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Die Wahrheit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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K»^>>3«Eg^WM<rei<MI^^ Ulli WAfiRHEll Seite 5 stellt wurden. Der derzeitige Status ermöglicht es nun. eine Vermehrung der Bibelschulkurse vorzunehmen. Im Religionsunterrichte an den staatlichen Mittelschulen sind vorläufig noch Störungen dadurch gegeben, daß vakante Stellen, für deren Besetzung nur Ausländer zur Verfügung stehen, noch nicht verliehen wurden und es sind seitens . des Präsidiums <fie erforderlichen Schritte bei den zuständigen Behörden unternommen Worden, um baldmöglichst Remedur zu schaffen. Am 18. Oktober d. J. wird in sämtlichen Gemeinde- und Vereinsbethäusern der Jugendgottesdienst wieder aufgenommen. Die umfassende Propaganda, die vom Kultusvorstande in dieser Richtung unternommen wurde, läßt auf eine günstige Frequenz auch im kommenden Schuljahre erwajien. Fürsorgewesen. Die im Mai d. J. aufgenommene Tätigkeit der neugeschaffenen „Fürsorge-Zentrale der Israelitischen Kultusgemeinde" war zunächst dahin gerichtet, den organisatorischen Bestimmungen zu entspiechen, indem die Ernennung der Mitglieder der „Zentralkommission" vollzogen und die Berufung der Mitglieder der ..Bezirksfürsorge-Kommissionen" nach Einholung der Vorschläge der Bezirkskommissionen durchgeführt wurde. Unmittelbar nach den Feiertagen wird die erste Zusammentretung dieser Körperschaften stattfinden und es werden auch bis dahin die für die „Fürsorge-Zentrale" freigemachten und instandgesetzten Räumlichkeiten im Hause. Seitenstettengasse 2. bezogen sein. Umfassende Arbeit hatte die „Fürsorge-Zentrale" mit der Durchführung der Ferienaktionen zu leisten, aus welchen besonders die im letzten Plenum des Kultusvorstandes bewilligte Errichtung einer eigenen Ferienkolonie nächst Kottingbrunn hervorgehoben sei. 1027 Kinder wurden eines Erholungsaufenthaltes teilhaftig, und zwar: 313 Kinder erhielten Beiträge zwecks Unterkunft in Erholungsheimen und Tagesheimstätten, 77 Rinder waren in zwei Turnussen im Ferienheim der Fürsorge-Zentrale der Kultusgemeinde untergebracht. 130 tuberkulös gefährdete Kinder waren in Heilstätten, 176 Kinder waren im Ferienheim Mühlhof untergebracht. 111 Kinder waren im Seehospiz Qrado, 220 Kinder waren im Ferienheim Florahof in Vöslau. Ueberdies waren im Sonnentagesheim für kränkliche jüdische Kinder im Augarten 440 Kinder der Erholung teilhaftig und 1009 Jugendliche haben durch die unter Förderung der Israelitischen Kultusgemeinde veranstalteten Ferienlager der „Jüdischen Jugendgruppen" Ferienerholung gefunden. Derart war also insgesamt 2576 Kindern und Jugendlichen im Rahmen jüdischer Institutionen Erholung und Wiedererlangung der Gesundheit ermöglicht. Der Wirtschaftslage entsprechend haben die Ansuchen Erwachsener um Kurbeiträge und Unterstützungen eine bedeutende Steigerung erfahren. Es wurda in allen Fällen im Rahmen des Möglichen Hilfe geleistet. In Ausführung der diesjährigen Beschlüsse des Kultusvorstandes ist in den letzten Tagen als erstes Heft der „Mitteilungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" unter, dem Titel „Unser Fürsorgewerk" eine eingehende und durch Abbildungen belebte Darstellung des Fürsorgewesens der Kultnsgemeinde erschienen und an sämtliche Gemeindiernitglieder zur Versendung gebracht worden. Es ist zu hoffen, daß diese Informationsschrift dazu beitragen wird, die Gemeindemitglieder in ihrer Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit zu bestärken, dem „Fürsorgefonds" neue Mittel zuzuführten und die