auf der tönenden Flimmerleinwand erscheinen. Thüringen ist von dieser kitschigen Produktion verschont geblieben. Doktor Frick hat den Sprechfilm, der einer üppigen Courths-Maler-Phantasie entspringt und sich „Zwei Welten" betitelt, kurzerhand verboten. Nicht deshalb, weil ihm die Lehre, die aus dem „dramarischen" Zusammenprall der „Zwei Welten" gezogen wird, nicht zusagte, im Gegenteil, in seinem Gutachten heißt es ausdrücklich, daß „die Schlußfolgerung (Juden und Arier sollen sich nicht mischen) richtig ist." Aber die An und Weise, wie sie hier entwickelt wird, paßt Herrn Dr. Frick gar nicht in den nationalsozialistischen Kram. Herr Innenminister von Thüringen, wir verraten Ihnen ein Geheimnis: auch uns sagt diese „Art und Weise" absolut nicht zu. Das Judenmädchen, das sich erst den Werbungen des Rittmeisters widersetzt, dann seiner Drohungen wegen ihm nach- und sich hingibt der alte Jude, der so „edel" ist, den Verführer der Tochter, den Mann, der den geliebten Sohn erschießen ließ, aus schweren Gefahren zu retten, das sind keine Repräsentanten des Judentums, sondern Kitschfiguren, gut genug, dem verderbten Geschmack des Großstadtpublikums zu gefallen. Wir sind natürlich nicht der Ansicht des national empfindlichen Herrn Dr. Frick, daß durch solche Machwerke irgend welche „Ehrgefühle" verletzt werden, aber praktisch hat er recht, der Film muß nicht aufgeführt werden. Nullen. Der von uns kürzlich wiedergegebene Aufrufhervorragender deutscher Christen gegen den Antisemitismus, der auch die Unterschrift Gerhart Hauptmanns trägt, entlockte dem „A n g r i f f" des Berliner nationalsozialistischen Führers Dr. Josef Goebbels folgenden Tollheitsausbruch: „Als Unterzeichner des Aufrufes figuriert auch der Dichter Gerhart Hauptmann. Das wird manchen Uneingeweihten stutzig machen. Aber denken wir doch einmal an Goethe! Bei aller Verehrung für dieses größte Dichtergenie wird man doch sagen müssen, daß Goethe politisch eine Null war. denn in der Zeit der größten Erniedrigung Preußens und der Befreiungskriege lebte er nur seinen dichterischen Schöpfungen. Wäre es nach diesem alten Herrn gegangen, so würden wir heute Franzosen sein and französisch sprechen, also seine Werke in der deutschen Sprache gar nicht mehr verstehen." Der logische Schluß der letzten Zeilen wäre vielleicht berechtigt, wenn Goebbels anstatt von Goethe von Fridericus Rex spräche, dessen Original-Werke in der deutschen Sprache tatsächlich nicht zu verstehen sind, weil er sie französisch geschrieben hat Daß übrigens Goethe auf Herrn -Goebbels und die ihm verwandten Geister tatsächlich weder einen politischen noch sonst irgend einen-Einfluß geübt hat das brauchte er uns gar nicht erst zu versichern. Man hat es ohnedies schon Kleider sofort Zahlung später Herrennnd Dunenkleider nach M»D nnd fertig nor erstklassige Stoife, bis 12 Monate Kredit Kleiderhaus werler, Wien XVI., OtlakrluSersIr. IT Tel. A21-501 gemerkt Und was die politischen Nullen anlangt, so sollte man mit derlei Arithmetik in keinem Lager so vorsichtig sein wie im nationalsozialistischen. Wenn man das dort herrschende Nichts an politischem Geist mit einem Zahlzeichen ausdrücken wollte, so käme dafür nur das Zeichen <* in Frage. Der Jude macht die Musik dazu. Die Nationalsozialisten wollen zwar bekanntlich die — natürlich „jüdische" — Zinsknechtschaft brechen, aber sie machen selbst unaufhörlich sachliche Anleihen bei den bösen Juden. Besonders erheiternd aber wirkt es, daß bei der großen Siegesfeier