Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE W AHRHEIT Seite 7 •damit gesagt werden, daß wir uns als eine Art nationaler Minderheit in Deutschland fühlen müßten, so müssen wir auf das hinweisen, was wir schon oft betont haben: Niemals wird von unserer Grundauffassung über die Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volke auch nur ein I-Tüpfelchen geändert werden können. Wir sind überzeugt, daß sich diese Auffassung in allen Kreisen des deutschen Judentums durchsetzen wird. Man soll hierbei auf die Sache und nicht auf unklare Begriffe sehen, bei denen, sich jeder etwas anderes vorstellt. Neue Wege zum Kampf gegen den Nationalsozialismus zu lernen, wird auch für uns dann leichter sein, wenn wir, nicht mehr wie bisher, die Erfahrung machen müssen, daß in der praktischen Arbeit gegen den Nationalsozialismus von seiten derjenigen Juden, die auf einem anderen innerjüdischen Standpunkte stehen, so gut wie gar nichts geleistet wurde..Betrüblich aber ist es zu sehen, daß in einer schweren Zeit nationaljüdische Schriftsteller durch wenig sachliche Schreibweise eine Einigkeit auch da untergraben, wo sie sachlich möglich und nötig wäre. Jüdisches aus der Festspielstadt Salzburg. S a 1 z b u r g, im September. Die jüdischen Besucher der schönen Salzachstadt kennen wohl alle Sehenswürdigkeiten, alle Stätten der Kunst, alle Schönheiten der Natur in diesem gottbegnadeten Revier. Denn die Juden aus aller Herren Länder, aus allen Weltgegenden und Weltteilen stellen einen beträchtlichen Prozentsatz der ausländischen Gäste während des ganzen Jahres, und noch mehr bilden zur Festspielzeit die jüdischen Ausländer das Hauptköntingent der kunstliebenden Zuhörerschaft bei den zahlreichen Veranstaltungen. Freilich finden wir auch namhafte jüdische Größen beim kunstaüsübenden Ensemble der Festspielhausgemeinde, angefangen vom weltberühmten Organisator der Spiele, Prof. Dr. h. c. Max Reinhardt und dem Meisterdirigenten Bruno Walter, von den übrigen Kunstkräften jüdischen Glaubens wie Namens ganz zu schweigen. So viele Juden auch den Dom, den Domplatz, <las Mozarteum, dessen Gründertafel mehrere jüdische Prominenten aufweist, Mozarts Geburtshaus, dessen Spendenausweis zum überwiegenden Teil jüdische Namen verzeichnet, endlich das weltbekannte Festspielhaus aufsuchen, so wenig Juden leider kennen weder das israelitische Gotteshaus noch die Synagogen-Gemeinde Salzburgs. Ja selbst Rabbiner, die in diesem Jahr die Festspiele besuchten, waren der Meinung, daß in dieser herrlichen Mozartstadt Juden überhaupt nicht ständig wohnen. Jedoch ein Besuch in der Lasserstraße belehrt die jüdischen Gäste eines besseren. Dort nämlich lädt eine einfache, schmucklose Synagoge freundlich zum Eintritt ein, denn dort findet allsabbathlich, abends wie morgens, sowie mitunter auch an Werktagen ein andächtiger Gottesdienst statt. Allein so prunkvoll das Festspielhaus erglänzt, so einfach erscheint Israels Gotteshaus in der Mozartstadt, um recht deutlich den Unterschied zwischen Festspielhaus- und Synagogen-Gemeinde, zwischen Musen- und Glaubenstempel zum Ausdruck zu bringen. Trotzdem pulsiert innerhalb dieser rührigen, •winzigen Glaubensgemeinde religiöses, politisches, soziales und karitatives Leben. Denn außer dem erwähnten Gottesdienst in der Synagoge führen viele Familien religiösen Haushalt, für die eine rituelle Metzgerei vorhanden ist, ferner befriedigt ein rituelles Gasthaus des Gemeindebeamten die geringe Nachfrage. Nur mehr einzelne Juden Salzburgs wahren die Sabbathweihe nach alter Sitte, unter großen Opfern im Handel und Wandel. Der Hauptteil des Salzburger Judentums gehört der religiösen Mittelpartei an, es sind glaubenstreue Juden, die zu Hause trotz moderner Einstellung die U.eberlieferungen ihrer Vorfahren beherzigen und betätigen und in der Handelswelt dabei eine hervorragende Stellung einnehmen. Recht rege gestaltet sich auch das parteipolitische Leben innerhalb der Salzburger Judenheit, da vor allem ein lebhafter Kampf zwischen den Anhängern der „Union" und den jüdischnationalen Gemeindemitgliedem meist vor den Wahlen ausgefochten wird. Denn die sonstigen, milden Reibungsflächen dieser beiden Parteien verschwinden glücklicherweise