Bereitwilligkeit zur Steuerleistung zu heben. Das Spital und die Versorgunesanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde wurden vom Präsidium während der Sommerferien inspiziert und es waren die Ergebnisse der Visitationen durchaus erfreuliche. Im Spitale hat mit 1. September d. J. der neuennannte Primarius der Gynäkologischen Abteilung. Herr Dozent Dr. Blau, sein Amt angetreten. Während die Inanspruchnahme von Gratisbetten den vom Kultusvorstande im Rahmen des Budgets normierten Stand stetig überschreitet, ist leider ein starker Rückgang des Belages den Klassenbetten zu verzeichnen, was wohl einerseits auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, anderseits aber auch auf Konkurrenzierungen zurückzuführen ist. Die Spitalskommission wird sich mit dieser Frage in der allernächsten Zeit eingehend zu beschäftigen haben. In der Versorgungsanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde ist dem dringenden Bedürfnisse entsprechend die Raumausnützung für den Bettenbelag bis an die alleräußerste Grenze des Möglichen erfolgt, so daß derzeit 348 Insassen in der Anstalt untergebracht sind. 185 Aufnahmswerber, deren Bedürftigkeit und Würdigkeit erhoben ist. harren der Aufnahme. Auch dieser Zustand wird den Kultusvorstand in der allernächsten Zeit zu beschäftigen haben und es liegen Anträge und Anregungen in verschiedener Richtung vor, um eine Erweiterung der Leistungen des Kultusvorstandes auf dem Gebiete der Alters- und Siechenversorgung zu bewirken. Im städtischen Versorgungsheim in Lauiz war seitens der Israelitischen Kultusgemeinde eine eigene Küche zur Versorgung der darauf reflektierenden jüdischen Insassen mit Koscherkost eingerichtet. lieber Auftrag des Magistrates mußte die Auflassung der Küche und die Räumung der Lokalitäten wegen eines „dringenden Eigenbedarfes" vor sich gehen. Die hierüber unternommenen Interventionen des Präsidiums an den maßgebenden Stellen waren erfolglos, so daß nunmehr die Koscherkost außerhalb der Anstalt bereitet und dahin zugestellt werden muß. Es wurde Vorsorge getroffen, daß durch ein geeignetes Organ die Beaufsichtigung dieser Agende besorgt wird, damit nicht die Insassen .durch die erwähnte Maßnahme Schaden erleiden. Während der Sommermonate wurden die im Rahmen des Budgets gelegenen Renovierungsarbeiten in den Anstalten und Bethäusern der Kultusgemeinde durchgeführt und von den berufenen Sachverständigen jene Versuche fortgesetzt, welche auf eine Verbesserung der Akustik in der neuen Zeremonienhalle am israelitischen Friedhofe abzielen. Leider ist in letzterem Belange ein abschließendes Ergebnis noch nicht zu verzeichnen, doch wird dieser dringenden Frage unausgesetzte Aufmerksamkeit gewidmet. Was die finanzielleLage der Kultusgemeinde im gegenwärtigen Zeitpunkt anbetrifft, muß dieselbe als nicht befriedigend bezeichnet werden. Die Kultussteuereingänge sind nicht nur wegen der Wirtschaftslage, sondern auch wegen der Stockung, welche während der Sommerferien und der Feiertagsperiode im Mahnverfahren Platz gegriffen hat. spärlicher geworden. In den Ausgaben haben die abgelaufenen neun Monate des Verwaltungsjahres über das Budget hinausreichende, unabweisbare Erfordernisse gebracht, durch welche die für das ganze Verwaltungsjahr vorgesehene außerordentliche Reserve nicht gur aufgebraucht, sondern bereits übecschrjtterijkefscheint...,Umrso empfindlicher wirkt es sich aus» daß dem nun seit mehr als drei Jahren anhängigen Begehreh der Israelitischen Kultusgemeinde um einen Beitrag aus Bundesmitteln noch immer nicht Folge gegeben wurde. Die Vorarbeiten für den "Voranschlag der