der Nationalsozialisten im Berliner Sportpalast im musikalischen Teil ein zweifellos jüdisches Werk zum Vortrag kam, ein Marschpotpourri „Seid einig", dessen Autor sich schamhaft hinter den Namen Camillo Morena verbirgt, der aber tatsächlich Elias Mieses heißt und aus Brody in Galizien stammt. Hätte nicht eigentlich das traditionelle „nordische Gefühl" der Hitlerleute ihnen sofort sagen müssen, daß hier ein Mitglied der „minderwertigen jüdischen Gegenrasse" am Werk war, um die echte nordische Marschmusik semitisch zu korrumpieren? Ausgerechnet Schweine. Das in Norwegen unlängst eingeführte Schächtverbot hat einen wohl von niemand erwarteten Erfolg gezeitigt, der einer gewissen Komik nicht entbehrt. Nach einer Osloer Meldung hat sich nämlich jetzt in diesem Lande ein Komitee gebildet, das eine Ausnahmebestimmung bezüglich des Schächtverbotes zugunsten — oder muß man sagen ■zuungunsten? — der — Schweine erstrebt Dabei ist diese Aktion nicht einmal ein „jüdischer ]»»■■■■■■*■■■■■■»■■■■■■■«■«■•■■■■■■■■•■■■■■■■■>•■■■■■■■■■■■••■■■•«■■■« I Bebördl. autor. H8nseradmioistration j I ADOLF KRALL! IV., Schleifmühlgasse 11 | I Telephon B 29-1-46; | empfiehlt sich zur Ober- : t nähme von Verwaltungen ■! Erstklassige Referenzen { Dreh" zu Verächtlichmachung der gesetzlichen Maßnahme, kein frivoles jüdisches Attentat auf das „nordische Wirtsvolk", sondern lediglich die Folge von Schwierigkeiten, die die Neuregelung für den bedeutenden norwegischen Schweinefleischexport nach England mit sich brachte. Bisher wurden nämlich zwecks restloser Ausblutung, der Vorbedingung guter Konservierfähigkeit, in Norwegen auch Schweine durch den als „Schächtschnitt" bekannten Halsschnitt geschlachtet. Seit Einführung des Schächtverbotes häufen sich nun die Reklamationen englischer Kunden, die dazu übergehen, ihren Bedarf an Schweinefleisch aus anderen Ländern zu decken. Damit aber droht Norwegen ein Exportausfall, der seine Wirtschaft schwer schädigt. Es wäre ein an Groteskkomik wohl schwer zu überbietender Zustand, wenn in Zukunft ausschließlich gerade nur Schweine auf jüdisch-ritueller Art geschlachtet werden dürften. Goebbels spricht „grundsätzlich" nicht mit Juden. Dem Londoner „Manchester Guardian" wird aus Berlin berichtet daß eine jüdische Bürgerin der Vereinigten Staaten, Vertreterin einer großen Organisation, bei dem nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Goebbels im nationalsozialistischen Parteihaus vorsprechen wollte, jedoch abgewiesen wurde mit dem Hinweis darauf, daß Goebbels grundsätzlich keine Gespräche mit Juden führe. Die Dame wurde von anwesenden Nationalsozialisten beschimpft undbedroht, so daß sie gezwungen war, das Parteihaus schleunigst zu verlassen. „Manchester Guardian", der den Namen der Dame auf deren Wunsch geheim hält knüpft an diese Mitteilung die Bemerkung, daß in einem zivilisierten Lande mindestens ein höflicher Empfang der Dame hätte erwartet werden können. (Es ist nicht anzunehmen, daß die betreffende Dame Vertreterin einer jüdischen Organisation sei, da eine jüdische Organisation sich gewiß nicht so viel vergeben wird, eine Vorsprache bei einem Nationalsozialisten zu versuchen. Anmder Red.) Neue jüdische Einwanderung nach Palästina? Jerusalem, 8. Oktober (J. T. A.). Wie die JTA erfährt, finden innerhalb der Exekutive der Jewish Agency Beratungen über die neue Einwanderungsquote statt. Wahrscheinlich wird bei der Regierung um Ausstellung von 2000 Zertifikaten angesucht werden. Die palästinensische