beim brüderlichen sozialen Wirken. Gerade die wohltätige Wanderfürsorge in diesem Einfallstor der Emigranten vereinigt die Parteigänger aus beiden Lagern zur einträchtigen Arbeit im Geist des echten jüdischen Gemeinsinns.;.Natürlich herrscht die I BehOrdl. antor. HinseradmiaistratiOR { I A DOLF KRALLi! IV., SchleifmQhlgasse 11 | | TalaphoÄ B 28-1-48 i empfiehlt jftcjjLzur Ober- : \ ' f ~; nahm«? Vöif Vlr^äffungen : I l Erstklassige' Referenzen : ------•—-ig*—--- gleiche Harmonie im israelitischen Frauenverein, der hauptsächlich Krankenbesuch, Armenunterstützung und Pietät bei den verstorbenen weiblichen Mitgliedern in wahrer Schwesterliebe hegt wie pflegt. Ganz im konservativen Fahrwasser segelt allein der Bruder verein, dessen jüngere Kräfte zukunftsfroh mit tätiger Hand zugreifen, unter bewährter Leitung hochbetagter Mitglieder der „Salzburger „Chewra Kadischa". Zuletzt seien noch die literarhistorischen Vorträge gestreift, die geselligen Unterhaltungen und Theater-Abende, welche das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, das besonders die Zweigstelle der B. B.-Loge formt und fördert. Rabbiner Dr. D. S. M a r g u I e s. Der Anteil der Juden an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Wiens. Von Immanuel Rubin. III. Die bedeutendsten jüdischen Eine ganz besondere Stellung nimmt in dieser Zeit Moriz Gottlieb Saphir ein. Ich will es gleich am Anfang dieser Zeilen betonen, daß Saphir nicht immer ein Glanzpunkt fürs Judentum war, aber er nahm durch Jahre bis zur Revolution eine so überragende Stelle in der Wiener Journalistik ein, daß er trotz der vielen schweren Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden und die sehr häufig nur Konkurrenzneid entsprangen, für das literarische und gesellschaftliche Leben von überaus großer Bedeutung war. Wir dürfen nicht, vergessen, daß Saphir lange Jahre den Erfolg auf seiner Seite hatte, und nichts ist daher natürlicher als alle die bekanntesten Verleumdungen und Verdächtigungen, die, wie gesagt, manchmal wohl berechtigt waren, aber doch nicht immer. Ich will nun den Versuch machen, sein Leben mit all seinen guten und schlechten Zügen zu schildern. Moses Saphir, wie er ursprünglich hieß, wurde am 8. Februar 1795 in Lovas-Bereny in Ungarn, geboren. Sein Vater war Kaufmann, galt als sehr gelehrter Mann und war seiner witzigen Bemerkungen wegen weit und breit bekannt. Er erfreute sich allgemeiner Achtung und soll nach Wurzbach Vorsteher aller israelitischen Gemeinden des Stuhlweißenburger Komitats gewesen sein. SeiawaratitJHnk straft tos Elscndndolgsbcr.Wleii IL, llaMgasse 5 Selchwaren und Restauration Vorzüglicher Mittag- und Abendtisch zu bürgerlichen Preisen IL. PraterstraAe %% (Neben dem Carltheater) Persönlichkeiten des Vormärz. Der junge Moses sollte ursprünglich Kaufmann werden, zeigte aber keinerlei Neigung für diesen Beruf. Da er schon als Knabe alle Bücher der heiligen Schrift, viele Traktate aus Mischnah und Talmud beherrschte und ganze Kapitel auswendig kannte, sollte er nun Rabbiner werden; denn „Saphir besaß ein vortreffliches Gedächtnis, wie überhaupt in Wirklichkeit ganz ungewöhnliche Geistesgaben" (WuTzbach). Er sollte zuerst aii die Jeschiwah nach Preßburg gehen. Infolge verschiedener Zwistigkeiten mit seinem Vater ging er aber 1806 plötzlich nach Prag, wo er in die rabbinische Schule eintrat, an der damals der berühmte Rabbi Ezechiel Laudon. der Verfasser bekannter Responsen lehrte. Saphirs große Fähigkeiten erregten allgemeines Staunen und nach kurzer Zeit bekam er schon ein Diplom, in jeder Gemeinde religiöse Streitigkeiten schlichten zu dürfen. Zur gleichen Zeit studiert er aber auch deutsche Dichtung und Wissenschaft und beschäftigt sich auch mit der französischen, englischen und italienischen Sprache und Literatur. Bald wollte er das rabbinische Studium ganz aufgeben, womit der Vater nicht einverstanden war. In der Folge entzieht ihm dieser daher die finanzielle Unterstützung. Es kommt aber bald wieder zur Versöhnung. 