Israelitischen Kultusgemeinde pro 1931 "wurden in den Aemtern und Abteilungen bereits in Angriff genommen, damit möglichst zeitgerecht die Beratungen der einzelnen Instanzen hierüber einsetzen können. Schwere und mühevolle Arbeit steht dem Kultusvorstandebevor, um all jenen Anforderungen gerecht werden zu können, welche teils der Erfüllung harren, teils durch die Zeitverhältnisse täglich aufs neue der Kultusgemeinde erwachsen. Werdet Mitglieder derChewra Kadisdia! Ein Mahnwort Von Dr. Ernst Feldsberg. Am 27. Dezember 1763, am vierten Tage des Chanukka-Festes, wurde die Wiener Chewra Kadischa gegründet oder besser gesagt, neu ms Leben gerufen, denn schon lange vorher bestanden ähnliche Vereine, die aber immer wieder das Schicksal der Wiener Juden teilen mußten und mit deren Ausweisung, Vertreibung und Entrechtung in Wien untergingen. Seit dem Jahre 1763 aber besteht ohne Unterbrechung die Wiener Chewra Kadischa und übt als heilige Bruderschaft ihr segensreiches Werk getreu der Tradition und dem Geiste echten und wahren Judentums. Wohltätigkeit und Nächstenliebe, Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit sind die Leitsterne, die dieser Bruderschaft voranleuchten. Als Brüder — ohne Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung — sollen hier Juden vereinigt sein, die einzig und allein der Liebe zur Menschheit treue Helfer sein sollen, um unglückliche und verzweifelte Menschen aufzurichten, Kranke, Leidende und Sieche zu be- Diplomierter Kapellmeister KURT FUCHSGELB Absolvent der Wiener Staatsakademie und der Hochschule für Musik, auch. Sevöiksdiüler, erteilt Unterricht in Violine . und den theoretischen Fächern und übernimmtKorrepetitionen und Kammermusik. Wien I., Sdiottenring 25, Tel. U 23-6-85 suchen und zu trösten und sterbenden und toten Glaubensgenossen jene Ehren zu erweisen, die unsere Religion uns vorschreibt. Wie oft werden diejenigen, die sich diesen edlen Zwecken widmen, die in ihrer Selbstlosigkeit sich der Bruderschaft zur Verfügung stellen, um gute Werke zu üben, nicht verstanden und manchesmal sogar verspottet, weil ihre Spötter sie nicht verstehen wollen. Entgegen dem rationalistischen Zuge der Zeit sollten alle jene Juden, die als Juden erzogen wurden und jene wirkliche jüdische Nächstenliebe als ein heiliges Vermächtnis von ihren Eltern übernommen haben, an dem edlen Werke der Nächstenliebe schaffend mithelfen. Dieses selbstlose Wirken schafft zwar nicht materielle Güter, nicht sichtbare Erfolge, wohl aber seelische BeMedigung. Ich bin überzeugt davon, daß diejenigen, welche für die TäitSgkeit der Wiener Chewra Kadischa bisher kein Interesse bekundet, ja sogar ihre Notwendigkeit bestritten haben, sicher noch nicht versucht haben, die Chewra Kadischa bei ihrer Arbeit zu sehen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Wie oft suchen in den Wiener Spitälern Juden Heilung, die in Wien keinen Verwandten und Bekannten besitzen, die als arme und unglückliche Menschen sich bisher durchs Leben schlagen mußten. Wie schwer leiden diese Menschen neben ihrer körperlichen Krankheit dadurch, daß sie mitansehen müssen, wie sich um die anderen Patienten liebende Verwandte und .Freunde küinmern und versuchen, deren Leiden Für HÜBSCHES, großes, 19jähriges Flfltfdie» mit Barvermögeh von 50.000 S. eventuell auch Wohnung, passender junger Bewerber gesucht. Unter „A. B." an die Redaktion dieses Blattes. durch gütigen Zuspruch und durch ein liebes Wort wenigstens auf kurze Zeit vergessen zu machen. Mögen doch die bisher abseits Stehenden einem solch hilflosen, verlassenen Glaubenbruder einen Besuch