Arbeiterorganisation (Histadruth Nawodim) hatte die Anforderung von 2000 Zertifikaten vorgeschlagen. Die Bewilligung dieser Einwanderungsquote für das erste Halbjahr wird keine Freigabe der im vorigen Mai eingezogenen Einwanderungszertifikate zur Folge haben, obwohl schon früher die Forderung an die Regierung gestellt worden war, die eingezogenen Zertifikate vor Einbringung eines neuen Quotenvorschlages freizugeben. (Die Regierung ist aber diesem Wunsche nicht nachgekommen.) Ritualmord-Prozeß in Karpathorußland. Am Vorabend des verflossenen Pessach-Festes haben in der kleinen Gemeinde Ujszeme, Karpathorußland, zwei christliche Mädchen im Spiele sich gegenseitig verletzt. Jetzt erst wird bekannt, daß in dieser Angelegenheit beim Bezirksgericht in Velka Berezna eine Strafsache gegen den jüdischen Hausierer Moritz Steinberger anhängig ist. Der ruthenische Lehrer Polyak und einige Ortsbewohner sagten aus, daß der Hausierer den Kindern den Arm aufschnitt, ihnen Blut entzog und in eine Flasche füllte. Ein im Orte wohnender Arzt erklärte, daß eine Blutentnahme erfolgt sei. In der Oeffentlichkeit werden diese Behauptungen nicht ernst genommen; man hält sie für einen Ausfluß antisemitischer Hetze und religiösen Fanatismus, der Herr Bezirksrichter aber mißt ihnen „Bedeutung" zu. Das neue Kabinett in Rumänien. Der bisherige Außenminister Rumäniens, Mironescu, ist mit der Bildung des neuen Kabinetts, an Stelle des zurückgetretenen Kabinetts- Maniu, betraut worden. Es handelt sich wohl wieder um ein Kabinett der Nationalen Bauernpartei (Nationalzaranisten), auch an der personellen Zusammensetzung ist nicht viel geändert worden, nur daß Maniu als Ministerpräsident und! Vaida Voevod, dem ein großer Teil der Schuld an dem Aufkommen der neuen antisemitischen Welle zugeschrieben wird, als Innenminister im neuen Kabinett fehlen. Mironescu gilt als ein Staatsmann, der Klugheit und Energie vereinigt. Gegenüber den Juden, die er für ein nützliches und staatserhaltendes Element hält, hat er stets eine loyale und freundliche Haltung eingenommen. Man hofft, daß es Mironescu gelingen wird, die auch dem Staate gefährliche antisemitische Welle zurückzudämmen. Geringfügige Entschädigungen für Borscha, Balaceana und Suceava. Bekanntlich hat die rumänische Regierung zur Entschädigung der von Katastrophen Betroffenen einen Kredit von 12 Millionen Lei eröffnet. Dem Direktorium des Generalrates der Juden von Rumänien ist nun der Aufteilungsschlüssel bekanntgegeben worden, laut welchem für Borscha 1,800.000 Lei, für Balaceana und Suceava 90.000 Lei bewilligt wurden. Die Aufteilung ist auch vom abgetretenen Ministerpräsidenten Maniu approbiert worden. Diese skandalöse Aufteilung, die dem Hinwerfen eines beleidigenden Almosens gleichkommt, wurde zurückgewiesen. Böse Folgen der antisemitischen Unruhen in Rumänien. Zeitungsberichten zufolge haben die Wiener Verwandten des im Alter von 75 Jahren unverheiratet verstorbenen Bukarester Bankiers Jacques Elias dessen Legat von einer Milliarde Lei an die rumänische Akademie der Wissenschaften angefochten. Aus dem Erträgnis der „Elias-Stiftung", die hauptsächlich aus großen Liegenschaften, insbesondere aus wertvollen Häusern in Bukarest besteht, sollten Wohlfahrtseinrichtungen und wissenschaftliche Institutionen, insbesondere Versuchsstationen, Laboratorien und Heime für die rumänischen Studenten errichtet werden. Durch diese jüdische Stiftung war beabsichtigt, dem Antisemitismus der rumänischen Studenten-