1814 ist Saphir zu Hause und wird seines Vaters Mitarbeiter im Geschäft Doch er hielt es nicht lange aus. Er geht kurze- Zeit später nach Pest, wo er einerseits die lateinische und griechische Sprache zu studieren begann, anderseits sich aber nunmehr schriftstellerisch betätigte. Er wird dort Mitarbeiter der vom Grafen Festeties gegründeten „Pannonia" und da seine lyrischen und humoristischen Gedichte wie auch seine Kritiken Eriolg hatten und viel gelesen wurden, wird er bald der erste Redakteur. Doch Pest wird ihm zu klein. 1822 finden wir schon Saphir in Wien. In kurzer Zeit ist er der Hauptmitarbeiter der damals beliebtesten Zeitung, der „Theaterzeitung" von Bäuerle. Er schreibt aber auch für andere Zeitungen, wie z. B. iür Grüffers „Conversationsblatt". Schmidts „Literarischen Anzeiger" und ebenso wird er auch Korrespondent der besten belletristischen Blätter Deutschlands. Nagel-Zeidler schreibt, daß „Saphir in dieser Zeit einen neuen Ton in die Journalistik brachte. Seine saloppe Dialektik voll Witz und Geist, jedoch wahllos.. ■ in den Mitteln und im Haschen nach Eifekt wird bald gefürchtet." 1825 geht er nach Berlin. Seine Feinde behaupten, daß er aus Wien ausgewiesen wurde, was aber von keiner amtlichen Seite bestätigt, kaum der Wahrheit entsprechen dürfte, in Berlin wird er durch seine Angriffe aui die berühmte Schauspielerin Henriette Sontag bald sehr bekannt. Ein tüchtiger Buchhändler erkannte sofort Saphirs Fähigkeiten und übergab ihm unter glänzenden Bedingungen die Redaktion seiner Zeitung, der „Berliner Schnellpost". In kurzer Zeit nimmt das Blatt einen gewaltigen Aufschwung, in seiner witzigen, geistreichen Art griff Saphir alles an und so war es kein Wunder, daß es Skandal auf Skandal gab. Der Erfolg war aber auf seiner Seite und er war so groß, daß bald der „Berliner Kourier" als zweites Blatt von Saphir gegründet wurde. Um alle anderen Blätter kümmerte sich kein Mensch (Wurzbach). Die anderen Schriftsteller greifen ihn natürlich an. Es kommt zu einer erbitterten Pressefehde, an der sich vor allem Fougnir, Willibald Alexis und Ludwig Robert, der Bruder der Rachel Levin, beteiligen. Wenn er auch durch seine geschickten Entgegnungen die Lacher auf seiner Seite hatte und die Angriffe seiner Beliebtheit bei der Menge keineswegs schadeten, so dürfte er doch die Einladung der Frankhschen Buchhandlung, für dessen Münchner Filiale eine Zeitung zu redigieren, sehr gerne angenommen haben. Ende 1829 geht er nach München und gründet dort zu gleicher Zeit den „Bazar" und den .Deutschen Horizont". Er kritisiert die Schauspieler und die kgl. Intendanz so stark, daß er schon Mitte 1830 München verlassen muß. Kurze Zeit hält er sich in Paris auf. König Ludwig erlaubt ihm wieder die Rückkehr und 1831 ist Saphir abermals in München. Er redigiert nun den „Bayrischen Beobachter" und das damit verbundene „Conversationsblatt". Er läßt sich auch taufen und wird kurze Zeit später kgl. Intendanzrat. Obwohl er nun in München sehr gute Aussichten hatte, verließ er es und geht 1834 nach Wien, wo er in wenigen Jahren der führende Journalist wird. Wohl gibt ein anderer Jude. Ludwig August F r a n k I, später eine literarisch viel höher stehende Zeitung heraus, aber die Massen hatte doch Saphir auf seiner Seite. Die Herausgabe eines eigenen Blattes wird ihm aniangs nicht gestattet und so ist er die ersten Jahre wieder Hauptmitarbeiter der „Theaterzeitung". Ende 1836 wird ihm endlich die Herausgabe einer eigenen Zeitung bewilligt, die unter dem Namen „Humorist" am 1. Jänner 1837 zu erscheinen beginnt Metternich dürfte Saphir ganz gerne in Wien gesehen haben und es steht auch heute fest daß Saphir durch Rothschilds Vermittlung in die Dienste Metternichs trat. Die diesbezüglichen Briefe sind noch im Staatsarchiv vorhanden. Corti hat diese in seinem Buch über das Haus Rothschild wohl zum ersten Mal veröffentlicht (S. 64 ff.). Diese Angelegenheit blieb lange unbekannt, obwohl Saphir schon seit 1831 im Sinne Metternichs schrieb. (Fortsetzung folgt.) -m BLAIMSCHEINS "TOD Pflanzen-Margarine YERNO Unerreicht in Qualität und Preis! Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner m Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. Fürst ■» Darlln kelHemlüdlsdienllaasnaitletiient 0 b e r a 1 1 erta ältlich t karl blaipiscbcins vereinigte raoritftrlne- und DutterfabrlkeD. Wien XIV.. - DieienDadutasse Sft R!=i==i -■--■==;■ I