machen und sie werden aus den freudig ergriffenen Mienen des Patienten den Dank für das edle jüdische Werk herauslesen. Freude und Glück spenden, macht den Spender selbst freudig und glücklich. Wie oft hat ein Mitglied der Chewra Kadischa, das es sich zur Pflicht gemacht hat, verstorbenen Glaubensbrüdern die letzte Ehre zu erweisen, Gelegenheit, allein an der Bahre eines Juden zu stehen, allein nach dem Begräbnisse das Kaddisch-Gebet zu sprechen, ein Liebesdienst, für den es keinen Dank gibt, die aber viel mehr Befriedigung schafft als irgend ein von Mitmenschen für Wohltaten gezollter Dank. Es würde zu weit führen, wollte ich an dieser Stelle zu schildern versuchen, wie viel Not und Elend täglich durch die Wohlfahrtstätigkeit der Chewra Kadischa, die neben der allgemeinen Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde besteht, gelindert wird, wie vielen Menschen geholfen wird und geholfen werden könnte. Das Tätigkeitsfeld der Chewra Kadischa ist ein so großes und ein so erhabenes, daß nur mit großen finanziellen Mitteln halbwegs das angestrebte Ziel erreicht werden kann. Jeder Jude sollte es sich zur Ehre anrechnen, Mitglied dieser Bruderschaft sein zu dürfen, um an dem edlen Menschenwerke mitzuhelfen. Man sollte glauben, daß von 50.000 Kultussteuerträgern m Wien ein bedeutender Prozentsatz Mitglieder der Chewra Kadischa ist, man sollte meinen, daß die Wiener Chewra Kadischa mit vollen Händen aus den Mitteln geben kann, die eine opferfreudige Judenschaft ihr spendet. Statt dessen müssen wir die beschämende Tatsache feststellen, daß nur 1500 Juden in Wien — es ist dies kein Druckfehler, es sind nur eintausendfünfhundert — Mitglieder der Chewra Kadischa sind. Sollten da nicht alte Juden, die es bisher verabsäumt haben, diesem Bruderverem helfend beizutreten, in treuer Pietät für ihre Eltern und Ahnen, in Erkenntnis der Eitelkeit und der Nichtigkeit dieses Daseins, das uns alle vielleicht morgen selbst jenes Elend bringen kann, das wir zu lindern versuchen, Mitglieder der Chewra Kadischa werden? Nicht ein Ersuchen des Vorstandes der Chewra Kadischa hat mich veranlaßt, diese Zeilen zu schreiben, sondern jene beklagenswerte Tatsache, daß unser altehi^ürdiger, echtjüdischer Verein nur 1500 Mitglieder besitzt. Durch das versendete Verzeichnis der Mitglieder der Chewra Kadischa mußte man erfahren, wie es um die Mitgliederzahl dieses Vereines bestellt ist. Vielleicht wird mein Appell nicht ungehört bleiben, sondern diejenigen, die nicht Mitglieder der Chewra Kadischa sind, an ihre moralische Pflicht erinnern, in die Reihen dieser heiligen Bruderschaft einzutreten, deren edles Wirken den Stolz der jüdischen Gemeinschaft bildet. Die Frage einer jüdischen Kandidatur für die Nationalratswahlen. Wien, 10. Oktober (J. T. A.). Am Donnerstag, den 9. Oktober, hielt der zionistische Parteirat Oesterreichs eine Konferenz ab, die sich mit der eventuellen Aufstellung einer eigenen jüdischen Kandidatur bei den Nationalratswahlen beschäftigte. Es wurde beschlossen, weder einen alljüdischen Block zu bilden, noch einen eigenen zionistischen Kandidaten aufzustellen, da beides unter dem herrschenden Wahlsystem aussichtslos erscheint. Die Revisionisten traten für die Aufstellung eines eigenen Kandidaten ein, während sich die Radikalen der Stimme enthielten und die Erklärung abgaben, daß sie Beschlüsse der zionistischen Konferenz in Fragen der Landespolitik so lange nicht anerkennen können, als die allgemeinen Zioiüsten gleichzeitig Mitglieder nichtjüdischer politischer Parteien und Gruppen seien,

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